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Tatort Nachlese: Die Rezensionen und Boerne/Zoltan

Ich hab heute die ein oder andere Rezension zum Tatort gelesen und finde es ziemlich auffällig, daß alle davon auf Thiel und Klara Wenger (”love interest”, “hat das Zukunft” ...) angesprungen sind, aber nicht eine Boerne und Zoltan auch nur erwähnt hat. Nun neige ich zwar dazu, alles durch die Slashbrille zu sehen, aber jetzt mal ehrlich - war das zwischen Klara und Thiel nicht viel eher was fast schon Geschwisterliches? Ich hatte eher das Gefühl, daß Thiel mit der plötzlichen Vertrautheit und mangelnden Distanz überfordert war, auch weil er sich ja nicht mehr erinnert hat, Klara zu kennen. Und bei ihr hatte ich nicht wirklich das Gefühl, daß sie im romantischen Sinn an ihm interessiert war. Versteht mich nicht falsch, ich mochte Klara und hatte Spaß an der Dynamik zwischen den beiden, aber “love interest”, das sehe ich da eher nicht.

Dagegen fand ich es nicht zu übersehen, daß da was war zwischen Zoltan und Boerne. Und nicht nur im Subtext, sondern greifbar und offensichtlich. Womit ich jetzt auch nicht meine, daß die zwei nach dem ausgesprochen vorteilhaft - und mit Sicherheit mit Bedacht - gesetzten Schnitt nach Zoltans kleinem Striptease zusammen auf Boernes Obduktionstisch gehüpft sind. Vielleicht ist ja auch gar nix weiter passiert als das, was wir gesehen haben. Aber das ist passiert, und es wurde zumindest damit gespielt, daß da mehr hätte sein können. Zum Beispiel durch Thiels Reaktion(en). Aber das ist eben in keiner der Rezensionen, die ich gelesen habe, auch nur erwähnt worden. Als wären alle vollkommen blind für die Möglichkeit, daß es durchaus auch zwischen zwei Personen des gleichen Geschlechts mal knistern könnte. 

Comments

Wenn dann aber natürlich Leute wie Wettcke und Silber kommen, die diese Schubladen ganz bewusst thematisieren und mit ihnen spielen (und das haben sie bisher in jeder ihrer Folgen getan), dann kann das eben dazu führen, dass der Durchschnittszuschauer sich in seinem Seherlebnis beeinträchtigt fühlt, weil er eben die Charaktere nicht so einfach durchschauen kann und dazu genötigt wird, nachzudenken. Wenn man dazu keine Lust hat, tut man es als "schlecht geschrieben" ab, so ist jedenfalls meine Erfahrung, oder eben, wie oben schon erwähnt, als Ausnahme der Regel. Und natürlich kategorisieren die Leute Boerne sofort unter "hetero", weil sie das bei jedem tun, der es nicht explizit anders klarstellt oder den gängigen Klischees entspricht (was ja wieder damit zusammenhängt, dass unsere Gesellschaft Heterosexualität als die Norm versteht). Die Aufgabe, diese Kategorisierung wieder zu verändern/anzupassen, ist ja an sich schon schwierig und anstrengend genug für unser Gehirn. Wenn es dann aber noch um so ein sensibles und polarisierendes Thema wie die Sexualität geht, redet man da sehr oft gegen Wände. Ich glaube, viele können damit dann einfach nicht umgehen, der kognitive Konflikt ist zu stark, das Filmerlebnis stark beeinträchtigt. Man kann die Handlungen der Charaktere also entweder nicht verstehen, hält sie für komisch/OOC, für einfach nur witzig oder eben für total schlecht. So oder so, es kann immer dazu führen, dass Filme dadurch im Nachhinein förmlich zerrissen werden. Natürlich gibt es sowas auch berechtigterweise, manche Filme sind einfach nicht gut. Aber ich glaube, bei dieser Folge hat es vor allem etwas damit zu tun, dass viele Leute einfach überfordert damit gewesen sind, weder Boerne noch GOD noch Thiel noch Klara (und das sind viele Leute für einen einzigen Film!) richtig einordnen oder einschätzen zu können; weil keiner sich ausschließlich an seine typischen Kategorien gehalten hat. Und ich glaube, viele wollten sich damit auch nicht näher beschäftigen. Und vielleicht wird sich dann gerade deshalb an den Schubladen festgehalten, die doch noch irgendwie zu sehen waren (oder zumindest interpretiert werden können), ganz egal, ob da jetzt die erotische Spannung zwischen GOD und Boerne zehnmal so groß war wie zwischen Thiel und Klara. Und wie gesagt, viele Leute nehmen das so vermutlich auch nicht wahr, da in ihrem Schema die Kategorie "homosexuell" oder "bisexuell" im Bezug auf Boerne einfach gar nicht existiert. Oder so generell.

Jetzt habe ich schon wieder so unnormal viel geschrieben und wahrscheinlich versteht man gar nicht, was ich damit eigentlich ausdrücken wollte. :D

Jedenfalls gehe ich davon aus, dass tatsächlich viele Menschen das nicht sehen (wollen), weil es den Schubladen in ihrem Kopf widerspricht und nicht gewillt sind, diese zu verändern bzw. komplexer zu gestalten.

Übrigens bin ich im Allgemeinen extrem genervt von der heteronormativen Sichtweise unserer Gesellschaft. In jedem beknackten Rosamunde-Pilcher-Film brauchen sich der Mann und die Frau am Anfang nur anlächeln, ich betone, ANLÄCHELN, und alle wissen, dass die beiden im Laufe der nächsten 90 Minuten ins Bett steigen werden. Nicht nur das, es finden sogar alle völlig selbstverständlich und richtig so. Und das ist auch in Ordnung. Ich mag solche Filme selbst und ich habe kein Problem damit, wenn zwei Charaktere sich schnell verlieben. Aber dann kann ich doch wohl erwarten, nicht immer ein 500-Seiten-Essay an Argumenten und Charakteranalyse etc. vorlegen zu müssen, um irgendwie zu rechtfertigen, wie ich denn auf die Idee kommen könnte, zwischen zwei Personen des gleichen Geschlechts mehr als nur Freundschaft zu sehen - nur, um am Ende meines Vortrags sowieso wieder als "naiv" abgestempelt zu werden.

Seufz, okay, jetzt bin ich aber wirklich still. :D
Ich wünschte, man könnte Kommentare auf LJ liken, denn ehrlich, jetzt gerade würde ich nichts lieber tun. Du sprichst mir aus der Seele. Voll und ganz.
Ein halbes Jahrhundert zu spät, aber ja, das unterschreibe ich mal so :D

Vor allem auch den letzten Teil: Aber dann kann ich doch wohl erwarten, nicht immer ein 500-Seiten-Essay an Argumenten und Charakteranalyse etc. vorlegen zu müssen, um irgendwie zu rechtfertigen, wie ich denn auf die Idee kommen könnte, zwischen zwei Personen des gleichen Geschlechts mehr als nur Freundschaft zu sehen
Mir ist ja auch klar, daß man schon aus reiner Bequemlichkeit am liebsten in den ausgefahrenen Spuren denkt - ist ja nicht so, als ginge mir das nicht oft genauso. Aber so gar nicht sehen wollen, daß es auch noch was jenseits geben könnte ...