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Verloren

120-Minuten-Prompt: Angst / "Wir sollten uns nicht mehr sehen" – fürs Team
Team: Hufflepuff
Fandom: Tatort Münster
Rating: P 6
Genre: Angst
Handlung: Thiel hat das alles gar nicht so ernst genommen. Nicht so ernst gemeint. Boerne schon.
A/N: Das ist wirklich Angst. Kein Comfort, nirgends. Daß mir niemand sagt, ich hätte nicht gewarnt …
Länge: ~ 800 Wörter
Zeit: ~ 90 Minuten

***


Er ist in dem Moment so entnervt, daß es ihm nur recht ist, als Boerne kühl „Wenn das so ist, befreie ich Sie gerne von meiner Gegenwart“ antwortet und ohne ein weiteres Wort geht. Thiel feuert seine Tasche in die Ecke des Flurs und geht erst mal ins Bad. Duschen, runterkommen. Und dann ins Bett, denn er ist todmüde und noch dazu Boerne, das war einfach zu viel.

Als er am nächsten Tag bei seinem Nachbarn klopft um zu fragen, ob der ihn vielleicht mitnehmen kann, weil er den Platten vom letzten Abend noch nicht repariert hat und es regnet, öffnet Boerne nicht. Erst denkt er, der andere schmollt wegen gestern und stellt sich tot. Aber dann sieht er aus dem Fenster im Treppenhaus und Boernes Auto ist schon weg. Pffff … dicke Luft, so wie’s aussieht. Ansonsten hätte Boerne bestimmt gewartet. Unschlüssig sieht er in den Regen hinaus. Und jetzt? Doch noch das Fahrrad reparieren und bei dem Wetter fahren? Letztendlich ruft er seinen Vater an, denn abgesehen davon, daß er ziemlich naß werden würde, würde es auch viel zu spät. Und das muß er heute echt nicht haben.

Er sieht Boerne erst am Nachmittag, als er in der Rechtsmedizin vorbeigeht, um zu erfahren, was die DNA-Tests zu den Spuren vom aktuellen Tatort ergeben haben. An den Abend davor denkt er da schon gar nicht mehr. Boerne begrüßt ihn und gibt ihm eine knappe Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse – erfreulich verständlich diesmal, denkt Thiel. Kein Rumgetanze, keine aufwendige Vorgeschichte, womit der andere ihn sonst gerne nervt. Oder diese albernen Scheinfragen, wenn Boerne das Ergebnis schon lange weiß und ihn fragt, damit er nach Thiels normalerweise falschen Antwort mit umso größerem Tada sein Wissen präsentieren kann. Thiel bedankt sich und nimmt den schriftlichen Bericht mit, im Gehen noch eine flapsige Bemerkung auf den Lippen.

Boerne reagiert nicht. Thiel ist so überrascht, daß er in der Tür noch einmal stehen bleibt und sich zu dem anderen umdreht. Boerne sortiert irgendwelche Instrumente zurück und schaut nicht auf.

„Boerne?“

Jetzt sieht er doch auf. „War noch was, Herr Thiel?“

War noch was? Eigentlich nicht. Es ist ja alles klar. Nur daß Boerne nicht reagiert hat, so wie er das sonst immer tut, weil er keiner dummen Bemerkung widerstehen kann und immer das letzte Wort haben muß. Und daß er ihn so ansieht. Nicht unfreundlich, aber irgendwie … neutral. So als würden sie sich nicht seit Jahren kennen.

„Nein“, sagt Thiel, und „Danke.“

Boerne nickt und er geht.

***


Es ist anders als sonst. Boerne ist ja schnell mal beleidigt und kann ausgiebiger schmollen als jede Diva. Aber normalerweise merkt man das dann in jeder Sekunde, und zwar nicht zu knapp. Selbst ohne Worte. Wobei die meistens auch nicht lange auf sich warten lassen. Aber diesmal ist alles anders. Boerne ist effizient. Höflich. Und distanziert. Erst denkt Thiel, daß der andere sich schon wieder einkriegen wird. Sie haben sich doch schon ganz andere Sachen an den Kopf geworfen. Und zwar nicht nur er Boerne, sondern der auch ihm. Am Ende der Woche ist er trotzdem so weit, daß er abends bei Boerne klingelt und ihn fragt, ob er sauer ist. Und sich entschuldigt … also so halb wenigstens. Boerne kennt ihn schließlich, der weiß doch, daß er manchmal ein bißchen aufbrausend ist.

Und Boerne sagt „Natürlich. Das verstehe ich vollkommen. Sie waren müde und nicht in der Stimmung für ein Gespräch.“ Aber er bittet ihn nicht herein. Stattdessen erklärt er, daß er noch etwas vorhabe an diesem Abend, und verabschiedet sich. Höflich.

Thiel hört ihn nicht weggehen, den ganzen Abend nicht. Natürlich könnte Boerne theoretisch auch etwas vorgehabt haben, wozu man nicht das Haus verlassen muß. Ein Buch lesen oder so. Aber es wirkt doch wie eine verdammte Ausrede.

Als sie sich am Wochenende im Treppenhaus begegnen, grüßt Boerne. Höflich. Thiel würde gerne lächeln, irgendwas sagen, aber er schafft nicht mehr als „Moin“, da ist der andere schon in seiner Wohnung verschwunden. Und das ungute Gefühl, das ihm schon seit Tagen im Nacken sitzt, drückt ihm jetzt regelrecht den Magen zu. Wie festgenagelt steht er im Treppenhaus und starrt auf Boernes Tür. Und die Angst kriecht immer weiter in ihm hoch. Die Angst, etwas sehr wichtiges verloren zu haben. Etwas, von dem ihm bisher gar nicht klar war, daß er es hatte.

In einer Endlosschleife spielt sich der Moment letzte Woche vor seinem inneren Auge ab. „Kriegen Sie eigentlich überhaupt nicht mit, daß Sie mich nerven?“ Und Boernes Gesicht, das zu einer Maske erstarrt. Eine Maske, die er jetzt jeden Tag sieht.

Als unten die Haustür geöffnet wird, reißt er sich zusammen und geht weiter in seine Wohnung. Dieses trostlose Gefühl, das ihn zu ersticken droht, bleibt. Er versucht es wegzulachen – er, deprimiert wegen Boerne! Dabei streiten sie doch nicht einmal miteinander!

Nein. Das tun sie nicht.

Sie streiten nicht einmal mehr miteinander.

tbc


A/N: Das Prompt gehörte in die Angsttabelle, und ich habe tatsächlich auf einen Hoffnungsschimmer verzichtet, obwohl es mir schwer gefallen ist. Aber dann ist mir eingefallen, daß ich ja einen Fortsetzung schreiben kann …
Edit: Und hier geht es weiter.
Tags: !120 minuten, f: tatort münster, g: fanfic, p: thiel / boerne
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