?

Log in

No account? Create an account
BT_Wandern

December 2017

S M T W T F S
     12
3456789
10111213141516
17181920212223
24252627282930
31      

Büttenwarder

Powered by LiveJournal.com
BT_Blick 2

Von Pferden und Menschen (Thiel/Boerne, AU) - Teil 1 von 2

Rating: P 12
Genre: Slash, First Time, Harlequin, AU
Prompt: Der reiche Rancher und Ex-Rodeo-Reiter Chara A ist es gewohnt, dass die Frauen ihn anhimmeln. Aber wie kommt es, dass der Tierarzt Chara B, der seit kurzen auf der Ranch weilt, ihn mehr interessiert als alle Frauen der Umgebung, obwohl sie scheinbar ständig nur streiten?
Warnungen: Bei weitem nicht so kitschig, wie es als Harlequin-Text werden sollte. Und so richtig schwülstig geht schon gar nicht, wenn man es darauf anlegt - das klappt wohl nur unbeabsichtigt ;) Alle meine Kenntnisse zum Thema Pferde und Tierärzte habe ich aus "Der Doktor und das liebe Vieh" und Wikipedia ... ähm. Das merkt man, fürchte ich. Oh, und Handlung ... Handlung hat das nicht wirklich. Dafür ist es lang geworden, was in der Kombination kein Qualitätsmerkmal ist. :(
A/N: Ich habe die Rahmenbedingungen ein wenig an Münsteraner Verhältnisse angepaßt, ein AU ist es aber trotzdem geblieben. Das AU - also die bekannten Charaktere in neuen Rollen unterzubringen - hat mir mehr Spaß gemacht, als ich gedacht hätte. Mit dem Harlequin-Faktor hatte ich allerdings größere Probleme. Und wenn Boerne ein wenig misogyn rüberkommt, tut's mir leid, irgendwie hat sich mein Versuch, das Prompt umzusetzen, in die Richtung entwickelt.
Länge: ~ 6.500 Wörter


***

Prolog

Als Frank Thiel am Morgen des 2. Mai auf dem Weg zu seinem ersten Einsatz in Münster war, ahnte er noch nicht, was auf ihn zukommen würde. Routine, dachte er. Impfungen. Und natürlich würde er die ersten in einer hoffentlich langen Reihe von neuen Kunden kennenlernen. Das war nun allerdings der Teil seines Berufs, auf den er gerne verzichtet hätte. Tiere waren unkompliziert, um deren Besitzer machte er meistens lieber einen großen Bogen. Es hatte schon seine Gründe, daß er sich nicht der Humanmedizin zugewandt hatte.

Andererseits war sein Termin nicht bei einem dieser anstrengenden Hobby-Tierhalter, sondern beim größten Gestüt in Münster. Alter westfälischer Adel und mehrere Generationen Erfahrung mit der Pferdezucht, er durfte also auf ein professionelles Gegenüber hoffen. Und da der Westfale als solcher für seine eher wortkarge Art bekannt war, mußte er wohl auch nicht befürchten, in lange Gespräche verwickelt zu werden, sondern würde in Ruhe seine Arbeit tun können.

Das waren alles ganz berechtigte Überlegungen. Wie weit er damit danebenlag, konnte er zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht ahnen.


***


Kapitel 1

Karl-Friedrich von Boerne war an diesem schönen Maitag auf dem Weg zu seinem morgendlichen Inspektionsgang im Stall. Wer seinen Angestellten nicht das Gefühl gab, daß der Chef jederzeit und überall auftauchen konnte, mußte sich nicht wundern, wenn die Arbeitsergebnisse suboptimal waren. Ein Problem, mit dem er nicht zu kämpfen hatte; in einem Betrieb, dem er vorstand, lief alles wie am Schnürchen. Und außerdem hatte er eine Karotte für Prinzeßchen dabei.

Er warf einen Blick in den Hauptgang - sehr gut, die morgendlichen Arbeiten waren schon erledigt - und sah nach dem Fohlen, das vor zwei Tagen geboren worden war. Auf dem Weg zur Koppel fiel ihm dann allerdings eine Schubkarre ins Auge, die noch ungeleert neben den letzten Boxen stand. Und ein kleiner, rundlicher Mann mittleren Alters, den er anhand von Kleidung, Habitus und der Ausstrahlung einer gewissen Orientierungslosigkeit sofort als den neuen Stallknecht identifizierte, der heute anfangen sollte.

  "Sie da, guter Mann!" Der Bursche drehte sich um und sah ihn aus blauen Augen überrascht an. "Was denken Sie wohl, wozu Schubkarren da sind? Nicht zum Rumstehen, das kann ich Ihnen verraten. Räumen Sie das weg, aber hurtig!"

  "Was ...?"

Karl-Friedrich seufzte. Gutes Personal zu bekommen wurde aber auch von Jahr zu Jahr schwieriger. "Frühstückspause ist erst um -"

  "Das ist der neue Tierarzt, Chef. Herr Thiel", wurde er durch eine vertraute Stimme unterbrochen. Er haßte es, wenn sie sich so anschlich, und funkelte sie wütend an, während der kleine Mann seine Chance nutzte und sich der Frau neben ihm zuwendete. "Genau. Wegen der Impfung. Ich suche jemanden, der mir sagen kann, um welche Tiere es sich handelt. Und Sie sind?"

Er hätte beinahe so etwas wie ein schlechtes Gewissen entwickelt, weil er den Mann unverdientermaßen angefahren hatte, aber daß er so schnöde ignoriert wurde, erstickte dieses Gefühl im Keim. "Alberich", kam er seiner Mitarbeiterin deshalb zuvor. "Sie hat früher als Jockey für mich gearbeitet und bekommt jetzt hier ihr Gnadenbrot."

Alberich verdrehte die Augen. "Silke Haller." Sie reichte dem Neuen die Hand und ergänzte mit einem Seitenblick auf ihn: "Der Witz ist so alt, der fällt schon über seinen eigenen Bart."

Er mußte gegen seinen Willen lächeln. "Sie ist mein Stallmeister -"

  "Stallmeisterin", warf Alberich ein.

  "- und hat den Termin vereinbart. Und sie wird sich auch um alles weitere kümmern." Und weil ihm mit etwas Verspätung einfiel, daß er sich selbst noch gar nicht vorgestellt hatte, setzte er ein "Karl-Friedrich von Boerne" hinterher. Der neue Tierarzt musterte ihn nur kurz und nickte dann, die Hände in den Hosentaschen. Unhöflicher Kerl.

  "Na dann wollen wir mal." Alberich ging mit einem großen Schritt um ihn herum und zeigte den Gang hinunter. "Da geht's lang."

Und damit ließen sie ihn einfach stehen.

Neuer Tierarzt ... Er verstand immer noch nicht, warum Willi meinte, plötzlich Hilfe zu brauchen. Wer konnte schon wissen, ob der Neue überhaupt etwas von seinem Beruf verstand? Nun gut, die Impfungen heute waren reine Routine, da konnte man wohl wenig falsch machen. Aber sollte er seine Dienste demnächst wegen etwas Ernsthafterem benötigen, dann würde er ihm auf jeden Fall ganz genau auf die Finger schauen. Jetzt würde er erst einmal klären, wo sich der neue Stallknecht herumtrieb und wieso diese Schubkarre immer noch hier stand. Eigentlich war die Beaufsichtigung des Personals im Stall ja Alberichs Job, aber Alberich war heute wohl viel zu sehr damit beschäftigt, mit dem neuen Tierarzt zu schäkern - einige Male hörte er sie sogar lachen! Und jedesmal, wenn er beim Impfen vorbeisah und hilfreiche Kommentare zur Impftechnik, der Dosierung des Impfstoffes oder dem idealen Punkt zum Ansetzen der Spritze beisteuerte, hatte er das deutliche Gefühl, daß seine Gegenwart unerwünscht war. Und das in seinem eigenen Stall. Unerhört.


***


  "Macht einen guten Eindruck, der Neue", sagte Alberich, als sie einige Zeit später bei einem Kaffee zusammensaßen.

  "Gut?" Er runzelte die Stirn. "So würde ich das ja nicht nennen. Hat seine Arbeit halb erledigt liegen lassen und sich nicht einmal entschuldigt, als ich ihn angewiesen habe, die Schubkarre -"

  "Ich meine den neuen Tierarzt", unterbrach ihn Alberich. "Macht nicht viele Worte, aber er hat die Arbeit schnell und gut erledigt. Und die Pferde sind ganz ruhig geblieben."

  "Kein Wunder, Menschen in der Größe empfinden sie wohl nicht als Bedrohung", brummte er. Aus irgendeinem Grund irritierte es ihn, daß Alberich den Mann lobte. "Ich weiß überhaupt nicht, warum wir einen neuen Tierarzt brauchen."

  "Ach, Chef ....", sie seufzte und goß ihnen beiden Kaffee nach. "Jetzt hören Sie endlich auf zu schmollen. Das ist doch nicht die Schuld von Herrn Thiel."

  "Ich schmolle nicht!"

  "Tun Sie wohl. Seit Frau Klemm erzählt hat, daß sie einen Partner in die Praxis nehmen und ihr eigenes Arbeitspensum herunterfahren will."

  "So alt ist sie nun wirklich noch nicht", murrte er. "Rente! Sie kann doch noch locker zwanzig Jahre arbeiten ..."

Alberich besaß die Unverschämtheit zu lachen und er verschränkte empört die Arme vor der Brust, bis ihm auffiel, daß das jetzt wirklich nach Schmollen aussah. "Wieso nicht? Sie ist doch noch nicht mal sechzig!"

  "Ja, aber sie will vielleicht auch irgendwann einmal ihren verdienten Ruhestand genießen, und nicht bis zum letzten Atemzug arbeiten, bloß weil Sie keine Veränderungen mögen."

  "Ich habe überhaupt kein Problem mit Veränderungen", antwortete er entrüstet. "Ich weiß einfach nur Qualität zu schätzen, und Willi ist die beste."

  "Und sie hat sich für diesen Thiel als Partner entschieden. Dann kann er doch wohl nicht so verkehrt sein ...", sagte Alberich. An ihrem Lächeln konnte man unschwer erkennen, daß sie dachte, sie habe ihn in die Enge getrieben. Aber so schnell gab er nicht auf.

  "Der Mann ist unhöflich und maulfaul."

  "Das interessiert die Pferde herzlich wenig."

Karl-Friedrich schnaubte und wollte gerade zu einer Entgegnung ansetzten, als sich Alberichs Gesichtsausdruck veränderte.

  "Frau von Gladenbeck auf halb eins!"

  "Was ...?"

  "Ich sollte Sie doch warnen, wenn sie hier auftaucht", zischte ihm Alberich zu, aber da war es auch schon zu spät und er wurde bereits mit einem überschwänglichen "Karl-Friedrich, mein Lieber" begrüßt.

  "Frau Haller", flötete die Gladenbeck, "sie haben doch sicher nichts dagegen, wenn ich Ihnen Ihren Chef für einen Moment entführe?"

Er warf Alberich hinter dem Rücken von Frau von Gladenbeck verzweifelte Blicke zu, aber die zuckte nur unmerklich mit den Achseln. "Natürlich nicht."

Karl-Friedrich konnte nur mit Mühe ein Seufzen unterdrücken. Ihm selbst fiel auf die Schnelle auch keine Ausrede ein, jedenfalls keine, die er nicht in den letzten Wochen bereits mehrfach verwendet hatte. Also sagte er: "Womit kann ich dienen, Frau von Gladenbeck?", während Alberich aufstand und sich anschickte zu gehen, nicht ohne ihm ihrerseits hinter dem Rücken seiner Besucherin einen fast mitleidigen Blick zuzuwerfen.


***


Irgendwann hatte das ja passieren müssen, dachte Karl-Friedrich, als er spät am Abend den Tag Revue passieren ließ. Jetzt hatte er schon wieder eine Soiree bei Frau von Gladenbeck am Hals, und unter Garantie würde er sich den ganzen Abend mit zahllosen unverheirateten Damen der besseren Gesellschaft unterhalten müssen. Sie meint es doch eigentlich gut, hatte Alberich gesagt. Immerhin werden Sie in diesem Jahr vierzig, wollen Sie nicht so langsam seßhaft werden? Alberich hatte gut reden. Sie mußte sich schließlich nicht eine schier endlose Parade von Frauen antun, von denen eine langweiliger als die andere war. Ganz zu schweigen davon, daß die meisten nur Interesse daran hatten, in die Familie von Boerne einzuheiraten. Karl-Friedrich schnaubte. Als wäre er einer seiner Zuchthengste. Wobei die es im Vergleich noch gut getroffen hatten, denn sie mußten die Stuten in der Regel nicht einmal persönlich kennenlernen. Und Konversation war schon gar nicht gefragt. Er drehte sich auf die andere Seite und kniff entschlossen die Augen zusammen. Genug der albernen Gedanken. Jetzt mußte er eben in den sauren Apfel beißen und den Termin hinter sich bringen. Obwohl er da noch lieber mit Alberich tauschen und mit dem neuen Tierarzt im Stall schäkern würde. Und mit diesem noch absurderen Gedanken und der Erinnerung an einen Blick aus erstaunlich blauen Augen schlief er ein.


***


Einige Tage später ....

Das war ein Abend, den er so schnell und vollständig wie möglich aus seinem Gedächtnis streichen würde. Sobald er dieses traumatische Erlebnis soweit verarbeitete hatte, daß es sich verdrängen ließ. Das nächste Mal würde er jedenfalls das Blaue vom Himmel herablügen, bevor er sich noch einmal auf eine Einladung bei Frau von Gladenbeck einließ. Umgangsformen hin oder her, das würde er sich nicht noch einmal antun. Karl-Friedrich runzelte die Stirn. Das hörte sich aber gar nicht gut an. Er stoppte den Jährling, den er gerade an der Longe hatte laufen lassen, und hörte sich die Atmung genauer an.

  "Alberich?"

  "Hm?"

  "Machen Sie mal einen Termin mit Willi wegen dieses kleinen Burschen."

  "Wegen Thiel?" Alberich sah ihn verdutzt an.

Er unterdrückte nur mit Mühe ein gereiztes Augenrollen. Ganz offensichtlich beanspruchte der neue Tierarzt in recht großem Ausmaß die Gedanken seiner Mitarbeiterin, anders konnte er sich das nicht erklären. "Wegen dieses kleinen Burschen." Er zeigte auf den jungen Hengst. "Der Tierarzt hat es Ihnen wohl angetan, was? Ist ja auch ganz ihre Größenordnung."

  "Nicht doch, ich strebe nach Höherem", antwortete Alberich mit todernstem Gesichtsausdruck.

  "Was?"

  "Bevor Sie auf dumme Gedanken kommen ..." Alberich grinste. "Vielleicht wäre das der geeignete Zeitpunkt, um zu erwähnen, daß ich seit einigen Wochen ... ausgehe."

  "Mit wem?" Er sah sie verdutzt an. "Und wann, Sie haben doch überhaupt keine -"

  "Genau deshalb wollte ich ja mit Ihnen reden." Alberich strich sich energisch die Haare aus dem Gesicht. "Es geht einfach nicht, daß Sie mich wochenends auch noch mit Arbeit in Beschlag nehmen. Wir haben hier eine ganz klare Vertretungsregel, und nicht jedes Kinkerlitzchen ist ein Notfall, wegen dem Sie mich herbeitelefonieren können."

Alberich übertrieb mal wieder maßlos. "So was kommt doch so gut wie nie vor."

  "An acht der letzten zehn Wochenenden", erklärte Alberich. "Ich habe Buch geführt."

  "Also ..." Das konnte ja wohl kaum stimmen. "Ich glaube nicht -"

  "Wir müssen einfach genauer definieren, was als Notfall gilt", erklärte Alberich. "Ich kann meine Schlüssel nicht finden zum Beispiel ganz eindeutig nicht."

  "Das kam doch nur einmal -"

  "Für Notfälle solcher Art sollten Sie sich wirklich eine Frau zulegen. Oder ... sonst jemanden."

Er starrte Alberich entgeistert an. In zehn Jahren war das noch nicht vorgekommen. In Ordnung, es hatte da das ein oder andere Techtelmechtel mit dem ein oder anderen jungen Mann gegeben, aber noch nie hatte sie deshalb darauf bestanden, an ihren freien Tagen ungestört zu bleiben. Immerhin waren sie doch fast so etwas wie ... Familie. Er dachte an seine mittlerweile größtenteils verblichenen Blutsverwandten und entschied sich wieder um. Vielleicht doch nicht wie Familie, eher wie ... Freunde.

  "Wer ist es denn?" fragte er schließlich, weil ihm nichts anderes einfiel. Und weil er neugierig war.

  "Klaus", sagte Alberich. In seinem Kopf ratterte es. Klaus ... Klaus ... "Klaus Berggrün?"

Alberich nickte und nahm eine etwas rosige Gesichtsfarbe an. Berggrün war allerdings eine Nummer größer als Thiel. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ein ziemlich attraktiver Mann, und außerdem verstand er etwas von Pferden. Man hätte fast neidisch werden können ... Vor allem, wenn er daran dachte, daß die letzte junge Dame, mit der er gestern das Vergnügen gehabt hatte sich zu unterhalten, einen Wallach für eine Hunderasse gehalten hatte. Karl-Friedrich seufzte. "Schön und gut, deshalb sollten Sie trotzdem Ihre Arbeit nicht vernachlässigen."

  "Chef ..." Alberich sah jetzt eindeutig verärgert aus. "Ist das das Einzige, was Ihnen dazu einfällt?"

Er sah etwas betreten zu Boden. "... herzlichen Glückwunsch?"

  "Das kommt ja so richtig von Herzen", sagte Alberich spöttisch.

  "Es ist nur, weil ..."

  "Weil was?"

Er sah wieder auf und fragte sich, warum er plötzlich so ein ungutes Gefühl in der Magengegend hatte. "Sie wollen doch jetzt nicht ... was weiß ich, in den Stand der Ehe treten und zu arbeiten aufhören?"

Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich; von ironisch und leicht verletzt zu etwas, das er nicht ganz deuten konnte. "Nein." Und dann lächelte sie und schüttelte entschlossen den Kopf. "Also, was das mit der Arbeit betrifft. Wie kommen Sie nur auf solche Ideen? Und was das heiraten angeht ... sehn wir mal." Sie nahm ihm den Zügel aus der Hand und betrachtete das Pferd näher. "Und was ist jetzt mit dem hier?"

  "Die Atmung", antwortete er automatisch und ein wenig erleichtert, daß sie das Thema gewechselt hatte. "Das hörte sich eben verdächtig nach Kehlkopfpfeifen an."

Sie runzelte die Stirn. "Nicht gut. Ich rufe Herrn Thiel an. Er wolte sich ohnehin heute Nachmittag Madame Butterfly ansehen, da kann er auch einen Blick darauf werfen."

  "Gut." Gut, in der Tat. Da konnte er den neuen Tierarzt gleich einmal auf Herz und Nieren prüfen. "Ich kümmere mich darum."

Alberich sah so aus, als wollte sie dazu etwas sagen, blieb dann aber stumm.

  "Stimmt was nicht?"

  "Nichts ... gar nichts." Sie zögerte einen Moment. "Nur weil ich mich sonst um die Tierarztbesuche gekümmert habe. Aber machen Sie das ruhig, wenn Sie gerne wollen." Sie lächelte ein wenig. Frauen. Was war denn daran jetzt schon wieder so witzig?

  "Von wollen kann keine Rede sein", erklärte er würdevoll. "Aber wenn dieser Thiel jetzt die tierärztliche Versorgung meiner Pferde übernehmen soll, möchte ich mich selbst von seinen Qualitäten überzeugen."

Alberich grinste noch mehr. "Sicher. Da haben Sie sicher recht. Ich gebe ihm Bescheid, daß noch ein Verdacht auf Kehlkopfpfeifen ansteht. Er kommt gegen drei."


***


  "Ah. Sie."

Der neue Tierarzt klang ja wirklich begeistert. Vermutlich wußte er noch nichts von Berggrün und daß er sich bei Alberich sowieso keine Hoffnungen machen mußte.

  "Ja. Ich. Das haben Sie sehr scharfsinnig erkannt."

Thiel räusperte sich. "Ich dachte, Frau Haller -"

  "Alberich ist verhindert. Kennen Sie Madame Butterfly schon?"

  "Die Operette?" fragte Thiel verwirrt.

  "Oper", verbesserte er automatisch. "Nein, die Stute."

  "Ah ... drei Jahre, erste Trächtigkeit, elfter Monat."

  "Genau."

  "Dann stellen Sie mir die Patientin mal vor", antwortete Thiel. Anscheinend hatte er seine Enttäuschung bezüglich Alberich schnell überwunden. Nicht daß ihn das interessierte.


***


Mit Butterfly machte er seine Sache ganz gut, das mußte Karl-Friedrich widerstrebend zugeben, während er zusah, wie Thiels Hände das Tier abtasteten. Butterfly war an sich ein eher nervöses Tier, aber jetzt war sie ganz entspannt. Sie hatte sogar den Kopf zur Seite gedreht und knabberte an Thiels Haaren, bis der sich wieder aufrichtete und der Stute sanft auf den Hals klopfte.

  "Irgendwelche Auffälligkeiten?"

  "Was?"

  "Hat Sie sich auffällig benommen?"

  "Nein."

  "Gut." Thiel drehte sich zu ihm um und warf ihm einen Blick aus diesen Augen zu, die ihm schon beim ersten Mal aufgefallen waren. "Sieht alles sehr gut aus. Ich schätze, bald ist es so weit."

Er nickte und fragte sich mit etwas Verspätung, wieso ihm gerade die Worte fehlten. Aber dann redete Thiel schon wieder weiter. "Und wo ist der Jährling?"

  "Hier drüben." Er ging voraus. "Beste Anlagen von beiden Seiten - das könnte ein hervorragendes Turnierpferd werden. Seine Mutter ist Prinzeßchen -"

  "Die mit den vielen Siegen?" unterbrach Thiel ihn.

  "Das bin ich", antwortete er irritiert. "Aber wenn Sie mit dieser Bemerkung meinen, daß Prinzeßchen die Stute ist, mit der ich jedes größere Springturnier in Deutschland und Europa gewonnen habe, dann haben Sie das richtig erkannt. Jedenfalls ... sein Vater ist Totilas der Zweite. Sein Körperbau ist nahezu ideal, das ist jetzt schon zu erkennen, obwohl er natürlich noch nicht ganz ausgewachsen ist. Ausgeglichener Charakter, nicht schreckhaft, wirklich ein  Paradestück unserer Zucht hier."

  "MhmMhm", machte Thiel.

  "Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, welche Konsequenzen das mit sich brächte, wenn es sich wirklich um Hemiplegia laryngis handelt. Das Tier wäre praktisch wertlos. Der Verlust ist gar nicht zu beziffern, denn -"

  "Wie heißt er?" unterbrach Thiel ihn.

  "Sternchen."

Thiel sah ihn überrascht an, und er beeilte sich eine Erklärung hinterherzuschieben. "In seinem Stammbuch heißt er natürlich anderes, aber wir rufen ihn Sternchen. Wegen der ... Sternzeichnung."

  "Was Sie nicht sagen", brummte Thiel. "Dann lassen Sie mich den kleinen Racker mal ansehen."


***


  "Sie müssen ihn erst bewegen, sonst hören Sie nichts", warf er ungeduldig ein, nachdem Thiel den Jährling minutenlang abgetastet und abgehört hatte.

  "Sie müssen nicht hierbleiben", klang Thiels Stimme gedämpft hinter dem Pferdehals hervor. "Ich komme schon alleine zurecht."

  "Ich habe Zeit. Wissen Sie, Willi hat den Kleinen auf die Welt gebracht. Seine Mutter übrigens auch schon. Sicherlich wäre es nicht verkehrt, eine zweite -"

  "Hm."

  "Was, hm? Haben Sie etwas entdeckt? Das klingt nicht sehr beruhigend, guter Mann, das muß ich Ihnen wirklich sagen. Könnten Sie es vielleicht über sich bringen, sich etwas deutlicher -"

  "Reichen Sie mal die Longe rüber. Ich laß' ihn mal ein bißchen laufen."

  "Das sage ich doch die ganze Zeit schon! Wenn er nur rumsteht, atmet er natürlich ganz normal, ich weiß gar nicht, was -"

  "Boerne! Das Seil."

  "Für Sie immer noch Doktor von Boerne, Herr Thiel!"

  "Meinetwegen." Thiel hatte sich aufgerichtet und streckte ihm die Hand entgegen. "Das Seil, Herr Doktor von Boerne. Hängt hinter Ihnen an der Wand. Und solange hinter ihrem Doktor kein vet. steht, lassen Sie mich vielleicht einfach meine Arbeit machen."

Er griff hinter sich und reichte die Longe über den Pferderücken. "Jedenfalls ist das nicht der erste Fall von Hemiplegia laryngis, den ich sehe. Ich züchte seit zwanzig Jahren Pferde, wie schon mein Vater und mein Großvater vor mir. Sie können mir glauben, daß ich -"

  "Machen Sie mal die Tür auf."

Er reagierte automatisch und ärgerte sich im gleichen Moment. "Hören Sie mal! Ich bin hier doch nicht der Stallknecht, der den Handlanger für Sie gibt!"

  "Wenn Sie schon hier rumstehen, können Sie sich auch nützlich machen."

  "Ich -"

  "Und jetzt Ruhe, sonst höre ich nicht, was mit dem Tier los ist."

Er klappte verärgert den Mund wieder zu. Willi war ja auch nicht die Charmanteste, aber das hier schlug ja wohl dem Faß den Boden aus. Außerdem war es mit Willi etwas anderes, sie war schon Tierärztin auf dem Gestüt gewesen, als er noch in kurzen Hosen herumgelaufen war. Dieser impertinente Bursche hingegen ... Thiel schnalzte und Sternchen wechselte vom Schritt in den Trab, als hätte er nie etwas anderes getan als den Anweisungen dieses ... dieses ... Tierarztes gefolgt. Mit den Pferden konnte er wirklich, das war nicht zu leugnen. Wahrscheinlich hatte Willi ihn deshalb ausgesucht. An seinen Umgangsformen konnte es jedenfalls nicht liegen. Und dann hörte er wieder dieses typische keuchende Atmen, und er vergaß seine Verärgerung über Thiel für den Moment. Verdammt.

  "Das hört sich nicht gut an", sagte Thiel. Ein echter Meister der Untertreibung. Nicht gut ... eine Katastrophe war das. Thiel stoppte Sternchen und griff in seine Jackentasche nach einem Apfel. Bestechung ... kein Wunder, daß ihn die Pferde mochten. Karl-Friedrich seufzte und ließ sich auf einen der Strohballen am Rande des Longierplatzes nieder. Prinzeßchens letztes Fohlen - und dann so etwas.

  "Sie wissen sicher, daß das nicht wirklich zu heilen ist." Thiel hatte ihm immer noch den Rücken zugedreht und streichelte den Kopf des jungen Hengstes, der inzwischen eifrig alle Jackentaschen nach weiteren Äpfeln absuchte. Verfressener kleiner Bursche. Karl-Friedrich mußte trotz der schlechten Diagnose lächeln.

  "Ja."

  "Es gibt mehrere operative Möglichkeiten", Thiel drehte sich um, "eine Straffung des betroffenen Stimmbandes, oder ein Implantat. Aber auch bei gutem Erfolg wird er keine Hochleistungen bringen, das muß Ihnen klar sein."

  "Ich weiß." Er war wieder aufgestanden und zu Sternchen hinübergegangen. Der Hengst schnaubte und steckte seine Nase jetzt versuchsweise in die Tasche seines Jacketts, völlig unbeeindruckt von der Diagnose, die sein ganzes Leben verändern würde. "Dann wird er eben kein Turnierpferd."

  "Wenn Sie wollen, kann ich einen Termin für den OP bei der Veterinärmedizin anmelden."

  "Nein."

  "Ich habe langjährige Erfahrung, wenn Sie -"

Er schüttelte den Kopf. "Bis jetzt macht ihm das noch keine wirklichen Beschwerden. Lassen Sie uns abwarten, ob es bei normaler Belastung überhaupt zu Atemnot kommt. Wenn nicht, dann ist das doch nur ein Schönheitsfehler. Und eine OP, nur um einen Schönheitsfehler zu beheben ... das muß nicht sein. Das Risiko ist mir zu hoch."

  "O.K." Thiel klang ein wenig überrascht. "Dann beobachten Sie ihn weiter."

Er nickte und griff den Jährling beim Halfter, um ihn zur Koppel zu führen.

  "War's das, oder soll ich mir noch ein Tier ansehen?"

  "Wir sind durch."

Thiel nickte. "Na denn Tschüß. Ich finde alleine raus."

  "Sagen Sie Willi, sie soll sich mal wieder blicken lassen!" Thiel drehte sich im Gehen noch einmal um und sah ihn fragend an. "Bloß weil sie jetzt nicht mehr für meine Pferde zuständig ist, kann sie trotzdem mal wieder zum Schachspielen vorbeikommen."

   "Mache ich." Thiel ... grinste, drehte sich um und ging weiter. Erstaunlich. Der Mann konnte lächeln. Er hätte es nicht für möglich gehalten.


* tbc *


>> weiter geht's mit Teil 2

Comments

Ganz entzückend! Ich mag das AU, und den Tonfall finde ich in der Story besonders gut getroffen.

"Die mit den vielen Siegen?" unterbrach Thiel ihn.
  "Das bin ich", antwortete er irritiert.


Willi! Was für eine super Idee. Taucht sie noch auf? Und sind Herbert und Nadeshda auch dabei?
Puh ... Du glaubst nicht, wie mich das erleichtert. Bei dem Text habe ich wirklich ein sehr unsicheres Gefühl. Entweder, weil ich meinen T/B-Höhepunkt überschritten habe, oder weil die Sache mit dem AU für mich doch noch ziemlich ungewohnt ist.

"Willi" hat einen ganz kurzen Auftritt, quasi ein Cameo ;) Nadeshda wird zumindest erwähnt *hust*, aber Herbert habe ich leider nicht untergebracht. Ich habe allerdings kurz überlegt, ob ich ihn Touristenkutschfahrten um den Aasee machen lasse ... AUs haben schon ihren Reiz :)
Aaah, wo ist die Fortsetzung? ;)

Das ist ja wirklich hochgradig AU, denn wir wissen ja, dass Thiel Angst vor Pferden hat. :)

Thiel und von Boerne gefallen mir sehr gut. Ich bin wirklich überrascht, wie gut man die beiden in solch einer AU darstellen kann, aber da Du ja die beiden Charaktere von ihrem Wesen her belassen hast, kommen einem die beiden trotz der anderen Berufe und Umstände glücklicherweise sehr bekannt vor. Ich finde es auch schön, dass Du Alberich und die Klemm miteingebunden hast. :)

Und solange hinter ihrem Doktor kein vet. steht, lassen Sie mich vielleicht einfach meine Arbeit machen."

Bravo, Thiel! Sieht allerdings so aus, als ob er selbst auch keinen Doktor hätte. Schade, so ein Titel würde ihm doch auch mal gut zu Gesicht stehen. ;)

Edited at 2013-05-20 05:43 pm (UTC)
Aaah, wo ist die Fortsetzung? ;)
Auf meinem Rechner ;) Vielleicht schaffe ich es heute noch, sie zu posten. Nach dem Tatort. Und nach den ermutigenden Reaktionen :) Siehe oben - ich hatte nicht so ein gutes Gefühl. Warum, merkt man vielleicht erst in Teil 2 ... Ich habe mir tagelang den Kopf zerbrochen, wie diese bescheuerten romantischen Komödien enden! Aber mir ist partout keine sinnvolle Handlung eingefallen *zähneknirsch*

denn wir wissen ja, dass Thiel Angst vor Pferden hat.
*grins*
Ja, das dand ich auch lustig. Ebenso wie die Tatsache, daß auch hier Boerne den Doktortitel hat und nicht Thiel ;)

Ich bin wirklich überrascht, wie gut man die beiden in solch einer AU darstellen kann
Ich auch :D Es macht auch tatsächlich unerwartet viel Spaß. Vielleicht versuche ich das irgendwann nochmal.


Schon allein weil du du deine Kenntnisse zum Thema Pferde und Tierärzte habe ich aus "Der Doktor und das liebe Vieh" hast muss ich dieses AU einfach lieben xD /fangirl

Es klingt auf alle Fälle schonmal klasse und ich freue mich auf mehr :3
Ich liebe All creatures great and small
Habe ich schon als Kind gesehen und in Wiederholungen immer wieder :)

Freut mich, daß Dir das AU gefällt!
Jetzt habe ich doch gleich angefangen zu lesen und ich mag den Tonfall auch sehr und dieses extra Kitschige, das wohl zum Harlequin gehört, nehme ich an, macht viel Spaß zu lesen (und sicher auch zu schreiben?).

Schön, dass sie so IC sind, wenn man das für AU überhaupt sagen kann. Und Alberich ist super, die Dialoge wie aus dem Tatort, und dass Frau Klemm auftaucht ...

Und Thiel als fescher neuer Tierarzt mit den blauen Augen ... Und Boerne, der sich kaum der heiratswilligen Damen erwehren kann. Das macht einfach Spass! Schöne Umsetzung.
Bin gespannt auf Teil 2.
Ja, das kenne ich ;) Die Neugier ist dann doch größer ...

Ich freu' mich, daß Du Spaß dran findest. AUs sind vielleicht doch nicht so verkehrt, wie ich immer dachte ;)

dieses extra Kitschige
Ja, das ist der Harlequin-Faktor. Super, wenn man das merkt, ich hatte ja befürchtet, ich schaffe es nicht, (noch) kitschiger zu sein als sonst. Das Schreiben hat tatsächlich Spaß gemacht, aber vor allem das mit dem AU. Es ist lustig, was sich da plötzlich alles an neuen Ideen auftun kann, die man sonst ja nicht unterbringen könnte.

Boerne, der sich kaum der heiratswilligen Damen erwehren kann
*snicker*
Ja, das fand ich auch lustig. Das Problem hat er in seinem Universum ja nun nicht ;)
Frau von Gladenbeck auf halb eins
Weißt du, dass du mich mit dieser Aussage echt ins Überlegen gebracht hast? Ich habe für solche Beschreibungen bislang immer nur ganze Stunden verwendet und musste zwei Sekunden darauf verschwenden, mir zu überlegen, wo genau die von Gladenbeck denn nun auftauchen würde... zwischen zwölf und eins, ja?
Kein Wunder, dass Boerne ihr nicht entwischen konnte, er war bestimmt ebenso begriffsstutzig wie ich... wobei er das im Gegensatz zu mir niemals zugeben würde ^^

Edited at 2013-05-21 09:55 pm (UTC)
ähem ... darüber habe ich nicht länger nachgedacht ;) Aber ja, sie müßte dann in der Mitte zwischen 12 und 1 auftauchen. Und ja, ich fürchte, das hat auch Boerne überfordert ... Ich verstehe eh nie so genau, wie das funktioniert - man muß dann ja genau gleich ausgerichtet stehen, oder? Sprich, wenn Boerne Alberich gegenüber steht, hilft die Aussage "auf halb eins" recht wenig. Es sei denn, sie versetzt sich davor in seine Position ... *grübel* Oder es war von Alberich aus gesehen "halb eins", dann wäre es für Boerne, der ihr gegenübersitzt, äh, "halb sieben"? Ach, das ist mir zu kompliziert ... ;)
Mir auch!
xD