cricri_72 (cricri_72) wrote,
cricri_72
cricri_72

  • Mood:

Ausnahmezustand: April IV

Prompt: Romantik/Intimität: Einen Regenschirm teilen
Team: Melpemone
Fandom: Tatort Münster
Rating: P 12
Genre: Pre-Slash, slice of life
Handlung: Boerne kriegt den Lagerkoller.
Länge: ~ 1200 Wörter
Zeit: ~ 60 Minuten
A/N: Eigentlich sollte mal jedes Kapitel in einem Monat spielen, aber … ich scheine fürs erste im April stecken geblieben zu sein :D Dabei erinnere ich mich ehrlich gesagt schon nicht mehr so genau an den April /o\. Das Wetter war eigentlich sehr gut, glaube ich, aber das Prompt verlangte etwas anderes. Ich weiß auch nicht, wie die Corona-Regeln in NRW genau waren, da habe ich mir hier künstlerische Freiheit erlaubt ;)

Masterpost

***


Sie hatten sich am Wochenende gleich noch öfter getroffen, nach dem Motto: Jetzt ist Hopfen und Malz eh verloren. Sie hatten da gar nicht groß drüber geredet, Thiel vermutete einfach, daß Boerne das gleiche dachte wie er. Andere Menschen sahen sich ja auch weiterhin. Familien. Paare. WGs. Und auch wenn Boerne und er strenggenommen keine WG bildeten, so wohnten sie doch fast zusammen. Selbes Haus, selbes Stockwerk und so. Und das wichtigste war doch sowieso, die Kontakte einzuschränken und nur einen festen Kreis von Personen zu treffen, was bei ihm dann eben Boerne war und für Boerne er. Das waren alles ganz rationale Argumente, aber er konnte nicht leugnen, daß dahinter noch mehr stand. Daß er sein normales Leben in den letzten Wochen schmerzlich vermißt hatte, daß ihm das viel mehr zugesetzt hatte, als er hatte zugeben wollen, und daß es unglaublich beruhigend war, einen Teil dieser Normalität wieder zu haben. Mit Boerne zu kochen, oder zu frühstücken, Boerne mit seiner Tageszeitung in der Hand und er mit dem neuesten Kicker. Boernes Gesicht zu sehen, ohne Maske. Beim Kochen an dem anderen vorbei nach den Tellern im Küchenschrank zu greifen, ohne krampfhaft zwei Meter Abstand zu halten. Zusammen fernzusehen, auf einer Couch, und sich nicht nur vorzustellen, daß Boerne jetzt vielleicht in seiner Wohnung gerade dasselbe sah und welche dummen Kommentare er dazu abgeben würde.

Deshalb war er auch nicht übermäßig erstaunt, als es montags früh an seiner Tür klingelte und Boerne davor stand, die Hände hinter dem Rücken verschränkt und so aufgekratzt, wie er ihn schon lange nicht mehr gesehen hatte.

„Lassen Sie uns spazieren gehen.“

„Was?“ Thiel starrte den anderen verdutzt an. „Müssen Sie nicht arbeiten?“

„Arbeiten, arbeiten, nichts als arbeiten … Haben Sie denn nichts anderes im Kopf? Und wie lange waren Sie eigentlich schon nicht mehr vor der Tür?“

„Ich war letzte Woche einkaufen, und beim Bäcker am Samstag. Aber –“

„Genau. Das kann man ja kaum als ‚draußen‘ bezeichnen. Natur. Frische Luft. Die Weite der Landschaft. Die –“

„Arbeit? Sie erinnern sich, da war was. Ich arbeite heute auch wieder und daß Sie Urlaub haben, davon haben Sie kein Wort erwähnt.“

„Ich fange heute später an. Und das könnten Sie auch tun. Sehen Sie sich diesen herrlichen Sonnenschein an!“

Thiel sah aus dem Fenster. Sonnenschein hätte er das jetzt nicht genannt, aber … er war wirklich schon seit Wochen nicht mehr im Grünen gewesen. „Ist das nicht … gefährlich?“

„Papperlapapp. An der frischen Luft und mit genügend Abstand zu anderen Menschen ist das völlig ungefährlich. Im Gegenteil: Es ist nachgerade geboten, den Körper an der frischen Luft zu ertüchtigen, um das Immunsystem zu stärken. Das wird Ihnen jeder Mediziner raten.“

Thiel mußte grinsen. „Und wo planen Sie Ihren Körper zu ertüchtigen?“

„Ich dachte da an den Hiltruper See. Mit dem Auto sind wir in ein paar Minuten da.“

„Ihnen fällt die Decke auf den Kopf, hm?“

„Jetzt sagen Sie nicht, daß es Ihnen anders geht. Seit das alles losgegangen ist, pendle ich nur noch zwischen hier, dem Institut und dem ein oder anderen Supermarkt hin- und her. Und bei Ihnen sieht es sogar noch mauer aus.“

Er war wirklich seit Wochen nicht mehr im Grünen gewesen. Aber mußte Boerne seinen Freiheitsdrang unbedingt jetzt entwickeln, hätte er auf die Idee nicht schon letzte Woche, während seines Urlaubs, kommen können?

„Sie können doch bestimmt auch später arbeiten – ist doch egal, wann am Tag das passiert.“ Boerne legte den Kopf zur Seite und produzierte diesen Dackelblick, der ihn regelmäßig zum Lachen brachte (und bei dem er immer verdammt schwer nein sagen konnte).

„O.K.“ Er sah auf die Uhr. „Aber um elf sind wir zurück, und ich schreibe eben noch eine Mail, daß ich erst ab dann wieder zu erreichen bin.“ Mit seinem Postfach war er schon durch, in der Urlaubswoche hatte sich nicht all zu viel angesammelt, und die Morgenbesprechung war heute zugunsten einer Abteilungsbesprechung (für alle, die vor Ort waren, und zwar auf dem Parkplatz vorm Gebäude mit reichlich Abstand) ausgefallen.


***


Als sie aus dem Auto raus und wirklich im Grünen waren, merkte er erst, wie recht Boerne gehabt hatte. Die frische Luft hatte ihm tatsächlich gefehlt, es tat einfach nicht gut, wenn der Blick immer gleich an der nächsten Häuserzeile hängen blieb. Boerne legte ein strammes Tempo vor, anscheinend wollte er sich wirklich ertüchtigen, aber ihm war das nur recht – je beherzter er sich bewegte, desto mehr schien der Streß von ihm abzufallen. Der Wanderweg, den Boerne vorgeschlagen hatte, war in einer guten Stunde zu schaffen, wenn man zügig ging.

„Kommt Ihnen in diesem Frühling auch alles noch grüner vor als sonst?“

Thiel zuckte mit den Schultern. Darüber hatte er sich nun wirklich noch keine Gedanken gemacht. Aber jetzt, wo Boerne das sagte … Die Natur kam ihm wirklich noch schöner vor als sonst, ganz so, als wollte sie die miese Gesamtsituation ausgleichen.

„Meinen Sie wirklich, Sie brauchen den Schirm?“

„Sicher ist sicher. Außerdem bewahrt ein Regenschirm, den man mit sich herumträgt, vor Regen.“

Thiel schnaubte. „Und das ist vermutlich wissenschaftlich erwiesen.

„Das, mein lieber Thiel, beweist meine langjährige Erfahrung mit diesem Thema.“


***


Sie waren nicht die einzigen, die die Gelegenheit nutzten, an diesem milden Morgen hier frische Luft zu tanken. Es kamen ihnen erstaunlich viele Jogger entgegen – vermutlich, weil das gerade so ziemlich das einzige an Sport war, was man machen konnte. Und natürlich Hunde mit Herrchen oder Frauchen. Und ansonsten Menschen, die offensichtlich zusammengehörten. Kinder mit einem oder zwei Elternteilen zum Beispiel, oder Paare. Erstaunlich viele Paare. Er korrigierte sich – bloß weil zwei Menschen zusammen spazieren gingen, waren sie noch nicht automatisch ein Paar. Bei den beiden, die Ihnen gerade Hand in Hand entgegen kamen, konnte man das dann aber wohl doch annehmen. Automatisch fielen beide Parteien in den Gänsemarsch und schritten mit gebührendem Abstand aneinander vorbei, nickten sich dabei aber freundlich zu. Das war die neue Corona-Etikette, eigentlich ganz angenehm. Boerne schloß wieder zu ihm auf und fiel neben ihm in den gleichen Schritt.

„Ein schöner Morgen, nicht wahr?“

„Sehr schön.“ Thiel blinzelte zum Himmel. „Obwohl es sich da gerade ein wenig zuzuziehen scheint.“


***


Boernes Regenschirm-Regel hatte sich als falsch erwiesen, aber Thiel unterließ es, darauf herumzureiten. Immerhin hatte Boerne einen Regenschirm dabei, und während sich der kräftige Fast-schon-Sommerregen abregnete, beschirmte er sie beide damit. Nach ein paarmal Stolpern hatten sie festgestellt, dass das am besten funktionierte, wenn Thiel sich bei Boerne einhängte und sie im gleichen Schritt gingen. So blieben sie weitgehend trocken.

Eigentlich, dachte Thiel, war das fast noch schöner als vorher. Die Luft war mild und roch nach Regen, das sanfte Prasseln des Wassers auf dem Regenschirm und auf dem Boden hatte etwas Beruhigendes. Und so ungezwungen nahe war er schon lange keinem Menschen mehr gewesen, selbst vor Corona nicht. Seinetwegen hätten sie gerne noch länger so weitergehen könne, aber irgendwann führte sie der Rundweg wieder zurück zu Boernes Auto, und er hatte ja auch gesagt, daß er zu elf Uhr wieder am Schreibtisch sitzen mußte.

Der Himmel riß auf, kaum daß sie wieder im Auto saßen. Am Horizont konnte er einen schwachen Regenbogen entdecken.

„Das sollten wir bei Gelegenheit mal wiederholen.“


* tbc *
Tags: !120 minuten, f: tatort münster, g: fanfic, g: slash, p: thiel / boerne
Subscribe

  • Das Abendessen

    Prompt: Romantik/Intimität – enttäuschte Erwartungen Team: Enterprise Fandom: Ein Fall für Zwei Rating: P 6 Genre:…

  • Kulturelle Unterschiede

    Prompt: Humor/Crack – „Da muß man dabei gewesen sein“ Team: Enterprise Fandom: Agatha Christie’s Poirot Rating: P 6…

  • Phasenverschoben

    Prompt: Humor/Crack – Joker (Insp.) – „ Zuhause ist es doch am schönsten“ von thots_tochter Team:…

  • Post a new comment

    Error

    default userpic

    Your reply will be screened

    Your IP address will be recorded 

    When you submit the form an invisible reCAPTCHA check will be performed.
    You must follow the Privacy Policy and Google Terms of use.
  • 0 comments