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September 2018

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Büttenwarder

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Büttenwarder B Huhn

Kurzurlaub (Kapitel 2)

Am nächsten Morgen

Also so langsam schlug ihm diese Sache wirklich auf den Magen. Brakelmann schob die Mettwurst von sich und legte den angebissenen Brotkanten wieder zurück aufs Frühstücksbrett. Nicht mal darauf hatte er heute Lust. Und Adsche war auch viel zu spät! Dabei brauchte er jetzt wirklich ein Bier zum Nachdenken. Außerdem konnte er seine Gedanken immer viel besser sortieren, wenn Adsche da war. Wahrscheinlich weil er dann laut denken konnte. Alleine ging da ja nun mal schlecht. Mit sich selbst reden, da könnte er sich ja auch gleich einliefern lassen. Dann noch besser mit Adsche, auch wenn das manchmal so ungefähr aufs selbe rauskam wie wenn er mit sich selbst reden würde. Ob er schon mal rausgehen sollte? Aber in dem Moment hörte er das Scheunentor knarren und kurz darauf Adsches Schritte.

„Du bist zu spät.“

„Moin“, sagte Adsche. „Was is‘ dir denn über die Leber gelaufen?“

Brakelmann warf Adsche einen grimmigen Blick zu.

„Isses schon wieder passiert?“

Brakelmann nickte.

„Mann, Mann, Mann …“ Adsche ließ sich auf seinen Stuhl fallen. „Und jetzt?“

„Dorfkrug“, sagte Brakelmann. Er mußte jetzt endlich an die frische Luft und ein Stück laufen. Und außerdem war Zeit für den Frühschoppen. Dann sah die Welt meistens schon besser aus.

„Guck mal, hab‘ ich dir mitgebracht.“ Adsche griff in seine Jackentasche und steckte eine Blume in eines der Gläser, die noch von gestern auf dem Tisch standen. „Von Michelsens altem Hof.“

„Da ist doch alles ganz verwildert.“ Brakelmann griff nach dem Glas. Eine weiße Rose, voll aufgeblüht und makellos. Also, bis auf die Tatsache, daß sie ein wenig aus der Form geraten war, weil Adsche sie in seiner Jackentasche transportiert hatte. Irgendwo klopfte ganz weit hinten in seinem Kopf eine Erinnerung an.

„Weißt du noch, der Rosenbusch neben der Haustür? Der hat dies Jahr nochmal ein paar Blüten bekommen. Ich hab‘ sie vom Weg aus gesehen.“

Jetzt roch er auch den Duft, und die Erinnerung kam zurück. Im Juni, wenn die Rosen so richtig geblüht hatten, hatte der ganze Hof so gerochen. Solange man nicht zu nahe am Misthaufen stand. Das erinnerte ihn an den einen Sommer, in dem sie mit Michelsens Liese gespielt hatten. Und dann war da noch ein kleinerer Junge dabei gewesen, den Liese angeschleppt hatte. Wo hatte der nochmal hingehört? Das war der Sommer gewesen, in dem Adsche und er …

„Laß mal losgehn.“ Brakelmann stellte das Glas ab und stand auf. Michelsens Hof war schon lange unbewohnt. Liese hatte studiert und war nach Australien ausgewandert, und ihre Eltern waren schon seit zwanzig Jahren tot. Dieser Sommer war bald vierzig Jahre her. Und jetzt hatte er sowieso ganz andere Sorgen.


***


Irgendwo in der Ferne wummerten die Bässe einer Stereoanlage … Thiel drehte sich im Halbschlaf um und wurde durch ein Knarzen geweckt, das völlig unvertraut klang. Einige Sekunden starrte er auf die Wand, an der ein Ölbild mit einem röhrenden Hirsch hing, und versuchte herauszufinden, wo er gerade war und warum. Und dann wurden die Bässe zum Tuckern eines Treckers und ihm fiel wieder ein, daß er Urlaub hatte. Sie hatten Urlaub. In Büttenwarder.

Thiel schloß die Augen, wickelte sich noch einmal ordentlich in die Decke und lächelte. Das Tuckern des Treckers war schon wieder verklungen, und die Sonne, die durch das offene Fenster aufs Bett fiel, kitzelte ihn im Gesicht. So lange und gut hatte er schon ewig nicht mehr geschlafen. Die frische Luft und die Ruhe hier waren wirklich großartig. Neben ihm bewegte sich Boerne und brummelte etwas Unverständliches, und er streckte eine Hand aus, um den anderen näher zu ziehen. Boerne blinzelte ihn an, blinzelte ins Zimmer und legte den Kopf auf seine Schulter. Keine Termine. Keine Eile. Sie hatten nicht mal irgendwas geplant für diese drei freien Tage. Thiel atmete tief ein. Genau das hatte ihm gefehlt in den letzten Wochen. In den letzten Monaten. Eine ganze Weile taten sie nichts anderes als dazuliegen und langsam richtig wach zu werden. Er strich durch Boernes Haaransatz am Nacken und bis zu Schulter, und Boernes Finger huschten über die nackte Haut seines anderen Arms, kitzelten seine Ellenbogenbeuge und fuhren unters T-Shirt, seinen Oberarm entlang so weit es ging. Boerne seufzte.

„Meinst du, unten gibt’s schon Frühstück? Oder noch?“ Seine Stimme klang gedämpft, weil er den Mund in Boernes Haaren hatte, aber der verstand ihn trotzdem.

„Ist doch egal. Zur Not fahren wir einfach woanders hin zum Frühstück.“

Boerne rückte ein Stückchen von ihm ab und drückte sich hoch, auf den Ellenbogen.

„Was?“

„Du siehst lustig aus mit den Haaren.“ Boerne lächelte ihn an. Beugte sich wieder tiefer und küßte ihn. Einmal und zweimal und dreimal und Thiel lachte und die Küsse veränderten sich ebenso wie die Hände, die eben noch verschlafen über nackte Haut geklettert waren.

„Nicht …“ Er stoppte Boerne, als ihm ein Gedanke durch den Kopf schoß.

„Hm?“

„Wenn uns hier jetzt jemand hört?“ Das Bett knarrte und quietschte schon ganz schön, wenn man sich nur umdrehte.

Boerne küßte sein Ohrläppchen und er seufzte. Und riß sich wieder zusammen. „Ernsthaft.“

„Ich glaube, die Rückfrage wegen des zweiten Zimmers gestern geschah eher aus finanziellen als aus moralischen Motiven.“ Boerne schob sich halb über ihn, um seine Armbanduhr vom Nachttisch zu angeln.

„He!“

„Halb zehn … da sind doch die aufrechten Landwirte dieses schönen Örtchens sicher schon bei ihrem Tagwerk auf dem Feld.“ Boerne schob sich noch ein wenig höher, streckte sich bis zum äußersten und erwischte den Rand des Fensters, um ihm einen Schubs zu geben. Mit einem dumpfen Knall schlug es zu.

„Du bist ja jetzt schon außer Atem.“ Thiel mußte grinsen.

„Nicht halb so viel wie du gleich.“

Der Herausforderung in Boernes Augen hatte er noch nie widerstehen können.


***


Adsche war gerade mitten in einer komplizierten Geschichte über die Schweinezucht, die so langwierig war, daß Shorty beinahe Kuno beneidete, der vertieft in sein Killerkralle-Heft am Tisch neben dem Tresen saß. Brakelmann sagte auch schon seit einer Viertelstunde nur noch ab und zu „Ja“ oder „Sach bloß“ und schien geistig völlig weggetreten zu sein. Er fragte sich gerade, wo seine Sommerfrischler eigentlich blieben, als ein dumpfer Knall Adsche mitten im Satz stoppte.

„Was war das denn?“

„Das Fenster oben, glaub‘ ich.“ Diese Städter waren ja immer ganz scharf drauf, bei offenem Fenster zu schlafen. Dabei war es in den Nächten noch gar nicht so heiß. Er drehte sich um, um die Kaffeemaschine anzuwerfen. Jetzt war ja wohl bald Frühstück angesagt. Im Hintergrund war Adsche schon wieder bei seiner letzten Muttersau, obwohl das nun auch schon Jahre her war, daß er die Schweinezucht aufgegeben hatte. Ehrlich gesagt wußte er gar nicht so genau, wovon Adsche mittlerweile eigentlich lebte. Außer davon natürlich, bei ihm anschreiben zu lassen. Shorty seufzte. Er war einfach zu weichherzig.

Und dann hörte er es. Ein charakteristisches Quietschen – die Metallbetten waren wirklich eine dumme Entscheidung gewesen. Adsche schien das auch zu hören, denn er stoppte und lauschte ebenfalls. Da war das Quietschen wieder. Und wieder. Und … O.K., er konnte sich denken, was da los war.

„Hast du noch neue Gäste, Shorty?“ fragte Adsche interessiert.

„Nee. Nur die zwei von gestern.“ Er deutete mit dem Finger nach oben. „Die haben das Zimmer direkt hier drüber.“

„Ah …“ Adsche nickte wissend. Derweil steigerte sich die Frequenz des Quietschens noch einmal, und wenn er sich nicht sehr irrte – wobei, vermutlich spielte ihm da seine Phantasie einen Streich. So hellhörig war das hier ja nun auch nicht. Er drehte sich wieder um und machte die Kaffeemaschine noch einmal aus. Das würde dann ja wohl doch noch ein Weilchen dauern.

„Was meinst du mit ‚ah‘?“ fragte Brakelmann, der just in diesen Moment aus seinen Tagträumen aufzuwachen schien.

„Na, du weißt schon …“ Adsche schubste ihn leicht mit der Schulter an und grinste. „Erotik.“

Shorty beobachtete, wie sich Brakelmanns Gesichtsausdruck veränderte. Brakelmann war immer so zimperlich, wenn es um die Liebe ging. Oder genauer gesagt um Sex. Wobei er bisher ja eigentlich vermutet hatte, daß das daran lag, daß Brakelmann sich, nun ja, nicht wirklich so besonders für Frauen interessierte. Für Männer dann aber anscheinend auch nicht. Interessant.

„Is‘ ja gewaltig.“ Adsche riß seinen Blick wieder von der Zimmerdecke und schaute auf seine Armbanduhr. „Das geht jetzt schon fast zehn Minuten. Die sind doch schon ganz schön alt, daß die da noch so …“

Jetzt sah auch Kuno von seinem Heft auf. „Was so?“

„Davon verstehst du nix, Kuno.“ Shorty stellte das Glas beiseite, das er nun eindeutig lange genug poliert hatte. „Lies‘ man weiter.“

„Versteh‘ ich wohl.“ Kuno sah ihn verärgert an. „Ich weiß wohl, was die da machen.“

Das Quietschen wurde noch ein wenig schneller. Und jetzt starrte auch Kuno an die Decke, während Brakelmanns Gesichtsfarbe etwas dunkler geworden war. Soweit man das erkennen konnte.

„Was denkt ihr, wer von den beiden die Frau ist?“ fragte Kuno interessiert. Shorty wollte schon zu einer Antwort ansetzen, als ihm ausgerechnet Adsche zuvor kam.

„Das sind doch trotzdem zwei Kerle, auch wenn die miteinander …“, er wedelte vielsagend mit einer Hand.

Shorty nickte überrascht. Daß ihm selbst dank seines weiteren Horizonts nichts Menschliches fremd war, war ja selbstverständlich. Von Adsche hatte er das jetzt jedoch nicht erwartet.

Und dann wurde es still. Nur noch ein ganz leises, unregelmäßiges Quietschen war zu erahnen. Wenn sie nicht alle die Ohren gespitzt hätten, hätten sie das gar nicht mehr gehört.

„Guten Morgen, meine Schäfchen!“ Bürgermeister Schönbiehl betrat den Dorfkrug. „Machst du mir ein Gedeck?“ Er setzte sich an die Theke und schaute sich dann erstaunt im Raum um. „Was ist denn hier los?“


***


Wie Shorty das nicht anders erwartet hatte, nahm Schönbiehl die Neuigkeiten, die ihm Kuno und Adsche im Detail mitteilten, weltmännisch gelassen hin und bestellte erst einmal ein Bier.

„Vielleicht solltest du einmal in Betracht ziehen, dein Angebot zielgruppenspezifisch auszubauen.“

Shorty sah vom Zapfhahn auf. „Was meinst du mit zielgruppenspezifisch?“

Schönbiehl seufzte und rieb dann bedeutungsvoll Daumen und Zeigefinger aneinander. „Bekanntlich ist diese Bevölkerungsgruppe besonders zahlungskräftig. Und wo die beiden hergekommen sind, kommen vielleicht auch noch mehr her.“

Jetzt ging Shorty endlich ein Licht auf, und auch Brakelmann, der die ganze Zeit betont desinteressiert in die andere Richtung gesehen hatte, während Adsche und Kuno von den beiden Gästen berichtet hatten, drehte plötzlich den Kopf.

Shorty driftete bei dem Gedanken an neue Geschäftsideen kurz ab, schüttelte dann aber den Kopf und schob das Bier über den Tresen. „Also ich weiß ja nicht, Bürgermeister. Wir sind hier schließlich nicht auf Mykonos.“

„Aber wir haben hier in unserem schönen Büttenwarder doch alles zu bieten, was der Mann von heute braucht! Ruhe, viel frische Luft …“

„Kühe“, warf Adsche ein.

„Kühe?“ Schönbiehl schien den Faden verloren zu haben.

„Die sind sehr beruhigend. Vor allem für Städter.“

„Wie auch immer. Ich finde –“

„Moin.“


***


Mit der Ankunft der beiden Touristen wandte sich das Gespräch zum Glück endlich anderen Themen zu. Was die zwei da miteinander trieben, war ja ihre Sache, aber er sollte sich das wirklich nicht vorstellen müssen, fand Brakelmann. Und es war ziemlich schwer gewesen, sich das nicht vorzustellen, während man das Bett hatte quietschen und Adsche über Erotik hatte reden hören. Und weil er ausgerechnet heute Morgen wieder an den Sommer auf Michelsens Hof gedacht hatte, waren seine Gedanken weitergewandert zu Ereignissen, an die er noch viel weniger denken wollte und die er seit Jahrzehnten glücklich vergessen hatte.

Jetzt mußte er sich zum Glück nichts mehr vorstellen – das waren einfach nur zwei Freunde, die zusammen Urlaub machten. Da war ja nichts dabei, das hatten Adsche und er auch schon gemacht. Shorty brachte Kaffee und Brötchen und die zwei setzten sich an einen der beiden freien Tische, was ihn auf andere, wesentlich produktivere Gedanken brachte. Er tauschte einen Blick mit Adsche – das war ja wohl mal eine selten günstige Gelegenheit, von Shorty noch ein zweites Frühschoppen-Bier zu bekommen. Wo der doch mal ausnahmsweise gut gelaunt war, wegen der zahlenden Gäste.

„Machst du uns noch zwei?“ fragte Adsche, ganz so, als wäre das was Selbstverständliches.

Shorty griff nach zwei Gläsern und drehte sich zum Zapfhahn. Manchmal, dachte Brakelmann, konnte Adsche ganz schön gerissen sein mit seinen blauen Augen und dem treuherzigen Gesichtsausdruck und dieser unschuldigen Stimme. Beinahe hätte er ihm anerkennend auf die Schulter geklopft, aber er stoppte sich gerade noch rechtzeitig. Am Ende hätte das Shorty aus dem Rhythmus gebracht. Und außerdem mußte man das mit dem Lob bei Adsche auch nicht übertreiben.

„Für mich noch einen Kaffee“, sagte der Bürgermeister, der inzwischen sein Bier geleert und nach dem Landboten gegriffen hatte.

Shorty nickte und stellte die beiden Biergläser vor ihnen ab. Adsche grinste ihn triumphierend an, während Shorty ihnen den Rücken zuwendete und mit der Kaffeemaschine hantierte. Brakelmann hob sein Glas, nickte Adsche zu und nahm einen Schluck. Eigentlich war der Tag doch nicht so schlecht. Wenn diese Sache nicht gewesen wäre, wäre es sogar ein ausgesprochen guter Tag gewesen.

Wobei, auf die Szene eben hätte er wohl auch verzichten können. Über den Rand des Bierglases schielte er noch einmal zu den beiden Fremden hinüber. Wenn man ihnen so beim Reden zuhörte, wirkten die eigentlich ganz normal. Oder gestern, als sie sich gestritten hatten, weil der Professor es hier in Büttenwarder wohl zu langweilig fand. Ein Gefühl, das er so gar nicht nachvollziehen konnte. Jedenfalls waren ihm die beiden da gar nicht so viel anders vorgekommen als Adsche und er. Man merkte wohl, daß sie sich schon lange kannten. Aber daß die eben wirklich … Nein, die Vorstellung kam ihm mit jeder Minute absurder vor – vor allen, wenn die beiden jetzt hier so saßen.

„Paß doch auf!“ Jetzt hätte er fast was von seinem Bier verschüttet, weil Adsche sich zu Schönbiehl gedreht und dabei seinen Arm gestreift hatte.

„Jetzt hab‘ dich nich‘ so, is‘ doch gar nix passiert.“ Adsche verdrehte die Augen.

Brakelmann sah noch einmal zu dem Tisch mit den beiden Fremden. Man konnte denen das wirklich nicht ansehen. Wobei … jetzt reichte der Professor die Butter über den Tisch und die Hände der beiden berührten sich. Eine Sekunde, zwei Sekunden … ein Blick, den er nicht wirklich deuten konnte. Und dann lächelte der Professor, und der andere lächelte auch, und sie frühstückten weiter. Brakelmann merkte, wie ihm warm wurde. Sowas war nicht normal. Sowas machten Adsche und er ganz sicher nicht.

Er stellte sein Bier wieder ab und konzentrierte sich auf Adsche, der ein Gespräch mit dem Bürgermeister angefangen hatte.

„Was ist denn passiert?“ fragte Schönbiehl gerade, den Landboten immer noch in der Hand.

„Brakelmann hat Probleme“, sagte Adsche.

„Was anderes als die üblichen Sorgen?“ fragte Schönbiehl.

Shorty, dem sie die ganze Geschichte schon gestern Abend erzählt hatten, grinste wissend. „Jemand klaut seine Hühner.“

„Is‘ nich‘ wahr.“ Kuno klappte sein Heft zu. „Soll ich dir helfen, den Hühnerdieb zu fangen? Killerkralle hat ja in ‚Der Todesstern von Zikadien‘ auch -“

„Jetzt bleib mir weg mit deinem Killerkralle“, knurrte Brakelmann. „Das hier is‘ ernst. Jeden Tag genau ein Huhn! Wenn das so weitergeht, hab‘ ich nächste Woche überhaupt keine Hühner mehr!“


***


Thiel trank einen Schluck Kaffee, schwarz wie der Teufel und noch ganz heiß, weil er gerade erst gebrüht worden war. Filterkaffee, nicht dieses neumodische Zeug, das man mittlerweile überall bekam und das immer wie Espresso schmeckte, egal welchen Namen es trug. Fast hätte er gedacht wie früher, aber als er damals mit seiner Mutter hier gewesen war, hatte er natürlich noch Kakao zum Frühstück getrunken.

„Kannst du mal …“

Boerne reichte ihm die Butter, bevor er den Satz beendet hatte. Er streifte Boernes Hand, als er nach der Butterdose griff. Boerne lächelte. Ihm wurde immer noch ganz anders, wenn so was passierte. Weil dieses Lächeln ihm ganz alleine gehörte. Weil Boerne niemanden sonst so anlächelte. Und weil er ganz genau wußte, woran Boerne gerade dachte. Er lächelte zurück – egal, auch wenn sie sich jetzt über die Butter hinweg angrinsten wie zwei verknallte Teenager. Sie waren hier ja nur zu Besuch. Und die anderen konnten zum Glück keine Gedanken lesen.

Aber dann riß er seinen Blick doch wieder los und konzentrierte sich darauf, Butter auf sein Brötchen zu schmieren. Mit halbem Ohr hörte er den Gesprächen an der Theke zu. Ein bißchen fühlte sich das hier wirklich an wie aus der Zeit gefallen, und er war froh, daß er dem Impuls nachgegeben hatte hierher zu fahren. Und Boerne war ja auch fürs erste besänftigt, auch wenn er wußte, daß das nicht lange vorhalten würde. Immerhin kannte er den anderen lange genug um zu wissen, wie unruhig Boerne wurde, wenn er auch nur einen halben Tag nichts zu tun hatte. Vielleicht hätte er ihm doch erlauben sollen, etwas zu lesen mitzunehmen. Oder er mußte sich doch noch etwas mehr an Programm einfallen lassen … also, Programm, das darüber hinaus ging, was sie bisher so getrieben hatten. Er unterdrückte ein Grinsen.

An der Theke ging es jetzt darum, daß der eine Teil des Duos, das hier wohl zu den Stammgästen gehörte, Hühner geklaut bekommen hatte. Na ob die zwei nicht nur einfach von einem Tag auf den anderen vergaßen, wie viele Hühner sie hatten? Wundern würde ihn das nicht.

Und dann bemerkte er, daß Boerne aufgehört hatte zu essen und ebenfalls zuhörte. Er konnte förmlich sehen, wie es in ihm arbeitete. Boerne würde doch nicht etwa … er würde.


***


„Das klingt nach einem ernsten Problem“, ließ sich der Gast vom Tisch in der Ecke vernehmen, und sie drehten sich alle wie ein Mann um. „Wissen Sie, wie es der Zufall nun einmal will, ist mein Partner hier Hauptkommissar bei der Münsteraner Polizei. Und ich selbst bin zwar eigentlich Rechtsmediziner, aber, mit Verlaub, in der Spurensicherung macht man mir auch nichts vor. Wir könnten -“

Der Kommissar räusperte sich lautstark. „Also, erstens sind wir in Urlaub, und zweitens sind Hühner jetzt nicht unbedingt mein –“

„Aber wir haben doch Zeit. Du wolltest dir ja unbedingt nichts vornehmen und hast gesagt, das ergibt sich dann schon, und jetzt ergibt es sich! Das trifft sich doch hervorragend.“ Der Professor stand auf und kam zur Theke vor. „Hier treibt also ein Hühnerdieb sein Unwesen?“

Brakelmann war sich fast sicher, daß er ein Funkeln in den Augen des Professors sehen konnte. Auch wenn er sich kaum vorstellen konnte, daß der sich für Hühnerdiebstähle interessierte. Aber dann kam Kuno auch rüber und meinte „Wir könnten ihm doch eine Falle stellen, oder?“, und da war es, das gleiche Funkeln wie beim Professor. Daß die beiden was gemeinsam haben könnten, hätte er nun auch nicht gedacht. Aber offenbar war Kuno nicht der einzige … Erwachsene, der gerne Detektiv spielte.

Aber das hier war kein Spiel, das war ernst! Brakelmann maß den Neuankömmling mit einem herablassenden Blick. Um seine Hühner, da konnten sie sich in Büttenwarder immer noch alleine kümmern. Diese Städter hatten doch überhaupt keine Ahnung von der Landwirtschaft! Aber ehe er etwas sagen konnte, kam ihm Adsche zuvor.

„Brakelmann hat schon vier Hühner weniger“, erklärte er. „Wenn jetzt jeden Tag noch ein Huhn verschwindet, dann“, er nahm seine Finger zu Hilfe, „hat er in sechs Tagen gar keine Hühner mehr.“

„In fünf Tagen“, korrigierte Brakelmann.

„In fünf?“

„Berta is‘ doch im Frühjahr gestorben.“

„Ah ja.“ Adsche sah noch einmal auf seine Finger. „In fünf.“

„Haben Sie den Diebstahl denn schon gemeldet?“, fragte der Kommissar, der sich gestern als Frank Thiel vorgestellt hatte.

„Wem denn gemeldet?“

„Der Polizei.“

„Peter?“ Brakelmann rollte mit den Augen. Man merkte ganz klar, daß die beiden nicht von hier waren. „Der findet doch kein Huhn wieder, selbst wenn es ihm vors Auto läuft.“

„Aha.“ Thiel griff nach der Hand seines … Partners, um ihn zurück zum Tisch zu ziehen. Brakelmann sah schnell wieder woanders hin. „Ich fürchte, wir können da auch nichts –“

„Aber wir könnten uns doch wenigstens einmal den Tatort ansehen!“ Der Professor befreite seine Hand und drehte sich wieder zu ihm um. „Sicherlich sind da noch Spuren zu finden, es sei denn natürlich, daß sie heute Morgen schon gearbeitet und dabei unwissentlich Hinweise vernichtet haben. Aber ich bin mir dennoch sicher, daß wir den ein oder anderen Anhaltspunkt finden werden. Wo hat sich die Tat denn ereignet?“

„Auf meinem Hof?“ Irgendwie war der Kerl ihm unheimlich, der redete so schnell. Der andere war ihm lieber. Und noch lieber wäre es ihm gewesen, der Kommissar hätte sich durchgesetzt und seinen, also, den Professor, wieder zum Tisch zurückgezerrt. Aber stattdessen wechselten die zwei jetzt einen Blick und Thiel rollte schließlich mit den Augen. Das kam ihm irgendwie merkwürdig bekannt vor, aber er auf die Schnelle wollte ihm nicht einfallen woher.

„Also wenn Sie wollen, können wir ja wirklich mal sehen, ob uns was auffällt.“

„Meinetwegen.“ Brakelmann zuckte mit den Schultern. Schlimmer machen konnten die beiden die Sache ja wohl nicht. Und wie der Zufall es wollte, hatte er heute auch nichts anderes vor.


* tbc *



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