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BT_Wandern

September 2018

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Büttenwarder

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BT_Winter

Erinnerungssplitter

Rating: P 6
Genre: Slash, est. rel., Weihnachtskitsch
120-Minuten-Prompt: Christbaumkugelsplitter
Bingo-Prompt: Essen (Bingokarte)
Personen: Thiel, Boerne, Herbert
Handlung: alte und neue Traditionen
Warnungen: Weihnachtskitsch steht nicht umsonst unter Genre ;) Das Prompt hat mich sentimental gemacht. Alle drei sind ordentlich OOC … sorry folks
Länge: ~ 850 Wörter
Zeit: ~ 70 Minuten
geschrieben für den 120_minuten Adventskalender


~*~*~*~


„Frank?“

Boerne war ihm in die Küche gefolgt, und er tat hastig so, als hätte er etwas am Herd zu tun.

„Stimmt was nicht?“

„Was soll denn nicht stimmen? Bleib lieber im Wohnzimmer und paß auf, daß Herbert die Weinflasche nicht schon vorm Essen leermacht.“

Boernes besorgter Gesichtsausdruck verwandelte sich in ein Lächeln. „Ah.“

„Was, ah?“

„Dir geht dein Vater mit seinen Geschichten aus deiner Kindheit auf die Nerven.“ Boerne grinste. „Hast du Angst, daß ich all deine dunklen Geheimnisse erfahre?“

„Pfff …“ Er starrte angestrengt in den Topf und hoffte, daß Boerne nicht weiter nachbohren und ihn in Ruhe lassen würde. Dann würden sie diesen Tag irgendwie über die Bühne bringen, und er würde sich garantiert nicht noch einmal darauf einlassen, seinen Vater zu den Festtagen einzuladen.

„Weißt du …“, Finger schlossen sich um die Hand, in der er den Löffel hielt, und er sah überrascht auf, „… ich verstehe vielleicht nicht allzuviel vom Kochen, aber ich weiß schon, daß es keinen Grund gibt, aus dem du jetzt minutenlang in der Soße rühren müßtest.“



„Die eigenen Eltern sind einem immer ein bißchen peinlich.“ Boerne ignorierte geflissentlich, daß er überhaupt keine Antwort erhalten hatte, und redete einfach weiter. „Aber das ist nur ein subjektiver Eindruck, ich finde es eigentlich gerade ganz nett.“

„Ganz nett.“ Thiel befreite seine Hand und rührte energisch weiter. „Wirklich witzig, diese Geschichte mit der Christbaumkugel.“

„Ich konnte dem durchaus eine humoristische Note –“

Er schnaubte. Daran war gar nichts komisch gewesen. Überhaupt nichts. Er konnte sich an die Angst und die Schuldgefühle erinnern, als wäre es gestern gewesen. Weil er genau gewußt hatte, daß er das nicht hätte tun sollen. Nicht um den Baum rennen, hatte sein Vater gesagt, du reißt noch den ganzen Schmuck runter. Und dann war es passiert, da lag sie, die letzte der Christbaumkugeln, die seine Mutter noch von ihrer Mutter hatte, zersplittert in tausend Stücke. Er hatte verzweifelt versucht, alle Spuren zu beseitigen, obwohl er doch genau gewußt hatte, daß es ihnen auffallen würde, daß sie merken mußten, daß die Kugel fehlte. Das war mit Abstand das furchtbarste Weihnachtsfest seiner Kindheit gewesen, noch schlimmer als das erste Weihnachten ohne seinen Vater. Die ganze Zeit hatte er darauf gewartet, daß sein Vater oder seine Mutter den Baum näher betrachten und feststellen würden, was passiert war. Und jetzt erzählte sein Vater gut gelaunt, wie sie die Splitter noch Wochen später an verschiedenen Stellen in der Wohnung entdeckt hatten, als wäre das alles ein einziger großer Witz –

„Frank …“ Boerne sah ihn an. „Ich kann mir vorstellen, daß das damals für dich nicht lustig war. Aber das ist vierzig Jahre her … Und Herbert erinnert sich anders daran als du, das ist doch normal.“ Eine Hand kletterte an seinem Arm nach oben bis zur Schulter und er ließ sich in die Arme nehmen, obwohl er sich gerade reichlich albern vorkam, sich so aufzuregen wegen so einer alten Geschichte, und obwohl er gar nicht so genau wußte, warum ihm das jetzt eben eigentlich derartig den Boden unter den Füßen weggezogen hatte. Das war doch alles nicht nur schon vierzig Jahre her, er hatte auch fast ebenso lange nicht mehr daran gedacht. „Alles wieder in Ordnung?“ murmelte Boerne, den Mund in seinen Haaren, aber bevor er antworten konnte, öffnete sich die Küchentür ein zweites Mal.

„Jungs, wo bleibt Ihr -“ Herbert warf ihnen einen Blick zu und räusperte sich. „Stör ich?“

„Ach woher“, sagte Boerne und ließ ihn los. „Ich glaube, das Essen ist dann auch so weit.“

„Du kannst die Kartoffeln abschütten und in die Schüssel füllen.“ Seine Stimme klang immer noch ein bißchen belegt, und sein Vater sah ihn neugierig an, sagte aber ausnahmsweise mal nichts, sondern machte sich an die Arbeit. Thiel konzentrierte sich derweil auf den Braten und merkte erst nach einigen Minuten, daß Boerne am Rand stand und ihnen dabei zusah, wie Herbert und er das Essen auf den Tisch brachten. Ein bißchen wie früher, dachte Thiel. Am ersten Weihnachtsfeiertag hatte immer sein Vater gekocht, und er hatte geholfen. Und seine Mutter hatte die Füße hochgelegt und sich vom Streß der Vorweihnachtszeit erholt. Nur daß es diesmal umgekehrt war, er hatte gekocht und Herbert hatte geholfen. Und daß jetzt Herbert das Glas hob, als sie wieder am Tisch saßen, und „Ein Hoch auf den Koch“ sagte und ihm dabei zuzwinkerte.

„Auf alte und neue Traditionen“, sagte Boerne und lächelte. Natürlich hatte Herbert auch vom Kochen am ersten Weihnachtsfeiertag erzählt. Und von tausend anderen Dingen. Wie sie damals in dem Winter, als er arbeitslos und das Geld knapp gewesen war, auf dem städtischen Friedhof im Schutz der Dunkelheit ein Tännchen geklaut hatten. Und wie die ganze Wohnung nach Zimt gerochen hatte, als sie mit der Beute zurückgekommen waren, weil seine Mutter Zimtsterne gebacken hatte. Und wie er in diesem Jahr so viele Zimtsterne gegessen hatte, daß ihm drei Tage schlecht gewesen war. Zimt ist in hohen Dosen durchaus gefährlich für den menschlichen Organismus, vor allem bei Kindern, hatte Boerne eingeworfen. Ich glaube, er hat sich einfach nur überfressen, hatte Herbert geantwortet.

„Vielleicht sollten wir das nächstes Jahr wieder machen“, sagte er, und überraschte sich selbst damit am meisten.

~*~ Fin ~*~

Comments

Das ist wirklich sehr niedlich. Und ich glaube, eine solche oder ähnliche Geschichte kennen viele von uns; etwas, das wir ganz anders (in der Regel viel schlimmer) als unsere Eltern in Erinnerung haben. Ich gehöre jedenfalls dazu.

Herbert ist süß hier. ^^
Freut mich - die Geschichte war nämlich ein bißchen arg aus dem Ärmel geschüttelt ;)

Aber bei den Christbaumkugelsplittern fiel mir sofort diese Erinnerung ein, und dann hat Thiel sie abbekommen, ob er wollte oder nicht. Ich wollte ohnehin die ganze Zeit was zu Thiel Senior und Junior schreiben, auch wenn das hier nicht das geworden ist, was ich eigentlich im Sinn hatte.
"Zimt ist in hohen Dosen durchaus gefährlich für den menschlichen Organismus, vor allem bei Kindern, hatte Boerne eingeworfen. Ich glaube, er hat sich einfach nur überfressen, hatte Herbert geantwortet."

*lol* Ich denke, das charakterisiert die beiden Männer perfekt!

Mir gefällt die Story sehr gut, und zu Weihnachten darf es doch ruhig ein bisschen was mit Kindheitserinnerungen sein.

Und ich glaube auch, dass man als Kind viele Dinge anders gesehen und eingeschätzt hat, als man es als Erwachsener tut.

Sehr nett!
Danke :) Die zitierte Stelle mochte ich auch. Nur mit dem Rest ... irgendwie stimmt das Timing hier nicht richtig, jedenfalls für mein Gefühl. Und Thiel habe ich auch nicht so rübergebracht, wie ich das eigentlich wollte *mäkel* Aber für Schreiben auf Befehl & unter Zeitdruck kann man es vielleicht doch durchgehen lassen ;)

Und ich glaube auch, dass man als Kind viele Dinge anders gesehen und eingeschätzt hat, als man es als Erwachsener tut.
Oh ja. Ich verrate sicher kein Geheimnis, wenn ich sage, daß ich hier auf eigene Erfahrungen zurückgegriffen habe. Natürlich hab' ich's dramatisiert, aber bei "Christbaumkugelsplitter" war die Erinnerung direkt zurück und wollte irgendwo verarbeitet werden ;)
Das bringt einen doch in die richtige Weihnachtsstimmung. Mir gefällt der Gedanke, dass Thiel, Boerne und Herbert doch relativ einträchtig beieinander sitzen. :)

Ich mag es ja immer sehr, wenn einer der beiden aufmerksam genug ist, um zu merken, dass es dem anderen nicht gut geht oder ihn zumindest etwas bedrückt.

Und ich denke, dass sich jeder in solch eine Kindheitserinnerung hineinversetzen kann.
Das bringt einen doch in die richtige Weihnachtsstimmung.
Das ist schön! Irgendwie gehört da ein bißchen Familienstreß ja auch dazu ;) Wobei ich schon denke, daß die drei eigentlich tatsächlich einen ganz netten Abend haben, auch wenn Thiel diese Kindheitsgeschichte in den falschen Hals gekriegt hat. Das wird wieder. :)