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120-Minuten-Prompt: h/c – "Bitte geh nicht …" – fürs Team
Team: Hufflepuff
Fandom: Tatort Münster
Rating: P 6
Genre: angst, h/c, Freundschaft/Liebe
Handlung: Thiel hat das alles gar nicht so ernst genommen. Nicht so ernst gemeint. Boerne schon.
A/N: Und hier kommt der comfort (nach viel hurt & angst). Ich kann nicht anders, ich kann die zwei nicht wirklich leiden lassen.
Länge: ~ 1.000 Wörter
Zeit: ~ 100 Minuten

Fortsetzung zu "Verloren"


***


Thiel versucht auf seine übliche unbeholfene Art sich zu entschuldigen. Und er versteht ja, daß Thiel gereizt und übermüdet war und daß es ihm jetzt leid tut. Er versucht wirklich, ihm das nicht nachzutragen, und weiter gut mit ihm zusammenzuarbeiten. Mehr kann man von ihm nicht erwarten, findet er.

Er sieht ihr Verhältnis jetzt so, wie es ist. Und wie Thiel das zweifellos schon die ganze Zeit gesehen hat. Eine Zwangsgemeinschaft – bedingt durch die berufliche und private Nähe. Daraus muß man nicht mehr machen als es ist. Jedesmal, wenn er an Thiels Worte denkt, steigt ein brennender Schmerz in ihm auf. Kein Schmerz, korrigiert er sich. Scham. Weil er sich eingebildet hat, daß … Und in Wirklichkeit war es doch wieder das gleiche wie immer.

„Merkst du nicht, daß du nervst?“ Er hat den Satz mehr als einmal gehört, als er noch jünger war. Dann ist er vorsichtiger geworden, hat aufgehört anzunehmen. Er ist sich selbst genug, und wenn jemand etwas von ihm will, kann der ja den ersten Schritt tun. Was er nicht versteht ist, wieso ihm das jetzt plötzlich wieder passiert ist – nach so vielen Jahren. Irgendwie ist Thiel unter dem Radar durchgetaucht. Als ob er keine Gefahr wäre. Und er selbst hat wieder angefangen Dinge anzunehmen.

Boerne seufzt und zieht den Krawattenknoten wieder auf. Irgendwie läuft das heute alles nicht so wie es soll. Vielleicht braucht er Urlaub. Abstand. Oder überhaupt mal wieder eine Veränderung. Kurz irren seine Gedanken die Reihe seiner Kollegen entlang – da ist schon der ein oder die andere kurz vor dem Ruhestand – aber dann ruft er sich wieder zur Ordnung. Weglaufen, in seinem Alter. Er sieht sein Spiegelbild an. Er ist doch kein Kind mehr, das sich vor unangenehmen Situationen flüchtet. Thiel … Thiel ist ein Kollege. Ein Kollege, mit dem er gut zusammenarbeitet. Ja, es ist unbestreitbar ein unangenehmes Gefühl, daß er gedacht hatte, sie wäre so etwas wie Freunde, aber er wird diesen Fehler ganz bestimmt nicht noch einmal machen. Und damit Ende.

Der Knoten sitzt.


***


Als er vom Einkaufen zurückkommt, ist es schon früher Nachmittag. Er hat sich länger aufgehalten als er das eigentlich vorgehabt hatte, aber was soll’s. Es ist ja nicht so, als ob er an diesem Wochenende noch viel vorhätte. Rauszukommen hat ihm jedenfalls gut getan. Er fühlt sich schon viel besser – bis er im Treppenhaus Thiel begegnet. Natürlich. Das mußte ja passieren. Der Schmerz ist im selben Augenblick zurück, aber er gibt sich trotzdem Mühe freundlich zu grüßen. Weil Thiel ja auch nicht wirklich etwas dafür kann. Und weil er auf gar keinen Fall will, daß Thiel merkt, wie schwer ihm das alles fällt. Er hat sich sowieso schon viel zu angreifbar gemacht. Selbst schuld. Wenn er nicht … Aber das ändert jetzt auch nichts mehr, wenn er sich im Nachhinein Vorwürfe macht. Er ist so konzentriert darauf, die Tür aufzuschließen und möglichst schnell in seine Wohnung zu kommen, daß er Thiels Moin nur noch ganz am Rande hört.

Hinter der Tür bleibt er stehen. Schließt die Augen und atmet einmal tief durch, gegen die Enge in seiner Brust. Selbst schuld. Er hätte sich eben nie so sehr an Thiel gewöhnen dürfen. Seine Wohnung kommt ihm mit einem mal furchtbar leer vor, dabei ist das doch völliger Unsinn. Er hat hier doch immer alleine gewohnt. Wie kann sich das jetzt einsamer anfühlen als letzte Woche? Und dann gibt er sich einen Ruck und setzt sich wieder in Bewegung. Die Einkäufe räumen sich schließlich nicht von alleine weg.


***


Man sollte meinen, daß zwischen ihnen alles geklärt ist. Trotzdem steht Thiel am Abend schon wieder vor der Tür. Dabei hat er ihm doch gestern gesagt, daß er ihm seinen verbalen Ausfall nicht übel nimmt. Eigentlich müßte er ihm dafür sogar dankbar sein. Wenigstens weiß er jetzt, woran er ist, und macht sich nicht weiter zum Idioten. Aber das hat er natürlich nur gedacht, nicht gesagt.

„Ja? War noch was?“ Kann man es ihm verdenken, wenn er ein wenig gereizt klingt? Und Thiel starrt ihn sowieso nur an wie ein Fisch, den man an Land gezogen hat. Als nach einigen Sekunden immer noch keine Antwort kommt, schließt er die Tür wieder. Das heißt er versucht die Tür zu schließen, aber er kommt nicht weit, weil Thiel nach seinem Arm greift. Irritiert schaut er auf.

„Bitte …“ Thiel sieht ihn an, als könne Boerne seine Gedanken lesen. Kann er aber nicht. Vielleicht hat er früher einmal gedacht, daß er in Thiels Blicken lese könnte, aber da hat er falsch gelegen. Er versucht sich loszumachen, aber Thiel läßt nicht locker.

„Gehen Sie nicht.“ Thiels Stimme ist fast tonlos. Einige Atemzüge lang stehen sie so da, in der Bewegung erstarrt. Und Boerne fragt sich, was das heißen soll. Nicht gehen. Nicht zurück in seine Wohnung? Daß er darüber nachgedacht hat die Stelle zu wechseln, kann Thiel ja nicht wissen.

„Was ist denn los?“ Jetzt klingt Thiel fast verzweifelt. „Ich weiß überhaupt nicht, was passiert ist.“

Das letzte, das wirklich allerletzte, was er will, ist, mit Thiel darüber zu reden. Deshalb sagt er irgendetwas Ausweichendes, um den anderen endlich loszuwerden, aber er schafft es nicht ganz, die Bitterkeit aus seiner Stimme zu halten. Er kann es selbst hören und Thiel hört es auch, das kann er an seinem Gesichtsausdruck sehen, der sich plötzlich verändert. Als wäre ihm eine weltbewegende Erkenntnis aufgegangen – ein Ausdruck, den man nicht oft auf Thiels Gesicht sieht. Daß Thiels Mimik ihm so vertraut ist, schnürt seine Brust wieder ein bißchen mehr zu.

Und dann sagt Thiel „Sie müssen das doch wissen … Herrgott, Boerne!“

„Was?“ Hoffnung. Er schafft es nicht, dieses irrationale Gefühl unter Kontrolle zu bringen. Hoffnung ist etwas wirklich Gefährliches. Bringt Menschen dazu, sehr dumme Dinge zu tun. So wie jetzt. „Was muß ich wissen?“

Und dann sagt Thiel „Du blöder Idiot“ und er will eigentlich sagen, daß er sich das nun wirklich nicht bieten lassen muß, und überhaupt, es heißt immer noch Sie blöder Idiot, aber bevor er etwas sagen kann, hat Thiel ihn an sich gezogen und umarmt ihn so fest, daß er kaum noch Luft kriegt. Aber die Enge, die Enge in seiner Brust, die ist auf einmal wie weggewischt.


* Fin *
Tags: !120 minuten, f: tatort münster, g: fanfic, p: thiel / boerne
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