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Drei Nächte - Kapitel 2

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~*~ Die zweite Nacht ~*~

***

  "Ach du Scheiße."

Nadeshda sah überrascht auf.

  "Was ist denn?"

  "Ich habe Boerne vergessen."

  "Vergessen?" Sie runzelte die Stirn.

  "Ja, ich ..." Wie hatte ihm das nur passieren können? "Nicht weiter schlimm, ich muß nur schnell nach Hause."

Er konnte Nadeshdas Blick im Nacken fühlen, als er hastig aufbrach. So ein Mist, jetzt hatte er nicht mal sein Fahrrad hier. Daß er ausnahmsweise auch einmal ein anderes Taxi als seinen Vater hätte rufen oder sich von einem Kollegen nach Hause hätte fahren lassen können, fiel ihm dummerweise erst ein, als er schon fast am Ziel war. Zum Glück war um diese Uhrzeit kaum noch jemand unterwegs und sah ihn halbnackt auf der Straße ...


***


Als er endlich da war, stellte er fest, daß er Boernes Tür offen gelassen hatte. Naja - es war ja nicht zu befürchten, daß sich in derselben Nacht noch jemand an Boerne rächen wollte, obwohl sicher viele Menschen dieses Bedürfnis verspürten. Trotzdem hatte er ein ungutes Gefühl, als er in die Wohnung ging.

  "Boerne?"

  "Thiel? Wo bleiben Sie denn!? Ich sitze hier seit Stunden, während Sie sich einen netten Abend machen, und-"

  "Ich habe noch was anderes zu tun als für Sie den Babysitter zu spielen!" Wieso hatte er überhaupt ein schlechtes Gewissen gehabt, dachte Thiel grimmig. So ein Idiot. Spaß war das wirklich nicht, Kock durch die halbe Stadt zu jagen.

  "Machen Sie mich endlich los!" Boerne zerrte an den Fesseln, und er griff nach dem ersten Knoten.

  "Jetzt hören Sie schon auf damit, Sie ziehen die Knoten doch nur fester." Die Waffe war vielleicht nur ein Spielzeug gewesen, aber bei den Fesseln hatte Kock ganze Arbeit geleistet. Er konnte sehen, daß Boerne sich bei dem Versuch, sich selbst zu befreien, die Handgelenke aufgeschürft hatte. Seine innere Stimme erinnerte ihn daran, daß er Boerne hier alleine und hilflos hatte sitzen lassen. Aber es hatte ihn ja niemand gezwungen, so ungeduldig zu sein! Boerne hätte ja auch einfach mal geduldig warten können, er hätte sich doch denken können, daß er über kurz oder lang-

  "Jetzt nehmen Sie schon eine Schere! Oder wollen Sie die Stricke etwa unbedingt noch einmal wiederverwenden!?"

  "Mit einer Schere ist da gar nichts zu machen, Sie-"

  "Hat es sich wenigstens gelohnt, daß Sie mich hier haben sitzen lassen!?"

  "Ich habe Kock erwischt, danke der Nachfrage. Und das war ja wohl wichtiger als Ihre ..."

Er hatte Bequemlichkeit sagen wollen, stoppte aber noch rechtzeitig. Das war vielleicht doch ein bißchen unfair. "Ich hole mal ein Messer. Haben Sie ein scharfes Messer?"

  "Die obere Schublade neben dem Herd."

Dank Boernes zweifellos kostspieligem und extrem scharfem Küchenmesser bekam er den anderen endlich frei. Er sah zu, wie Boerne sich erleichtert die Handgelenke rieb, und fühlte sich mit einem mal wieder ziemlich schlecht.

  "Soll ich Ihnen vielleicht ein Pflaster holen?"

Boerne warf ihm einen abschätzigen Blick zu. "Jetzt kann ich auf Ihre Hilfe auch verzichten."
 
O.K. Er hatte sein möglichstes getan, und wenn Boerne nicht wollte ...

  "Na dann gute Nacht."

Er drehte sich um, um zu gehen. Sein Abend war auch lange und anstrengend gewesen, und er wollte endlich ins Bett. Und Boerne konnte alleine die beleidigte Leberwurst spielen, das war jetzt -

  "Ich finde, ich sollte vielleicht heute doch bei Ihnen übernachten." Boerne klang plötzlich viel zaghafter.

  "Finden Sie, aha."

  "Hier ist das Fenster aufgebrochen und läßt sich nicht mehr schließen." Er warf einen unsicheren Blick zur Fensterfront, aber Thiel war immer noch zu wütend, um sich davon beeinflussen zu lassen. Wenn Boerne seine Hilfe nicht brauchte, dann mußte er ihn wohl kaum mitnehmen, das wäre ja noch schöner.

  "Außerdem sind Sie heute Nacht dafür zuständig, für meine Sicherheit zu sorgen. Nachdem Sie das schon einmal sträflich vernachlässigt haben, können Sie wenigstens jetzt-"

  "Jetzt hört sich ja alles auf! Wer mußte denn unbedingt seine eigene Bettwäsche holen und hat sich hier von einer halben Portion mit einer Spielzeugpistole überwältigen-"

  "Das nehmen Sie zurück!"

  "Ich denke ja gar nicht daran!"

Boerne starrte ihn wütend an. Thiel war inzwischen klar, daß der andere Angst hatte - aber er war für diese Nacht wirklich mit seiner Geduld am Ende. Auf die Art ließ er sich jedenfalls nicht herumkommandieren. Wenn Boerne etwas von ihm wollte, dann konnte er gefälligst höflich darum bitten, so wie jeder andere vernünftige Mensch auch.

  "Sie können bei mir übernachten ..." Boerne stand schon, bevor er den Satz beendet hatte. "... wenn Sie mir sagen, weswegen Sie das wollen."

  "Wie bitte?"

  "Sagen Sie es einfach, Boerne." Thiel seufzte. "Wenn Sie Angst haben, hier heute Nacht alleine zu bleiben, dann sagen Sie das einfach. Dann können Sie bei mir übernachten."

  "Ich habe keine Angst." Boerne war rot geworden. "Wovor auch."

  "Na dann ist ja alles in Ordnung." Er drehte sich um. "Gute Nacht."


***


Die Klingel riß ihn aus dem ersten Schlaf. Natürlich - war ja klar, daß Boerne genau so lange brauchen würde um sich durchzuringen, bis er gerade eingeschlafen war. Er stapfte müde zur Tür und öffnete.

Da stand Boerne, wie nicht anders zu erwarten. Und sagte nichts, wie auch nicht anders zu erwarten. Was war bloß so schwer daran, zuzugeben, daß man Angst hatte? Er sollte ihn da wirklich nicht so einfach rauslassen. Aber es war verdammt spät. Und er war müde. Und Boerne starrte einfach nur auf den Boden vor seinen Füßen und sagte nichts. Und immerhin hatte er den anderen ganz schön lange gefesselt in seiner Wohnung sitzen lassen, wenn auch unbeabsichtigt.

  "Dann kommen Sie eben rein."

Boerne sagte zwar immer noch nichts, ging aber ohne zu zögern ins Wohnzimmer.

Thiel schüttelte den Kopf. "Na, auf einmal geht auch der Schlafsack oder was?"

  "Ich kann ja den Reißverschluß aufmachen."

Er sah dem anderen zu, der anscheinend beschlossen hatte, sein Glück nicht auf die Probe zu stellen. So schnell hatte er Boerne noch nie unter einen Schlafsack tauchen sehen. Nicht, daß er Boerne sonst beim Zubettgehen zusah.

Thiel seufzte. Es hatte wohl wenig Sinn, mit dem anderen zu reden zu versuchen. Und überhaupt, schließlich war er nicht zuständig für Boernes Wohlergehen. Gut, genaugenommen war er das heute Abend gewesen, und er hatte sich dabei wirklich nicht mit Ruhm bekleckert. Aber wenn Boerne hier so rumzickte, würde er sich bestimmt nicht entschuldigen. Immerhin ließ er ihn in seinem Wohnzimmer schlafen, das mußte reichen.

  "Gute Nacht."

Boerne antwortete nicht, und Thiel ging entnervt Richtung Schlafzimmer.

  "Können Sie die Tür offen lassen?"

Ach, verdammt.

Er ging wieder zurück und setzte sich zu Boerne aufs Sofa. "Kock sitzt jetzt in Untersuchungshaft. Den sehen Sie so schnell nicht wieder."

Das wußte Boerne natürlich. Er berührte vorsichtig die Schulter in Reichweite, und weil Boerne ihn nicht abwehrte, ließ er seine Hand dort liegen. "Tut mir leid, daß es so lange gedauert hat, bis ich wiedergekommen bin und Sie losgebunden habe."

Wofür entschuldigte er sich hier eigentlich? Dafür, daß er Kock erwischt hatte? Gut, wenn er Boerne nicht vor lauter Aufregung vergessen hätte, hätte er ihm viel früher jemanden von den Kollegen zum Befreien schicken können. Und einen Arzt. Den hätte der Herr Professor natürlich zum Teufel geschickt, aber eigentlich hätte sich trotzdem jemand um Boerne kümmern müssen und überprüfen, ob es ihm gut ging. Manchmal vergaß er über Boernes Aufplustern ganz, daß er trotzdem nicht unverwundbar war.

  "Schon in Ordnung."

Boernes Stimme klang ein wenig gedämpft, weil er den Schlafsack bis zu den Ohren gezogen hatte.

  "Haben Sie sich um Ihre Handgelenke gekümmert?"

  "Das sind nur Kratzer."

Er griff unter den Schlafsack und zog einen Arm hervor. Boerne zuckte zusammen, aber er sagte nichts.

  "Das sieht aber nicht gut aus." Boerne mußte sehr lange an den Fesseln gezerrt haben, sonst hätten sie sich nicht so tief in die Haut eingeschnitten. Er hatte vorhin gar nicht darüber nachgedacht, daß der andere ja nicht hatte wissen können, ob er Kock erwischt hatte, oder ob Kock noch einmal zurückkommen würde.

  "Das ist nichts weiter", murmelte Boerne und zog den Arm wieder zurück unter die Decke. Langsam wäre es ihm lieber gewesen, wenn Boerne ihm weiter Vorwürfe gemacht hätte, weil er so spät gekommen war.

Er sah auf Boerne hinunter, der alles andere als entspannt wirkte. "Wollen Sie was zum Einschlafen?"

  "Ich nehme keine Schlafmittel, Thiel. Das ist langfristig gesehen-"

Und schon war der alte Boerne wieder zurück ... Thiel seufzte. "Ich dachte mehr so an warme Milch."

  "Oh." Boerne klang überrascht. "Hilft das?"

  "Ja." Genaugenommen half die Tatsache, daß da jemand war, der einem eine heiße Milch ans Bett brachte, aber das mußte er dem anderen ja nicht so genau erklären. Er drückte Boernes Schulter einmal kurz und stand auf.

  "Ich bin gleich wieder da, O.K.?"

Boerne nickte.

Die Milch mußte er letztendlich aus Boernes Kühlschrank holen, aber schließlich zählte in solchen Fällen der gute Wille. Zumindest hatte er noch Honig. Ob der andere seine heiße Milch mit Honig mochte? Egal.

Als er zurück ins Wohnzimmer kam, saß Boerne wieder und hatte sich in den Schlafsack gewickelt. Er drückte ihm die Tasse in die Hand und setzte sich daneben.

  "Haben Sie die Tür wieder zugeschlossen?"

Thiel verdrehte die Augen. "Nein." Er schloß seine Wohnungstür nie zu, wozu auch. "Aber das kann ich gleich noch machen." Boerne hatte wirklich Ohren wie ein Luchs. Oder ein Tiger. Er mußte unwillkürlich grinsen, obwohl die ganze Geschichte wirklich nicht zum Lachen war.

Boerne sah in seine Tasse, und er sah dabei zu, wie Boernes Brillengläser beschlugen.

  "Waren Sie vor dreizehn Jahren nicht eigentlich auch noch verheiratet?"

Der andere schüttelte den Kopf. "Da hatten wir uns gerade getrennt."

Thiel biß sich auf die Zunge. Schlechtes Thema. Soweit er sich an das erinnerte, was ihm Boerne vor Jahren erzählt hatte, hatte seine Frau seinerzeit ihn sitzen lassen. Jetzt war ihm auch klar, warum Boerne so sehr betont hatte, daß er die Beziehung zu Katja Braun beendet hatte.

  "Ach so." In die Richtung sollte er lieber nicht weiterfragen. "Trinken Sie Ihre Milch, solange sie heiß ist."

Boerne trank gehorsam und stellte die Tasse auf dem Tisch ab.

  "Und jetzt?"

Das war seit er geklingelt hatte das erste Mal, daß ihn der andere direkt ansah. Thiel schossen diverse dumme Antworten durch den Kopf, von Aber ein Gutenachtlied singe ich Ihnen nicht auch noch! über Schlafen können Sie hoffentlich alleine? bis hin zu Auf den Lieblingsteddy müssen Sie diese Nacht verzichten, aber als er Boernes Blick sah, verkniff er sich das lieber. Witze waren im Augenblick nicht das richtige.

  "Jetzt legen Sie sich hin und schlafen."

Boernes Blick huschte zur Tür. "Eigentlich müßte ich ja nochmal Zähneputzen ..."

  "Boerne ... das geht auch mal so." Er stand auf, um dem anderen Platz zu machen. "Legen Sie sich hin."

Boerne diskutierte tatsächlich nicht weiter und streckte sich aus. Thiel warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Halb vier. Es war eigentlich schon fast wieder morgen. Er zog Boernes Schlafsack noch ein bißchen höher.

  "So. Wirkt die Milch schon?"

  "Ich glaube schon."

  "Schlafen Sie gut."

  "Danke."

Er stockte für eine Sekunde und überlegte, ob sich das jetzt auf mehr bezog als auf den Gutenachtwunsch. Er sollte es wohl so verbuchen, denn mehr würde er von Boerne sicher nie zu hören bekommen. Boerne hatte die Augen geschlossen, und seine eigene Hand lag immer noch auf der Decke. Eigentlich wollte er sie nur zurückziehen, aber stattdessen strich er einmal kurz über den Haarschopf, der über den Rand des Schlafsacks lugte. Der andere reagierte nicht - vielleicht war er schon eingeschlafen.

Er ging noch einmal zur Wohnungstür und schloß sie ab. Für den Fall, daß Boerne doch noch wach war und ihn hörte. Und dann endlich zurück in sein Bett. Durch die offene Tür fiel ein Streifen Licht aus dem Wohnzimmer. Er hatte dort noch keine Jalousien angebracht, und das Wohnzimmer war wegen der Straßenlaterne davor nie ganz dunkel.

Wenn irgendwas war mit Boerne, würde er das auf jeden Fall hören. Und jetzt sollte er schleunigst selbst einschlafen und versuchen, das beste aus den drei Stunden zu machen, die ihm noch blieben.

***

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Comments

Genaugenommen half die Tatsache, daß da jemand war, der einem eine heiße Milch ans Bett brachte, aber das mußte er dem anderen ja nicht so genau erklären.

Einer der schönsten Sätze überhaupt.

Und erst jetzt bin ich über diesen Satz gestolpert: Ob der andere seine heiße Milch mit Honig mochte? Egal.. Sehr süß und verräterisch, was Thiel wirklich von Boerne hält.

Und ich muss jedes Mal lachen, wenn Boerne meint, er müsse jetzt noch seine Zähne putzen.
Danke :)

Ich bin mit der zweiten Nacht immer noch nicht hundertprozentig glücklich, aber die zitierten Stellen mag ich auch sehr gerne.

Boerne kriegt die Milch natürlich so, wie Thiel sie am liebsten mag, weil er ihm was Gutes tun will. Das siehst Du schon richtig ;) Thiel vielleicht noch nicht, aber das merkt er auch noch ...

Bei Boernes Bemerkung zum Zähneputzen bin ich mir nie ganz sicher, ob da seine Penibilität (gibt's das?) durchkommt und ein fast zwanghaftes Hygieneverhalten, was ich mir bei ihm gut vorstellen kann, oder ob er einfach nur noch nicht einschlafen will und versucht, den Moment herauszuzögern ...
Ich habe mir immer vorgestellt, dass Boerne halt sehr penibel ist, was das Zähneputzen angeht. Auf eine andere Idee bin ich gar nicht gekommen. :)
Dieses Gespräch ist zwar schon uralt, aber egal, ich gebe meinen Senf trotzdem noch dazu: so pingelig ist Boerne mit dem Zähneputzen nicht, er schrubbt sich in "Ruhe sanft" das Gebiss, hält Thiel währenddessen einen unverständlichen Vortrag und kaum dass sein Kollege ins Bad verschwindet, setzt er Thiels Bierflasche an und gönnt sich einen großen Schluck. (Zahnpasta + Bier = *schüttel*)
Also tendiere ich dazu, dass er noch nicht schlafen will.
Hammer-Argumentation, was? *prust*
Vielleicht hat er sich die Zähne geputzt, weil er wusste, dass er aus Thiels Flasche trinken würde. ;)
Ich fürchte nur, wir werden es nie genauer erfahren... ;o)
Er hatte dort noch keine Jalousien angebracht
Ha! Typisch Thiel. Nach zehn Jahren noch nicht dazu gekommen, Jalousien anzubringen. :D Sehr hübsches Detail!
Das hat er von mir ... ;) Ich bin nämlich ganz genauso.

Wobei es auch wirklich gut zu Thiel paßt - man kann sich problemlos vorstellen, wie er jahrelang in Provisorien lebt. Vermutlich hat es doch gute Gründe, daß ich meistens seinen POV nutze ;)