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Büttenwarder

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Des Widerspenstigen Zähmung: Kapitel 3

KAPITEL 3


***


Die Wendung trat mit Alex in sein Leben. Alexandra Schmidt, Doktorandin und angehende Rechtsmedizinerin. Er fand die junge Frau auf Anhieb sympathisch. Sie war kaum zwei Wochen bei ihm und es kam ihm schon vor, als würden sie sich ewig kennen. Tatsächlich hatte er sich nur selten so entspannt in Gegenwart eines anderen Menschen gefühlt. Und noch dazu hatte sie gerade eine Trennung hinter sich – sie hatte nichts Genaueres darüber erzählt, aber soviel war deutlich geworden. Und ja, eigentlich hatte er sich geschworen, keinen Finger mehr für Thiel zu rühren. Aber wenn sich ihm eine solche Gelegenheit bot?

Gut, Alex war ein wenig jünger als Thiel. Aber jetzt auch nicht so viel jünger, daß das nicht gepaßt hätte. Thiel war ja schließlich noch ganz gut in Schuß. Außerdem war sie nett und unkompliziert, manchmal ein wenig burschikos, der Typ müßte Thiel eigentlich gefallen. Lange blonde Haare, nach gängigen Schönheitsnormen ein paar Pfunde zu viel, aber da würde ja wohl Thiel der letzte sein, der den ersten Stein warf. Und er selbst verstand sowieso nicht, warum die Frauen von Jahr zu Jahr dünner zu werden schienen. Das war doch schon ungesund, und schön war es auch nicht. Nein, Alex war genau richtig.

„Interessieren Sie sich zufällig für Fußball?“

Sie sah ihn verdutzt an. „Na klar.“

„Wirklich?“ Anscheinend hatte das Thema bei jüngeren Frauen an Beliebtheit gewonnen, auch wenn er sich nicht ganz erklären konnte, warum. „Haben Sie denn da auch einen … wie sagt man … Lieblingsverein?“

Sie mußte lachen. „Aber sicher. Ich komme doch aus Hamburg – dreimal dürfen Sie raten.“

Perfekt. Wenn Thiel da nicht anbiß, wußte er auch nicht weiter.


***


Die beiden zusammen zu bringen, war nicht weiter schwer. Nach dem Fiasko mit Monika verzichtete er auf ausgefallenere Inszenierungen – er lud Alex einfach auf ein Glas Wein ein und vertraute darauf, daß Thiel früher oder später bei ihm klingeln würde. Sie hatten sich jetzt schon mehrere Abende nicht gesehen, da war das mal wieder fällig. Und wenn es wider Erwarten heute nicht klappte, dann ein andermal. Alex war ja schließlich noch ein ganzes Jahr bei ihm.


***


Sein Plan hatte funktioniert – fast besser, als er erwartet hatte. Thiel war zwar zuerst erstaunt gewesen, daß er Besuch hatte, aber nach ihrem Streit ging er wohl nicht mehr davon aus, daß da mehr dahinter steckte. Vielleicht war er aber auch nur zu abgelenkt gewesen. Alex und Thiel hatten sich nur angesehen, während er die Vorzüge des Weins gepriesen hatte, um Thiel zum Bleiben zu überreden, und man hatte regelrecht spüren können, wie es klickte. Die beiden waren sich aber auch recht ähnlich, das fiel ihm jetzt erst so richtig auf, als er sie zusammen sah.

Und zum Beobachten hatte er viel Zeit, denn kaum war Thiel dazu gekommen, war er, Boerne, zum sprichwörtlichen dritten Rad am Fahrrad geworden. Das war natürlich sein Ziel bei der ganzen Aktion gewesen, aber er mußte zugeben, daß sich das trotzdem reichlich unerfreulich anfühlte.

„Ich hole uns mal noch eine neue Flasche Wein.“

Thiel war so ins Gespräch vertieft, daß er gar nicht reagierte. Alex nickte wenigstens kurz bestätigend, wandte sich dann aber sofort wieder Thiel zu. Die beiden würden ihn wohl kaum vermissen, wenn er etwas länger brauchte, um den passenden Wein auszusuchen.

Leise zog er die Wohnungstür hinter sich zu. Nicht, daß er wirklich lange brauchen würde, erstens kannte er den Inhalt seines Weinkellers ausgezeichnet, und außerdem war er generell ein entscheidungsstarker Mensch. Er wußte jetzt schon ganz genau, welche Flasche er wollte. Aber er würde den beiden Zeit lassen. Das lief ja ganz ausgezeichnet, Thiel hatte schon dreimal gelacht. Irgendwann waren die zwei sogar ins Hamburger Platt gefallen, was einerseits ein gutes Zeichen war, andererseits dazu geführt hatte, daß er sich noch überflüssiger vorgekommen war. Thiel hatte das nicht einmal gemerkt, aber Alex hatte nach einem Seitenblick zu ihm wieder ins Hochdeutsche gewechselt. Als er gegangen war, hatten die beiden über Fußball geredet, das war auch nicht viel besser. Boerne seufzte. Er wußte gar nicht, warum er sich plötzlich so schwermütig fühlte. Es lief doch alles ganz ausgezeichnet. Thiel war richtig aufgetaut. So hatte er ihn überhaupt noch nie gesehen.

Ob es daran lag? War er etwa eifersüchtig? Nicht auf Alex, er wußte ganz genau, daß er kein romantisches Interesse an Alex hatte, so sympathisch er sie auch fand. Aber vielleicht nagte es ja doch an ihm, daß Thiel so glücklich wirkte. Dabei hatte er genau das doch gewollt. Für Thiel. Weil Thiel es nämlich verdient hatte, glücklich zu sein – auch wenn er ihm das natürlich nie so sagen würde. Trotzdem würde das nun sicher zur Folge haben, daß Thiel seine Prioritäten neu setzte. Sie würden gewiß nicht mehr so viel Zeit miteinander verbringen wie bisher.

Er legte die Flasche, die er eigentlich hatte mitnehmen wollen, wieder zurück ins Regal. Zu schwer, zu mächtig für diesen Abend. Sie brauchten etwas leichteres, spritzigeres, etwas mit einer frischen Note. Thiel mochte die leichten Rotweine ohnehin lieber, und Alex vermutlich auch – sie war ohnehin eher der Typ für Bier und auch noch ein wenig jung, um einen Geschmack für reifere Rotweine entwickelt zu haben. Ah, da war die Flasche, die er suchte. Ihn würde das sicher auch wieder aufheitern und diese albernen Gedanken verscheuchen. Das kam davon, wenn man sich alleine im Keller die Füße in den Bauch stand, während oben in der eigenen Wohnung getechtelt und gemechtelt wurde. Er sollte jetzt auch wirklich langsam wieder nach oben, wer wußte, was da ansonsten noch alles passierte.


***


„Wo ist denn Alex?“ Er hatte die Tür extra umständlich aufgesperrt, mit dem Schlüssel geklappert und dann lautstark geschlossen, damit die beiden auch mitbekamen, daß er wieder zurückgekommen war, und dann war er ins Wohnzimmer gegangen, festentschlossen, die neuen Entwicklungen freudig zu begrüßen, aber da war … nur Thiel.

„Nach Hause.“ Thiel sah ihn etwas merkwürdig an. „Wo sind Sie denn hinverschwunden? Sie haben doch was gesagt von mehr Wein holen, und dann tauchen Sie einfach nicht mehr auf. Wir haben uns schon Sorgen gemacht.“

„Sie haben sich so gut unterhalten, da dachte ich …“

„Boerne …“ Thiel kniff sich in die Nasenwurzel. „Ich hab‘ Ihnen doch gesagt, Sie sollen damit aufhören!“

„Aber Sie finden Sie doch sympathisch?“

„Wir haben uns für das nächste Heimspiel von St. Pauli verabredet, aber –“

„Na also“, unterbrach er triumphierend. Auch wenn er sich gerade alles andere als triumphierend fühlte.

„Boerne … das ist Ihrem scharfen Auge vielleicht entgangen, aber Alex steht überhaupt nicht auf Männer. Und außerdem hat sie sich gerade erst von Katja getrennt und es wäre viel zu früh, wieder was Neues anzufangen.“

„Was?“ Er starrte Thiel entgeistert an.

„Davon haben Sie doch hoffentlich schonmal was gehört“, antwortete Thiel entnervt. „Lesbisch. Sie ist lesbisch. Haben Sie damit jetzt ein Problem oder was?“

„Nein, aber …“

„Das will ich auch hoffen. Sonst hätten wir zwei ein Problem.“

„Aber …“

Thiel, der sich immer mehr in Wut zu reden schien, ließ ihn gar nicht zu Wort kommen. „Wo wir gerade dabei sind – wieso denken Sie eigentlich ganz automatisch, daß ich hetero bin? Bloß weil ich verheiratet war und nicht ständig mit einer Regenbogenflagge rumlaufe, bin ich noch lange nicht hetero!“

Wahrscheinlich machte er gerade keinen besonders intelligenten Gesichtsausdruck. Nicht, daß ihn das irgendwie störte, aber darauf wäre er nun wirklich im Leben nicht gekommen. Aber das hieß dann ja …

„Wunderbar!“

„Wie bitte?“

„Das erhöht die Chancen auf einen Treffer doch ungemein! Mir fällt da sofort Florian Marten ein – schon ewig keine feste Beziehung mehr, aber eigentlich gar kein so übler Kerl. Interessiert sich übrigens auch für Fußball. Ich weiß überhaupt nicht, warum der keinen findet. Wissen Sie was, gleich morgen –“

„Boerne …“ Thiels Stimme war ein einziges Knurren. „Hören Sie endlich auf mit den ganzen Verkupplungsversuchen!“

„Aber wollen Sie denn wirklich den Rest Ihres Lebens alleine bleiben? Das tut Ihnen nicht gut, glauben sie mir. Sie brauchen einfach jemanden, der sich um Sie kümmert und um den Sie sich kümmern können. Sonst wird man mit den Jahren immer wunderlicher.“

Thiel rieb sich mit beiden Händen durch Gesicht. Die Geste hatte er zuletzt nach langen und unerquicklichen Verhören gesehen, wenn Thiel wirklich nicht mehr weiter wußte. „Kann es vielleicht sein, daß in Wirklichkeit Sie gerne wieder jemanden in Ihrem Leben hätten?“

„Ich?“

„Genau.“

„Was für ein kompletter Unsinn. Ich –“

„Sie sind doch in exakt der gleichen Situation wie ich. Bloß weil sie drei Jahre jünger -“

„Vier!“

Thiel seufzte. „Meinetwegen. Bloß weil Sie vier Jahre jünger sind als ich, sind sie noch lange nicht weniger wunderlich.“

„Also ich muß doch sehr bitten!“

Thiel grinste, wurde dann aber schnell wieder ernst. „Ist Ihnen eigentlich aufgefallen, daß mindestens die Hälfte der Frauen, die Sie mir angeschleppt haben, vielleicht Ihnen gefallen hat, aber ganz sicher nicht mir? Und wenn dann doch mal wenigstens eine vernünftige Unterhaltung ergeben hat, haben Sie uns so lange unterbrochen, bis sich die Betreffende dann doch wieder nur mit Ihnen unterhalten hat. Wonach sieht das aus, hm?“

„Ihre blühende Phantasie in Ehren, aber ich kenne mich ja wohl selbst besser als Sie. Also, als Sie mich. Und ich bin ganz gewiß nicht auf der Suche nach einer neuen Beziehung.“

Thiel schnaubte.

„Im Gegensatz zu Ihnen kann ich sehr gut alleine sein.“

„Sagen Sie bloß.“

Langsam wurde er wirklich ungehalten. Was bildete Thiel sich eigentlich ein! „Ein großer Geist ist sich selbst genug, aber das können Sie sich natürlich nicht vorstellen.“

„Na dann …“ Thiel stand auf und ging zur Tür. „Wenn das so ist, können Sie ja gleich jetzt damit anfangen, sich selbst genug zu sein.“

Er holte tief Luft, um Thiel eine angemessene Antwort zu geben, und … nichts. Das passierte ihm wirklich nicht oft, aber dazu fiel ihm jetzt wirklich nichts mehr ein. Empört drehte er sich um und überholte Thiel, um die Wohnungstür aufzureißen. „Bitte sehr!“

Thiel schüttelte nur den Kopf und ging.

Er ließ die Tür diesmal noch lauter ins Schloß fallen als eben, und wenn man so wollte, hatte er damit dann doch das letzte Wort gehabt.

Fast erwartete er, daß Thiel noch einmal zurückkommen würde – aber es blieb still. In seiner Wohnung war es komplett ruhig, und auch aus dem Treppenhaus kam kein Laut. Das war es dann wohl.


***


Am nächsten Morgen war Thiel schon weg, als er aus dem Haus ging. Ihm war das ganz recht. Gemeinsame Termine hatten sie heute auch keine, und das war ihm erst recht recht. Er, Boerne, und jemanden brauchen! Am Ende noch Thiel, oder was? Bloß weil sie sich angewöhnt hatten, ziemlich viel ihrer Freizeit zusammen zu verbringen, hieß das noch lange nicht, daß er den anderen brauchte. Und eine Frau brauchte er erst recht nicht. Mit dem Kapitel hatte er abgeschlossen. Nach der Scheidung hatte er sich geschworen, daß er so einen Fehler nicht noch einmal machen würde.

Und so ging der Tag ins Land, und wenn er am Abend immer noch außergewöhnlich schlecht gelaunt war, dann lag das an Alberich, die ihm heute den ganzen Tag die falschen Instrumente angereicht hatte, und an der Verwaltung, die ihm schon wieder mit der Erhebung neuer Kennzahlen auf die Nerven ging, und an dem schmierigen Regenwetter, das ihm die ganze Heimfahrt in seinem neuen Wagen vermiest hatte, aber ganz gewiß nicht an Thiel.


***


„Professor?“

Eigentlich hatte er das Klingeln ja geflissentlich überhören wollen. Aber jetzt war das Klingeln in ein Hämmern übergegangen, und das war offensichtlich nicht Thiels Stimme, sondern die seines Vaters. Müde öffnete er die Tür.

„Wer stört?“

„Haben Sie nicht Lust, noch ein bißchen rüber zu kommen?“

Nach seinem letzten Gespräch mit Thiel am Abend davor? Wohl kaum. Machte Thiels Vater jetzt einen auf Mediator?

„Und haben Sie vielleicht noch eine Flasche Wein im Haus?“

Ah, von daher wehte der Wind. Den beiden war ganz offensichtlich der Alkohol ausgegangen. Für wen hielt dieser vergnügungssüchtige Taxifahrer ihn eigentlich?

„Jetzt laß schon, Vaddern. Ich hab‘ dir doch gesagt, das ist eine dumme Idee.“ Thiel sah zumindest ein wenig verlegen aus. „Entschuldigung.“

„Jetzt kommen Sie schon.“ Thiels Vater wackelte vielsagend mit den Augenbrauen. „So jung kommen wir nicht mehr zusammen!“

Was sollte man dazu noch sagen? Jedenfalls nicht Ja, das war ja wohl klar.

Er tat es trotzdem.


***


„Noch ein Schluck Wein?“

„Danke. Aber ich muß jetzt wirklich los.“ Thiels Vater stemmte sich ächzend aus dem Sessel hoch. „Ich hab‘ noch was vor.“

„Es ist schon halb zwölf, Vaddern.“ Thiel nahm ihm die Flasche aus der Hand und schenkte sich selbst nach. „Was hast du um die Uhrzeit noch vor? An der Matratze horchen?“

„Jaja …“ Thiels Vater griff nach seiner Jacke. „Mach du nur Witze. Ich geh jedenfalls noch aus. Mit Ingrid.“

„Ingrid? Hieß sie nicht Irene?“

„Äh ….“ Thiels Vater stutzte einen Moment. „Irene meinst du? Das ist doch schon Wochen her. Heute Abend bin ich jedenfalls mit Ingrid zum Tanzen verabredet. Salsa.“

Boerne wollte gerade einen Kommentar zum Thema Liebesleben abgeben, als ihm plötzlich ein Licht aufging. Was hieß ein Licht – das war ein ganzer Weihnachtsbaum. Und eigentlich wollte er mit seiner Erkenntnis sofort herausplatzen, aber dummerweise hatte er gerade einen Schluck Wein genommen, was zu einer spektakulären Hustenorgie führte.

Als er endlich wieder halbwegs ruhig atmen konnte, hatte Thiels Vater sich schon verabschiedet und Thiel kam gerade mit einem Glas Wasser aus der Küche zurück.

„Geht’s wieder?“ Thiel legte eine Hand auf seinem Rücken.

„Mhm …“

„Na zum Glück sind Sie diesmal Schuld an den Weinflecken. Und es ist mein Teppich.“ Thiel stellte das Wasserglas vor ihm ab und ließ sich wieder neben ihn aufs Sofa plumpsen. „Ich faß‘ es nicht, daß er schon wieder eine andere hat. Wird der Mann nie erwachsen?“

„Thiel?“ Er vermied es, den anderen anzusehen und hielt seine Augen lieber fest auf das Wasserglas geheftet. Sicher war sicher. „Weiß Ihr Vater das eigentlich? Also das mit Ihnen?“

„Was?“ Thiel klang ehrlich verwirrt.

„Naja, daß Sie … also, daß nicht nur Frauen in Frage kommen, wenn er Sie wieder verkuppeln will.“

„Klar weiß er das. Oder denken Sie etwa, ich sollte das verheimlichen? … Oh.“

„Genau.“ Jetzt sah er doch vorsichtig hoch, zu Thiel, der ihn mit offenem Mund anstarrte. Nicht sehr schmeichelhaft, dieser Gesichtsausdruck. Aber die Augen … Thiels Augen sahen selbst jetzt noch blauer aus als die blauesten Augen, die er je gesehen hatte. Das war nicht fair. Kein Mann sollte solche Augen haben.

„Das ist ja wohl nicht sein Ernst!“

Thiels offenkundiges Entsetzen versetzte ihm einen Stich. Und das, obwohl er selbst nicht einmal interessiert war. „Na vielen Dank für die Blumen. So eine schlechte Partie bin ich auch wieder nicht.“

Thiel ruderte hastig zurück, aber das half jetzt auch nichts mehr. Er hatte schon verstanden, was der andere von dieser Idee hielt. Und er hatte sich auch noch Mühe gegeben, Thiel einen Gefallen zu tun! Er griff nach dem Wasserglas und trank, um wieder einen halbwegs klaren Kopf zu bekommen, während Thiel sich immer noch über seinen Vater aufregte.

„Ich faß es einfach nicht, daß Herbert den Scheiß auch versucht! Als ob ich nicht selbst weiß, was ich will!“

„So sieht es aber nicht aus.“

Thiel sah ihn fragend an.

„Als ob Sie das wissen. Sie sind doch wirklich nicht gerne alleine, das weiß ich ganz genau und Ihr Vater auch. Aber Sie -“

„Vielleicht ist das hier ja genau das, was ich will.“

„Was?“ fragte Boerne verwirrt.

„Das.“ Thiel holte tief Luft. „Ich weiß, daß das von Ihrer Seite anders aussieht, klar, und sicherlich werden Sie früher oder später wieder jemanden finden – ganz ehrlich, das können Sie Ihrer Großmutter erzählen, daß Sie nicht auf der Suche sind – aber im Moment ist es doch gut so, wie es ist.“

Er starrte Thiel entgeistert an. „Was sieht von meiner Seite anders aus?“

„Naja …“ Thiel sah nach unten. „Ich weiß ja, daß Sie kein Interesse … also, nicht so jedenfalls. Und das ist auch völlig O.K.“

Wenn das vorher ein Weihnachtsbaum gewesen war, erhellte jetzt eine ganze Batterie von Flutlichtscheinwerfern sein Inneres.

„Boerne?“ Thiels Stimme klang … fast ängstlich. „Sie verstehen das hoffentlich nicht falsch. Ich meine nur, daß wir uns doch eigentlich ganz gut verstehen. Und das ist doch … ganz schön. Ich fühle mich wirklich nicht einsam. Und wenn sich das mal ändern sollte, dann kümmere ich mich schon selbst drum.“

Thiel konnte sagen was er wollte, aber er kümmerte sich nicht. Er unternahm nichts. Er tat nichts dafür, das zu kriegen, was er wollte. Er hatte nur falsch gelegen mit seiner Einschätzung, was Thiel wollte. Das war so offensichtlich, wie hatte er das nur übersehen können?

„Boerne?“ Thiels Hand war wieder da, an seiner Schulter, und rüttelte ihn sanft. „Hören Sie mich eigentlich?“

Es wäre wirklich leichter gewesen, wenn Thiel den ersten Schritt getan hätte, denn auf diesem speziellen Gebiet hatte der andere wohl tatsächlich mehr Erfahrung als er. Aber niemand hatte gesagt, daß es leicht sein würde, Thiel zu seinem Glück zu verhelfen.

Und das wollte er.

Wirklich.

Sehr.

Für eine Sekunde sah es so aus, als ob Thiel ihn stoppen würde. Aber dann verschwand der ungläubige Gesichtsausdruck und … es war plötzlich ganz leicht.


*** Fin ***

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