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Des Widerspenstigen Zähmung: Kapitel 1

KAPITEL 1


***


Das Poltern war so laut, daß Boerne vor Schreck die Musik leiser drehte. Was war das denn? Das hatte sich ja angehört, als ob im Treppenhaus –

„Vaddern, was machst du denn!“

- ah, die beiden Thiels. Waren dabei sein Haus einzureißen, so wie es sich anhörte. Er schaltete die Anlage aus und ging zur Tür, um nach dem Rechten zu sehen. Was, wie es sich herausstellte, ein Kasten Bier war, der auf dem Treppenabsatz vor Thiels und seiner Wohnung zu Boden gegangen war.

Als er den Kopf aus der Tür streckte, strahlte ihn Thiels Vater an. „Nichts passiert! Alle Flaschen sind noch heil.“ Hinter ihm verdrehte der jüngere Thiel die Augen, und auch Boerne selbst merkte, wie seine Augenbrauen nach oben krochen. „Und das Parkett?“

Thiels Vater hob den Kasten vorsichtig an. „Alles halb so wild. Braucht nur ein bißchen Politur.“

Naja. Bei den Dellen würde Politur wohl kaum helfen. Wenn das Thiel passiert wäre, hätte er ihm den Schaden garantiert in Rechnung gestellt – spätestens beim Auszug. Aber andererseits war Thiel mit seinem Vater auch so schon genug gestraft. Und über kurz oder lang würde er das Treppenhaus so oder so renovieren lassen müssen. Boerne seufzte.

„Wissen Sie was, kommen Sie doch mit.“ Thiels Vater sah ihn erwartungsvoll an. „Wir wollten was kochen und ein gemütliches Bier trinken.“

„Vaddern … jetzt laß doch …“

Er hatte die Tür schon hinter sich zugezogen, bevor er wußte, was er antworten wollte. Offenbar ja. Thiels Vater nickte zustimmend. „Siehst du, ich sag‘ doch, er hat Lust.“

Und so kam es, daß er keine zehn Minuten später mit einer Flasche Bier, das er nicht mochte, in Thiels Wohnung am Küchentisch saß und Zwiebeln schnitt, während Vater und Sohn sich über die beste Zubereitung von Spaghetti all‘ arrabbiata stritten. Ohne daß ihm so wirklich klar war, warum eigentlich. Vielleicht war ihm nach dem Wochenende zuhause irgendwie doch so langsam die Decke auf den Kopf gefallen. Nicht einmal Thiel hatte er gestern im Hausflur getroffen, der war mal wieder in Hamburg gewesen.

„Das sind viel zu viele Chilis! Das wird zu scharf!“

„Scharf macht lustig.“

„Sauer.“

„Scharf macht sauer?“

„Sauer macht lustig.“

„Saure Gurken kommen aber nicht rein.“

„Vaddern …“

Boerne blinzelte, weil seine Augen zu tränen begannen, und versuchte gleichzeitig ein Grinsen zu unterdrücken. Es war doch immer wieder unterhaltsam, Thiel mit seinem Vater zu erleben. Nichts konnte seinen Kollegen besser aus der Fassung bringen.

„Du könntest ruhig mal ein wenig abenteuerlustiger sein. Nicht nur am Wochenende mit deinem alten Vater zuhause rumhocken.“

Thiel stemmte die Fäuste in die Seiten, und Boerne griff nach den Chilis. Drei sollten wirklich reichen.

„Das war doch deine Idee! Und außerdem komm‘ ich gerade erst wieder aus Hamburg zurück!“

Thiel Senior seufzte. „Ja, Fußball mit deinen Kumpels, das führt doch zu nix.“

„Jetzt fang nicht schon wieder damit an …“

„Womit?“ fragte Boerne interessiert. Thiels Kopf hatte mittlerweile eine bedenkliche Färbung angenommen, und wenn er noch ein bißchen nachhalf, würde der andere garantiert gleich explodieren.

Thiels Vater wendete sich ihm zu. „Ich sag ihm seit Jahren, er muß wieder mehr raus. Leute kennenlernen. Die Scheidung ist jetzt schon fast fünf Jahre her, das ist doch kein Zustand, daß er immer noch alleine ist. In seinem Alter.“

„Vaddern …“ Thiel war bedrohlich leise geworden. „Du wolltest das Thema heute sein lassen. Setz lieber Wasser auf.“

Thiels Vater brummelte etwas, was verdächtig nach Spaßbremse klang, aber er griff sich den großen Topf und ließ Wasser reinlaufen. Thiel selbst holte den Speck aus dem Kühlschrank, und eine gute halbe Stunden später saßen sie satt und zufrieden um den Küchentisch, ohne daß es zu weiteren Eskalationen gekommen wäre. Was auch irgendwie nett war, zumal Thiels Vater sie mit Geschichten aus Thiels Kindheit unterhielt, die den anderen mehr als einmal in Verlegenheit brachten. Boerne griff gerade nach der dritten Bierflasche, die Thiel ihm quer über den Tisch reichte – wenn man mehr von dem Zeug trank, wurde der Geschmack erträglicher – als Thiel Senior plötzlich alarmiert aufsprang. „Das hab‘ ich ja ganz vergessen!“

„Was?“

Der ältere Thiel sah zur Küchenuhr. „Ich hab‘ ‘ne Verabredung mit Irene.“ Er wackelte vielsagend mit den Augenbrauen, und Thiel stöhnte. „Macht euch noch einen schönen Abend, Jungs!“

Bevor sie reagieren konnten, war Thiels Vater schon aus der Tür. Thiel schüttelte den Kopf. „Na super. Mehr Zeit miteinander verbringen. Vater Sohn Abend. Und warum bin ich jetzt früher aus Hamburg zurück?“

„Immerhin hat Ihr Herr Vater ein reges … Sozialleben.“

Thiel schnaubte.


***


„Aber mit einem hat Ihr Vater recht“, erklärte Boerne, als sie am nächsten Morgen am gleichen Tisch saßen, um zu frühstücken.

Thiel verzog das Gesicht und rieb sich die Stirn. Das war gestern vermutlich doch zuviel Bier geworden. Er hatte es ihm ja gesagt, aber Thiel hatte nicht hören wollen. Und dann hatte er auch noch die Flasche Schnaps rausgeholt, als Boerne festgestellt hatte, daß er seine Wohnungstür hinter sich zugezogen hatte, ohne den Schlüssel einzustecken. Wenigstens hatte Thiel ihn freundlicherweise auf seinem Sofa übernachten lassen, damit er nicht auch noch den Nachtzuschlag für den Schlüsseldienst zahlen mußte.

„So lernen Sie wirklich niemand neues kennen. Da müssen Sie schon was für tun, von alleine erledigt sich das in Ihrem Alter nicht mehr.“

„Da muß sich auch gar NICHTS ERLEDIGEN!“ Thiel war gegen Ende immer lauter geworden, nur um dann selbst zusammenzuzucken. Das war schon fast amüsant anzusehen.

„Ich meine ja bloß …“

„Und Sie müssen da schon mal gar nichts zu meinen, es reicht mir schon, wenn mir mein Vater im Nacken sitzt.“

„Aber ich könnte Ihnen da gerne behilflich -“

„BOERNE!“ Thiel zuckte noch heftiger zusammen als vorher. „Haben Sie vielleicht ein Aspirin?“

Boerne nickte. „In meiner Wohnung.“

Thiel seufzte.

„Noch Kaffee?“


*** tbc ***

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