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BT_Wandern

August 2018

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Büttenwarder

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BT_Kiesgrube

Eisblumen

Fandom: Tatort Münster
Rating: P 6
Genre: Freundschaft, Fluff
Handlung: Seit einiger Zeit muß Boerne öfter an früher denken. Spielt nach „Zwischen den Ohren“. (Boernes POV)
Länge: ~ 1.100 Wörter
A/N: Ein Wichtelgeschenk für anja79. Ich hoffe, es gefällt Dir :)
Geschrieben für den Tatort-Adventskalender 2014 und fürs Wichteln auf deutsch_fandom.

~*~*~*~


Es war immer noch kalt, als er die Tür der Schrebergartenhütte hinter sich zuzog. Aber alleine die Tatsache, daß er sich jetzt in einem Raum befand, ließ es ihm wärmer vorkommen als vorher. Auf jeden Fall war es sicherer. Fröstelnd steckte er die Hände in die Achselhöhlen, um sie aufzuwärmen, und sah sich in dem leeren Raum um. Da war der Tisch, an dem er im Sommer oft mit Susi gesessen hatte. Das Fenster zum Garten war über und über mit Eisblumen bedeckt, man konnte gar nicht mehr durchschauen. Er würde wohl hierbleiben müssen, bis er sicher sein konnte, daß Dirk und Markus nicht mehr draußen herumlungerten. Bei der Kälte würden die sicher bald aufgeben und nach Hause gehen. Eine Stunde vielleicht. Oder zwei, um ganz sicher zu sein. Er würde schon nicht – Die Tür knarrte, als jemand von außen die Klinke herunterdrückte, und er wich vor Schreck in die hinterste Ecke zurück. Sie konnten ihn doch unmöglich gefunden haben? Sie wußten doch nicht, daß Susis Eltern hier einen Schrebergarten hatten, und außerdem –

„Karl? Was machst du denn hier?“ Herr Clemens stampfte mit den Füßen auf, um den Schnee abzuschütteln, bevor er einen Schritt weiter in die Hütte kam. „Suchst du Susi? Die ist heute Nachmittag beim Reitunterricht.“

Sein Herzschlag beruhigte sich langsam wieder. „Ich ... ich dachte wir wollten uns treffen. Heute.“

„Im Garten?“ Herr Clemens sah ihn an und kniff die Augen zusammen. „Was hast du denn da im Gesicht?“

„Bin ausgerutscht und hingefallen.“ Er wich dem Blick aus und hoffte, Susis Vater würde nicht weiter nachfragen. Er beachtete ihn ja sonst auch meistens nicht, wenn er bei Susi war. Sah ihn nur manchmal so seltsam an, als ob er sich fragen würde, was mit ihm los sei. Aber das war er gewöhnt, so sahen die Leute ihn oft an.

„Ich bin wegen dem Holz da“, sagte Herr Clemens nach einigen Sekunden, die ihm furchtbar lang vorkamen. „Du kannst helfen, wenn du Lust hast.“

Erleichtert sah er auf. Susis Vater deute mit dem Daumen hinter sich, in Richtung des großen Holzstapels unter dem Vordach der Hütte. Das dauerte bestimmt eine ganze Zeit, und bis dahin war der Heimweg bestimmt wieder sicher.

Er hatte noch nie Holz gehackt, aber Herr Clemens zeigte ihm, wie er die Axt halten mußte und wie sich die Stücke am leichtesten spalten ließen. Nach einer Weile machte es richtig Spaß, und er hatte schon fast vergessen, warum er überhaupt hier war, als Herr Clemens sagte: „Jetzt ist aber mal Zeit für eine Pause. Weißt du, wie man Feuer anmacht?“

„Selbstverständlich“, erklärte er im Brustton der Überzeugung. Sonst hatte das zwar immer Susi gemacht, aber er hatte ganz oft zugeschaut.

„Dann geht schonmal rein und mach den Ofen an.“

Ganz so einfach war es dann noch nicht gewesen, aber nach ein paar Minuten flackerte ein fröhliches kleines Feuer in dem Allesbrenner, wie Susi den kleinen Ofen in der Hütte nannte. Er legte zwei größere Holzscheite nach und lehnte die Tür an, damit das Feuer genug Sauerstoff bekam. Herr Clemens kam kurz darauf herein und holte eine große Thermoskanne aus der Aktentasche, die er mitgebracht hatte.

„Wer arbeitet wie ein Mann, kann auch Kaffee trinken wie ein Mann.“

Zuhause durfte er noch keinen Kaffee trinken, aber das erzählte er lieber nicht. Ihm war wieder kalt geworden, seit er sich nicht mehr bewegte, und er nahm dankbar die Tasse mit dem heißen Getränk in beide Hände. Hellbraun, süß und heiß. Und darunter ein merkwürdig bitterer Geschmack. Er trank noch einen Schluck. Herr Clemens schwieg und trank ebenfalls. Susis Vater redete eigentlich nie sehr viel. Nicht wie sein Vater, der immer Fragen hatte, wenn er denn einmal Zeit für ihn hatte. Wie es in der Schule ging. Ob er auch Geige geübt hatte. Solche Sachen meistens und irgendwie nie die Dinge, die ihm wichtig waren.

„Es wird schon bald dunkel“, sagte Herr Clemens. „Ich kann dich nachher mit dem Auto mitnehmen und zuhause absetzen.“

Er nickte und versuchte, nicht so erleichtert auszusehen wie er sich fühlte. Und dann trank er noch einen Schluck Kaffee und noch einen und sah zu, wie die Eisblumen am Fenster langsam schmolzen.

~*~*~*~


Thiel räusperte sich und er kam in die Gegenwart zurück. „Wie bitte?“

„Ich hatte eigentlich nur gesagt, daß ich Eisblumen zuletzt als Kind gesehen habe.“

„Ich auch“, antwortete er geistesabwesend. Und vielleicht weil Thiel wartete und ihn so merkwürdig ansah, erzählte er ihm von jenem Nachmittag im Dezember im Schrebergarten von Susanne Clemens Eltern.

Überraschenderweise unterbrach Thiel ihn gar nicht so wie sonst, wenn er etwas erzählte. Das war so ungewohnt, daß er sich fast schon irritiert fühlte. Meistens hatte er ja den Verdacht, daß Thiel ihm in Wirklichkeit gar nicht richtig zuhörte, wenn er ihm etwas erzählte. Dabei ging es normalerweise um sehr viel wichtigere Dinge als Kindheitserinnerungen, die, im rechten Licht betrachtet, eigentlich nicht wirklich interessant waren. Wenn er ehrlich war wußte er gar nicht so genau, wieso er das jetzt erzählte. Und Thiel fragte sich vermutlich dasselbe, denn als er fertig war, schwieg der andere.

„Wir sollten besser weitermachen, sonst wird das heute nichts mehr“, sagte er nach einigen Sekunden und wendete sich wieder dem immer noch beträchtlichen Berg an Gerümpel zu, das sie für den Sperrmüll aussortieren wollten.

„Wissen Sie was …“

„Was?“ Er zerrte eine angeschlagene Vase aus ihrer Verpackung und fragte sich, warum in Gottes Namen er die nicht gleich weggeworfen hatte. Und gehörte sowas eigentlich in den normalen Hausmüll?

„Das schaffen wir heute doch sowieso nicht mehr alles.“

„Ihnen fehlt es nur an der richtigen Einstellung“, antwortete er verärgert. „Außerdem haben Sie gesagt, Sie würden mir helfen, und –“

Eine Hand legte sich auf seinen Arm und stoppte ihn. „Das hab‘ ich ja auch. Und ich kann Ihnen nächsten Monat auch mit dem Rest helfen. Aber für heute, find‘ ich, sollten wir Schluß machen.“

Er drehte sich um. „Vielleicht haben Sie recht.“

„Klar hab‘ ich recht“, brummte Thiel. „Wollen Sie noch mit zu mir kommen, auf einen heißen Grog zum Aufwärmen?“

Er nickte und ging hinter Thiel her die Kellertreppe nach oben. Irgendetwas war anders seit diesem Fall vor einigen Monaten, als sie Susannes Leiche im Fluß gefunden hatten. Vielleicht auch erst seit diesem Anruf, als Nadine ins Krankenhaus eingeliefert worden war.

„Ich hatte früher Eisblumen an meinem Kinderzimmerfenster“, sagte Thiel, als er die Tasse Grog vor ihm abstellte. „Einfach verglast. Wenn man im Winter morgens wach wurde, waren die Fenster zugefroren. Das sah schön aus, war aber saukalt. Ich bin immer wie der Blitz ins Bad gerannt um mich anzuziehen. Im Bad war der Ofen nämlich rund um die Uhr an.“

Boerne mußte lächeln, als er sich Thiel als Kind vorstellte. Einen kleinen, rundlichen Jungen, der barfuß durch die Kälte rannte, mit einem Arm voller Kleidungsstücke.

„Trinken Sie, sonst wird’s kalt.“

Vielleicht war der Unterschied der, daß sie nicht mehr nur über ihre Fälle redeten.

„Wer waren eigentlich Dirk und Markus?“

Vielleicht war der Unterschied der, daß sie inzwischen sowas wie Freunde waren.

~*~ Fin ~*~

Comments

Gefällt mir sehr! Vielen Dank :)

Boerne mußte lächeln, als er sich Thiel als Kind vorstellte. Einen kleinen, rundlichen Jungen, der barfuß durch die Kälte rannte, mit einem Arm voller Kleidungsstücke.
->süß :)

Vielleicht war der Unterschied der, daß sie inzwischen sowas wie Freunde waren.
->Schöner Schlusssatz :)
Puh, ich bin erleichtert! :) Ich hab' meine Wichtelgeschenke schon im November (mitten in der Herbst/Winter-Depression) geschrieben und hab' mich bei allen recht unsicher gefühlt. Vielleicht liegt es auch daran, weil ich es als Geschenk geschrieben habe und deshalb besonders schön haben wollte ...

Jedenfalls, bei "Eisblumen" mußte ich sofort an meine Kindheit denken, und dann war das irgendwie naheliegend.

süß :)
Das Bild mochte ich auch sehr. Wenn ich künstlerisch begabter wäre, würde ich den kleinen Thiel zeichnen :)

Edited at 2014-12-20 10:02 am (UTC)
Ja, irgendwie kann ich mir vorstellen, dass Boerne keine ganz einfache Kindheit hatte, was andere Kinder betrifft.
Aber es ist ja ganz toll, dass er jetzt jemanden gefunden hat, mit dem er es wagt darüber zu sprechen - und ich bin sicher, er wird Thiel auch noch erklären, wer Dirk und Markus waren.

Sehr schön geworden - und Eisblumen habe ich auch schon lange nicht mehr gesehen.
Ja, irgendwie kann ich mir vorstellen, dass Boerne keine ganz einfache Kindheit hatte, was andere Kinder betrifft.
Das fürchte ich allerdings auch - so viele Gründe, um von den anderen eins aufs Dach zu kriegen ... Und in "Zwischen den Ohren" wird das ja auch an/ausgesprochen.

Ich freu mich, daß es Dir gefällt. Wenn was länger rumliegt, bis ich es veröffentliche, werde ich immer skeptischer ...

Eisblumen habe ich auch schon lange nicht mehr gesehen
Heute ist die Gebäudeisolierung weiter. Für mich sind Eisblumen auch Kindheitserinnerungen, als wir einfach verglaste Fenster (und Ölöfen, aber nicht im Schlafzimmer, das war unbeheizt) hatte. Da wurde man manchmal morgens wach und das Fenster war zugefroren. Und nur das Badezimmer war warm ;)
Das ist sehr schön geworden!! Mir gefällt dein Herr Clemens sehr. 😊 Ein schönes Türchen!! 😏
:D

Irgendjemand hat irgendwo mal drüber spekuliert, welche Erinnerungen Boerne wohl an Herrn Clemens hat - immerhin scheint er ja doch als Kind einige Zeit in dem Haus verbracht zu haben. Ich hab' ihn mir vorgestellt wie jemanden, der zwar mit dem kleinen Karl auch nicht viel anfangen kann, der ihn aber einfach mitlaufen läßt, so daß das Verhältnis entspannter ist als mit anderen Erwachsenen. Manchmal gibt es sowas ja - zumindest erinnere ich mich an solche Beziehungen, und mir mir konnte auch niemand wirklich was anfangen ;)
Ich habe mich während des Lesens die ganze Zeit an T'Siheks Geschichte erinnert, in der Alberich die Beerdigung von Susi beobachtet. Und irgendwie passt das alles gut zusammen mit deinem Text, denn sie schreibt glaube ich sinngemäß: "...der [Herr Clemens] für Boerne wichtig gewesen zu sein schien..." Oder so etwas ähnliches. Und dieser Text ist einfach so eine schöne Erklärung, warum das so gewesen sein konnte...

Edited at 2014-12-20 10:45 am (UTC)
Stimmt, das war bei T'Sihek! Hatte ich ganz vergessen, aber als ich das damals gelesen habe, kam es mir auch sehr überzeugend vor.
Das ist eine wirklich berührende Geschichte und mein perfekter Abschluss für diesen Tag. <3

Ich glaube auch, dass Boerne allgemein keine einfache Kindheit hatte. Wie gut, dass er jetzt wenigstens Thiel hat. ;)

„Klar hab‘ ich recht“
So etwas aus Thiels Mund? Boerne scheint abzufärben.. ^^

Und wow, du machst mich noch verrückt mit deinen perfekten Enden.
Das ist eine wirklich berührende Geschichte und mein perfekter Abschluss für diesen Tag. <3
Das freut mich sehr! Besonders, daß Du das Ende magst, gerade da war ich mir nämlich ziemlich unsicher.

Ich denke auch, daß Boerne als Kind nicht viel Spaß hatte. Ich meine, Erwachsene halten sich ja meistens etwas zurück, aber Kinder sind gnadenlos.

Boerne scheint abzufärben.. ^^
Allerdings ;) Naja, wenn man so viel Zeit miteinander verbringt, passiert das schonmal ...