?

Log in

No account? Create an account
BT_Wandern

November 2018

S M T W T F S
    123
45678910
11121314151617
18192021222324
252627282930 

Büttenwarder

Powered by LiveJournal.com
Wege

Ein neuer Anfang - Kapitel 2 - (SK Kölsch)

Kapitel 1 (und Header) <<


***


Die neue Wohnung war sehr viel ordentlicher als die alte. Fast leer. Klaus lag wach im Bett und starrte im Dunkeln an die Decke. Es war so still hier, ganz ungewohnt ohne die gedämpfte Musik aus dem Rättematäng. Ohne Jupps leises Schnarchen aus dem Nachbarzimmer. Auszuziehen war ihm wirklich nicht leicht gefallen. Und Jupp war immer noch … merkwürdig. Er hatte nicht mehr versucht, ihn zum Bleiben zu überreden, aber irgendetwas war komisch und anders zwischen ihnen, seit er gesagt hatte, daß er ausziehen würde.

Die da drinnen sagen, Ellen ist tot.

Wenn er die Augen schloß, sah er Jupp in diesem Krankenhausflur vor sich. Schuldgefühle, Helfersyndrom, sagte der rationalere Teil seines Verstands. Aber er hätte Jupp gar nicht geholfen, wenn er noch länger bei den beiden geblieben wäre. Jupp mußte selbst wieder auf die Beine kommen, und das war er ja auch. Er schaffte das mit Flo. Und wenn der Junge öfter Pizza vorgesetzt bekam, als strenggenommen gesund war, würde er deshalb noch lange keinen bleibenden Schaden davontragen.


***


„Mist, Mist, Mist …“ Fluchend hechtete Jupp zum Herd und zog den Topf von der heißen Herdplatte. Natürlich zu spät, die Bolognese war angebrannt, das roch man bis in den Flur. Dabei war er doch nur ganz kurz zum Telefon …

„Du hast die Platte auf 12 stehen lassen“, informierte ihn Flo. „Klaus wär‘ das nicht passiert.“

Klaus wär‘ das nicht passiert“, äffte er Flo nach und bekam im gleichen Augenblick ein schlechtes Gewissen, als er den Gesichtsausdruck seines Sohnes sah. So ein verdammter Mist. Nett zusammen zu Abend essen, mehr hatte er doch gar nicht gewollt. Und jetzt – Soße angebrannt, und er mußte aufs Präsidium, Notfall. Und Flo sah aus, als würde er gleich losheulen, weil er ihn angefahren hatte, und weil er Klaus vermißte. Und Ellen. Es war alles eine einzige …

„Komm her.“ Er drückte Flo an sich, und der schniefte ein bißchen und befreite sich dann wieder. „Ich muß nochmal weg.“

Flo nickte.

„Kannst du dir so’ne Fertigsoße zu den Nudeln warmmachen? Ich mach das da weg, wenn ich wieder zurück bin.“ Er deutete in die generelle Richtung des rauchenden Soßentopfs. Die Nudeln hatte er zum Glück schon abgeschüttet gehabt, bevor das Telefon geklingelt hatte.

„Und du?“

„Ich eß was unterwegs.“

Flo schüttelte den Kopf. „Das ist ein sehr ungesunder Lebensstil …“

Er mußte lachen, als er seinem Sohn durch die Haare wuschelte. „Du warst zu lange mit Klaus zusammen, echt.“

Flo grinste auch. „Du bist ja nur neidisch, weil Klaus viel besser kochen kann als du.“

„Ja klar …“ Er drückte Flo noch einmal. „Ich bin so schnell wieder zuhause wie’s geht.“


***


Observation, so’ne Scheiße. Er sah ungeduldig auf die Uhr. Schon zehn, und er saß hier mit Klaus im Auto rum, während sich in der Wohnung kein Schwein rührte, und Flo –

„Hast du jemanden für Flo heute Abend?“ fragte Klaus wie auf Kommando, als wüßte er nicht selbst am besten, daß das mal wieder alles völlig aus dem Ruder gelaufen war.

„Anna“, gab er kurz angebunden zurück. Das stimmte auch irgendwie, immerhin hatte sie ihm versprochen, nach Flo zu sehen, falls Jupp zur Schlafenszeit immer noch nicht zuhause war.

„Ich meinte eigentlich –“

„Flo ist kein Baby mehr, der kommt auch mal einen Abend alleine zurecht.“

Klaus hatte sie schließlich alleine gelassen, Klaus hatte gemeint, daß Flo das schon schaffen würde, dann mußte er jetzt auch nicht so tun, als ob - 

„Um elf kommt Ablösung.“ Klaus starrte aus der Windschutzscheibe. „Gerkens.“

„Und Holtkamp?“

„Ist krank. Aber Gerkens kann für dich übernehmen, dann kannst du heim.“

Um elf würde Flo – hoffentlich – schon schlafen. Aber wenigstens würde er so nicht die Nacht alleine sein. Und er mußte sich nicht ohne Schlaf ums Frühstück kümmern. Er starrte auf die dunklen Fenster der Wohnung, die sie observierten. Wahrscheinlich würde hier die ganze Nacht nichts mehr passieren.

„Klaus …“

„Hm?“ Klaus drehte den Kopf zur Seite und sah in fragend an. Sah ihn vermutlich fragend an, so genau konnte man das im Dunkeln nicht sehen.

„Tut mir leid.“ Er verstand immer noch nicht, warum Klaus unbedingt so schnell hatte ausziehen müssen. Aber ihm wurde plötzlich klar, daß er seitdem ziemlich unausstehlich gewesen war. Und daß er sich nie bedankt hatte, für diese ersten Wochen nach Ellens Tod. Er war wie gelähmt gewesen, und er wußte wirklich nicht, was passiert wäre, wenn sich Klaus nicht um alles gekümmert hätte.

„Schon O.K.“ Klaus klang irgendwie erleichtert.

„Magst du am Wochenende mal wieder vorbeikommen? Flo jammert die ganze Zeit, daß ich nicht kochen kann …“

Klaus lachte, und für einen Moment schien es, als wäre alles wieder so wie immer.


***


Es war ein schöner Abend gewesen. Sie hatten Schlangen und Leitern gespielt und dann hatte Klaus gekocht und Flo und ihn als Hilfsarbeiter durch die Küche gescheucht, und dann war Flo irgendwann unter Protest ins Bett, und Klaus und er hatten sich mit einem Bier durchs Nachtprogramm gezappt, und alles war so gewesen wie in der Zeit, als Klaus noch bei ihnen gewohnt hatte. Und ihm war erst, als Klaus dann gegangen war, klargeworden, was los war.

Daß nicht nur Flo Klaus vermißte.

Daß es sich wie Familie anfühlte, wenn Klaus da war. Wie früher mit Ellen, in den guten Zeiten.

Und daß das nicht alles war.

„Du hast Ellen eben immer noch geliebt“, hatte Klaus damals gesagt, nach den ersten Tagen, als er ihn gefragt hatte, warum er sie immer noch so furchtbar vermißte. Und das stimmte auch, auf gewisse Weise. Ellen war etwas besonderes. Ellen war Flos Mutter. Das hätte sie immer verbunden, und er wußte, daran hätte sich nie etwas geändert. Aber er wußte ebenso sicher, daß sie nicht wieder zusammengekommen wären. Das hatte schon beim ersten Versuch nicht funktioniert, und weder Ellen noch er hatten sich da etwas vorgemacht. Während sie zusammengelebt hatten, hatten sie hauptsächlich gestritten. Aber nicht wie mit Klaus – richtig gestritten. Und außerdem war da nicht mehr das zwischen ihnen, was eben da sein mußte, wenn man verliebt war. Dieses … Kribbeln.

Nicht wie mit Klaus.

Er starrte an die Decke. Wie war das nur passiert? Und wann? Das wann ließ sich einigermaßen genau einkreisen, schon vor Ellens Unfall war er monatelang mit niemandem ausgegangen. Das war ihm damals gar nicht so auf gefallen, weil er es nicht vermißt hatte. Es gab so viel zu tun, die Arbeit, und Flo, und dann war da natürlich Klaus, mit dem er sehr viel mehr Zeit verbrachte als er das früher mit Kollegen getan hatte. Aber Ellen war aufgefallen, daß er monatelang keine neue Freundin mit ins Rattemätäng  gebracht hatte, erinnerte er sich plötzlich. Na, wirst du doch langsam häuslich? hatte sie gefragt, mit diesem leisen Lächeln, das sie manchmal hatte und das er nie so richtig deuten konnte.

Ob sie es gewußt hatte? Daß er Klaus … daß ihm Klaus … ja, was genau eigentlich? Bei dem Gedanken, Klaus zu küssen, und … mehr, fühlte er sich irgendwie komisch. Aber nicht nur. Da war auch noch was anderes. Er wälzte sich auf die Seite und beschloß, der Sache auf den Grund zu gehen. Das ganze Rumspekulieren brachte ihn ja doch nicht weiter. Er brauchte eine Gelegenheit, um auszuprobieren, ob er das wirklich tun konnte. Wollte. Und er wußte auch schon wie.

Erst sehr viel später, wenn er an diesen Moment zurückdachte, sollte ihm auffallen, daß er sich überhaupt nicht gefragt hatte, was Klaus eigentlich wollte. Du bist eben ein Egozentriker, wie er im Buche steht, meinte der nur dazu. Aber das war eine andere Geschichte.


*** tbc ***

Comments

Er brauchte eine Gelegenheit, um auszuprobieren, ob er das wirklich tun konnte. Wollte. Und er wußte auch schon wie.

Oh, oh, ich weiß nicht, ob das nach einem guten Plan klingt!
Es ist ein klassischer Jupp-Plan ;) Ich würde auch nicht behaupten, daß das schlau ist ...
Ich glaube ehrlich gesagt, daß Jupp meistens eher handelt als denkt. Zumindest denkt er nicht lange und gründlich nach, bevor er was tut.