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BT_Wandern

October 2017

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Büttenwarder

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BT_Wandern

Wecker (Boernes POV)

Rating: P 12
Genre: Humor ?
Länge: 2.100 Wörter
Beta: ohne
A/N: Sehr schwierige Sache, Boernes POV zu dieser Szene zu schreiben. Während Thiel in sich halbwegs schlüssig ist, ist Boernes Verhalten, wenn man es aus seiner Sicht schreibt, viel weniger schlüssig und glaubwürdig. Hätte ich am anderen Ende angefangen - mit Boerne - wäre auf jeden Fall eine andere Geschichte rausgekommen. Also: Mehr eine Fingerübung, mit ein paar netten Stellen (denke ich), aber nicht wahnsinnig überzeugend.
Wecker sollte man auf jeden Fall vorher lesen - weil es der bessere Text ist, und ich glaube, man verdirbt sich den Spaß daran, wenn man das hier zuerst liest.




***


Er war sich ganz sicher, daß er die Antwort wußte. Er wußte die Antwort immer. Warum mußte ihm das ausgerechnet jetzt passieren, wenn sein Vater dabei war? Und wieso war sein Vater überhaupt hier - er konnte sich gar nicht erinnern, daß die Prüfungen öffentlich waren. Er sah an sich hinunter und wunderte sich, daß er Jeans und T-Shirt trug. In einer Prüfung. Wie hatte ihm nur ein solcher Fauxpas unterlaufen können? Und was war das überhaupt für ein T-Shirt, mit einem Totenkopf darauf? So etwas besaß er doch gar nicht. Es war auch viel zu weit, und -

  "Herr Boerne! Die Zeit ist gleich um!" Hinter seinem Prüfer tickte unerbittlich eine riesige Uhr. Boerne geriet in Panik. Die Zeit war fast um. Der Sekundenzeiger bewegte sich ohne Unterlaß voran, und gerade in dem Moment, als ihm die Antwort einfiel, ertönte ein lautes Schrillen.

Die Zeit war um.

Es schrillte immer noch, obwohl er doch schon längstens wußte, daß er nicht schnell genug gewesen war.  

Er versuchte, dem vorwurfsvollen Blick seines Vaters auszuweichen, als ihm plötzlich klar wurde, daß das seine Türklingel war. Er war ... er lag im Bett. Und irgendjemand klingelte Sturm. Boerne stöhnte und warf einen Blick auf die Uhr. Kurz nach sechs. Er war erst gegen zwei ins Bett, und das Klingeln hatte ihn wohl mitten in seiner ersten Traumphase erwischt. Wer in drei Teufels Namen ...

Als er endlich bei der Tür war und sie aufriß, stand Thiel vor ihm. Sein Ärger machte schlagartig einem Gefühl der Besorgnis Platz. Thiel sah ... merkwürdig aus.

  "Was ist denn los? Ist was passiert?"

Thiel starrte ihn nur an, und ihm fiel plötzlich auf, woher er das T-Shirt mit dem Totenkopf kannte. Aber bevor er sich noch lange darüber wundern konnte, was Thiels T-Shirt in seinem Traum zu suchen hatte, hatte der andere ihn schon zurück in den Wohnungsflur geschoben und die Tür geschlossen. Vielleicht war er ja noch nicht richtig wach - und auf jeden Fall stimmte mit Thiel etwas nicht.

  "Thiel? Geht es Ihnen gut?"

  "Ich bin vor fünf Jahren hier eingezogen." Der andere sah ihn an, als wäre damit alles gesagt.

  "Äh ... Ja?" Sogar auf den Tag genau heute vor fünf Jahren. Er hatte schon überlegt, ob er Thiel deswegen vielleicht -

  "Fünf Jahre ... Soll das ewig so weitergehen?"

  "Was? Was soll wie weitergehen? Wovon reden Sie überhaupt?" Normalerweise war er ja durchaus in der Lage, Thiels Äußerungen zu interpretieren, aber um sechs Uhr morgens war das einfach zuviel. Es war nicht zu übersehen, daß Thiel aufgeregt war - aber warum und wieso, das konnte er nun wirklich nicht erraten, wenn der andere sich nicht ein wenig klarer ausdrückte.

  "Ich ... Ich ..."

Soviel zum Punkt "klarer", dachte Boerne resigniert. Ihm wurde langsam kalt, und eigentlich wollte er schlafen. Und nicht nachts halbnackt mit Thiel im Flur stehen und sich dessen Gestammel anhören.

  "Thiel?"

Thiel sah ihn an, als würde ihm jetzt erst so richtig klar, wo er war. War das vielleicht ein Anfall von Schlafwandeln gewesen? Nicht sehr häufig bei Erwachsenen in dem Alter, aber immerhin, es kam vor. Aber bevor Boerne noch mehr sagen konnte, hatte er schon ein altertümliches Handy vor der Nase. "Ich krieg das nicht hin, meinen alten Klingelton wieder einzustellen, könnten Sie vielleicht ...?"

War Thiel allen Ernstes deswegen um diese Uhrzeit vorbeigekommen?  Naja, wenigstens war das eine Frage, bei der er weiterhelfen konnte. Und Thiel sah irgendwie immer noch sehr ... verloren aus. Eine ziemlich unsinnige Assoziation, dachte Boerne und nahm seinem Nachbarn kopfschüttelnd das Handy ab. Thiel und verloren ...

  "Also wirklich, Thiel. Das ist doch ganz einfach. Das müssen Sie wirklich mal selbst lernen."

Er brauchte einen Moment, um sich auf dem fremden Handy zurecht zu finden, aber nach wenigen Sekunden hatte er die Einstellungen für die Klingeltöne entdeckt und wieder zurück auf dieses alberne Reeperbahnlied gestellt.  

  "Hier. Jetzt hören Sie wieder heimische Klänge." Er drückte Thiel, der ihn immer noch überrascht ansah, das Telefon zurück in die Hand. "War's das?" Seine Füße waren inzwischen eiskalt, und bei aller Lie- bei aller Nachbarschaftshilfe, das reichte nun so langsam.

  "Nein." Thiel klang merkwürdig verhalten. Zögernd. Ganz ungewohnt unsicher. "Ich ... kann ich hierbleiben?"

Er sah Thiel an. Hierbleiben? Was meinte Thiel denn mit ... hierbleiben? Ihm fiel dazu erst einmal überhaupt nichts ein, was um die Uhrzeit auch kein Wunder war. Aber dann sah er, wie sich Thiels Gesichtsausdruck veränderte - vorhin hatte er irgendwie orientierungslos gewirkt, aber jetzt sah das mehr nach Angst aus. Und in dem Moment verstand er endlich, was Thiel gefragt hatte. Die Antwort war im selben Moment da, obwohl ihn das ... erstaunte. Bislang hatte er eigentlich nicht den Wunsch verspürt, mit Thiel ... Oder eher, er hätte nicht gedacht, daß er den Wunsch verspüren könnte, mit Thiel... Thiel sah inzwischen definitiv so aus, als würde er gleich die Flucht ergreifen. Wenn er nicht bald etwas sagte, würde Thiel einen Rückzieher machen, von was auch immer genau. Und das wollte er auf keinen Fall, was diesen Punkt anging, war er sich erstaunlich sicher. Boerne nickte und ging zurück ins Schlafzimmer. Wenn er das falsch verstanden hatte, konnte Thiel einfach gehen. Und wenn er das ... richtig verstanden hatte, dann ...

  "Ähm ..."

Er war selbst überrascht darüber, wie sehr ihn das erleichterte. Er hatte Thiel richtig verstanden. Es war ihm zwar immer noch ein Rätsel, wie Thiel mit so wenigen Worten so viel ausdrücken konnte, aber in diesem Ähm schwang alles mit, was er wissen mußte. Unsicherheit und Erleichterung und Aufregung - in etwa das, was er auch gerade fühlte. Boerne lächelte. Thiel brauchte nur noch einen kleinen Schubs in die richtige Richtung.
 
  "Thiel? Jetzt machen Sie schon."

Es dauerte keine fünf Sekunden, da sah der andere schon um die Ecke.

  "Ich ..."

Also dann. Frisch gewagt war halb gewonnen, oder so. Und dieses Herumgestammel, das hielt er keine Sekunde länger aus. Thiel war schließlich zu ihm gekommen. Das war zwar eine Überraschung. Irgendwie. Aber keine unangenehme. Und er war zu alt, um lange um den heißen Brei herum zu reden. Außerdem war er müde.
 
  "Ich hab' kein zweites Kissen, also jedenfalls nicht hier, und ich brauche mindestens noch zwei, idealerweise drei Stunden Schlaf. Kommen Sie jetzt oder nicht?"

Er war sich zu diesem Zeitpunkt schon sicher, daß Thiel kommen würde. So sicher, wie man sich morgens um diese Zeit nur sein konnte. Es war zwar alles immer noch ein bißchen unwirklich, aber trotzdem wußte er, daß das funktionieren würde, wenn er Thiel nur nicht zu lange nachdenken ließ. Und wenn er selbst nicht zu lange darüber nachdachte, was für einen Weg sie gerade einschlugen. Darüber konnte er nachdenken, wenn er ausgeschlafen war. Später. Irgendwann. Jetzt wollte er schlafen, und er wollte, daß Thiel dablieb, in seiner Nähe.

Er sah zu, wie Thiel sich einen Ruck gab und vorsichtig nach der Decke griff. Er wirkte ein bißchen verlegen, als er ins Bett kletterte und an den äußersten Rand rutschte. Das war nicht richtig, er wollte doch-

  "Können Sie mich mal kneifen? Ich würde gerne sichergehen, daß das jetzt kein Traum -

Jederzeit doch. Er streckte eine Hand aus und kniff kräftig zu. Das hatte er nun wirklich schon immer einmal -

  "Au!"

Der andere rieb sich den Hintern und drehte sich mit empörtem Gesichtsausdruck um. "So fest wäre nicht nötig gewesen. Und der Arm hätte es auch getan ..."

  "Und, sind Sie wach?"

  "Ich glaube schon." Thiel klang schon wieder so zögernd, fast ängstlich. Dabei war doch alles ganz einfach. Zumindest könnte alles ganz einfach sein. Er wollte, daß alles ganz einfach war. Boerne rückte näher an den anderen und legte seinen Arm um ihn. Das war besser. Und wirklich ganz einfach. Thiel war warm ... und nach dem ersten Moment, als sich sein Körper schlagartig angespannt hatte, jetzt auch ganz entspannt. Das sollte doch ein gutes Zeichen sein. Er konnte den Thiels Herzschlag unter seiner Hand fühlen und rückte noch ein bißchen näher. Er war ... die Entwicklung gefiel ihm, aber er wunderte sich trotzdem, was plötzlich in Thiel gefahren war.

  "Können Sie mir jetzt vielleicht doch erklären, was das soll mit den fünf Jahren und warum Sie sich ausgerechnet diese unpassende Uhrzeit ausgesucht haben, um mir ... Avancen zu machen?"

  "Avancen? Haben Sie sich da vielleicht im Jahrhundert vertan?"


  "Sie wissen schon, was ich meine." Als was sollte man das bitte sonst bezeichnen, wenn man morgens um sechs bei seinem Nachbarn klingelte, um mehr oder weniger eindeutige ... um mehr oder weniger eindeutig ... sein Interesse an einer intimeren Beziehung kund zu tun. An der Formulierung hätte Thiel jetzt vermutlich auch etwas auszusetzen gehabt. Aber wer im Glashaus saß, sollte nicht mit Steinen werfen, dachte Boerne - Kann ich hierbleiben? war nun auch keine wirklich geistreiche Formulierung, und es war nur seinem Scharfsinn zu verdanken, daß sie überhaupt so weit gekommen waren, wie sie gekommen waren. Und eigentlich wollte er auch gerade etwas ganz anderes wissen. "Fünf Jahre, Thiel?"


  "Kennen Sie diesen bescheuerten 1Live Wecker?"


  "Diesen wiederkehrenden Programmbestandteil des örtlichen Radiosenders für die Altersgruppe der unter 40jährigen?" Er war ein wenig verwirrt, wieso sie jetzt über das Radioprogramm redeten, aber immerhin redete Thiel weiter, und das war auch ein gutes Zeichen.


  "Genau den."


  "Ich habe mich schon immer gefragt, wer so etwas macht und denkt, mit einem Anruf vor sechs am Morgen könnte man jemandem eine Freude machen." So langsam wurde er wirklich wach.

  "Ich kann Ihnen sagen, wer sowas macht - mein Vater. Er hat mich eben wecken lassen um mir zu gratulieren, weil ich genau heute vor fünf Jahren nach Münster gezogen bin ..."

  "Und das hat nun genau was damit zu tun, daß Sie jetzt hier in meinem Bett liegen?" Er war nicht ganz bei der Sache, weil er liebend gerne Thiels Nacken geküßt hätte. Nur daß Thiel noch ein wenig unsicher wirkte, und ihn das vielleicht erschreckt hätte. Und er wollte Thiel nicht erschrecken. Außerdem war er sich ziemlich sicher, daß er noch ausreichend Gelegenheit bekommen würde, Thiel zu küssen, wenn der sich erst einmal an die Situation gewöhnt hatte.

  "Ich ..." Thiel zögerte. "Kennen Sie das, wenn Sie ein Geräusch weckt, und Sie träumen, und das Geräusch kommt dann auch in Ihrem Traum vor?"

  "Äh ... ja?" Ob er Thiel erzählen sollte, daß ihm gerade eben das gleiche passiert war? Vielleicht lieber nicht, wenn er schon einmal redete.

  "Das ist passiert, und in dem Traum haben Sie mich wecken lassen, und dann wollte ich Ihnen sagen, was ich davon halte, und dann hat wirklich mein Handy geklingelt, aber das war mein Vater, und ich wollte ... ich wollte ..." Boerne verstand immer noch nicht so wirklich, was das alles damit zu tun hatte, daß Thiel zu ihm gekommen war, um ... bei ihm zu schlafen. Aber andererseits lag es vielleicht gar nicht in seinem Interesse, das zu hinterfragen. Und sowieso hatte Thiel sich so verheddert und wirkte inzwischen so hilflos, daß er instinktiv das Bedürfnis hatte ihn zu beruhigen.

  "Vielleicht ist das ja auch gar nicht so wichtig." Thiel entspannte sich wieder und ließ sich noch ein wenig näher ziehen. Es war recht lange her, daß er mit jemandem im selben Bett geschlafen hatte; die letzten Gelegenheiten in der Art hatten nie dazu geführt, daß die betreffende Dame auch bei ihm übernachtet hatte - merkwürdigerweise. Dabei war das doch ein äußerst angenehmes Gefühl ... zumindest in der gegenwärtigen Gesellschaft. Er schloß die Augen und hörte einfach nur Thiel beim Atmen zu. Die Wärme ließ ihn wieder müde werden und er war sich plötzlich sicher, daß er mit Thiel im Arm keine Albträume haben würde, in denen sein Vater eine Rolle spielte. Wenn überhaupt Träume, dann eher -

  "Es ... tut mir leid, daß ich Sie geweckt habe."

  "Schon in Ordnung. Sonst sind es meistens unerfreulichere Neuigkeiten, die mich aus dem Schlaf reißen." Und das meinte er ehrlich. Wenn er anschließend dablieb, konnte Thiel ihn gerne jederzeit morgens wecken. Noch besser und mit Sicherheit für beide Seiten befriedigender wäre allerdings, wenn er abends gleich bei ihm blieb.

Boerne schlief mit einem Lächeln auf den Lippen wieder ein.


*** endet hier ***



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