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Ausnahmezustand: April II

Prompt: Angst – Atemnot
Rating: P 12
Genre: Angst
Handlung: Normalerweise neigte er nun echt nicht zur Hypochondrie, nur daß das im Moment eine Ausnahmesituation zu sein schien.
Länge: ~ 1050 Wörter
Zeit: ~ 50 Minuten
A/N: Zum einen geht es nach diesem Kapitel weiter, ist ja klar – ich kann Angst nie so stehen lassen … Und dann hoffe ich natürlich, niemand findet das respektlos. Wenn man daran denkt, wie viele Menschen an Covid-19 erkrankt sind, wirkt es vielleicht makaber. Auf der anderen Seite verarbeitet es natürlich Gefühle und Erlebnisse, die sicher viele in den letzten Monaten hatten, auch wenn das meiste hier in Deutschland Luxusprobleme sind im Vergleich dazu, was in anderen Ländern los war und ist.

Masterpost


***


In der Woche nach Ostern hatte er Urlaub genommen. Kein besonderer Grund, er hatte noch Urlaubstage aus dem Vorjahr und weil bei den meisten Kollegen die Kinder jetzt aus dem Haus waren, konnte er auch mal wieder in den Schulferien freinehmen und eine Woche mit Feiertagen nutzen. Als er den Urlaub angemeldet hatte, hatte er gedacht, daß er in der Zeit Kram in der Wohnung erledigen würde. Und vielleicht mal angeln gehen mit Herbert. Also nix besonderes, und deshalb hatte er den Urlaub jetzt auch nicht zurückgezogen, Kram in der Wohnung konnte er ja auch jetzt machen, und im Homeoffice ging ihm eh so langsam die Arbeit aus, die er sinnvollerweise tun konnte.

Das hieß jetzt allerdings auch, daß er seit Tagen mit niemandem gesprochen hatte außer mit Boerne hin und wieder zwischen Tür und Angel. Aber das war auch irgendwie komisch gewesen, mit Sicherheitsabstand, und selbst an Boerne schien die aktuelle Situation mittlerweile zu zehren, zumindest war er nicht halb so aufgedreht wie sonst. Normalerweise wäre er ja froh gewesen, mal seine Ruhe zu haben, inzwischen wünschte er sich fast, Boerne würde ungefragt in seine Wohnung platzen und ihm auf die Nerven gehen. So weit war es schon gekommen, bloß weil er seit knapp fünf Wochen von allen Kontakten weitgehend abgeschnitten war. Thiel hatte sich bisher immer für einen Menschen gehalten, der gut alleine sein konnte, und daß ihn das jetzt so beschäftigte, verstand er nicht wirklich. Es war doch gar nicht so großartig anders als sonst?

Er neigte auch wirklich nicht zur Panik, aber bei den Bildern, die man zuletzt aus Italien sah, wurde ihm doch mulmig zumute. Dazu die Zahlen und ein Land nach dem anderen, das den Ausbruch des Virus meldete. Vermutlich war es ein Fehler, alle paar Stunden nach neuen Nachrichten zu suchen, aber viel mehr konnte er im Moment ja nicht tun. In der Wohnung war er keinen Schritt weitergekommen, nichts war aufgeräumt, geputzt oder sortiert worden. Sollte er etwa jetzt seinen Kleiderschrank ausmisten, wo er auf absehbare Zeit nichts Neues einkaufen gehen würde? Und natürlich hätte das Wohnzimmer mal einen neuen Anstrich nötig, aber wie jetzt an Farbe und Pinsel kommen?

Außerdem fühlte er sich eh nicht so gut. Seit zwei Tagen hatte er Kopfschmerzen und seit heute Morgen so ein komisches Kratzen im Hals. War aber garantiert nix. Das bildete er sich bloß ein. Er hätte eben nie den Fehler machen dürfen, „Corona Symptome“ in den Google-Suchschlitz einzutippen, hatte er auch gar nicht, er hatte nur „Corona“ getippt und da war der Rest schon aufgetaucht, und dann hatte er dummerweise auf „Enter“ geklickt. Normalerweise neigte er nun echt nicht zur Hypochondrie, nur daß das im Moment eine Ausnahmesituation zu sein schien.

Das Telefon unterbrach seinen Gedankengang. Herbert. Der hatte wahrscheinlich gesehen, daß er ihn heute Morgen versucht hatte anzurufen. Thiel nahm das Telefon in die Hand, sah eine Weile auf Herberts Namen im Display, aber bevor er sich entschieden hatte, hörte das Klingeln auf. Aber ihm war ja sowieso nicht nach reden zumute. Er räusperte sich, gegen das hartnäckige Kratzen im Hals, und raffte sich auf Richtung Küche zu gehen. Wenigstens den Abwasch würde er jetzt noch machen, wenn er schon sonst nix geschafft hatte den ganzen Tag. Irgendwas mußte hier noch passieren. Das sah hier ja schon aus wie bei Hempels unterm Sofa, wie seine Mutter das immer genannt hatte.

Er hatte gerade die Hände im Spülwasser, als es an der Tür klingelte. War vermutlich Boerne. Thiel hustete. War das ein trockener Husten? Jedenfalls hatte er nasse Hände und nur für den Fall war es bestimmt besser, wenn er Boerne nicht gerade jetzt aufmachte. Maske hin, Abstand her. Sicher war sicher.

Während er seine Kaffeetasse aus dem Wasser fischte, hörte das Klingeln auf. Boerne dachte wahrscheinlich, daß er einkaufen war. Er spülte weiter. Langsam ging das heute, furchtbar schleppend, und sein Geschirr schien dreimal so viel zu wiegen wie sonst. Der Husten ließ sich inzwischen nicht mehr wegdiskutieren, aber vielleicht war das ja auch nur sein Heuschnupfen, früher im Jahr und schlimmer als sonst.

Wo hätte er sich auch anstecken sollen? Er hatte doch seit Wochen kaum einen Menschen gesehen. Nur der Supermarkt, der war eine unvermeidliche Risikoquelle, aber selbst da hatte er alles getan was ging, ging nur unter der Woche vormittags einkaufen, trug Maske, wusch sich die Hände, bis sie ganz rauh und rot waren. Er stellte den letzten Teller aufs Abtropfgitter und beschloß, daß das gut genug war. Trocknen konnte das von selbst und wegräumen würde er morgen, wenn er sich besser fühlte.

Der Weg zum Sofa reichte, damit ihm schwindelig wurde. Aus dem Augenwinkel sah er wieder die Bilder von überfüllten Krankenhäusern, die über den Bildschirm seines stummgestellten Fernsehers flackerten. Der Druck auf seiner Brust, den er die ganze Zeit so gut es ging ignoriert hatte, wurde immer stärker. Er versuchte, tief Luft zu holen, und musste husten. Keuchend. Konnte gar nicht mehr aufhören zu husten und bekam immer weniger Luft, obwohl er immer hastiger atmete, verzweifelt versuchte, mehr Sauerstoff in die Lungen zu ziehen, aber es war wie verhext, je mehr er nach Luft schnappte, desto schlimmer wurde es. Das ließ sich jetzt nicht mehr ausblenden, das war echt, das war … er schnappte nach Luft … nein, unmöglich, das konnte doch unmöglich …

Für einen winzigen Moment sah er das alles wie von außen, wie er da saß, in seiner eigenen Wohnung, auf seinem eigenen Sofa, nach Luft rang, und fragte sich, ob es das jetzt war. Ob es tatsächlich so zuende gehen würde, so sinnlos und armselig. Aber war nicht jeder Tod sinnlos? Sein Herz hämmerte in seinen Ohren, es klopfte so laut, als hämmerte jemand gegen seine Tür. Er beugte sich vor, keuchte, versuchte Luft in seine Lungen zu ziehen und konnte nicht mehr. Er hätte Boerne aufmachen sollen. Mit Herbert reden. Und Lukas hatte er auch nicht angerufen. Er hätte … Die Gedanken verschwanden, so schnell wie sie gekommen waren. Zu spät. Vorbei. Jetzt war da nur noch seine Lunge, die schmerzte, und das Gefühl zu ersticken. Ihm wurde schwarz vor Augen.

Er hörte seinen Namen. Gott wird dich bei deinem Namen rufen, hatte sein alter Pastor damals gesagt. Er hatte sich das damals nicht wörtlich genommen. Und schon gar nicht hatte er damit gerechnet, daß ihm die Stimme so vertraut sein würde.

„Thiel.“


* tbc *
Tags: !120 minuten, f: tatort münster, g: fanfic, g: slash, p: thiel / boerne
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