cricri_72 (cricri_72) wrote,
cricri_72
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Ausnahmezustand: März

Prompt: Romantik/Intimität: gesundheitsfördernd
Fandom: Tatort Münster
Genre: Pre-Slash, Slice of Life
Handlung: Thiels Leben wird auf den Kopf gestellt. Damit ist er nicht alleine.
Länge: ~ 1600 Wörter
Zeit: ~ 90 Minuten
A/N: Ich habe noch Fortsetzungen im Kopf und wollte eigentlich noch nicht posten, bevor ich die fertig habe. Aber vielleicht motiviert mich das Posten ja zum Schreiben, wenn der Teil hier so anklagend alleine steht ;)

für cornchrunchie <3

> Kapitel 1: März
> Kapitel 2: April I
> Kapitel 3: April II
> Kapitel 4: April III
> Kapitel 5: April IV
> Kapitel 6: Mai
> Kapitel 7: Juni I
> Kapitel 8: Juni II
> Kapitel 9: Juni III

***


Unglaublich. Risikogruppe, er! Das war doch nichts anderes als Altersdiskriminierung. Er kannte genug Kollegen, die regelmäßig im Krankenstand waren. Rücken, Knie, Schulter, Burn-Out und was es da sonst noch alles gab. Meier II nahm die ganze Erkältungssaison über alles mit was ging von Magen-Darm bis Bronchitis, und der war locker zehn Jahre jünger als er. Und jetzt hatten sie ihn einfach nach Hause geschickt, bloß weil er gerade sechzig geworden war. Meier I mit seinen 59 durfte weiterarbeiten, aber anstatt sich darüber zu freuen, jammerte der olle Hypochonder ihm auch noch den Kopf voll. Hatte gejammert, vielmehr. Jetzt saß er ja zuhause und bekam nichts mehr mit.

„Aber Chef, sicher ist sicher“, hatte Nadeshda gemeint. Und ob sie für ihn einkaufen sollte. Für wie alt hielt die ihn eigentlich!

Die waren doch alle komplett durchgedreht. Wegen so einem blöden Virus. Die Menschheit hatte schließlich schon schlimmeres überlebt. Das Überleben der Menschheit ist nicht das Problem, hatte Boerne gemeint. Die Frage ist, wieviele Menschen vor der Zeit sterben werden. Und daß man jetzt eben alles dafür tun müsse, die Verbreitung zu verlangsamen. Wozu auch gehöre, daß Risikogruppen tunlichst zuhause bleiben sollten, und ob er vielleicht für ihn einkaufen solle? Thiel hätte ihm beinahe einen Vogel gezeigt. Als ob Boerne mit seinen drei oder vier Jahren weniger auf dem Buckel jetzt so viel weniger gefährdet wäre.

Für Herbert kaufte er allerdings mit ein. Der schimpfte natürlich wie ein Rohrspatz, weil er nicht mehr Taxi fahren durfte. Und sah natürlich überhaupt nicht ein, daß er nun wirklich zur Risikogruppe gehörte, alleine schon vom Alter, und dann die ganze Raucherei, von der Sache mit dem Herzen ganz zu schweigen. Immerhin hatte er ihm versprochen, zuhause zu bleiben und Kontakte zu meiden. Herberts Bude war zwar nicht riesig, aber es gab da ja auch noch den Garten und so schnell würde er da schon nicht den Lagerkoller kriegen. Nach dem Besetztzeichen zu urteilen, das ihm regelmäßig entgegentutete, wenn er seinen Vater anzurufen versuchte, litt er auch nicht an Vereinsamung. Hatte vermutlich all seine Sozialkontakte aufs Telefon verlegt.

Und so sah sein Leben jetzt also aus. Zweimal die Woche ging er zum Einkaufen raus und legte Herberts Sachen vor dessen Tür ab. Sicher war sicher, auch wenn Herbert der Meinung war, daß er übertrieb. Ansonsten hieß es Schreibkram, das einzige, was er im Homeoffice machen konnte. Also genau das, wozu er sonst schon keine große Lust hatte. Die Morgenbesprechungen fanden jetzt telefonisch statt, aber er merkte, wie er da bei jedem Mal weniger zuhörte und noch weniger Lust hatte, sich zu beteiligen. Es war ja nicht so, als ob er zu den laufenden Ermittlungen was hätte beitragen können. Zum Glück blieben die meisten Verbrecher coronabedingt auch zuhause. Das einzige, was zugenommen hatte, war die häusliche Gewalt, wenn auch – noch – nicht in dem Ausmaß wie anfangs befürchtet.

Ein bißchen konnte er das sogar verstehen. Es fiel einem schon die Decke auf den Kopf, wenn man den ganzen Tag zuhause eingesperrt war. Wenn er sich vorstellte, jetzt mit Susanne … sie wären sich garantiert spätestens nach drei Tagen an die Gurgel gegangen. Nein, da war das schon besser so.

Allein.

Er klickte die RKI Seite wieder zu und wechselte zu der Ermittlungsakte zurück, die er auf den letzten Stand bringen wollte. Auch wenn sie die Ermittlungen sowieso schon eingestellt hatten, Ende Februar, kurz bevor das alles angefangen hatte. Eigentlich brachte das ja jetzt gar nix mehr, brauchte kein Mensch. Außer wenn der Fall doch nochmal auflebte, aber das passierte selten genug. Wenn es nicht zeitnah gelang, den Tathergang zu ermitteln, dann wurde das ja nicht besser, je länger alles her war. Die materiellen Spuren waren schon gesichert, und Zeugen wurden immer unzuverlässiger, je weiter man sich von der Tat entfernte. Cold case und so, das gab es meistens leider doch nur im Fernsehen. Seufzend korrigierte er einen Tippfehler im Titel des Vernehmungsprotokolls mit ihrem Hauptverdächtigen, dem mit dem einwandfreien Alibi. Und klickte wieder zurück, zu tagesschau.de. Zwei neue Meldungen im Corona-Live-Ticker. Nicht, daß das irgendetwas änderte. Und die Zahlen wurden auch nicht besser, wenn er sie immer wieder ansah. Er lehnte sich im Schreibtischstuhl zurück und sah zum Fenster. Könnte er mal wieder putzen. Könnte. Lust hatte er keine. Nur um den strahlenden Sonnenschein noch besser zu sehen? Die Natur gab gerade alles und bot den schönsten Frühling, den er je gesehen hatte, quasi als Kontrastprogramm zu den ganzen schlechten Nachrichten. Er hätte die letzten Wochen jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit fahren können, über welchen März konnte man das schon sagen? Das Strahlen hatte inzwischen allerdings doch beträchtlich abgenommen, während er hier und da was korrigiert und Dateien von da nach dort geschoben hatte, und als es an der Tür klingelte und er auf die Uhr sah, war es schon kurz nach fünf.

„Jaha …“ Er schlurfte den Flur entlang und öffnete. „Was ist denn jetzt schon wieder los?“

Boerne sah ihn indigniert an. Soweit er das erkennen konnte hinter der Maske, diesmal besonders geschmackvoll mit einem Totenschädel bedruckt.

„Kein Wort der Anerkennung für diese künstlerische Höchstleistung?“ Boerne deutete Richtung Mund. „Alberich wäre schwer enttäuscht. Sie hat Ihnen übrigens auch eine gemacht.“ Er streckte den Arm aus und hielt ihm eine Plastiktüte entgegen.

„Super.“ Er streckte ebenfalls den Arm aus so weit es ging. Boerne hielt mal wieder eher zwei als anderthalb Meter Abstand, trotz Maske. Aber vermutlich wußte er, was er tat. „Das hebt ja echt die Stimmung.“

„Sie haben eben keinen Sinn für Humor“, nuschelte Boerne. „Hier.“

Er war gerade dabei gewesen, in die Plastiktüte zu schauen, und sah überrascht hoch, weil ihm Boerne eine zweite Tüte entgegenstreckte.

„Nummer 27 (scharf), so wie immer.“

Thiel rollte die Augen, nahm aber auch diese Tüte an. „Das wär‘ echt nicht nötig gewesen. Auch wenn Sie sich das anscheinend nur schwer vorstellen können, kann ich durchaus für mich selbst sorgen. Auch ohne Kantine.“ Daß er tatsächlich seit zwei Tagen nur belegte Brote gegessen hatte, weil er sich nicht zum Kochen hatte aufraffen können, verschwieg er lieber. Und woher Boerne wußte, daß er gerade so richtig Lust auf thailändisches Essen hatte, wollte er auch nicht wissen. Manchmal war ihm der andere schon ein wenig unheimlich, und das lag nicht nur an der gruseligen Gesichtsmaske.

„Scharfes Essen soll ja das Immunsystem stärken, von daher: schlagen Sie zu.“ Boerne wippte auf den Fußballen und machte keine Anstalten, wieder zu verschwinden. Normalerweise hätten sie jetzt den Abend zusammen verbracht, Boerne hatte noch eine zweite Tüte dabei, vermutlich die 32 (mittelscharf). Aber das ging ja nun schlecht, vor allem, weil Boerne nach wie vor zur Arbeit ging. Vielmehr fuhr, und außer Alberich begegne ich praktisch niemandem, wie er ihm vor einigen Tagen erklärt hatte. Kundenkontakt kann man das ja auch nicht wirklich nennen.

„Danke.“ Er hatte viel zu lange nichts gesagt und hob jetzt verlegen die Tüte an, als müßte er Boerne daran erinnern, daß der ihm was zu essen mitgebracht hat. „Und grüßen Sie Frau Haller.“

Boerne nickte. „Sie könnten sie ruhig auch mal anrufen. Ich glaube, der Guten fällt ganz schön die Decke auf den Kopf so alleine.“

„Ja, klar.“ Er mochte Frau Haller, aber er haßte es zu telefonieren. Vor allem, wenn man nicht wirklich einen Grund dafür hatte. Und außerdem war es ja nicht so, daß Frau Haller keine Kontakte mehr hatte, sie sah ja immerhin noch Boerne, auch wenn man natürlich darüber streiten konnte, ob das die Sache schlimmer oder besser machte. Nadeshda war zu Beginn des neumodisch Lockdown genannten Zustands zurück zu ihren Eltern gezogen, weil es dort mehr Platz und einen Garten gab. Hatte sie so behauptet, vor allem ging es ihr wohl darum, ihre Eltern im Auge zu haben und davon abzuhalten, so unvernünftige Dinge zu tun wie selbst einkaufen zu gehen.

„… Sie so?“

„Was?“

„Und was haben Sie so gemacht den ganzen Tag?“

„Ich arbeite.“ Er sah Boerne herausfordernd an. „Bloß weil ich von zuhause aus arbeite, heißt das nicht, daß ich nichts zu tun hätte.“

„Natürlich.“

Boerne klang so nachgiebig. Wirklich blöd, daß er Boernes Gesicht nicht sehen konnte, er wußte nie, ob der andere das jetzt ernst meinte oder nicht.

„Schreibkram.“

„Mhm.“

„Muß auch gemacht werden.“

„Natürlich.“ Boerne zupfte an dem Gummiband seiner Maske. „Ich hatte heute einen interessanten Fall auf dem Tisch. Wenn Sie wollen, könnte ich -“

„Ich muß nochmal zurück an den Schreibtisch.“ Keine Ahnung, warum er das jetzt gesagt hatte, außer daß er jetzt nichts von Boernes Obduktionen hören wollte, schon gar nicht hier auf dem Flur. „Und das gesundheitsfördernde Essen sollte bestimmt auch besser in den Kühlschrank.“

Das war ein Lächeln. Da war er sich ziemlich sicher, obwohl er Boerne unterbrochen hatte und obwohl der diese blöde Maske trug. Boerne bekam mittlerweile ganz schön viele Lachfältchen um die Augen, wenn er lächelte.

„Wenn Sie es nicht gleich essen wollen, wäre das in der Tat besser.“

„Dann …“ Er hob die freie Hand und ließ sie wieder sinken, weil es ihm albern vorkam zu winken. War ja nicht so, als ob sie sich sonst an der Tür die Hand geben würden oder sonstwas mit Körperkontakt. Also mußte man da jetzt auch nix ersatzweise tun.

Boerne imitierte seine Bewegung trotzdem und winkte zurück. „Ich wünsch Ihnen einen schönen Abend, mein lieber Thiel.“

„Äh.“ Er räusperte sich. „Ja. Ebenso.“

Als die Tür wieder zugefallen war, fühlte er sich merkwürdig leicht im Kopf. Ein bißchen so, als hätte er zu wenig Luft bekommen. Vielleicht setzte ihm das alles doch mehr zu, als er dachte, wenn er durch fünf Minuten Smalltalk mit Boerne im Flur so aus dem Gleichgewicht geriet. Andererseits hatte er seit zwei Tagen mit niemandem mehr geredet, von beruflichen Telefonaten mal abgesehen.

Er hätte nicht gedacht, daß ihm das mal so fehlen würde.


* tbc *
Tags: !120 minuten, f: tatort münster, g: fanfic, g: slash, p: thiel / boerne
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