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BT_Wandern

September 2018

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Büttenwarder

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BT_Blick 2

Kurzurlaub (Kapitel 3)

***


Na dann würden sie also nach einem Hühnerdieb fahnden. Thiel seufzte halbherzig. Er brachte nicht wirklich die Energie auf sich zu ärgern, während sie bei schönstem Wetter hinaus zu Brakelmanns Hof spazierten. Boerne war jedenfalls gut gelaunt, und nachdem er gestern noch darüber gemault hatte, daß sie hier am Ende der Welt Urlaub machten, war das doch eine nette Abwechslung. Denn eines hatte er schon in den Jahren gelernt, bevor sie zusammengekommen waren – wenn Boerne unleidlich war, litt seine Umgebung mit, und wenn Boerne glücklich war, waren alle glücklich. Oder wahlweise genervt. Und außerdem war das so ziemlich genau das, was er selbst sich für dieses Wochenende gewünscht hatte. Natur. Spaziergänge, das ein oder andere Bier, und Ruhe und Frieden. Und Unterhaltungsprogramm für Boerne, ohne daß er großartig was dafür tun mußte. Perfekt, wenn man länger drüber nachdachte.

Brakelmann schien ähnlich desinteressiert an einer Unterhaltung zu sein wie er, und Adsche, der mitlief und ein altersschwaches Mofa schob, textete derweil Boerne zu. Aber der hatte das ja nicht anders gewollt. Mit halbem Ohr hörte er, daß es um irgendeinen Vogel ging, der ihm nichts sagte. Boerne tat natürlich so, als wisse er genau, wovon die Rede war.

„Jetzt hör halt mal auf zu sabbeln, Adsche“, brummte Brakelmann irgendwann. „Es geht um meine Hühner, nicht um dein Vogel, den außer dir nie jemand sieht.“

„Der Professor kennt den Erlentrillich auch“, begehrte Adsche auf. „Und der is‘ gebildet.“

Brakelmann schnaubte, während Thiel und Boerne einen Blick tauschten. Boerne hatte wenigstens den Anstand, etwas verlegen zu wirken, weil er offensichtlich Adsches Seemannsgarn aufgesessen war. Nannte man das an Land überhaupt Seemannsgarn? Bauerngarn? Er wollte gerade Boerne fragen, als sie um eine sanfte Kurve bogen und da tatsächlich ein Gehöft lag. Sehr idyllisch auf den ersten Blick und ziemlich heruntergekommen auf den zweiten. Ein paar der übriggebliebenen Hühner scharrten vor dem Scheunentor, und überall lag altes Gerümpel herum, zum Teil schon völlig überwuchert. Irgendwie wunderte ihn das nicht – Adsche und Brakelmann machten nicht wirklich den Eindruck, besonders arbeitsam zu sein. Nicht, daß er viel Ahnung vom Landleben hatte. Aber als Kind hatte er mehr als einmal mit seiner Mutter Ferien auf dem Land gemacht, und soweit er sich erinnerte, konnten es sich Landwirte normalerweise nicht erlauben, um diese Jahreszeit tagsüber in der Kneipe zu sitzen.

Boerne sah sich aufmerksam um. „Wann haben sich die Taten denn ereignet?“

„Hä?“

„Er meint, wann die Hühner weggekommen sind. Über Nacht?“

Brakelmann nickte. „Abends sind noch alle da. Und morgens fehlt dann eins.“

„Das heißt also, der Täter ist im frühen Morgengrauen zugange.“ Boerne rieb sich unternehmungslustig die Hände.

„Im Morgengrauen?“ Brakelmann runzelte die Stirn. „Nich‘ unbedingt.“

„Aber stehen Sie denn nicht mit den Hühnern –“

Thiel stupste Boerne leicht in die Seite, bevor der noch etwas Dummes sagte. „Also, irgendwann vor neun oder zehn Uhr morgens muß es passiert sein, oder?“

Brakelmann nickte.

„Und Sie haben hier keinen Hund?“

„Nee.“ Brakelmann sah sich suchend um. „Nur die Ziegen, die machen eigentlich auch Lärm, wenn jemand kommt. Aber ich hab‘ nix gehört.“

Adsche hatte derweil das Mofa an einen alten Apfelbaum gelehnt und kam wieder näher. Hinter ihm kippte das Mofa um, was aber keinen der beiden zu interessieren schien. Thiel warf einen Blick zu Boerne, aber der war schon dabei, die Umgebung abzusuchen.

„Hier!“ Boerne winkte aufgeregt. „Schau dir das mal an. Das war mit Sicherheit ein Marder!“

Thiel warf einen stirnrunzelnden Blick auf das Häufchen, das Boerne im Gras entdeckt hatte.

„Das is‘ von Ramona“, kommentierte Brakelmann ungerührt.

„Ramona?“ Boerne sah aus, als überlegte er gerade, ob die Einheimischen hier wohl Mardern Namen gaben. Bei dem Frauenmangel war es vielleicht nicht verwunderlich, wenn man ein wenig …

Brakelmann deutete mit dem Daumen über seine Schulter nach hinten. „Die Ziege.“

„Oh.“

„Und bei ‘nem Marder, da wär hier Blut. Und totgebissene Hühner. Die hören nicht auf, die bringen alle um, die sie erwischen.“

Das dämpfte jetzt sogar Boernes Enthusiasmus ein wenig. Thiel seufzte. „Also, wenn es kein Marder war – ein Fuchs vielleicht?“

Brakelmann schüttelte den Kopf. „Dann wär da auch was zu finden. Blut, oder Federn. Ich sach doch, das is’n Mensch.“

Adschde nickte zustimmend. „Brakelmann hat auch schon einen Verdacht.“

„Günther Griem“, erklärte Brakelmann finster, so als sei damit alles gesagt.

Thiel unterdrückte ein Seufzen. Das würde wohl doch eine längere Sache werden.

„Hast du was zu trinken da, Brakelmann?“ fragte Adsche. „Dann kannst du dem Kommissar die ganze Geschichte erzählen.“

„Kühlschrank“, brummte Brakelmann, und die beiden machten sich auf Richtung Scheunentor. Thiel brauchte ein paar Sekunden, bis er kapierte, daß das wohl so eine Art Einladung gewesen war. Er winkte Boerne, der immer noch den Boden nach Spuren absuchte.

„Was?“

„Dein Freund hat einen Verdacht.“

„Einen Verdacht?“ Boernes Gesicht leuchtete auf. „Das klingt nach einer höchst verwickelten Geschichte.“

Thiel schnaubte amüsiert.

„Was meinst du, was für ein abgefeimter Bösewicht könnte ein Interesse daran haben, diese beiden wackeren Bauern so hinterlistig zu bestehlen?“ Boerne setzte sich in Bewegung. „Wohnen die hier eigentlich zusammen?“

„Du siehst auch überall nur noch Paare, seit wir zusammen sind“, brummte Thiel. „Es ging doch immer um Brakelmann. Brakelmanns Hof, Brakelmanns Hühner …“

„Man wird doch nochmal fragen dürfen.“ Boerne schob sich durch die Tür. „Vorsicht, das scheint mir hier ein wenig locker zu sein.“

„Willst du das wirklich durchziehen?“ Thiel sah sich skeptisch in der Scheune um, in der ein vereinzeltes Huhn am Boden scharrte.

„Irgendjemand muß diesen wackeren Landleuten doch helfen.“ Boerne grinste, als er seinen Gesichtsausdruck sah. „Außerdem ist das doch mal eine nette Abwechslung.“

Das stimmte allerdings. Im Vergleich zu den letzten echten Fällen, mit denen sie zu tun gehabt hatten, war das hier eine wahre Wohltat. Eine Welt, in der das schlimmste, was passieren konnte, verschwundene Hühner waren. Die vermutlich irgendein Tier geschnappt hatte, egal was Brakelmann sagte. Er war fast neidisch.


***


Der Zustand der Wohnung war noch etwas schlimmer, als er sich das nach den Außenanlagen vorgestellt hatte. Adsche stellte die Reste des Frühstücks, die Thiel sich lieber nicht genauer ansah, auf einen Küchenschrank in der Ecke und kam mit vier Gläsern zurück, während Brakelmann sich ächzend bückte und eine Flasche Schnaps aus dem Kühlschrank holte. Thiel schielte auf seine Uhr. Kurz vor zwölf. Na denn Prost … Aber das würde wenigstens die Gläser desinfizieren. Er beobachtete aus dem Augenwinkel, wie Boerne einen der Küchenstühle vorzog. Der innere Kampf, der sich hier abspielte, war offensichtlich – zumindest für ihn, ihren beiden Gastgebern schien zum Glück nichts aufzufallen. Garantiert hätte Boerne am liebsten sein Taschentuch herausgenommen und den Stuhl abgewischt, bevor er sich setzte. Vermutlich hätte er auch gerne Handschuhe angezogen, bevor er hier überhaupt irgendetwas anfaßte. Thiel unterdrückte ein Grinsen, während er selbst Platz nahm. Langsam machte ihm die Sache immer mehr Spaß. Und so schmuddelig es hier auch war – irgendwie fühlte er sich zurückversetzt in die Küche der alten Frau Milotschek, bei der er als Kind oft nach der Schule gewesen war, wenn seine Mutter noch gearbeitet hatte. Gemütlich war es dort gewesen. Und auch nicht so ganz sauber, weil Frau Milotschek schon halb blind gewesen war und beim Putzen nicht mehr so wirklich gesehen hatte, was sie tat. Aber sie kochte die beste Kartoffelsuppe in ganz Hamburg, und wenn sie Geschichten von früher erzählte, konnte er stundenlang zuhören.

Brakelmann ließ sich auf den Stuhl neben ihn fallen und die Gläser wurden randvoll gegossen.

„Also … Wer ist Günther Griem?“


***


Einige Zeit später war Thiel immer noch nicht schlauer, was diesen Günter Griem anging. Dafür allerdings um einiges betrunkener, da Adsche eifrig nachgeschenkt hatte, vor allem, nachdem ihnen aufgefallen war, daß sie sich schon begegnet waren, als Thiel vor inzwischen bald 40 Jahren zum ersten Mal in Büttenwarder in Ferien gewesen war.

„Sach mal“, hatte Brakelmann nach dem zweiten Köm gefragt, „Warst du eigentlich als Kind auch schon so klein und dick?“

Das hätte die Situation beinahe zur Eskalation gebracht, weil Boerne, dem der Köm anscheinend nicht besonders bekam, sich berufen gefühlt hatte seine Ehre zu verteidigen. Oder so. Nachdem sich die Wogen wieder geglättet hatten, hatte Brakelmann gemeint, daß sie damals zusammen gespielt hätten. Auf dem Nachbarhof, mit Liese Michelsen. Thiel hätte jetzt wirklich nicht sagen können, daß ihm Adsche und Brakelmann irgendwie bekannt vorkamen. Aber er erinnerte sich an andere Kinder. Vor allem erinnerte er sich an Liese – die war drei oder vier Jahre älter als er gewesen, und er war ihr den halben Urlaub hinterhergelaufen. Ansonsten waren da nur Jungs gewesen und niemand in seinem Alter. Und da der Ort hier nun echt nicht besonders groß war und Brakelmann und Adsche anscheinend immer schon hier gewesen waren, würde es wohl stimmen, daß sie sich damals begegnet waren.

„Frankie, oder?“ Adsche sah ihn forschend an. „Du hast gesagt, dein Vati is‘ nicht da, weil er sich um die Revolution kümmern muß.“

Thiel starrte Adsche überrascht an. Das hatte er ganz vergessen. Oder verdrängt, nach dem Schmerz zu urteilen, den die Erinnerung hervorrief. Als wäre es gestern gewesen, daß sein Vater ausgezogen war. Er spürte Boernes Hand an seiner Schulter und riß sich zusammen. „Ja.“

„Welche Revolution eigentlich?“ fragte Adsche.

„Ich glaube, das bringt uns jetzt etwas zu weit weg vom eigentlichen Thema“, sagte Boerne. Die Hand war inzwischen nicht mehr auf seiner Schulter, sondern lag warm und sicher auf seinem Oberschenkel. Thiel blinzelte. Das mußte am Schnaps liegen, daß er sich so aus dem Gleichgewicht fühlte. Zum Glück schien Adsche zu spüren, daß er jetzt nicht weiter über Kindheitserinnerungen oder seinen Vater reden wollte. Jedenfalls bohrte er nicht weiter nach, sondern leerte sein Glas. Und Brakelmann hatte sowieso schon seit Minuten nichts mehr gesagt, und als Thiel zu ihm hinüber schaute, sah er, daß Brakelmanns Blick an Boernes Hand klebte. Wahrscheinlich waren die sowas hier nicht gewöhnt, aber er hatte jetzt wirklich keine Lust, darauf Rücksicht zu nehmen. War ja nicht so, als würden sie irgendwas Unanständiges tun.

„Also jetzt mal zurück zum Thema.“ Thiel versuchte sich zu erinnern, was das Thema jetzt gleich nochmal gewesen war.

„Hühner.“ Boerne hickste. „Entschuldigung. Und Günther Griem. Sie hätten nicht zufällig ein Glas Wasser?“

Brakelmann starrte Boerne wortlos an.

„Schon in Ordnung …“ Boerne seufzte. „Also – dieser Günter Griem ist jemand, der einen Groll gegen Sie hegt?“

Die Geschichte war lang und kompliziert, und Brakelmann schien sie nicht wirklich erzählen zu wollen. Also erzählte Adsche, was wiederum dazu führte, daß Brakelmann ihn regelmäßig unterbrach und korrigierte. Thiel hatte etwas Schwierigkeiten zu folgen, was einerseits am Alkohol lag, andererseits daran, daß er mitten in der Geschichte an diesen Sketch von Loriot denken mußte. Ein Ehepaar erzählt einen Witz. Er unterdrückte ein Lachen. Wobei, war das überhaupt von Loriot? Aber dann wurde es plötzlich unerwartet ernst, und selbst Boerne setzte einen mitfühlenden Gesichtsausdruck auf. Wenn es um Mütter ging, hörte der Spaß wirklich auf.

„Jetzt laß die alten Geschichten“, murrte Brakelmann gerade, dem das alles sehr unangenehm zu sein schien.

„Aber was sollte dieser Griem nun davon haben, Ihre Hühner zu stehlen, Herr Brakelmann?“ Boerne griff nach seinem Glas und leerte es. „Ich meine … bei aller Feindschaft, das kommt mir doch spanisch vor.“

Brakelmann zuckte mit den Schultern.

„Bei Griem weiß man nie“, sagte Adsche. „Und außerdem hat er Spuren hinterlassen.“

Boerne horchte auf. „Tatsächlich? Wo?“

Adsche stemmte sich von seinem Stuhl hoch. „Ich zeig’s dir, Professor.“

Wehmütig sah Thiel den beiden nach. Eigentlich hätte er auch ganz gerne ein wenig frische Luft geschnappt. Aber Brakelmann, der zunehmend übellauniger geworden war, seit das Thema Griem aufgekommen war, starrte inzwischen nur noch schwermütig auf sein Schnapsglas und er hatte das unbestimmte Gefühl, daß er besser da bleiben sollte.


***


Der Kommissar war zum Glück nicht so redselig wie sein Freund. Brakelmann hatte zwei Bier aus dem Kühlschrank geholt, nachdem Adsche mit dem Professor im Schlepptau abgezogen war – der Köm war schon fast leer, und er hatte sowieso das Gefühl, daß ihm der heute nicht so gut bekam. Oder vielleicht waren das auch die alten Geschichten mit Griem.

Jetzt tranken sie jedenfalls beide Bier und hingen ihren Gedanken nach, und so sollte es ja wohl auch sein zwischen Männern. Nicht wie vorhin, als es hier in seiner Küche eindeutig zu viel Körperkontakt gegeben hatte. Er hatte nie verstanden, wie Menschen sich auf so was einlassen konnten. Sich so angreifbar machen konnten. Und dann auch noch ein anderer Mann. Frauen waren schon schlimm genug – aber Männern, Männern konnte man doch wirklich nicht trauen. Wenn er eines aus dieser Geschichte mit Griem damals gelernt hatte, dann das. Griem, ja, Griem hatte sich darüber amüsiert, daß seine Mutter ihm hinterhergelaufen war und sich zum Gespött des ganzen Dorfes gemacht hatte. Dabei war sie schon über vierzig gewesen und Griem nur ein paar Jahre älter als ihr Sohn. Aber Griem, der hatte sie völlig verrückt gemacht.

„Wo wohnt Adsche eigentlich?“ fragte der Kommissar und riß ihn aus seinen trüben Gedanken.

„Noch hinter Michelsens altem Hof“, entgegnete Brakelmann und deutete vage in die entsprechende Richtung.

„Da, wo ich angeblich mit euch war?“

Brakelmann nickte. Er deutete auf die Rose, die einsam in einem Wasserglas neben Salz- und Pfefferstreuer stand. „Erinnerst du dich an die Rosen?“

Der Kommissar sah ihn verwirrt an. „Rosen?“

„Na, Michelsens hatten doch diesen großen Rosenstrauch neben der Eingangstür.“ Er schob die Rose über den Tisch. „Riech mal.“

Der Kommissar schnupperte gehorsam und lächelte dann. „Stimmt. Jetzt erinnere ich mich wieder.“ Er schob das Glas wieder zurück. „Wo ist die her? Du hast doch gesagt, Liese ist schon ewig weg und der Hof schon lange verfallen?“

„Hat Adsche heute Morgen mitgebracht.“ Er nahm einen Schluck Bier. „Die Rose blüht dieses Jahr wieder.“

„Mhm …“ Der Kommissar schaute immer noch die Blume an und hob dann den Blick.

„Was?“

„Ach, nichts.“ Der Kommissar griff ebenfalls nach seinem Bier. „Glaubst du echt, das mit den Hühnern, das war dieser Griem?“

Brakelmann zuckte mit den Schultern. „Eigentlich ist das nicht wirklich seine Kragenweite. Aber wer soll denn sonst was von meinen Hühnern wollen?“

„Naja … Vielleicht findet Boerne ja wirklich was.“ Der Kommissar schaute aus dem Küchenfenster und lächelte, als er Adsche und den Professor sah.

Und Brakelmann fühlte sich plötzlich wieder genauso Scheiße wie am Anfang, als er an Griem und seine Mutti gedacht hatte. Der Tag heute war echt nicht sein Freund.


***


Thiel sah aus dem Fenster auf den Hof, wo Boerne mit Adsche zugange war. Boerne schien sich sehr angeregt mit Adsche zu unterhalten. Thiel mußte lächeln, als er den ausladenden Handbewegungen zusah. Auch wenn es manchmal anstrengend war … er mochte es, wenn die Begeisterung mit Boerne durchging. Und da es sich diesmal nur um ein paar verschwundene Hühner handelte, konnte ja auch nix schlimmes passieren.


***


Eine gute Stunde später hatten sie es endlich geschafft sich wieder loszueisen. Die Spuren, die Adsche Boerne gezeigt hatte, hatten sich als drei Zigarettenkippen entpuppt. Griem rauchte, und sonst angeblich niemand, der Grund hätte bei Brakelmann vorbeizuschauen. Aber nach Boernes Urteil waren die Kippen älter und konnten auf gar keinen Fall erst in den letzten Tagen da gelandet sein. Also war das ja wohl nichts. Thiel hatte versprochen, daß er sich im Dorf weiter umhören würde, und dann waren sie aufgebrochen und hatten Adsche und Brakelmann ihrem Tagwerk überlassen. Was auch immer das sein mochte.

„Na, du scheinst ja einen neuen Freund gefunden zu haben“, sagte Boerne, als sie außer Hörweite waren.

„Mhm?“ Also, dieser Köm war wirklich nicht zu unterschätzen. Er brauchte schon einiges an Konzentration, um nicht vom Weg ab … oder vielleicht war es auch gar nicht so schlecht, wenn Boerne den Arm um seine Schultern legte. „Was meinst du?“

„Ihr zwei habt wohl noch den ein oder anderen zusammen gehoben“, sagte Boerne amüsiert. „Und das während der laufenden Ermittlungen.“

„Ermittlungen?“ Für einen Moment hatte er den Faden verloren.

„Na, das Federvieh. Deswegen sind wir doch hier. Und nicht, um mit der Landbevölkerung zu fraternisieren.“

„Du mußt gerade was sagen. Von wegen Spurensuche – ich hab‘ genau gesehen, daß du nur mit Adsche geschwatzt hast.“

„Ach … das …“

Im ersten Moment dachte er, Boerne hätte wirklich ein schlechtes Gewissen, weil er mit Adsche geplaudert hatte statt zu „arbeiten“. Aber dann wurde ihm schlagartig bewußt, daß nicht einmal Boerne diese Hühnersache so ernst nehmen konnte. Was wiederum bedeutete … „Was hast du getan?“

„Nun ja, sagen wir mal so, deinem Freund Brakelmann steht möglicherweise die ein oder andere Überraschung bevor.“ Boerne grinste.

„Was meinst du mit …“ Eine ungute Befürchtung kroch in ihm hoch. „Boerne?“

Boerne blieb stehen. „Jetzt sieh mich nicht so an! Das war doch quasi meine Pflicht, also, von Mitmensch zu Mitmensch … ich meine, wie sollen die denn hier sonst an lebenswichtige Informationen kommen! Von so was wie dem Internet haben die doch hier noch nicht mal was gehört!“

Thiel fuhr sich mit beiden Händen durchs Gesicht. „Ich will die Details lieber gar nicht wissen.“

„Ich glaube jedenfalls, Adsche hat nicht aus reiner Neugier gefragt.“ Boerne stupste ihn an. „Und da konnte ich ihn doch nicht hängen lassen, oder?“

„Aber du kannst dich doch nicht einfach …“ Er sah Boerne an. Natürlich konnte Boerne. „Hör mal. Ich weiß, daß du das gut gemeint hast, aber denkst du wirklich, es ist eine gute Idee, dich da einzumischen? Die zwei kommen doch seit Jahrzehnten so zurecht, und –“

„Wir sind auch zurechtgekommen. Aber würdest du nicht sagen, daß das jetzt eine eindeutige Verbesserung zu vorher ist?“

„Ich …“ Er sah Boerne an, der plötzlich viel ernster wirkte als noch vor Minuten. „Natürlich.“

„Eben.“

„Aber das muß ja nicht zwangsläufig auch für –“

„Muß es nicht“, unterbrach Boerne. „Aber er hat gefragt. Und er muß schließlich selbst wissen, was er tut.“

„Und wenn das jetzt … alles kaputt macht?“ Das ging ihn ja eigentlich gar nichts an. Aber irgendwie und ziemlich unerwartet mochte er Brakelmann. Und die beiden schienen nicht viel zu haben außer einander, und wenn das jetzt –

„Glaub‘ ich nicht. Die zwei kennen sich schon so lange – die bringt auf Dauer nichts auseinander.“ Boerne streckte die Hand aus und hielt ihn fest. „Was ist das denn? Ein Kinderwagen? Hier?“

„Ein … Kinderwagen?“ Er war ja an abrupte Themenwechsel gewöhnt, aber das war nun wirklich sehr unvermittelt.

„Die Abdrücke, meine ich.“ Boerne zog ihn etwas nach links. „Da. Sieht das nicht aus wie die Spuren eines Kinderwagens?“

Thiel versuchte sich zu konzentrieren. Da war tatsächlich was – in etwa wie der Abdruck, den ein Fahrrad hinterließ, aber eben zwei davon nebeneinander.

„Siehst du, hier in der Kurve waren Vorder- und Hinterräder nicht parallel.“ Boerne deutete auf eine Stelle, kurz bevor die Spur sich auf festerem Untergrund wieder verlor.

„Hm.“ Konnte man in einem Kinderwagen Hühner transportieren? Und hatte er sich das jetzt eben wirklich gefragt? Er hatte ganz eindeutig zu viel getrunken. „Laß uns mal nach Hause.“

„Aber …“

„Mach meinetwegen ein Foto, aber ich hab‘ für heute genug vom Detektivspielen.“ Thiel fuhr sich mit den Händen durchs Gesicht. Er mußte sich ganz dringend mal ein bißchen hinlegen.

Boerne machte tatsächlich ein Foto.


* tbc *



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