?

Log in

No account? Create an account
BT_Wandern

July 2018

S M T W T F S
1234567
891011121314
15161718192021
22232425262728
293031    

Büttenwarder

Powered by LiveJournal.com
BT_Telefonieren

Erkläre Chimäre (Transkription von HollyHop) - Teil 1

Vielleicht erinnert sich die ein oder andere noch - HollyHop hat diese Transkription zu "Erkläre Chimäre" angefertigt. Eine Heidenarbeit und extrem hilfreich, vor allem wenn man mal schnell was nachsehen will für eine Fanfiction ... Da Holly ihr LJ wieder gelöscht hat, habe ich der Transkription bei mir Asyl geboten. Zum Glück hatte sie sie noch abgespeichert :D

Also dann: Viel Spaß!


Die Tür des Gorky Park öffnet sich und ein sturzbetrunkener Professor Boerne stolpert heraus, fängt an zu tanzen und singt:
BOERNE: Kalinka Kalinka Kalinka moya. V sadu yagoda malinka malinka moya.

Thiel und Nadeshda kommen nach ihm aus der Tür und bleiben im Türsturz stehen. Thiel lacht. Boerne singt einige Operntöne.

BOERNE (dreht sich total angeheitert um): Oh Gott. Wissen sie eigentlich überhaupt, ja? Warum man Wodka so gut verträgt?

THIEL: Na, da bin ich ja mal gespannt.

BOERNE: (fasst Thiel am Kragen und klopft ihm auf die Brust) Wissen Sie das?

THIEL: Nämich?

BOERNE: (dreht sich zu Nadeshda) Sie? (dann wieder zu THIEL) Wegen der Fuselalkohole.

THIEL: Is‘ es wahr?

BOERNE: Also nich‘ die die drin sind, sondern die die nich‘ drin sind. (zählt an den Fingern ab) Propanol, Buthanol, Hexanol, Penthanol, raus aus meinem Vodka. Habt hier gaaar nichts zu suchen. Ksch ksch ksch kschu, pffi pfui pfui. Is‘ nur reinster Ethylalkohol.

THIEL (zu NADESHDA, die neben ihm steht): Nach meiner Beförderungsfeier hatten wir am nächsten Tag nen Doppelmord, da hab ich gleich vier Leichen gesehen.

BOERNE: (lacht) He he, vier Leichen ist gut.


SCHNITT


AUßEN An der Spiekerhofbrücke steht ein Taxi. Musik spielt.

TINE HAEMER sitzt am Steuer ihres wartenden Taxis. Vor ihr quert ein Penner mit seinem Einkaufswagen die Straße. Ein weißer SUV kommt angefahren und überfährt den Penner. Der Wagen mit dem unbekannten Fahrer hält kurz an und fährt dann aber weiter.

TINE HAEMER: Was? Das gibt’s doch nicht. (sie greift zum Taxifunk) Hallo? Hallo Heike. Heike. Hier Tine. Der Hammer. Schnell Unfall. Standort Spiekerhof.


SCHNITT


AUßEN Vor dem Gorky Park

BOERNE: (neckend zu THIEL) Haben sie überhaupt schon ein Taxi gerufen Sie ... Hauptschüler.

THIEL: (zu NADESHDA) Na denn, viel Spaß noch Frau Kommissarin.

NADESHDA: Ja, Ihnen auch noch viel Spaß Herr Oberhauptkommissar. (fast zu sich selber) Kommissarin Krusenstern.

THIEL: Werden Sie sich schon dran gewöhnen.

Die Tür des Gorky Park geht auf und ein Bekannter von Nadeshda spricht sie auf russisch an. Sie antwortet und beide gehen gemeinsam wieder hinein.

THIEL (ruft ihr hinterher): Tschüss

BOERNE (sieht ein Taxi heranfahren): Hooo hullo hallo Taxi hu hu hallo hu hu pschpschpsch (es ist das Taxi von Vaddern Thiel. Es stoppt direkt an seinem Schienbein)

VADDERN: (öffnet die Autotür) Kommt schnell! Penner am Spiekerhof.

THIEL: Was?

VADDERN: Ja. Wahrscheinlich tot. Komm ich nehm euch mit.


SCHNITT


AUßEN Am Spiekerhof

BOERNE: (zu VADDERN) Ach, mein lieber sehr verehrter Herr Thiel. Molestieren sie mich und Ihren Sohn doch nicht mit sowas. Ich meine Unfall mit Fahrerflucht. Das ist doch ne Sache für die Verkehrspolizei und für den Notarzt.

VADDERN: Aber ich ...

BOERNE (unterbricht ihn): Nein, bis das Opfer nicht vollkommen mausetot ist, fällt das einfach nicht in die Zuständigkeit von unsereiner, nich‘?

VADDERN: So? Echt? (TINE HAEMER tritt zu ihm heran und er dreht sich zu ihr) Hatte der ein Münsteraner Nummernschild?

TINE HAEMER: Weiß ich nicht. Ich hab nur nen weißen SUV gesehen, mehr nicht.

VADDERN: Was schläfst‘n auch am Steuer. Tolle Zeugin.

TINE HAEMER: Fahr du doch mal ne 20 Stunden Schicht, Herbie.

VADDERN: Ha, das ist der Preis der Selbständigkeit. (hält ihr seinen Joint hin) Willst du auch‘n Zug, hä? Ja, ist gut für die Nerven.

TINE HAEMER: Na, musst du wohl haben. Bei soviel Bullen um dich rum. Nacht.

VADDERN: Gut‘ Nacht.

BOERNE: Gut‘ Nacht.

VADDERN: Ist der Hammer.

BOERNE: Was?

VADDERN: Na, Tine Haemer. Die nennen wir so.

BOERNE: Na, die ist aber schon eher ein Vorschlaghammer, nich‘.

VADDERN: Vorschlaghammer? Das ist gut. Merk ich mir.

BOERNE: Oh, Sancta Simplicitas.

THIEL (kommt zu ihnen rüber): So Vaddern, ich denke die Jungs ham das hier im Griff.

VADDERN: Ja? Und?

THIEL: Sieht nicht gut aus.

VADDERN: Also, wenn der Mann mit Absicht überfahren wurde, ja? Dann wäre das doch ein Fall für euch, oder?

BOERNE: Ach, ihr Vater ist aber wirklich auch manchmal anstrengend.

THIEL: Das sagt der Richtige


SCHNITT


INNEN Bei Boerne in der Wohnung
Boerne ist immer noch reichlich angeheitert. Er bringt ein Tablett voller Schnittchen ins Wohnzimmer und summt dabei ein wenig.

THIEL (hält ein Foto von den beiden hoch, das er auf dem Tisch gefunden hat. Im Hintergrund spielen ein paar Töne des Hochzeitsmarsches): Darf ich mal fragen was das ist?

BOERNE: (fühlt sich ertappt, überspielt es aber) Das is‘ unser Hochzeitsfoto. Aber is‘ ganz schön, nich‘?

THIEL: Unser was?

BOERNE: Das hab ich in meiner Studentenzeit gelernt. Wenn man etwas zu viel Alkohol hatte, dann unbedingt vor dem Zubettgehen noch ein paar kleine Happen, pappen, schnappen. (klopft Thiel auf die Schulter) Das werden Sie mir morgen danken.

THIEL (schlägt die Hand weg): Ich glaube nicht, dass Sie ein Morgen erleben werden.

BOERNE: Jetzt nehmen Sie sich mal eins. Das ist ja total unhöflich. Ich hab mir solche Mühe gegeben.

THIEL (hält das Foto erneut hoch): Wofür ist das?

BOERNE: Das sind wir beide. Auf der Beerdigung von Staatsanwalt Schlenk. (Thiel stopft sich eines der Schnittchen rein)

THIEL: Ja, das seh ich selber. (Thiel verschluckt sich an dem Schnittchen und fängt an zu husten)

BOERNE: Da musste ich nur noch den Blau ... Brautstrauß reinmontieren und hinten da ... da ... das Standesamt. Ich finde wir sind ein sehr schönes Paar. Na, was husten Sie denn da jetzt so hysterisch. Ist doch nur ein Foto. (Thiel kriegt jetzt wirklich keine Luft mehr)

BOERNE: Er meint es ernst. (Boerne greift ihm unter die Arme und zieht ihn vom Stuhl) Zeit für das Heimlich-Manöver.

BOERNE versucht THIEL das Schnittchen mit dem Heimlich Manöver wieder aus der Luftröhre zu drücken

BOERNE: Sie geben wohl gar nichts wieder her, was? (legt Thiel auf den Boden und greift nach einem Kugelschreiber, den er auseinanderschraubt und in zwei Teile teilt. Dann greift er nach dem Küchenmesser, das auf dem Tablett mit den Schnittchen liegt)
So, und jetzt vertrauen Sie mir einfach. (Boerne macht einen impromptu Luftröhrenschnitt. Dann steckt er Thiel den halben Kugelschreiber von außen in die Luftröhre) Komm. (Thiels Brustkorb hebt und senkt sich, er atmet wieder. BOERNE streicht sich vor Erleichterung über die Stirn)


SCHNITT


INNEN Im Krankenhaus

THIEL wacht langsam aus der Narkose auf.

BOERNE: Na, da isser ja wieder. (hält den halben Kugelschreiber hoch) Luftkurort Davos. Da war ich mal bei einem Kongress. Entbehrt nicht einer gewissen Ironie, was? (Thiel will etwas sagen, kann aber nicht sprechen nach der OP) Ganz ruhig, das wird schon wieder. Nicht so anfassen, nech?

THIEL versucht wieder zu sprechen, aber es geht nicht.

BOERNE: Ich habe einen Patenonkel. Gustav. Und den hab ich schon seit 15 Jahren nicht mehr gesehen. Der lebt inzwischen in den USA. In Florida. Und der ist nicht nur einer der weltweit renommiertesten Meeresbiologen, Abenteurer, Schatzsucher, Wracktaucher. Er ist auch noch bekennender Homosexueller.

THIEL will etwas sagen, bringt aber immer noch kein Wort heraus.

BOERNE: Was meinen Sie? Sollte ich lieber Schwuler sagen? Schwuler? Ist das die korrekte Bezeichnung? Also, auf jeden Fall besitzt Gustav südlich von Orlando, direkt an der Küste, ein stattliches 18-Zimmer Anwesen, wo ich dereinst gedenke meinen wohlverdienten Lebensabend zuzubringen.
Und ich bin soweit ganz zuversichtlich. Denn erstens hat der betagte Mann eine bedauerliche Krebserkrankung, zweitens keine Kinder und drittens ... ein Lieblingspatenkind und jetzt raten Sie mal wer das ist.

THIEL: (stottert etwas unverständlich) Du... Durst ...

BOERNE: Ja richtig, richtig. Das bin ich. Und um nun testamentarisch engültig bei ihm zu punkten habe ich mich vor ein paar Wochen am Telefon zu einer kleinen Unwahrheit hinreißen lassen, indem ich ihm ganz beiläufig davon berichtete, dass ich nun auch meine eigene jahrelang unterdrückte Homosexualität entdeckt hätte und mein Coming-Out gehabt hab.
Und weil ich grad so schön in Schwung war, da hab ich ihm dann auch von meiner Heirat erzählt. Na ja, er wollte ein Hochzeitsfoto – hatte keins – und da kam mir das Bild von der Beerdigung mit Ihnen und mir gerade recht. Ich meine, wann tragen Sie auch schon mal einen halbwegs vorzeigbaren Anzug.

THIEL versucht ihn zu unterbrechen, kann aber immer noch nicht sprechen.

BOERNE: Thiel, es kann Ihnen doch vollkommen egal sein, ob mein totgeweihter Gevatter auf der anderen Seite des großen Teiches einen westfälischen Provinzkommissar für schwul hält, oder nicht.

THIEL: (zieht sich an Boernes Jackett in eine sitzende Position hoch) Sie sind doch wirklich das allerletzte. Allerletzte.

(Dr. JEHLE tritt in den Raum)

JEHLE: Na na, so redet man doch nicht mit seinem Lebensretter. Sie sollten lieber Herrn Professor Boerne auf den Knien danken. (er hebt THIELs Kehle ein wenig an)

THIEL: Aua!

JEHLE: Ohne sein beherztes Eingreifen und den Luftröhrenschnitt wären Sie jetzt wahrscheinlich gar nicht mehr am Leben.

BOERNE: Haben Sie das gehört? Auf den Knien danken.


SCHNITT


AUßEN vor dem St. Josef Krankenhaus

JEHLE: (steckt sich eine Zigarette an) Eigentlich sollte ich als Arzt ja mit gutem Beispiel vorangehen, aber mitten in der Nacht eine Notoperation. Da vergess ich schon mal alle guten Vorsätze.

BOERNE: Aber hallo hallo, die Notoperation habe jawohl ich durchgeführt.

JEHLE: Ich meine auch nicht Ihren Kommissar.

BOERNE: Ach so, Sie reden von dem Büchsensammler der überfahren wurde.

JEHLE: Wer?

BOERNE: Opfer einer Fahrerflucht? Heute nacht?

JEHLE: Nein, hab ich gar nicht mitbekommen.

(Eine Patientin hustet in der Nähe. Beide drehen sich zu ihr um)

BOERNE: Frau Staatsanwalt? Sind Sie das? Was machen Sie denn hier?

JEHLE: Und um diese Zeit? Marsch zurück auf ihr Zimmer. Sie werden morgen operiert.

KLEMM: Und zwar von Ihnen und Sie stehen hier auch noch rum und qualmen.

BOERNE: Müssen wir uns Sorgen machen? Ist was mit der Lunge?

KLEMM: Keine falschen Hoffnungen. Ich bleib Ihnen erhalten. Es ist nur eine kleine ... äh, Frauengeschichte.

JEHLE: Da ziemt es sich nicht weiter nachzufragen.

BOERNE: Ja, das will ich auch gar nicht so genau wissen.

KLEMM: Aber bis zum Treffen vom blauen Kreis muss ich wieder hergestellt sein. Kommt nicht in Frage, dass dieser windige Weinpanscher zum Nachfolger von Dr. Steuben gewählt wird.

BOERNE: Blauer Kreis, ja? Ist das so eine Art militantes Raucherbündnis?

JEHLE: Nein, eine Kinderhilfsorganisation die unter anderem Waisenhäuser in aller Welt unterstützt.

KLEMM: Und Sie sind herzlich eingeladen Mitglied zu werden.

BOERNE: Ich mag Kinder, nicht? Ich mag Kinder sogar sehr. Nur eben ... nicht so sehr.

KLEMM: Kommen Sie, alle besseren Honoratioren der Stadt sind beim Kreis dabei.

BOERNE: Kann man das von der Steuer absetzen?

KLEMM: Ich wusste doch, dass der Herr Professor sein Herz am Rechen Fleck hat.


SCHNITT


AUßEN Am Restaurant LEVENHOEK

BOERNE: (aus dem Off) Männlich, 25-30-jährig, keinerlei Identitätshinweise in oder an der Kleidung.

ALBERICH: (aus dem Off) Na ja, von hier ist der sicherlich nicht.

BOERNE: Wie kommen Sie denn zu diesem vorwitzigen Schluß?

ALBERICH: Na ja, ist sehr gut angezogen, das dunkle Haar, sehr gepflegt.

BOERNE: Das alles trifft doch auf mich genauso zu und trotzdem bin ich ein stolzer Sohn dieser Stadt.

NADESHDA: Ich will ja nur ungern ihr Fachgespräch stören, aber gibt’s auch irgendwelche Erkenntnisse was den Todeszeitpunkt angeht?

BOERNE: Der Umstand, dass Sie jetzt Kommissarin sind, verleiht Ihnen nicht die Lizenz zum Sarkasmus.

ALBERICH: So vor circa 12 bis 14 Stunden, vermute ich. Also gestern abend zwischen 18 und 20 Uhr.

BOERNE: Ach, das vermuten Sie so. Alberich vermutet das einfach so. Würden Sie freundlicherweise in ihrer Freizeit vermuten. Und wenn Sie so gerne vermuten, dann tun Sie’s wenigstens tonlos. Zumindest so lange ich anwesend bin. Frechheit.

THIEL: (tritt hinzu) Hnnn, sieht ja lecker aus.

BOERNE: Ein glatter Schnitt durch die Kehle. Ja, der Täter versteht sein Handwerk fast so gut wie ich. Wenn ich nochmal ganz diskret daran erinnern dürfte.

BOERNE hält sich den Zeigefinger an die Kehle und macht Würgegeräusche.

BOERNE: Ich sage nur „Auf den Knien“.

THIEL: Sie können mich mal ... mit sachdienlichen Hinweisen zu dem Fall unterstützen, beispielsweise.

BOERNE: Hach, schon wieder dieser mokante Ton. Wohlan, nach meiner Einschätzung wurde der Schnitt dem Mann im Liegen zugefügt.

THIEL: Dann hätte doch aber ein Todeskampf stattfinden müssen und eine dementsprechende Bewegung. Die Blutspuren sehen aber nicht danach aus als wären ...

BOERNE: Eben. (ist genervt) Müssen Sie meine Ausführungen ständig unterbrechen?

ALBERICH: Ständig.

NADESHDA ist total genervt von Boerne, dreht sich um und geht weg.

BOERNE: Ja, es ist richtig, äh, vermutlich war der Mann bereits bewusstlos und damit bewegungsunfähig als er hier auf dem Boden zu liegen kam.

THIEL: Schön. Gab es weitere äußere Verletzungen?

ALBERICH will gerade antworten, da fährt Boerne ihr über den Mund.

BOERNE: Nicht auf den ersten Blick. Aber wenn die da (zeigt auf ALBERICH) für den Abtransport sorgen würde, dann kann ich nach einer gründlichen Leichenschau möglicherweise mit exakterem aufwarten. Wenn die da mit ihrem vertikalen Wachstum fertig ist. (geht weg)

ALBERICH: (zu THIEL) Also heut find‘ ich ihn ganz besonders knuffig.

THIEL: (nachdenklich zu NADESHDA) Kühlhaus. Wie kommt der ins Kühlhaus?

NADESHDA: Der Beikoch hier vom Levenhoek hat den Toten gefunden, aber ...

THIEL: Wonach riecht’n das hier?

NADESHDA: (zeigt in Richtung Haupthaus) Da ist die Küche.

THIEL: Ach, Sauerbraten. Also wenn Sie mich fragen ... die machen hier den besten Sauerbraten in der ganzen Stadt.

NADESHDA: Und die haben Fenster zum Hof.

THIEL: Wenn das nicht Empfehlung genug ist.
Ein Auto startet mit extrem lautem Motor. THIEL dreht sich um und sieht BOERNE und ALBERICH laut hupend vom Hof fahren.


SCHNITT


INNEN im Restaurant Levenhoek
NADESHDA: (zur Kellnerin) Haben Sie meinen Chef gesehen?

KELLNERIN: Ich glaub der is‘ auf’m Klo.

NADESHDA geht ins Herrenklo, wo Thiel auf der Heizung steht und versucht aus dem Fenster zu gucken.

NADESHDA: Also, von den Angestellten in der Küche hat keiner eine Beobachtung gemacht, die in irgendeinem Zusammenhang mit der Tat stehen könnte.

THIEL: War ja zu erwarten. (springt von der Heizung auf den Boden)

NADESHDA: (versucht auch durch das Milchglasfenster zu schauen) Was sieht man von da?

THIEL: (seufzt) So gut wie gar nichts. Und wenn’s dunkel ist wahrscheinlich noch weniger.


SCHNITT


AUßEN Auf dem Hof des Levenhoek

SPUSI: Wahrscheinlich hat sich jemand an dem Schlauchhalter hier verletzt. Die Blutspuren sind ähnlich frisch wie die anderen.

NADESHDA: Auch vom Mordopfer?

SPUSI: Na ja, wenn wir Glück haben vom Täter.

NADESHDA: (zu THIEL) Boerne kann das ja schnell abgleichen.

SPUSI: Na ja, wir werden noch ein Weilchen brauchen bis wir die Arbeiten abgeschlossen haben. Dann kriegen Sie einen vollständigen Bericht, ja?

THIEL: Prima, danke.

THIEL hustet und fasst sich dann an den noch wunden Hals.

THIEL: Vielleicht sollte ich besser keine Witze mehr über Boerne machen. Sieht leider ganz so aus, dass er mir tatsächlich das Leben gerettet hat.

NADESHDA: Wieso leider?

THIEL: Ist ja wohl klar, dass er mir das Zeit seines Lebens unter die Nase reiben wird.

NADESHDA: Stimmt, davon ist auszugehen.

THIEL: Todsicher.

SCHNITT


INNEN im Präsidium. THIEL prüft den Heilungsgrad seiner Wunde. NADESHDA sitzt im Büro daneben.

NADESHDA: Der Tote ist schwul gewesen. Da bin ich mir mittlerweile ziemlich sicher.

THIEL: Aha, und wieso?

NADESHDA: Zum einen hab‘ ich da den siebten Sinn. Zum anderen wurden in den letzten Monaten im Landkreis Potsdam Mittelmark drei junge Männer getötet und ...

THIEL: (fährt genervt dazwischen) Und alle drei waren schwul.

NADESHDA: Exakt. Die Boulevardpresse hat auch schon einen originellen Namen für den Täter. Der Schlitzer von Teltow.


SCHNITT


INNEN im Obduktionssaal der Rechtsmedizin

BOERNE: Der Täter hat ein großes Messer benutzt mit einer äußerst scharfen Klinge. Mit so etwas lässt sich so ein Kehlschnitt natürlich viel einfacher durchführen als wenn man, sagen wir mal ... nur ein ... Obstmesser zur Verfügung hat.

THIEL: (genervt) Ja, ist ja gut. Ich hab Ihre Anspielung durchaus verstanden.

BOERNE: Ansonsten stammen sämtliche am Tatort gefundenen Blutspuren mit hoher Wahrscheinlichkeit vom Opfer. Blutgruppe AB Rhesus negativ. Und das ... kommt nur sehr selten vor. Bei 1% der Bevölkerung.

ALBERICH: Auch die von dem Schlauchhalter.

BOERNE: Sehr hilfreiche Bemerkung, Alberich, nich? Ich sagte ja sämtliche und sämtliche impliziert ... alle. Auch die vom äh, vom äh, von dem .. dem äh ...

ALBERICH: Schlauchhalter.

BOERNE: Müssen Sie mich dauernd unterbrechen?

THIEL: Wäre auch zu schön gewesen, wenn wir wenigstens die Blutgruppe des Täters gehabt hätten.

BOERNE: Ja. Seltsam allerdings ist, dass ich keinerlei Verletzungen finden konnte, die von dem ... dem äh, dem ...

ALBERICH: Schlauchhalter.

BOERNE: Jetzt ist aber gut. (BOERNE schaut ALBERICH warnend an) ... herrühren könnten.

THIEL: Na ja, vielleicht hat ja der Täter das Blut an den ...

THIEL, BOERNE und ALBERICH zeitgleich: Schlauchhalter.

THIEL: ... absichtlich rangeschmiert. Ich mein‘ könnt‘ ja sein, oder? (THIELs Handy klingelt und er geht ran) Ja, Nadeshda, was gibt‘s? (THIEL bleibt an der Tür zu BOERNES Büro stehen) Na prima, dann können wir den ja schon mal vergessen. (BOERNE ist ihm gefolgt und betritt das Büro)

BOERNE: (redete infach über das Telefongespräch drüber) Wen können wir vergessen?

THIEL: (zu NADESHDA am Telefon) Ja, gut dann äh ... bis später. Tschüß. (legt auf) (zu BOERNE) Den Schlitzer von Teltow. Die Potsdamer haben bereits seit zwei Tagen einen hochgradig Tatverdächtigen. Der kann es also bei uns nicht gewesen sein.

BOERNE: Mh, schade. Apropos Schlitzer. Geht’s denn besser mit dem Schlucken?

THIEL: Oh ja. Ganz wunderbar. Wie verrückt.

BOERNE: Na, aber nicht zu gierig, nich‘? Sonst muss ich wieder Hand anlegen.

THIEL lacht sarkastisch

BOERNE: Aus meinen Worten spricht ernstgemeinte Sorge um sie, Thiel.

THIEL: Ja, also ... (kämpft etwas mit sich) Danke.

BOERNE: Ein ganzes Wort? Das finden Sie also angemessen?

THIEL: Sehr geehrter Herr Professor, ich möchte mich hiermit in aller Form bei Ihnen dafür bedanken, dass ...

BOERNE: Dass ich Ihnen das Leben gerettet hab‘? Na, ist ja nicht der Rede wert. Na ja, na ja, lassen Sie mal, ne Leiche hier auf meinem Tisch ist mir auch lieber als zu Hause auf meinem flauschigen doppelschlaufigen Hochbauschflokati.

THIEL (lacht): Ja, vielleicht kann ich mich ja auch mal in angemessener Form revanchieren.

BOERNE: Da sei Gott vor.

THIEL: Ja, jedenfalls nochmals ... Danke. (hält Boerne die Hand hin)

BOERNE: Brechen Sie sich mal keinen ab. (schüttelt die Hand)


SCHNITT


INNEN Nadeshdas Büro

NADESHDA: Fehlanzeige. Die DNA unseres Opfers ist in keiner europäischen Datenbank registriert. Ich versuch’s jetzt nochmal bei den brasilianischen Kollegen.

THIEL: (hat immer noch Probleme beim Sprechen und Schlucken) Bei den Brasilianern?

NADESHDA: Ja. Die Unterhose, die der Tote trug ... (ruft ein Bild des Opfers auf dem Computer auf) Das Label Animale kommt aus Rio. Das ist ein ganz kleiner Designer der kaum exportiert, schon gar nicht nach Europa.

THIEL: Prima. Dann haben wir doch schon mal was. Vielleicht haben wir hiermit auch ein bisschen Glück. (zieht eine Beweismitteltüte aus seiner Jackentasche) Das ist ein Kaugummi. Hat die Spusi in der Einfahrt zum Tatort gefunden. Vielleicht ist noch Speichel dran. Soll sich Boerne mal drum kümmern.

NADESHDA: Ich lass‘ alle Hotels und Pensionen überprüfen. Vielleicht ist ja ein Gast abgängig. Und wenn wir ein bisschen Glück haben einer aus Südamerika.

THIEL: Wann erscheint eigentlich das Bild in der Tageszeitung?

NADESHDA: Morgen früh. Ich hab’s auch schon an die Taxi Zentrale weitergegeben. Ach, und die Blumen für die Frau Klemm hab ich auch besorgt. (zeigt hinter sich)

THIEL: Ihre Beförderung war längst überfällig.

NADESHDA: Danke. Was hat die Frau Staatsanwältin eigentlich?

THIEL: Irgendwas worüber sie nicht so gerne reden möchte. Sagt Boerne.

NADESHDA: Na ja, dem würd‘ ich auch nichts erzählen.


SCHNITT


INNEN Im Krankenhauszimmer von Frau Klemm

KLEMM: Seien Sie versichert, Thiel. Von Schlagzeilen wie Der Schlitzer von Münster wäre ich nicht begeistert.

THIEL: Na ja, aber wenn wir es mit einem psychopathischen ... (THIEL muss schlucken und es tut immer noch weh) Nachahmungstäter zu tun haben, dann müssen wir damit rechnen.

KLEMM: Umso wichtiger, dass Sie möglichst schnell mit Ermittlungsergebnissen aufwarten, um die Öffentlichkeit zu beruhigen.

THIEL: (ist total genervt) Jaha.

KLEMM: (merkt, dass sie unsensibel war) Tschuldigung. War wohl überflüssig die Ermahnung.

THIEL: Ja, war sie.

Die Tür geht auf und Dr. JEHLE tritt ein. Frau Klemm wirft schnell ihre Zigarette aus dem Fenster.

JEHLE: (hat die Zigarette noch gesehen) Tag Frau Klemm. Guten Tag Herr Hauptkommissar.

THIEL: Moinsen Herr Doktor.

JEHLE: (mit Blick auf Frau Klemm) Erstaunlich, dass Ihnen die Dinger so kurz nach der OP schon wieder schmecken.

KLEMM: (unschuldig) Ich schnappe nur etwas frische Luft.

THIEL lacht.

JEHLE: (sarkastisch) Manche Leute sind ja geradezu süchtig nach Frischluft.

THIEL: Ja, besonders die Frau Staatsanwalt.

JEHLE: Besonders die. (zu THIEL) Ist das hier ein beruflicher Besuch? Eigentlich soll sich die Patientin noch etwas schonen.

THIEL (hält einen Strauß hoch): Äh, ich bin nur der Blumenbote.

JEHLE: Und ich wollte Ihnen nur rasch die Mitteilung machen, dass der Blaue Kreis ein neues, prominentes Mitglied begrüßen darf.

KLEMM: (weiß sofort, dass es um BOERNE geht) Unglaublich. Man muss ihn wirklich nur ein klein bisschen an seiner Eitelkeit kitzeln.


SCHNITT


INNEN Im Obduktionssaal

BOERNE: Also, ich muss zugeben dieser Fall stellt selbst für mich eine Herausforderung dar.

THIEL: Zu deutsch, also auch Sie haben keine Idee, warum er sich nach dem Kehlschnitt nicht mehr bewegt hat.

BOERNE: Ideen, Ideen, Ideen. Ideen hab‘ ich viele.

ALBERICH: Es sind weder Medikamente oder Substanzen im Blut nachweisbar, die erklären könnten, warum das Opfer vor Eintritt des Todes betäubt oder bewegungsunfähig gewesen sein könnte.

NADESHDA: Vielleicht war er ja schon vor dem Schnitt tot?

BOERNE: Diese brilliante Idee hatte ich selbst auch schon, Frau Kommissarin. Ich konnte nur leider keine Todesursache finden. Keine andere.

THIEL: (zeigt auf das Röhrchen mit dem Kaugummi in ALBERICHS Hand) Und damit? Was ist damit?

ALBERICH: Ja, wir haben die sichergestellten Speichelspuren auf dem Kaugummi analysiert und ...

BOERNE: Ja, und und und und und und, nech. Lange Rede kurzer Sinn. Er hatte den Kaugummi nicht im Mund.

NADESHDA: Könnte also vom Täter stammen?

ALBERICH: Aber leider ist die DNA in keiner Datenbank registriert.


SCHNITT


INNEN Bei BOERNE und THIEL zu Hause

THIEL trägt gerade die Wäsche aus dem Keller in seine Wohnung und will seine Tür aufschließen. BOERNE greift ihm überraschend von hinten an die Schultern. THIEL erschreckt sich.

BOERNE: Freuen Sie sich, Thiel.

THIEL: Meine Güte, müssen Sie mich so erschrecken?

BOERNE: Es gibt gute Nachricht.

THIEL: Und die wäre?

BOERNE: Meinem Onkel Gustav geht’s wieder besser.

THIEL: Na, is‘ ja schön. Freut mich sehr.

BOERNE: Wobei seine Heilung an ein medizinisches Wunder grenzt.

THIEL: Kann ich mich jetzt bitte wieder um meine Hausarbeit kümmern?

BOERNE: Ich wollte mir nur ein Stück Butter für meine Quiche von Ihnen leihen.

THIEL: (erfreut) Quiche?

BOERNE: Ja, keine Sorge. Die schaffe ich mit links. Allerdings Sie ... sollten sich vielleicht ein bisschen frisch machen, damit er nicht sofort in Ohnmacht fällt.

THIEL: Wer?

BOERNE: Mein Onkel Gustav. Aus Florida. Stehen Sie auf’m Schlauch?

THIEL: Wie? Der ist hier?

BOERNE: Natürlich ist er da. Völlig überraschend. Auf einen Kurzbesuch. Davon rede ich doch die ganze Zeit.

THIEL schaut unentschlossen zu BOERNEs Wohnungstür.

BOERNE: Wir duzen uns. Als Eheleute.

THIEL: Sind Sie jetzt völlig irre geworden, Boerne?

BOERNE: Bist du jetzt völlig irre geworden, Karl-Friedrich? Sie wollten sich doch einmal revanchieren. Jetzt können Sie’s mal.

THIEL (geht in seine Wohnung): Nee, nee, nee, nee, nee.

BOERNE greift nach seinem T-Shirt Kragen und hält ihn daran fest. THIEL schreit auf vor Schmerz und lässt fast den Wäschekorb fallen.

BOERNE: Tschuldigung.

BOERNE nimmt THIEL den Wäschekorb ab.

BOERNE: Entschuldigung. Das äh ... wollte ich nicht. Es ist doch nur für einen Abend. Ich verlange doch nicht den Austausch von Körperflüssigkeiten oder Zungen ...

THIEL: Na schön. NA SCHÖN! Aber nur unter der Bedingung, dass Sie mich nie (THIEL greift sich erneut an die immer noch schmerzende Wunde am Hals) nie wieder daran erinnern, dass Sie mir das Leben gerettet haben.


SCHNITT


INNEN In BOERNEs Wohnung

THIEL ist jetzt schick angezogen mit Oberhemd, Weste und Jeans. BOERNE klopft mit einem Finger an die Scheibe zum Wohnzimmer, um seinen Onkel darauf aufmerksam zu machen, dass sie da sind. Onkel GUSTAV dreht sich nicht um.

BOERNE: Schau mal, wen ich hier habe!

GUSTAV: Moment, ich telefoniere noch.

BOERNE schaut auf seine Hand, an der bereits ein Ehering glänzt.

BOERNE (zu THIEL): Ah, das Wichtigste.

BOERNE holt ein kleines Kästchen aus seiner Hosentasche und öffnet es.

BOERNE: Ein Erbstück von meinem Großvater.

THIEL: Auf gar keinen Fall Boerne.

BOERNE: Karl-Friedrich. Ist das denn so schwer? Her den Finger.

THIEL: Der ist doch viel zu klein.

BOERNE: Das geht schon.

THIEL: Au au au au au au au au.

BOERNE: Sie haben aber auch Wurstfinger.

THIEL: (überbetont) Du hast Wurstfinger.

GUSTAV: Diese verdammte Mailbox.

BOERNE: Ta-ta, da isser, mein Frank.

GUSTAV: (erfreut) Frank. Was für eine Freude dich endlich kennen zu lernen.

THIEL: Ja, äh, ganz meinerseits. (hält GUSTAV die Hand hin)

GUSTAV: (greift an seine Oberarme und zieht ihn zu sich heran) Komm. (nimmt THIELs Gesicht in beide Hände und gibt ihm einen Kuss auf die Wange)

GUSTAV: Genauso hab ich mir dich vorgestellt. Handfest, etwas kerlig. Nicht so eine Prinzessin auf der Erbse wie der da.

BOERNE ist leicht pikiert. THIEL lacht kurz auf.

GUSTAV: Gute Wahl. Karl-Friedrich hat mir erzählt, du arbeitest bei der Polizei?

THIEL: Mordkommission, ja.

BOERNE: Er ist Hauptkommissar. Ein ziemlich guter.

GUSTAV: Ein Kriminalkommissar und ein Gerichtsmediziner. Wenn das nicht die ideale Verbindung ist.

THIEL: Tja, es ließ sich ja le ... quasi gar nicht vermeiden.

BOERNE: So ihr ... ihr beiden ihr werdet jetzt jede Menge Zeit haben euch ein bisschen näher kennen zu lernen, denn KF verschwindet in der Küche und zaubert seine berühmte Quiche.

GUSTAV: Äh, es tut mir leid ... ich, äh, werde nicht mit euch essen können. Ich, ähm, fühl mich nicht ganz auf der Höhe und würde eigentlich lieber zurück ins Hotel fahren.

THIEL (leicht sarkastisch): Ah, das ist aber schade.

Es klingelt an der Tür. THIEL und BOERNE tauschen einen fragenden Blick.

THIEL: Aber mir geht’s heute auch noch nicht so gut.

BOERNE: (an der Gegensprechanlage) Wer stört? (will erst THIEL Bescheid sagen, dass sein Vater vor der Tür steht, überlegt es sich dann aber anders und drückt einfach nur den Summer)

GUSTAV: Morgen bin ich wieder auf’m Damm. Ich hoffe, ihr seid mir nicht böse, ja?

BOERNE: Nein.

GUSTAV: Aber ich könnte mir vorstellen, dass zwei frischvermählte gar nicht so traurig sind, wenn sie den Abend alleine verbringen können.

THIEL: Also, ganz offen gestanden, am Liebsten sind wir eigentlich immer ganz für uns. Ne, Mausebärchen?

BOERNE (warnend): Frankie-boy.

GUSTAV: Süß seid ihr miteinander.

Es klopft an der Tür.

VADDERN: Herr Professor? Ist mein Sohn bei Ihnen?

THIEL: Mein Vadder.

VADDERN: Ich muss ihn ganz dringend sprechen.

THIEL: Entschuldigung, aber da muss ich eben ... hat mich sehr gefreut.

GUSTAV: Warum siezt dein Schwiegervater dich?

BOERNE: Er weiß nichts von unserer Beziehung ... ähm, das ist so ein konservativer, erzkonservativer Typ.

GUSTAV: Alte Schule, ich verstehe.

BOERNE: Das ist ein wahnsinniger Spießer.

VADDERN: Hey, warum können wir nicht oben miteinander reden?

THIEL: Darum. So, wieviel brauchst du?

VADDERN: Nicht doch, ich will doch kein Geld von dir.

THIEL: Das ist ja mal ganz was Neues.

VADDERN: Nein. Erfolg auf ganzer Linie. (VADDERN faltet ein Blatt Papier auseinander) Hier. (auf dem Papier ist ein Steckbrief mit Luiz Bensao drauf) Der Rensinghoff ist sich sicher, dass er diesen Mann hier gestern von Nienberge zum Hauptbahnhof gebracht hat.

THIEL: Rensinghoff? Wer ist das?

VADDERN: Is’n Kollege von mir.

THIEL: Mh-hm. Wann war das?

VADDERN: Na gestern.

THIEL: Um wieviel Uhr?

VADDERN: So 16 Uhr, meint er.

THIEL: Das war zwei Stunden vor seinem Tod. Hm. Hat er auch die genaue Adresse gesagt?

VADDERN: Vom Bahnhof?

THIEL: (schon leicht genervt) Von Nienberge!

VADDERN: Na, ruf ihn doch an. (VADDERN dreht den Zettel um) Hier hinten steht seine Nummer drauf.
Die Haustür öffnet sich und GUSTAV kommt heraus, gefolgt von BOERNE

GUSTAV: Lieb von dir Karl-Friedrich, aber ich werd mir ein Taxi nehmen. Bleib du mal bei deinem frischgebackenen.

VADDERN und THIEL drehen sich zu den beiden um

VADDERN: Taxi? Hab ich da eben Taxi gehört? Ja, da sind sie bei mir genau richtig. (Boerne macht hinter GUSTAV eine entschuldigende Armbewegung) Wo wollen Sie denn hin?

GUSTAV: Zum Königshof.

VADDERN: Ja, kommense mit, steigense ein. (zu THIEL) Tschüss Frank. (zu BOERNE) Tschüss Herr Professor.

GUSTAV: (zu BOERNE) Der macht doch einen extrem relaxten Eindruck.

BOERNE: Das täuscht. Klassischer Fall von Doppelmoral.

GUSTAV: Wir sehen uns.

THIEL: Wir können dich aber auch ... (GUSTAV geht zum Taxi, ohne auf THIEL zu hören. THIEL geht zu BOERNE, der immer noch an der Haustür steht) Perfektes Timing.

GUSTAV: (zu VADDERN) Ich hoffe, ich brüskiere Sie damit nicht allzu sehr, aber kennen Sie irgendwelche Lokale, in denen Männer ganz besonders willkommen sind?

VADDERN: Ach, Schwulenbars? Warum sagen Sie’s nicht gleich? (dumpf, Kamera geht auf BOERNE und THIEL, die sich ratlos anschauen) Also, da wären der ... (unverständlich) ... und der Ochsenkeller. Der allerdings nur, wenn Sie auf Leder stehen.

GUSTAV: Hört sich an, als hätten Sie keine Berührungsängste.

VADDERN: Also, meine Devise ist ‚Jeder glücklich nach seiner Fasson‘.

GUSTAV: Weiß Ihr Sohn das auch?

VADDERN: Frank? Also, der ist in allem noch sehr von gestern.

GUSTAV: Ach, tatsächlich?

VADDERNS Handy klingelt.

VADDERN: Oh, entschuldigung. (er geht ran und währenddessen fällt GUSTAVS Blick auf das Steckbrieffoto von Luiz Bensao, das

VADDERN im Taxi liegen hat) Tine? Geht grad ganz schlecht, ich hab’n Fahrgast. Ich ruf zurück, ja?

GUSTAV: (schaut sich den Steckbrief genauer an) Oh mein Gott.

VADDERN: Was ist?

GUSTAV: Oh mein Gott.

VADDERN: Brauchen Sie’n Arzt?

GUSTAV: Fahren Sie mich doch lieber ins Hotel.

VADDERN: Das ist in ihrem Alter auch das Vernünftigste.


SCHNITT


 AUßEN Bei der Weinhandlung Schosser

THIEL: (aus dem Off) Die Weinhandlung Schosser in Nienberge befindet sich in einem aufwändig und geschmackvoll umgebauten ehemaligen Gutshof.

NADESHDA: Stimmt.

HERR SCHOSSER: Von unangemeldeten Vertreterbesuchen halten wir gar nichts, wissen Sie? Ich bevorzuge es meine Winzer persönlich zu besuchen.

FRAU SCHOSSER: Mein Mann war ja ohnehin außer Haus, deshalb hab ich den jungen Mann auch schnell wieder ... abgewimmelt.

HERR SCHOSSER: Ja, sein Angebot entsprach ohnehin nicht den Qualitätsstandards unseres Hauses.

THIEL: Mh-hm. Worum ging’s denn da?

HERR SCHOSSER: Unbedeutende Weine. (zu seiner Frau) Irgendeine portugiesische Kooperative, nicht wahr?

Sie winkt ab.

NADESHDA: Aber er hat doch sicherlich ne Liste oder sowas da gelassen?

THIEL: Oder vielleicht eine Visiten ... (er muss abbrechen wegen der Stimme) tschuldigung, eine Visitenkarte?

FRAUU SCHOSSER: Ja, schon, sicher, nur die ... hab‘ ich gleich in den Kamin geworfen.

THIEL: (glaubt ihr kein Wort) Na ja, wie hätten Sie auch wissen können, dass die später nochmal irgendwann von Bedeutung sein könnte.

FRAU SCHOSSER: (schaut auf das Bild des toten Luiz Bensao) Jetzt tut es mir richtig leid, dass ich so unfreundlich zu ihm war.

HERR SCHOSSER: (zu ihr) Jetzt mach‘ dir doch keine unnötigen Vorwürfe, bitte.

NADESHDA: Vielleicht können Sie sich ja an einen Namen erinnern.

FRAU SCHOSSER: (unsicher) Ansao, Benseu, auf jeden Fall etwas mit „eeuu“. (sie schiebt das Bild wieder zu THIEL und NADESHDA rüber) Es tut mir leid, dass ich ihnen nicht mehr helfen kann.


SCHNITT


INNEN Im Obduktionssaal

THIEL: Versteh‘ ich nicht. Und jetzt müssen Sie die Todesursache revidieren?

BOERNE: Nach weiteren Untersuchungen bin ich persönlich zu der Erkenntnis gekommen, dass der junge Mann nicht mehr am Leben war, als ihm die Kehle durchtrennt wurde.

THIEL: Ach so?

BOERNE: Allerdings das stichhaltig vor Gericht zu beweisen ... das wird schwierig. Meiner Meinung nach ist er den sogenannten Bolustod gestorben. Derselbe, der übrigens auch Sie ereilt hätte, wenn ich nicht durch mein fachgerechtes und beherztes Eingreifen ... (THIEL unterbricht ihn durch ein Räuspern)

THIEL: Wir hatten eine Verabredung.

BOERNE: Wie auch immer. (wäscht sich die Hände) Was ist überhaupt der Bolustod? Entgegen der landläufigen Meinung handelt es sich dabei nicht um ein Ersticken, obwohl der sogenannte „Bolus“ – Klammer auf: griechisch für Klumpen, Klammer zu – auch die Atemwege blockiert, sondern um einen reflektorischen Herz-Kreislauf-Stillstand. Ausgelöst durch einen Reiz des „Nervus Vagus“ – Klammer auf, wir sprechen auch vom vagalen Reiz – im Nervengeflecht des Kehlkopfs. (BOERNE desinfiziert sich die Finger und kommt wieder auf ALBERICH und THIEL zu) Hören Sie mal gut zu, nech, auch Sie könnten hier liegen. Anders als im vorliegenden Fall allerdings kam der todesursächliche vagale Reiz nicht durch ein ... liebevoll zubereitetes, gierig hinuntergeschlungenes Canapé verursacht, sondern weil der Mann versuchte etwas scharfkantiges zu verschlucken. Alberich. (BOERNE zeigt  auf die Schale mit dem Speiseröhrenabschnitt)

ALBERICH: (BOERNE versucht gleichzeitig mit ihr zu sprechen, kommt aber nicht durch) Das ist der Schlund, sowie der Kehlkopf des Toten, wo man wenn man genau hinschaut, die entsprechenden auffälligen Schleimhautverletzungen erkennen kann.

BOERNE: (laut) Dürfte ich das wohl erklären?

ALBERICH: Das ist zwar mein Präparat ... aber bitte. (Sie hält ihm die Schale hin)

BOERNE: Deshalb dürfen Sie es ja auch halten ... aber ich erkläre. (BOERNE will gerade ansetzen, da klopft es an der Tür)

ALBERICH geht weg, um die Tür zu öffnen.

THIEL: (warnend zu BOERNE) Noch ein Mal ...

ALBERICH öffnet die Tür. Davor steht GUSTAV

ALBERICH: Ich glaub‘ Sie haben Besuch?

GUSTAV tritt ein und BOERNE sucht schnell nach dem Ehering in seiner Kitteltasche und setzt ihn auf.

GUSTAV: Kann ich ihn sehen? (wenig später in BOERNEs Büro) Wer bringt einen so tollen jungen Mann derart bestialisch um?

BOERNE: Also, das werde ich ... ich meine, das werden wir, Frank und ich, hoffentlich bald herausgefunden haben. (THIEL versucht immer noch den Ehering auf seinen Finger zu pressen, mit wenig Erfolg)

THIEL: Warum ist Luiz eigentlich hier nach Münster gekommen? Wollte er hier portugiesischen Wein verkaufen?

GUSTAV: Wie kommst du da drauf? Nein, Champagner.

BOERNE: Champagner?

GUSTAV: Na gut, irgendwann muss es ja heraus.

THIEL: Wir sind ganz Ohr.

GUSTAV: (setzt sich zu BOERNE an den Schreibtisch) Wir haben vor eineinhalb Jahren vor der Küste von Kuba einen Zweimastschoner geortet, der 1835 gesunken ist. Bei einem der Tauchgänge sind wir dann in dem Wrack auf eine guterhaltene Kiste mit sechs Flaschen Champagner gestoßen. Jahrgang 1829.

BOERNE: (beeindruckt) Also, ich habe zu Hause eine Flasche von 1961 und die ist schon ein Vermögen wert.

GUSTAV: Ein Jahrgang 1829 aus dem Hause Jäger erst Recht.

BOERNE: Darf ich mal raten? Nur so ins Blaue? Hunderttausend?

GUSTAV schüttelt den Kopf

GUSTAV: Nein. Drei.

BOERNE: Puh.

GUSTAV: Dreihunderttausend Dollar hat ein Experte geschätzt.

THIEL: (tippt sich an die Stirn) Fünfzigtausend Dollar für eine Flasche Schaumwein.

GUSTAV: Ja, das Problem war nur, das Schiff war innerhalb der Drei-Meilen-Zone gesunken.

THIEL: Und somit laut geltendem Recht dem kubanischen Staat gehörte ...

GUSTAV: Du sagst es. Nur ich hatte zu dem Zeitpunkt bereits meine Krebsdiagnose und habe die Kiste heimlich beiseite geschafft. Na ja, ich wusste ja, dass die Therapie sehr sehr teuer werden würde.

BOERNE: Warum soll man denn das Geld auch den bärtigen Commandantes in den Hals werfen?

GUSTAV: Ja, so eine offizielle Versteigerung kam natürlich nicht in Frage und da hat sich dann der Luiz an diesen Weinhändler in Münster erinnert.

THIEL: (geht zu BOERNE rüber und lehnt sich auf seine Stuhllehne) Schosser.

GUSTAV: Ja, Schosser. Ich glaub so heißt er, ja.

BOERNE: Was hat denn der damit zu tun?

GUSTAV: Ja, Luiz kannte den vom „Blauen Kreis“.

BOERNE: Ah. Da bin ich seit kurzem auch Mitglied. Blauer Kreis. (THIEL schaut genervt) Natürlich. Und was hatte Luiz mit dem Blauen Kreis zu schaffen?

GUSTAV: Luiz ist in einem Waisenhaus in Rio de Janeiro aufgewachsen, das über sehr viele Jahre von denen finanziell unterstützt wurde. Das heißt die haben praktisch seine ganze Ausbildung bezahlt.

BOERNE: Das ist ein ganz großes Thema im blauen Kreis, nech, Begabtenförderung. (THIEL schaut genervt und fängt wieder an an seinem Ring rumzuspielen)

GUSTAV: Vor zwei Jahren hat dann der Verein Luiz an mein Team vermittelt und da hat er sich als Techniker hervorragend bewährt.

THIEL: Und da seid ihr beiden euch auch ... menschlich näher gekommen? (GUSTAV nickt und BOERNE schaut überrascht zu THIEL hoch)

BOERNE: Also der Schosser, der wollte euch diesen teuren Champagner abkaufen? Das wußte ich gar nicht, dass der in so einer Preisklasse mitspielt.

GUSTAV: Ich habe die Flaschen per Schiff nach Amsterdam bringen lassen und bin dann vor zwei Tagen mit Luiz dahingeflogen.

THIEL: Und wieso ist er von Holland alleine hierher gekommen?

GUSTAV: Er wollte sich bei der Gelegenheit persönlich bei den Menschen bedanken, die ihm damals so geholfen haben.

THIEL: Ist ja ein feiner Zug.

GUSTAV: Ich wollte halt unbedingt noch in dieses Schiffahrtmuseum und bin dann mit dem Mietwagen hinterher gereist. Luiz und ich wir ... wir wollten euch beide überraschen. Aber als ich ankam, da ... war er nicht im Hotel.

THIEL: Mh-hm. Wann hattest du denn zuletzt Kontakt mit ihm?

GUSTAV: Am Nachmittag so gegen vier. Er hat angerufen, um zu sagen, dass mit dem Champagner alles glattgelaufen ist und dass er noch eine Besprechung hat um sechs Uhr und dass er sich auf mich freut.


SCHNITT

AUßEN An der Weinhandlung Schosser

THIEL und NADESHDA fahren mit dem Auto auf den Hof.

NADESHDA: Was fummeln Sie da eigentlich die ganze Zeit rum?

THIEL: Ich krieg‘ diesen Scheißring nicht ab.

NADESHDA: Ein Ehering? Haben Sie heimlich geheiratet?

THIEL: Quatsch, hab ich nicht. Und jetzt keine falschen Fragen, ja?

NADESHDA: Ja, probieren Sie’s doch mal mit Schmierseife.

THIEL: Hab ich.

NADESHDA: Wenn nur eine Vitrine zu Bruch gegangen ist, hält der Schaden sich ja in Grenzen.

THIEL: Wir hatten schon die Befürchtung, dass Sie den Glaser deswegen bestellt hatten. (THIEL klopft auf die Vitrine mit dem teuren Champagner)

HERR SCHOSSER: (schließt die Vitrine mit dem Champagner auf) Die Flaschen sind ja bestens verpackt ... wie sie selber sehen.

NADESHDA: Wieviel haben Sie Luiz Bensao für diese Kiste bezahlt?

FRAU SCHOSSER: Zweihundertfünfzigtausend Euro. Die mein Mann dagelassen hat. Er war ja ...

HERR SCHOSSER: Ich musste zu meiner Mutter. Wasserrohrbruch. Sie lebt ganz allein und ist schon über achtzig.

THIEL glaubt ihm kein Wort

NADESHDA: Die Zweihundertfünfzigtausend, waren die in bar?

HERR SCHOSSER: Was glauben Sie denn? Hier handelt es sich schließlich um ... sagen wir mal ... nicht ganz legale Ware.

THIEL: Schwarzgeld nehm ich an?

HERR SCHOSSER nickt schuldbewußt.

THIEL: War das der Grund, warum Sie uns anfänglich erstmal angelogen haben?

NADESHDA: Immerhin geht es hier um wichtige Ermittlungen in einem Mordfall.

HERR SCHOSSER: Immerhin geht es hier um sehr viel Geld für uns. Vielleicht verständlich?

THIEL: Schön. Lassen wir das erstmal beiseite. Frau Schosser, kommen Sie mal bitte. (FRAU SCHOSSER zögert) Kommen Sie. Jetzt erzählen Sie mir doch bitte ein bisschen was über den Besuch des Brasilianers an dem Tag.

FRAU SCHOSSER: Erstmal war der junge Mann sehr enttäuscht, da Ewald nicht persönlich anwesend war.

HERR SCHOSSER: Ich hatte mich ja sehr für die Finanzierung seiner Ausbildung in Brasilien eingesetzt.

THIEL: Ja, ja, ich weiß ja, der Blaue Kreis und so.

HERR SCHOSSER: Genau, richtig.

FRAU SCHOSSER: Er hat mir die Ware gezeigt, ich habe den Inhalt geprüft und dann hat er das Geld in Empfang genommen. Ah, einen Kaffe hat er getrunken. (portugiesisch: melhores cumprimentos com si vaochi) Mit den besten Grüßen an Ewald und dann ist er mit dem Taxi weggefahren.

THIEL: Hmmh, mit zweihundertfünfzigtausend Euro? Inner Plastiktüte? Oder ... ich mein, das war ja ein ziemliches Bündel, oder?

FRAU SCHOSSER: Er hatte so eine schwarze Umhängetasche. Da hat er den Umschlag reingesteckt.

HERR SCHOSSER: Meinen Sie er wurde deswegen umgebracht?

NADESHDA: Ja, wahrscheinlich.

THIEL: Die Frage ist ja: Wer wußte davon, dass er mit soviel Geld unterwegs war ...

NADESHDA: War außer Ihnen sonst noch jemand in das Geschäft eingeweiht?

FRAU SCHOSSER: Nur mein Mann. Und ich.

NADESHDA: Und Gustav van Elst?

HERR SCHOSSER: Genau, der auch.

FRAU SCHOSSER: Sonst niemand.

THIEL: Na, das war doch diesmal schon etwas glaubwürdiger.

NADESHDA: Ich weiß es nicht. Mit irgendwas halten die beiden immer noch hinterm Berg, sagt mir mein Bauchgefühl.

THIEL: Bauchgefühl? Sie haben doch gar keinen Bauch.

NADESHDA: Na ja, jedenfalls lässt sich der Wasserrohrbruch leicht überprüfen.

THIEL: Aber wissen Sie was ich mich frage? Wieso hat sich Bensao direkt zum Bahnhof zurückfahren lassen? Der sollte doch eigentlich erst ins Hotel, dort einchecken und dann auf van Elst warten.

NADESHDA: Er war im Königshof, bevor er hierher kam. Aber wegen Überbelegung hätte er das Zimmer erst am Abend beziehen können.

THIEL: Hm, ja, und dann hat er bestimmt gedacht, dass die Kohle in einem Schließfach am Bahnhof sicherer aufgehoben ist.


SCHNITT


INNEN Im Polizeipräsidium

THIEL und NADESHDA schauen sich gemeinsam die Überwachungsvideos aus dem Bahnhof an.

NADESHDA: Blöderweise wird der Bahnhof nicht komplett überwacht. Hier die Schließfachanlagen werden nur teilweise von den Kameras erfasst. (sie stoppt das Band nachdem Luiz zu sehen war) Was er jetzt im Anschluss gemacht hat, kann man nur vermuten.

THIEL: Hm.

NADESHDA: Ich spul mal vor ... So, um 16:46 Uhr tritt er wieder in einen überwachten Bereich. Tasche hat er nicht mehr dabei.

THIEL: Ja, die wird er in einem der Fächer deponiert haben. Ist ja wohl klar.

NADESHDA: Gut. Dann bleibt uns jetzt nichts anderes übrig, als alle Schließfächer öffnen zu lassen.


SCHNITT


INNEN Im Bahnhof
Der Bahnhofsmitarbeiter schließt das letzte Schließfach auf. Es ist leer.

THIEL: Tja, Satz mit X, war wohl nix. Trotzdem Danke.


SCHNITT


INNEN In BOERNES Wohnzimmer

BOERNE: (zündet eine Kerze auf dem gedeckten Esstisch an) Es ist doch ganz klar, dass Sie nichts gefunden haben. Bensaos Tasche wurde nach der Tat aus dem Schließfach rausgeholt.

THIEL: Na ja, aber da muss doch der Täter vorher irgendwie an den Schlüssel gekommen sein.

BOERNE: Brilliant kombiniert. Allerdings nicht irgendwie, wie Sie eben so präzise formulierten, sondern ganz genau so (BOERNE zeigt auf THIEL) Geben Sie mir mal ihren Hausschlüssel? Der hat in etwa dieselbe Größe.

THIEL: Wozu?

BOERNE: Nun geben Sie schon her. Meine maßgebliche Mutmaßung ist, dass Luiz Bensao den Schlüssel nicht freiwillig herausgegeben hat.

THIEL: Tatsächlich? Ha, da wär ich ja im Leben nicht drauf gekommen.

BOERNE: Vor allem wären Sie nie darauf gekommen, dass er den Schlüssel möglicherweise vor den Augen seines Angreifers ... halten Sie mal (gibt THIEL einen Behälter mit dem einbalsamierten Kehlkopf des Opfers in die Hand) ... kurzerhand heruntergeschluckt hat. Hier, dieser kantige Teil des Schlüssels hier, könnte sich so im Rachen verklemmt haben, dass es zum Bolustod kam. Der Täter musste anschließend nur noch die Kehle aufschneiden, ja, um den Schlüssel an sich zu bringen.

THIEL: Nur noch.

BOERNE: Jahaa, also, ob er nun ... ob Luiz Bensao nun schon vorher erstickt war oder nicht, das ließ sich im Nachhinein nicht mehr hundertprozentig klären.

THIEL: Na, wie auch immer. Auf jeden Fall hat er seinen Tod billigend in Kauf genommen.

BOERNE: Nun ja,  und es bleibt unterlassene Hilfeleistung im schweren Fall. (er grinst) Und die Leichenschändung. (es klingelt an der Tür) So, ich glaube ich sitze hier. Da Onkel Gustav und Sie daneben.

THIEL: Mein Gedeck können Sie gleich wieder abräumen.

BOERNE: Auf Knien danken. Das haben Sie wohl schon vergessen, was? (sieht das Kehlkopfpräparat, das er gerade auf den Tisch gestellt hat) Ah, das ist aber keine schöne Tischdekoration.

THIEL: Huh, ich find‘ zu Ihnen passt’s. (BOERNE stellt das Präparat in den Schrank) Wie war eigentlich das Verhältnis zwischen Ihrem Onkel und seinem ... Lover. Na ja, ich meine immerhin war Luiz ja vierzig Jahre jünger.

BOERNE: Versuchen Sie da gerade Onkel Gustav einen Mord aus Eifersucht oder verschmähter Liebe unterzujubeln?

THIEL: Na ja, ich ...

BOERNE: (unterbricht ihn) Thiel! Der Mann ist Familie. Auch Ihre. Sozusagen. (es klingelt) Das isser.

BOERNE will zur Tür gehen, sieht aber vorher noch THIELS aufgerollte Pulloverärmel und will ihm den Pullover zurechtziehen. THIEL wehrt sich.

THIEL: Ja, nein, das kann ich allein.

BOERNE: (streicht nochmal den Pullover vorne glatt) Ja, so. (er geht zur Tür und nimmt den Hörer der Gegensprechanlage in die Hand) Ja, ist offen! Jaaa. (er dreht sich wieder zu THIEL) Unterstehen Sie sich solche Ungeheuerlichkeiten während des Essens auszusprechen, ja? Wir werden ausschließlich über ... über ... unseren bevorstehenden Urlaub reden.

THIEL: (nicht unerfreut) Urlaub? Was denn für’n Urlaub?

BOERNE: Es geht doch nur um ein unverfängliches Gesprächsthema, hm? Ich zum Beispiel, ich mag es alpin. Im Frühtau zu Berge wir zieh’n fallera.

THIEL: Auf gar keinen Fall. Also, wenn überhaupt, dann will ich ans Meer.

BOERNE: Fiktiv, Herr Thiel. Wir tun doch bloß so.

THIEL: Ich fahr‘ auch nicht fiktiv in die Berge. Ich will ans Meer.

BOERNE: Ich hab in meinem Leben schon genug Sandburgen gebaut, ja? (GUSTAV kommt rein und sieht die beiden streiten. THIEL will

BOERNE darauf aufmerksam machen, aber der ist in voller Fahrt) Weiß Gott, Schluss damit. Nein, es sind die Alpen und sonst nichts. Und nicht hier sitzen, sondern da sitzen. (endlich schafft THIEL es den anderen darauf aufmerkssam zu machen, dass GUSTAV da ist)

GUSTAV: Ihr hört euch jetzt schon wie ein altes Ehepaar an.

THIEL: (versucht die unangenehme Situation zu überspielen) Jaha, er ist manchmal so aufbrausend.

GUSTAV: (begrüßt die beiden) Ach ja, übrigens, ich äh ... dachte bevor du mich das fragen musst. Ich hab hier noch meine Eintrittskarte zum „Het Scheepvaartsmuseum“. Siehste und die Uhrzeit ist da auch drauf. 18:14 Uhr. Vielleicht reicht das ja als Alibi.

THIEL: Äh, ja ja, natürlich. Es tut mir leid, Gustav ... das ist mir jetzt wirklich sehr ...

GUSTAV: (unterbricht ihn) Muss es nicht. Du machst doch deinen Job.


SCHNITT


weiter geht es mit Teil 2

Comments