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Des Widerspenstigen Zähmung: Kapitel 2

KAPITEL 2


***


„Ich könnte Ihnen da gerne behilflich sein.“

Das hatte er gesagt, morgens bei Thiel am Frühstückstisch. Oder vielmehr, er hatte es sagen wollen, wenn Thiel ihn nicht so rüde unterbrochen hätte. Dabei war das doch wirklich ein großzügiges Angebot seinerseits. Er wußte gar nicht, warum Thiel sich da so anstellte, als wäre da was dabei. Er war ja schließlich nicht der erste Mann, dem man wieder aufs Pferd helfen mußte. Also sprichwörtlich, nach dem Sturz in Form einer Scheidung.

Jedenfalls, er beschloß, Thiels letzte Worte einfach zu ignorieren. Natürlich würde er das nie zugeben, aber es war doch offensichtlich, daß der Mann Hilfe brauchte. Wieso sonst war er seit Jahren solo? Er hatte wirklich schon deutlich schwer vermittelbarere Exemplare gesehen, die seit Jahren verheiratet waren. Manchmal sogar mit Frauen, bei denen er sich insgeheim gedacht hatte, daß die doch nun wirklich etwas Besseres hätten finden können.

Bei Thiel war es jedenfalls kein Wunder, daß es nichts wurde – der Mann gab sich ja überhaupt keine Mühe. Das einzige, was er in seiner Freizeit unternahm, war angeln mit seinem Vater (in der Natur, kein Mensch weit und breit, nur Fische), oder Fußball (Männer, Männer und noch mehr Männer). Schachspielen wäre eine Möglichkeit gewesen jemand kennen zu lernen, aber dazu müßte Thiel in den hiesigen Schachverein oder wenigstens in den Stadtpark gehen, es reichte nicht, wenn er hin und wieder mit seinem Nachbarn spielte. Ganz klar, Thiel brauchte jemanden, der sich um die Vorauswahl kümmerte und dafür sorgte, daß die zueinander passenden Parteien überhaupt erst einmal aufeinandertrafen. Und wer wäre für diese Aufgabe besser geeignet als jemand, der über reichhaltige Kontakte in unterschiedlichste Münsteraner Gesellschaftsschichten verfügte? Genau. Boerne lächelte zufrieden. Das würde ein Kinderspiel werden. Er kannte Frauen ohne Zahl, da würde mit Sicherheit was für Thiel dabei sein. Gleich morgen würde er mit der Akquise geeigneter Damen beginnen.

***


Ganz so einfach, wie er sich das in der ersten Begeisterung vorgestellt hatte, war die Sache dann doch nicht. Aber was war schon eine Aufgabe, wenn sie einen nicht vor Herausforderungen stellte!

Er hatte damit angefangen, eine Liste in Frage kommender Frauen anzulegen – Beziehungsstand, Alter, Thiel-Kompatibilität auf einer Skala von 1 bis 10 (Letzteres konnte natürlich nur eine grobe Einschätzung sein, da er nicht alle diesen Aspekt umfassenden Faktoren bei allen Damen kannte. Noch nicht.) Das war der einfache Teil gewesen.

Als schwieriger hatte sich die Ansprache der betreffenden Damen erwiesen. Die telefonische Kalt-Akquise war offenbar der falsche Weg, wie er nach einigen Fehlversuchen feststellen mußte. Oder fiel das doch eher unter Warm-Akquise? Er kannte die Kundinnen ja bereits, er versuchte ihnen nur etwas Neues zu verkaufen. Wobei die Mißverständnisse schon bei der Ware begonnen hatten – die meisten der Angerufenen hatten ihm den „Freund“ nicht abgenommen und waren davon ausgegangen, daß er von sich selbst redete. Und das wiederum kam gar nicht gut an. Manche hatten auch sofort wieder aufgelegt, kaum daß er nachgefragt hatte, ob der Beziehungsstand noch aktuell sei und sie Interesse hätten, jemanden kennenzulernen.

Offenbar mußte er subtiler vorgehen. Eher beiläufig, in einem ganz unverfänglichen Kontext. Das würde die Sache natürlich erschweren und deutlich länger dauern, aber nun gut. Es war ja nicht so, daß Thiel ihm davon lief. Der war auch noch morgen, übermorgen und in drei Monaten Single.

Also hatte er abends bei der Eröffnung der neuen Ausstellung im Stadtmuseum die Gelegenheit beim Schopfe ergriffen, als ihm Frau Dr. Schön beim Sekt begegnete. Der Name war hier zwar nicht Programm, aber Thiel war ja nun auch kein Adonis. Außerdem lag Schönheit bekanntlich im Auge des Betrachters, und auch wenn Frau Dr. Schön ihn persönlich jetzt nicht ansprach, mußte das ja noch lange nicht für Thiel gelten. Auf jeden Fall war sie alleine hier, deshalb ging er stark davon aus, daß sie nach der Scheidung, von der Alberich ihm letztes Jahr erzählt hatte, immer noch ungebunden war.

Sie hatte ihn dann zwar auch etwas merkwürdig angesehen, als er nach kurzem Smalltalk mit „Ich habe da übrigens diesen Freund“ begonnen hatte. Aber dann hatte sie sich ein zweites Glas Sekt gegriffen und nur „Warum nicht“ gesagt.

„Sie wären also interessiert?“ Er konnte es kaum glauben, nach den vielen Absagen davor.

„Wissen Sie …“ Sie nahm einen Schluck Sekt. „Wenn man erst einmal damit angefangen hat, sich auf Dating-Websites anzumelden, ist das auch kein großer Schritt mehr. Was sich da so an Männern rumtreibt … schlimmer kann es kaum kommen. Sie kennen das ja sicher.“

Boerne runzelte die Stirn. Warum Frau Dr. Schön jetzt annahm, daß er sich mit der Materie auskannte, konnte er sich nicht wirklich erklären. Bislang hatte er auf dieses Mittel noch nicht zurückgreifen müssen, er lernte auch so immer noch genügend ansprechende Frauen kennen. Aber das war ein Nebenkriegsschauplatz, von dem er sich nicht ablenken lassen wollte. „Also, wie schon gesagt, Thiel ist Hauptkommissar bei der hiesigen Polizei. Eine Scheidung, seine Ex-Frau und das gemeinsame Kind leben in Neuseeland.“ Das, fand er, war ein sehr gelungener Schachzug – wer würde sich nicht freuen, wenn die potentielle Vorgängerin weit weg und im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Spiel war.

„Und wie sieht er aus, Ihr Freund?“

Boerne stutzte. Und da hieß es immer, Frauen seien vor allem die inneren Werte wichtig. Eine Beschreibung, wie er sie sonst verfaßte, zum Beispiel bei nicht identifizierten Personen, kam hier wohl nicht in Frage. Er sollte sich lieber darauf konzentrieren, was die Schön wohl attraktiv finden könnte. An Thiel.

„Äh … gutaussehend. Ja doch, durchaus. Blond. Blaue Augen. Sehr blau.“ Er konnte sich kaum vorstellen, daß jemand Thiels Augen nicht mögen könnte. „Nicht sehr groß und … äh … kompakt.“ Er hatte einen Moment gebraucht, um das passende Wort zu finden. Kompakt. Das beschrieb Thiel wirklich gut.

Frau Dr. Schöns Augen verengten sich. „Wie groß ist denn bei Ihnen nicht sehr groß?“

Du lieber Himmel, hätte er ihr gleich Thiels Maße geben sollen? Größe, Bauchumfang, Blutgruppe? War das etwa wichtig? Aber gut, konnte er natürlich liefern. „1,65 steht in seinem Ausweis, aber wenn Sie mich fragen, ist das geschummelt. Höchstens 1,63. Mit dem Alter schrumpft man ja gemeinhin.“

Frau Dr. Schön winkte ab. „Das können Sie gleich vergessen. Suchen Sie Ihrem Freund lieber jemanden in seiner Größenordnung.“

Und dann war auch schon Dr. Klingelschmied zu ihnen getreten und hatte ihm seine Gesprächspartnerin abgenommen, während er noch nach einer geeigneten Entgegnung gesucht hatte. Klingelschmied mit seinen 1,92, das war dann wohl eher ihr Fall. Er war immer noch … geradezu empört. Nun gut, Frau Dr. Schön war ein paar Zentimeter größer als Thiel, aber das war doch wirklich eine reine Äußerlichkeit.


***


Nach diesem ersten herben Fehlschlag dachte er an Ulrike, eine frühere Studienkollegin. Sie hatten immer noch lose Kontakt, obwohl Ulrike damals den Facharzt in Allgemeinmedizin gemacht hatte und mittlerweile als Hausärztin in Warburg arbeitete. Der Kontakt hatte sich zwar zeitweise auf Karten zu Weihnachten und zu den Geburtstagen reduziert gehabt, aber seit sie sich vorletztes Jahr von ihrem langjährigen Freund getrennt hatte, hatten sie sich wieder öfter getroffen und waren hin und wieder zusammen in Münster essen gewesen.

Irgendwie hatte er das Gefühl, daß Ulrike gut passen könnte. Frau Dr. Schön wäre für Thiel vielleicht doch etwas zu sehr High Society gewesen. Nein, zu Thiels eher proletarischem Charme paßte so jemand wie Ulrike deutlich besser. Außerdem war sie keinen Zentimeter größer als 1,60.

Und sie war auch nicht so schwierig wie zahlreiche andere, bei denen er sein Glück versucht hatte. Dafür kannten sie sich dann eben doch zu lange und zu gut. Allerdings fing auch sie erst einmal an zu lachen, als sie verstanden hatte, worauf er hinauswollte.

„Du willst mich also allen Ernstes mit deinem Kollegen verkuppeln? Also keine Sorge, so dringend ist es bei mir noch nicht. Ich bin eigentlich ganz froh, mal wieder Zeit für mich zu haben.“ Ihre Stimme klang selbst durch Telefon immer noch sehr amüsiert. „Ich weiß, es ist lieb gemeint, aber danke.“

„Ich dachte eher an Thiel“, erklärte er hastig. „Also, ich meine … ich glaube, Thiel braucht dringend wieder jemanden. So unausgeglichen und reizbar, wie der Mann die halbe Zeit ist, das ist wirklich nicht mehr mit anzusehen.“

„Und ich soll mich opfern, damit du es auf der Arbeit einfacher hast?“ Er konnte das Grinsen förmlich hören. Es war doch zum Verzweifeln, nahm ihn denn überhaupt niemand mehr Ernst!?

„Wirklich, ich mache mir ernsthafte Sorgen um ihn. Thiel ist ganz klar ein Familienmensch. Dem tut das alleine sein nicht gut. Und ich dachte …“ Er stockte. „Ich weiß nicht, wenn Ihr Euch mal trefft, so ganz unverbindlich, vielleicht wird da ja was draus.“

„Du meinst das ernst, oder?“

„Natürlich meine ich das ernst.“ Er wußte wirklich nicht, warum sie so überrascht wirkte. „Und Thiel ist wirklich ein anständiger Kerl. Du würdest ihn sicher mögen, wenn du ihn erst mal kennenlernst. Gut, diese Neigung zum Fußball ist etwas anstrengend, aber ansonsten …“

„Anständig, hm.“

„Genau.“ So langsam schien sie doch anzubeißen. „Man findet nicht oft jemanden, der so ehrlich und geradeheraus ist. Das ist oft undiplomatisch, klar, aber man kann sich eben auch absolut auf ihn verlassen.“ Er dachte an Frau Dr. Schön und ergänzte: „Und er sieht auch nicht schlecht aus. Also, soweit ich das beurteilen kann. Er ist überhaupt nur deshalb noch solo, weil er sich so wenig Mühe gibt, jemanden kennen zu lernen.“

„Du magst ihn also?“

Die Frage warf ihn jetzt etwas aus dem Konzept. War das denn in dem Fall wichtig? Aber wenn es sie beruhigte: „Aber ja, natürlich.“

„Ich glaube, das hast du noch nie über einen deiner Kollegen bei der Polizei gesagt.“ Da war er wieder, dieser neckende Ton, den er von ihr so gut kannte. Nur daß er diesmal absolut keine Ahnung hatte, worauf sich das bezog. „Aber, trotzdem danke. Ich glaube nicht, daß das eine gute Idee wäre.“

„Aber warum denn nicht?“

Aber das wollte sie ihm dann natürlich auch wieder nicht erklären. Es war wirklich zum Verzweifeln.


***


Nach dem Telefonat mit Ulrike beschloß er, seine Strategie zu ändern. Er mußte ganz offensichtlich noch subtiler vorgehen. Also einfach nur dafür sorgen, daß eine in Frage kommende Dame und Thiel sich trafen, ihnen Gelegenheit geben, sich kennenzulernen, und dann hoffen, daß die Natur ihren Lauf nahm. Versuch und Irrtum, wie es so schön hieß.

Versuch Nummer eins war seine neue Physiotherapeutin. Sie trug keinen Ehering und dezente Nachfragen hatten ergeben, daß sie noch Single war. Da traf es sich doch mehr als gut, daß Thiel sich wenige Tage nach seinem Strategiewechsel bei der Mission „eine Frau für Thiel“ abends bei ihm einen Hexenschuß holte, als er gerade das Weinglas auf dem Wohnzimmertisch abstellen wollte und sich dabei leicht vorbeugte. Natürlich hätte er da auch selbst weiterhelfen können, aber im Interesse des übergeordneten Ziels rief er stattdessen Frau Helmschneider an und bat sie, wegen eines Notfalls bei ihm vorbeizukommen. Möglicherweise war sie ein wenig überrascht, daß der Notfall nicht ihn selbst betraf, aber sie war professionell genug, sich trotzdem sofort um Thiel zu kümmern. Das fand er an ihr ja einen wirklich positiven Wesenszug, so etwas sollte Thiel auch zu schätzen wissen. Unterstützt durch seine tatkräftigen Ratschläge hatte sie Thiel in wenigen Minuten so weit, daß der sich wieder bewegen konnte, wenn auch unter Schmerzen. Sie brachte ihn sogar noch selbst zum Arzt, etwas, wozu er Thiel bisher noch nie hatte überreden können. Er war fast ein wenig überrascht, wie schnell Thiel bei ihr einknickte und sich ins Auto verfrachten ließ. Aber natürlich war genau das sein Ziel gewesen. Trotzdem hätte sie ihm nicht so deutlich die Autotür vor der Nase zuschlagen müssen.

Natürlich hatte das ausgerechnet Freitag Abend passieren müssen – übers Wochenende sah und hörte er nichts von Thiel und saß auf glühenden Kohlen, während er sich fragte, ob sein Plan aufgegangen war und ob sich womöglich schon zarte Bande zwischen den beiden entsponnen hatten. Montags war Thiel dann wieder ganz der Alte, keine Spur von Rückenbeschwerden, was auf eine gründliche Behandlung schließen ließ. Und verdächtig gut gelaunt, was möglicherweise noch auf anderes schließen ließ. Aber natürlich sagte er keinen Ton, bis Boerne schließlich kapitulierte und ihn direkt auf Frau Helmschneider ansprach. Und Thiel antwortete: „Die Frau weiß, was sie tut.“

Das half ihm natürlich gar nicht weiter. Erhellung brachte erst sein nächster Besuch bei Frau Helmschneider und ihre freizügige Auskunft, daß sie Thiel in ihren Kundenstamm aufgenommen habe. Das war immerhin ein kleiner Erfolg, denn bisher hatte Thiel sich immer viel zu wenig um seine Gesundheit gekümmert, aber doch ganz und gar nicht das, was er sich erhofft hatte.

Aber gut – es konnte ja nicht jeder Versuch gleich ein Treffer sein. Auf zu Kandidatin zwei.


***


Nummer zwei war eine Kollegin aus Köln, die zu einer Fortbildung in Münster war und die er zum Mittagessen eingeladen hatte. In der Kantine, weil die so praktisch lag. Und weil er dort normalerweise auch Thiel traf, aber das hatte er natürlich nicht erwähnt, sondern auf den Zufall gehofft, der dann auch zuverlässig eintrat. Sie hatten auch in der Tat einen guten Start, Thiel war sehr viel gesprächiger als sonst und interessierte sich offenbar für das Thema der Fortbildung – der alte Heuchler, wenn Boerne ihm neue Erkenntnisse aus der Welt der Rechtsmedizin näherbringen wollte, winkte er jedesmal ab. Aber dann vertrat die geschätzte Kollegin einen Ansatz, den er so nun wirklich nicht stehen lassen konnte, und eh er’s sich versah, waren sie in eine Fachdiskussion verwickelt und er hörte nur noch mit halbem Ohr, wie Thiel sich verabschiedete, weil er die Mittagspause schon überzogen hatte.

Nummer drei, vier, fünf und sechs brachten ebenso wenig Erfolg. Keine zeigte weiterführendes Interesse, obwohl er durchaus ein paar Mal den Eindruck hatte, daß die Parteien sich sympathisch fanden. Aber jedesmal erstarb der Funke wieder, sobald er versuchte, das Gespräch geschickt auf Gebiete zu lenken, in denen Thiel sich auskannte und wohl fühlte. Dabei gab er sich alle Mühe! Und es war wirklich nicht einfach, ein Gespräch Richtung Fußball oder Angeln zu bewegen. Noch dazu hatte er langsam das Gefühl, daß Thiel Verdacht schöpfte, obwohl er sich immer wieder neue Strategien einfallen ließ, um die Kandidatinnen mit Thiel alleine zu lassen.

Er war tatsächlich kurz davor aufzugeben – drei Monate harter Arbeit und kein Fortschritt in Sicht – als er eher zufällig Alberich in der Mittagspause mit ihrer Freundin reden hörte. Monika, also Alberichs Freundin, arbeitete als MTA im Uniklinikum und war seit Jahr und Tag solo. Das wußte er, weil er die gute Frau seit vielen Jahren auf Alberichs Silvesterpartys traf und sie jedesmal alleine da war. Sonst wußte er nicht viel über sie, aber er vertraute Alberichs Menschenkenntnis. Außerdem war er inzwischen so weit, daß er nach jedem Strohhalm gegriffen hätte, und Monikas Klagen über die komplette Realitätsferne der romantischen Komödie, die Alberich und sie am Abend davor gesehen hatte, brachte ihn auf eine Idee. Er war sich nämlich ziemlich sicher, daß sich Monika so eine Art von Realitätsferne durchaus für ihr Leben gewünscht hätte – zumindest klang da für seine Ohren ein wenig Sehnsucht durch.

Der Plot des Films war schnell nachgelesen – ein wohlhabender Geschäftsmann und seine Hundesitterin blieben gemeinsam im Fahrstuhl stecken, die ungewohnte Nähe und Ausnahmesituation tat ihr übriges und die beiden verliebten sich, dann noch ein paar Hindernisse auf dem Weg und am Ende die Hochzeit mit drei Hunden als Brautjungfern – und eine Idee, wie sich das ganze in der Rechtsmedizin umsetzen ließ, hatte er auch sofort.

Als Alberich einige Tage später fallen ließ, daß Monika und sie am Freitag Abend essen gehen wollten, setzte er seinen Plan in die Tat um. Er bestellte Thiel für einen Termin ein, weil er ihm etwas Auffälliges an einer der Leichen in seinem Kühlraum zeigen wollte, schickte Monika, die wie immer zu früh kam, in den Kühlraum zu „Alberich“ und nutzte die Gelegenheit, als Thiel verwirrt Monika fragte, wo er denn bliebe, und sie ihn, warum Alberich nicht da sei, um der Tür des Kühlraums einen Schubs zu geben.

Perfekt.

Wenn ein Fahrstuhl wirkte, würde sein Kühlraum sicher noch viel besser wirken. Der Handyempfang war da drin jedenfalls gleich Null. Und die Temperaturen ließen einen schon ganz von selbst die Nähe eines anderen Menschen suchen. Er rieb sich die Hände. Wenn Thiel da nichts draus machte, wußte er auch nicht. Er hoffte bloß, daß Thiel ihn eben nicht gesehen hatte. Für eine Sekunde, kurz bevor die Tür zugeschnappt war, war es ihm so vorgekommen, als ob Thiel zu ihm gesehen hätte. Aber vermutlich hatte er nur wegen der Bewegung Richtung Tür geschaut. Aber selbst wenn – wenn seine Aktion den gewünschten Erfolg brachte, würde Thiel sich wohl kaum beschweren.

Allerdings klang das Hämmern an der Tür im Moment noch ziemlich wütend. Boerne machte vorsichtig einen Schritt nach hinten. Vielleicht sollte er Thiel zunächst die Gelegenheit geben, sich ein wenig abzukühlen.


***


Boerne sah auf die Uhr. Fast zwanzig Minuten waren die beiden jetzt da drin. Alberich würde gleich von dem Botengang zurückkommen, auf den er sie geschickt hatte. Im Kühlraum war es jetzt schon seit einiger Zeit still geworden und er konnte nur hoffen, daß das etwas Gutes bedeutete. Er warf einen Blick auf das Thermometer. Für eine Unterkühlung war es noch nicht lange genug, aber er wollte es natürlich auch vermeiden, daß Thiel sich eine Erkältung holte. Krank war der Kommissar nämlich noch weniger umgänglich als sowieso schon. Vor allem dann, wenn er ihm seinen fachmännischen Rat anbot. Also dann: Zeit für den Auftritt als Retter in der Not.

Mit Schwung riß er die Tür auf. „Thiel! Was machen Sie denn hier? Ich warte schon die ganze Zeit in meinem Büro auf Sie!“


***


Die Überrumpelungstaktik funktionierte. Thiel erklärte ihm erst einmal verärgert, daß er Kühlraum gesagt hatte, Kühlraum und nicht Büro. Und während sie noch stritten, kam auch schon Alberich zurück und kümmerte sich um ihre Freundin, die ein wenig blaß um die Nase aussah, aber zum Glück nicht mehr daran zu denken schien, daß er sie ja in den Kühlraum geschickt hatte. In dem allgemeinen Trubel schien sich niemand die Frage zu stellen, wie dieses Unglück überhaupt hatte passieren können. Es war schon erstaunlich, mit was man so durchkam. Er war so zufrieden, daß sein Plan funktioniert hatte, daß es ihn nicht einmal sonderlich betrübte, daß er anscheinend nicht den gewünschten Effekt gehabt hatte. Monika war nämlich keineswegs in Thiels Armen gewesen, als er die Tür aufgerissen hatte. Aber vielleicht war das auch besser so – sie mochte ja ein netter Mensch sein, aber daß sie trotz seiner nun ganz offensichtlichen Lüge Alberichs Aufenthaltsort betreffend keinen Verdacht schöpfte, sprach nicht gerade für ihre Intelligenz.

Nun gut, vielleicht sollte es eben wirklich nicht sein. Er sah den beiden Frauen nach, die hastig aufgebrochen waren, damit ihnen die Tischreservierung nicht verfiel. Er mußte sich jetzt jedenfalls auf etwas anderes konzentrieren und Thiel einen plausiblen Grund präsentieren, weswegen er ihn herbestellt hatte. Zum Glück hatte er da etwas vorbereitet. Thiel war nämlich nicht nur deutlich intelligenter als Monika, sondern auch verflucht mißtrauisch. Boerne räusperte sich, um die Aufmerksamkeit des anderen wieder auf sich zu lenken. Thiel musterte immer noch die Tür des Kühlraums, als könnte sie ihm eine Antwort auf die Frage geben, warum sie „von alleine“ zugefallen war.

„Das passiert also, wenn man die Tür nicht ganz geöffnet hat, meinen Sie?“

„Genau.“ Boerne trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. Mußten sie das denn jetzt noch unbedingt vertiefen? „Dann greift der Magnet nicht richtig.“

„Boerne ….“ Thiel drehte sich ganz langsam zu ihm um. „Und jetzt will ich die Wahrheit hören.“

„Was meinen Sie?“

„Denken Sie, ich bin blind? Ich hab‘ Sie gesehen. Also erklären Sie mir das jetzt mal ganz genau – wieso haben Sie die Tür zugeschlagen?“

Boerne schluckte. Verdammt. Und er war sich sicher gewesen, daß er sich Thiels Blick eingebildet hatte.

„Das war nicht witzig, ehrlich. Da drin ist es saukalt. Und sie haben Alberichs Freundin eine Heidenangst gemacht.“

„Aber das war eine einmalige Gelegenheit!“ Wie konnte Thiel nur so begriffsstutzig sein? „Warum haben Sie da nichts draus gemacht!“

„Gemacht?“

Boerne seufzte. Mußte er denn noch deutlicher werden? „Ich dachte doch nur … Nun, daß Sie sich vielleicht bei der Gelegenheit … wie soll ich sagen … besser kennenlernen würden.“

„Besser was?“ Thiel starrte ihn entgeistert an. „Sagen Sie mal, haben Sie sie noch alle?“


***


Nach dem Experiment mit Monika und dem Streit, den er danach mit Thiel gehabt hatte, hatte sein Enthusiasmus für seine Mission doch ein wenig gelitten. Leider war Thiel tatsächlich sehr viel intelligenter, als man auf den ersten Blick glauben mochte – er hatte die richtigen Schlußfolgerungen gezogen und das Muster seiner überdurchschnittlich häufigen Kontakte mit dem schönen Geschlecht in den letzten Wochen aufgedeckt. Boerne vermutetet, daß er schon länger Verdacht geschöpft hatte, und die Geschichte mit Monika hatte die Sache dann bestätigt. Jedenfalls hatte Thiel ihm mit sehr deutlichen Worten mitgeteilt, was er von seinen Vermittlungsversuchen hielt. Tja. Undank war der Welten Lohn. Er selbst hatte sich dann auch nicht gerade zurückgehalten und Thiel mit nicht weniger deutlichen Worten mitgeteilt, was er von dessen Reaktion auf sein selbstloses Bemühen hielt.

Die nächsten Tage waren sie sich aus dem Weg gegangen. Bis irgendwann Thiels Rad mal wieder einen Platten hatte und er morgens bei ihm klingelte und fragte, ob er ihn mitnehmen könne. Boerne war schlau genug, ihren Streit nicht zu erwähnen, und Thiel schien auch ganz froh zu sein, daß er nicht mehr über das Thema reden mußte. Im Auto beschwerte Thiel sich dann darüber, daß er am Abend zuvor zu laut Musik gehört hatte, und er sich darüber, daß der andere mal wieder vergessen hatte, die Mülleimer rauszustellen. Es war alles wieder so wie immer, und wenn er ehrlich war, war er darüber ziemlich erleichtert. Und Thiel schien es nicht anders zu gehen, denn als sie bei Präsidium ankamen, waren sie schon wieder zum Mittagessen in der Kantine verabredet.

Ja, es war wieder alles wie immer. Wie vor dieser ganzen Geschichte. Seine Liste mit weiteren möglichen Kandidatinnen hatte er kurzentschlossen in den Müll geworfen. Ein Mann mußte wissen, wann er sich geschlagen geben mußte. Wenn Thiel nun absolut nicht wollte … zwingen konnte er ihn ja schlecht. Nein, aus und vorbei. Sollte Thiel sich doch wieder selbst um sein nichtexistentes Liebesleben kümmern.

Das war zumindest sein fester Entschluß gewesen. Aber wie so oft im Leben, sollte auch das anders kommen als geplant.


*** tbc ***



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