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Raum und Zeit

Sommer-Challenge: Tabelle Übernatürliches – Joker – fürs Team(„Nostalgie“ Challenge vom 13.6.2014)
Fandom: Original (Projekt Erinnerungen)
Handlung: Wie ich einmal fünfunddreißig Jahre in fünfunddreißig Kilometern zurückgelegt habe.
Länge: ~ 600 Wörter
Zeit: ~ 60 Minuten
A/N: Ich wollte das schon ewig schreiben, seit dieser Busfahrt, habe mich aber nie richtig rangetraut. Natürlich ist es nicht so geworden wie ich es mir vorgestellt habe, aber wenigstens so ungefähr.

* Abfahrt *


Damals gab es hier einen jungen Baum, ziemlich nahe an der Mauer, die den Vorhof des Kindergartens umschließt. Man konnte auf die Mauer klettern, und dann von der Mauer zum Stamm des Bäumchens springen und nach unten rutschen wie die Feuerwehrmänner das im Film machten. Ich muß eine Weile suchen, bis ich den Baum wiederfinde – er ist groß geworden in all den Jahren, und dann, vielleicht, weil er zu nah an der Mauer stand, hat man ihn gefällt. Nur der Stumpf steht noch da, umfunktioniert als Tisch.

Zu Besuch zu Hause. Jetzt stehe ich wieder hier, an der Bushaltestelle, von der aus ich damals zur Schule gefahren bin, hinter mir mein Kindergarten. Und warte auf den Bus, der mich in die Stadt bringt, in der heute eine Tagung stattfindet. Als ich einsteige, bin ich mehr als dreißig Jahre jünger. Ich kenne den Busfahrer nicht und auch nicht die Menschen, die ein- und aussteigen. Aber die Sprache ist Heimat, und die Strecke ist immer noch dieselbe. Wir fahren durch Dörfer, in denen die Geschäfte die Namen meiner Mitschüler tragen. Hier wäre ich damals ausgestiegen. Als der Bus sich wieder in Bewegung setzt, kann ich halb verdeckt von anderen Häusern meine Grundschule sehen. Wir klettern eine steile Straße am Rand eines Hügels empor. Man sieht weit über Wiesen und Felder, kleine, gewundene Straßen und Dörfer, die von oben fast unecht wirken, wie Spielzeugdörfer. Hier ist die erste aus meiner Grundschulklasse gestorben, verunglückt, vielleicht war es auch ein Selbstmord, da war sie noch keine zwanzig. Ich sehe sie wieder vor mir, am letzten Schultag der vierten Klasse. Sie weint, weil wir anderen auf die Realschule gehen, aber sie muß aufs Gymnasium. Ihre Eltern wollen das so. Unsere Wege trennen sich an diesem Punkt und werden nie wieder zusammen kommen, obwohl wir nur wenige Kilometer voneinander entfernt wohnen. Ich rechne nach und erschrecke, als mir bewußt wird, daß ihr Tod jetzt schon länger her ist als ihr Leben gedauert hat.

Wir sind am höchsten Punkt angelangt und schlängeln uns durch die enge Kurve mit dem Streusalzcontainer am Rand. Bis hierher kann man von unserem Küchenfenster sehen, alles dahinter ist weit weg. Es beginnt zu regnen. Ich schaue auf eine verschwommene Landschaft, immer noch vertraut, aber nicht mehr alltäglich. Zweimal im Jahr sind wir mit diesem Bus gefahren, meine Mutter, meine Schwester und ich. In die große Stadt, in die ich auch jetzt will. Mein Vater hat damals dort gearbeitet, und nach dem Einkaufen hat er uns mit dem Auto wieder mit nach Hause genommen. Ich blinzle, um besser zu sehen, aber auch wenn mein Blick klarer wird, die Scheiben des Busses bleiben naß. Hier kommt die Stelle, wo die Straße über eine kleine Kuppe führt – wenn man nicht sehr vorsichtig fuhr, verlor man die Bodenhaftung. Weil wir Kinder das liebten, fuhr mein Vater hier immer extra rasant, und wir machten einen Sprung fast so spektakulär wie Colt Seavers. Seither ist die Straße schon dreimal neu gemacht worden, begradigt und breiter, aber wenn ein großes Fahrzeug wie ein Bus schnell fährt, spürt man die Kuppe noch.

Je näher wir der großen Stadt kommen, desto fremder wird alles. Der Bus nimmt eine andere Strecke als früher. Es hört auf zu regnen. Auch die Stadt selbst hat sich verändert, ich erkenne kaum etwas wieder. Mein Vater arbeitet schon seit fünfundzwanzig Jahren nicht mehr hier, und fast so lange ist es her, daß ich das letzte Mal in der Stadt war. Ich steige aus und gehe die letzten Meter zu Fuß. Das Kongreßzentrum muß ich suchen – als Kind war das nicht wichtig. Womöglich gab es dieses Gebäude damals noch gar nicht. In der Ferne sehe ich andere, die auf dem Weg zur gleichen Tagung sind. Menschen aus einem anderen Leben und einer anderen Zeit. Als ich den ersten begrüße, bin ich wieder vierzig.

* Ankunft *
Tags: !120 minuten, f: original, g: projekt erinnerungen
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