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BT_Wandern

December 2018

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Büttenwarder

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BT_Anfang

Kommunikationsprobleme

Sommer-Challenge: h/c – „Sag mir doch, was los ist …“ – fürs Team
Rating: P 12
Genre: Pre-Slash, h/c
Handlung: Post-Ep zu „Gott ist auch nur ein Mensch“. Thiel macht sich das Leben schwer. (Sorry. Das wäre alles viel einfacher, wenn die beiden einfach mal ehrlich miteinander reden würden.) Fortsetzung zu „Irrwege“.
Länge: ~ 1.400 Wörter
Zeit: ~ 120 Minuten
A/N: Verflucht, jetzt muß ich mir für jeden Teil einen Titel ausdenken … Und hier geht das irgendwie mit der Zeit durcheinander und es fehlt ein richtiges Ende. Und das c … hust. Aber ich habe lange genug damit gekämpft, das muß jetzt so.


***


Man sollte meinen, daß nach der Lösung des Falls alles wieder beim Alten wäre. Zumindest hatte er das gedacht. Anfangs. Boerne war sehr schnell wieder der Alte, hatte unpassende Witze gemacht und schien die ganze Episode mit dem irren Künstler gut weggesteckt zu haben. Er hatte ja mittlerweile auch Übung darin, beinahe ermordet zu werden.

Es dauert einige Zeit, bis er merkt, daß doch nicht alles wieder beim Alten ist. Immer wieder passieren solche Momente wie an diesem Nachmittag – Pressekonferenz, sie konnten die Ergebnisse eines Falls präsentieren, eine Gelegenheit, die sich Frau Klemm nie entgehen läßt. Und die Boerne nicht weniger genießt als die Staatsanwältin, da sind sich die zwei ganz einig. Danach war die Stimmung gut, fast ausgelassen. Thiel war froh, daß sie den Fall zum Abschluß gebracht hatten, und froh, auch die Pressekonferenz hinter sich zu haben. Boerne hatte seine Expertise in aller Länge und Breite ausgebreitet und Frau Klemm hatte die hervorragende Polizeiarbeit gelobt, aber dann, als sie nach dem Ende der PK noch einen Moment zusammengestanden hatten – da war Boerne plötzlich weg gewesen. Eigentlich hatte Thiel ihm gerade eine Steilvorlage für eine flapsige Retourkutsche geliefert, und als die nicht kam, hatte er irritiert zu Boerne geschaut. Und Boerne … er konnte das gar nicht so richtig beschreiben, aber irgendwie hatte Boerne ausgesehen wie ausgeknipst. So als ob er plötzlich mit den Gedanken ganz wo anders war. Aber dann hatte Frau Klemm endlich ihr Zigarettenpäckchen in der Handtasche gefunden und an Boernes Stelle auf seine Bemerkung geantwortet, und dann hatte Boerne gemeint, daß er jetzt auch langsam wieder zurück in die Rechtsmedizin müsse, bevor Alberich ihm alles durcheinander brachte. Und obwohl er ganz genau hingesehen hatte, hatte Boerne mit einem Mal wieder völlig normal ausgesehen.

Das beunruhigt ihn weit mehr als es sollte. Und je länger er darüber nachdenkt, umso mehr Merkwürdigkeiten fallen ihm auf. Es sind nicht nur diese gelegentlichen Aussetzer, Boerne ist auch sonst stiller als normal. Und manchmal sieht er ihn tagelang nicht – oder eben nur bei der Arbeit. Tatsächlich hat er schon mehrmals nach Feierabend an der Nachbartür geklingelt, aber Boerne war nicht zuhause.

Und dann tut er etwas, worauf er wahrlich nicht stolz ist. Aber er sagt sich, daß er Boerne ja schließlich nicht aus schnöder Neugier nachspioniert. Er macht sich wirklich ernsthafte Sorgen, und etwas anderes fällt ihm nicht ein. Er hat Boerne ja sogar schon gefragt, ob irgendetwas nicht stimmt, als sie vor einigen Tagen zusammen in der Kantine waren. Das hat ihn ganz schöne Überwindung gekostet, und dann hat Boerne ihn nur überrascht angesehen und so getan, als verstünde er die Frage nicht.

***


Als er schließlich sieht, wo Boerne nach Feierabend hingeht, beruhigt ihn das nicht im Geringsten. Ungläubig starrt er auf die Pforte der JVA Münster. Er muß nicht nachfragen, wen Boerne da besucht, er weiß es. Er hat es schon gewußt, als er den Weg erkannt hat, den Boerne genommen hat. Aber er wollte es einfach nicht wahrhaben, bis zum letzten Moment. Bis er Boerne in der Tür verschwinden sieht.

***


Er hat keine Ahnung, ob das schlau ist, aber er kann auf gar keinen Fall so tun als wisse er von nichts. Und er kann auch nicht warten, er muß mit Boerne reden, noch an diesem Abend. Und deshalb tut er das nächste, worauf er eigentlich nicht stolz ist, und läßt sich mit Boernes Zweitschlüssel in dessen Wohnung und wartet. Immer noch besser, als ihn auf der Straße zur Rede zu stellen. Er wird auch ganz ruhig bleiben und vernünftig mit Boerne reden. Er hat sich unter Kontrolle. Hat diesen eisigen Ball aus Wut und Angst unter Kontrolle, der schwer in seinem Magen liegt.

***


Natürlich hält die Kontrolle keine fünf Minuten. Boerne ist ziemlich sauer, daß er ihm in seiner Wohnung auflauert – Boernes Worte, nicht seine. Und er vergißt alle guten Vorsätze in dem Moment, in dem Boerne ihn anpflaumt, und der Ball explodiert. Er denkt nicht mal mehr drüber nach, wie das aussieht und was Boerne wohl daraus schließen kann, daß er sich so aufregt.

Boerne ist einfach komplett irre, diesen Wahnsinnigen im Knast zu besuchen. Und das sagt er ihm auch. Und Boerne sagt, daß es ihn überhaupt gar nichts angeht, was er in seiner freien Zeit tut oder auch nicht tut. Und dann wird es wirklich laut und er weiß am Ende gar nicht mehr so genau, wer was gesagt hat, als Boerne plötzlich stoppt, seine Brille abnimmt und anfängt, sie umständlich am Hemdzipfel sauber zu wischen.

Und seine ganze Wut, die eben noch da war, kippt schlagartig weg und zurück bleiben die Angst und die Sorgen, die er sich um Boerne macht.

„Das tut Ihnen doch nicht gut, merken Sie das denn nicht?“ Besser, sehr viel besser. Es sollte sich lieber darauf konzentrieren, wie es Boerne geht und nicht, was diese ganze Sache mit ihm macht. „Der Typ manipuliert Sie immer noch, selbst jetzt noch.“

Boerne schnaubt und schüttelt den Kopf. „Er stirbt.“

„Ja und! Das macht ihn auch zu keinem besseren Menschen!“

Boerne sieht ihn einfach nur an. Stumm.

„Er wollte Sie umbringen. UMBRINGEN. Boerne, was zur Hölle …“

„Wollte“, sagt Boerne müde. „Hat er aber nicht.“

„Ja, aber auch nur, weil wir dazwischen gekommen sind!“

Boerne seufzt. „Der Mann ist nicht mehr gefährlich. Und wenn er nicht krank wäre, wäre das alles mit Sicherheit gar nicht passiert. Sie haben ja keine Vorstellung davon, welche Auswirkungen ein solcher Tumor auf die Persönlichkeit –“

„Das interessiert mich auch nicht die Bohne!“ Er versteht es nicht. Er versteht einfach nicht, warum Boerne diesen Kerl auch noch verteidigt. In seiner letzten Fortbildung zum Thema Geiselname hat er zwar gelernt, daß das Stockholm-Syndrom eher Mythos als Wirklichkeit ist, aber daran zweifelt er gerade ganz gewaltig.

Und dann hebt Boerne plötzlich den Blick und sieht ihm in die Augen. „Bevor das passiert ist, mochte ich ihn.“

Da ist es wieder, dieses irrationale Gefühl verraten worden zu sein. Und bevor er sich stoppen kann, sagt er „Daß Sie auf den Kerl abfahren, ist auch keine Entschuldigung für versuchten Mord!“

Boerne zuckt zusammen als hätte er ihn geschlagen. „Das geht Sie erst recht nichts an.“

Und ob ihn das was angeht! „War ja klar, daß das passieren mußte. Wenn Sie endlich mal jemanden gefunden haben, der noch arroganter -“

„Sie verstehen doch überhaupt nichts“, sagt Boerne heftig. „Sie haben doch keine Ahnung, wie das ist, wenn man wartet und wartet, und nie …“

„Was?“ Er versteht nicht, was Boerne sagen will. Was mit Boerne los ist. „Was nie?“

Boerne schüttelt nur stumm den Kopf.

Er hat den Faden verloren. Es ist verdammt spät, er ist unglaublich müde, und er will nicht streiten. Er will einfach nur, daß Boerne auf sich aufpaßt. Und auf gar keinen Fall will er, daß Boerne diesen Typen trifft, allein der Gedanke daran macht ihn ganz krank.

„Jetzt sagen Sie mir doch, was mit Ihnen los ist …“ Bitte, denkt er. Bitte. Das ist doch komplett verrückt, diesen Kerl im Knast zu besuchen. Ein Irrer ist das, der hätte Boerne ohne mit der Wimper zu zucken umgebracht, für die Kunst. Von wegen.

Und dann sagt Boerne „Ich verstehe, daß Sie sich Sorgen machen, aber das ist meine Entscheidung.“

Und er denkt gar nichts verstehst du, gar nichts. Aber er versteht sich ja selbst im Augenblick nicht viel besser als Boerne.

„Es wäre schön, wenn Sie mir zutrauen würden, daß ich selbst weiß, was gut für mich ist.“ Boernes Stimme klingt fest. Ein bißchen so, als hätte er diesen Satz schon öfter geübt und würde ihn nun zum ersten Mal laut aussprechen.

Thiel fährt sich mit den Händen durchs Gesicht. Es wäre schön, wenn er das glauben könnte. Aber Boerne sieht gar nicht gut aus, und er ist sich sicher, das hängt mit diesem Zoltan zusammen.

„Thiel?“

„Ich will doch bloß nicht, daß … also …“ Er kommt ins Stocken, weil er nicht weiß, wie er das sagen soll, ohne daß es komisch wird.

„Ich weiß.“ Boerne zögert einen Moment, und dann streckt er seine Hand aus und berührt ihn ganz leicht am Handgelenk. „Wollen wir vielleicht noch was trinken?“

Alkohol ist mit Sicherheit auch keine Lösung, aber er nickt. Alles ist besser, als sich weiter sinnlos im Kreis zu drehen. Und für die nächste halbe Stunde fühlt es sich fast so an, als wäre wirklich alles beim Alten.

* Fin *

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