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Neue Welten - Kapitel 3

> hier ist Kapitel 2
***


„Sehr witzig.“ Thiel fand seinen Tonfall ja hinreichend sarkastisch, aber Herbert lachte immer noch über seinen eigenen Witz. Der noch dazu überhaupt nicht originell war, sein Vater war echt nicht der erste, der wenig schmeichelhafte Vergleiche zu Winnie the Pooh zog, kaum daß er von seinem Mißgeschick im Wartungsschacht hörte. Irgendwie hatte die Geschichte natürlich doch ihre Kreise gezogen, alleine schon deshalb, weil er sich ein paar Tage krank gemeldet hatte und keine Lust gehabt hatte wegen der Ursache zu lügen. Den Vogel abgeschossen, was dumme Bemerkungen anging, hatte mal wieder Bulle. Das bedauerte er vermutlich immer noch. Thiel grinste grimmig. Die Hygiene-Untersysteme durchzuchecken war kein Honigschlecken, um beim Bild zu bleiben, und Bulle würde da noch einige Tage Spaß dran haben.



Weil er aber dennoch keine Lust hatte, alle Wartungsaufgaben zukünftig zu delegieren, hatte er sich Boernes Rat zu Herzen genommen. Weniger Proteinriegel, mehr Gemüse aus den hydroponischen Gärten. Und da saß sein Vater ja nun direkt an der Quelle.



„Hier.“ Herbert schob einen Teller vor seine Nase. „Wir waren erfolgreich.“



Thiel beäugte den Teller mißtrauisch. Ja, das sah schon irgendwie grün aus und erinnerte ihn vage an Salat. Aber … „Das Zeug bewegt sich!“



„Moment …“ Herbert griff nach seiner Gabel und stach zwei-, dreimal in den Teller. „Entschuldigung, Kinderkrankheiten. Hier, probier mal!“



„Ich bin doch nicht wahnsinnig!“ Thiel wich vor der Gabel zurück, die seinem Gesicht bedrohlich nahe gekommen war. „Mach deine Menschenversuche mit jemand anderem!“



„Feigling …“ Herbert seufzte und legte die Gabel wieder hin. „Aber du warst ja noch nie für Grünzeug zu begeistern.“



„Jetzt fang nicht schon wieder damit an …“



„Immer nur Proteinriegel – das tut dir nicht gut, Junge. Du kriegst noch Skorbut.“



„Pfff …“



„Da kann dein Doktor noch so viele synthetische Vitamine fabrizieren. Für echte, unverfälschte Natur gibt es eben doch keinen Ersatz.“



„Unverfälschte Natur.“ Thiel sah auf den Teller. „Das. Und was heißt überhaupt mein Doktor?“



Herbert zuckte mit den Schultern. „Jetzt tu mal nicht so. Das ist doch offensichtlich.“



„Was?“ Er schob den Teller mit dem dubiosen Grünzeug weit von sich. „Was ist offensichtlich?“



„Naja, seit Susanne mit dem Jungen auf M-209156 geblieben ist, ging's dir nicht gut.“ Herbert seufzte. „Ist ja auch kein Wunder.“



Na toll. Auf das Thema hatte er jetzt nun wirklich keine Lust. Beherzt griff er nach der möhrenähnlichen Wurzel, die auf dem zweiten Teller lag. Die bewegte sich wenigstens nicht. Aber wie immer, wenn Herbert das Thema erst mal angeschnitten hatte, setzten die Erinnerungen ein und ließen sich nicht so schnell verscheuchen. Möhrenbrei. Das war das erste, was Lukas nach der Muttermilch gegessen hatte, und was für eine Sauerei das gewesen war. Das war nur wenige Monate vor dem Start gewesen, als sie schon alle auf glühenden Kohlen gesessen hatten. Keine Zeit um Kinder in die Welt zu setzen, hatte er damals eigentlich gedacht, aber es war eben passiert, nicht nur bei ihnen, sondern auch bei vielen anderen. Der Drang, Kinder zu kriegen, ließ sich vom nahenden Weltende offenbar wenig beeindrucken. Er biß zu und war fast erleichtert, daß das Ding überhaupt nicht nach Möhre schmeckte, sondern eher nach ... wasauchimmer. Außerirdisch eben, kein Wunder bei einem Gewächs, das von einem Planeten Lichtjahre von der Erde entfernt stammte.



„Solange ihr wenigstens noch auf dem gleichen Schiff wart ...“



Zwischen Susanne und ihm hatte es schon vor Lukas Geburt gekriselt, und der Streß vor dem Start hatte ihnen den Rest gegeben. Er hatte Tag und Nacht gearbeitet, hatte arbeiten müssen, und das war einfach zu viel gewesen für ihre ohnehin schon angeschlagene Beziehung. Trotzdem war Susanne mit aufs gleiche Schiff gekommen - der Junge sollte schließlich mit beiden Eltern aufwachsen. Und so war das dann auch eine ganze Zeit ziemlich gut gelaufen, selbst als sie einen neuen Partner gefunden hatte. Und dann kam M-209156.



„... kann man ja auch verstehen, das ganze Leben auf einem Raumschiff, das ist doch nichts für ein Kind. Der Junge kannte ja gar nichts anderes. Aber trotzdem ...“



Manchmal fragte er sich, warum er nicht auch da geblieben war. Aber das Schiff war sein Leben. Seine Arbeit. Seine Verantwortung, daß sie das Ziel erreichten. Außerdem konnte er hier das tun, was er am besten konnte. Und Herbert hatte ja auch weiterfliegen wollen. Und Boerne sowieso, der wollte auch nicht als Siedler auf einem nur einigermaßen besiedelbaren Planeten stranden.



„Die benachbarten Schlafkojen ... Das gemeinsame Frühstück ...“



„Was?“ Wovon zur Hölle redete sein Vater da überhaupt?



„Die Schichtsynchronität ...“ Herbert hob bedeutungsvoll eine Augenbraue. „Wir sehen uns ja nur jeden dritten Zyklus, aber ihr beide -“



„Du hast sie ja nicht mehr alle! Das ist reiner Zufall!“



„Zufall.“ Herbert nahm eine Gabel Salat. „So nennt ihr jungen Leute das also heutzutage.“




* tbc *


A/N: Ich hab' was ernstes in eine Szene gemischt, die anfangs eigentlich nur lustig war, und kann gerade gar nicht mehr beurteilen, ob das jetzt noch funktioniert zusammen oder ob die Stimmung dadurch zu uneinheitlich wird. Aber immerhin, es geht weiter ;)


> weiter geht's mit Kapitel 4
Tags: !adventskalender, f: tatort münster, g: alternate universe, g: fanfic, p: thiel / boerne
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