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Ausnahmezustand - Juni IV

Prompt: Romantik/Intimität: Instinkte
Team: Melpomene
Fandom: Tatort Münster
Rating: P 12
Genre: Slash
Handlung: Showdown. Antizyklisch Antiklimaktisch oder so.
Länge: ~ 1.200 Wörter
Zeit: Mehr als 120 Minuten; fürchte ich, weil ich drei Anläufe genommen und das Ding umgeschrieben habe
A/N: Es wird und wird nicht besser, deshalb wird es jetzt gepostet. Vielleicht komme ich weiter, wenn ich erst mal über diesen Punkt drüber bin …


***


Es dauerte nicht mal bis zum Nachmittag, bis er seine Entscheidung bereute. Seine Wohnung war ihm noch nie so leer und gleichzeitig so klein vorgekommen. Er hatte das dringende Bedürfnis, rauszukommen und sich zu bewegen, aber wie hätte das denn jetzt ausgesehen, nachdem er Boerne gesagt hatte, daß er sich zu schlecht fühlte um rauszugehen? Also tigerte er in der Wohnung auf und ab und verfluchte diesen Anfall von Sentimentalität, der ihn dazu gebracht hatte, ihre Wanderung abzusagen. Hätte er sich einfach mal am Riemen gerissen und an was anderes gedacht, dann hätte das ein schöner Sonntag werden können. Stattdessen drehte er hier seine Runden und überlegte verzweifelt, ob er Boerne wohl anrufen konnte und fragen, ob er zum Tatort vorbeikam und ob sie was beim Italiener bestellen wollten. Oder ob das irgendwie komisch wirken würde. Ob er sich dann komisch benehmen würde und ob Boerne merken würde, was mit ihm nicht stimmte. Nicht, daß mit ihm etwas nicht stimmte. Thiel seufzte und zwang sich, stehen zu bleiben. Das wurde auch nicht besser, wenn er hier Löcher in den Boden lief. Er würde jetzt erstmal was trinken, und dann irgendetwas anderes machen, um auf andere Gedanken zu kommen.

Er war gerade fertig damit, die Fotos der letzten drei Jahre von seinem Handy runter auf den Laptop zu speichern, als es an der Tür klingelte. Das war seit Wochen nicht mehr vorgekommen, außer dem Postboten klingelte eigentlich niemand, und der konnte es ja nun sonntags nicht sein. Er griff im Vorbeigehen nach seiner Maske, die an der Garderobe hing, und öffnete.

Boerne sah ihn verdutzt an.

Thiel zog die Maske wieder ab. „Ich dachte …“

„Ich wollte mal sehen, wie es Ihnen geht.“ Boerne nahm etwas schwerfällig die rechte Hand hinter dem Rücken hervor und hielt ihm einen Topf vor die Nase. „Suppe?“

Eigentlich war ihm mehr nach Pizza gewesen, aber das konnte er jetzt schlecht sagen, wenn Boerne ihm Suppe gekocht hatte, weil er dachte, er sei krank. Schlagartig fiel ihm wieder ein, warum er Beziehungen immer so schwierig gefunden hatte. Ständig machte er was falsch, und egal was er dann unternahm, um da wieder rauszukommen, es wurde normalerweise immer nur noch schlimmer. Hätte er am Morgen nicht gelogen, müßte er jetzt nicht weiterlügen. „Danke. Das ist … nett von Ihnen.“

Er fragte nicht, warum Boerne geklingelt hatte, statt einfach reinzukommen, wie er das die ganzen letzten Wochen gemacht hatte. Er merkte auch so, daß etwas nicht stimmte, auch wenn er nicht so genau sagen konnte, ob das an Boerne lag oder an ihm selbst.


***


„Das riecht gut.“

„Setzen Sie sich doch“, sagte Boerne, während er den Topfdeckel wieder auflegte. „Das braucht noch ein paar Minuten.“

„Mir geht’s schon wieder gut. War wohl nur’n bißchen zu viel Wein gestern.“ Er trat einen Schritt nach vorne, um die Suppenteller aus dem Schrank zu nehmen, und streifte dabei Boerne. Beinahe, denn der andere wich sofort aus. „Entschuldigung.“

„Sie müssen sich doch nicht entschuldigen.“ Boerne hatte schon wieder den Topfdeckel angehoben und sprach mehr zur Suppe als zu ihm. Und er stand da mit den Suppentellern mitten in seiner Küche und kam sich reichlich dämlich vor.

„Boerne, ich …“ Verdammt. Warum hatte er den Satz nicht zuende gedacht, bevor er den Mund aufgemacht hatte? Zum Glück rührte Boerne weiter in seiner Suppe, vielleicht hatte er ihn gar nicht gehört. „Ich deck mal schon den Tisch.“

„Thiel?“ Boernes Stimme erwischte ihn, als er gerade fast aus der Tür war.

„Ja?“

„Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten gestern. Ich meine … Sie können natürlich in Ihrer Wohnung anziehen, was Sie wollen.“

Er starrte den anderen an. Was?

„Wenn ich … also es tut mir leid, wenn ich da zu weit gegangen bin. Ich wollte Sie nicht so … äh, kritisieren.“

War Boerne rot geworden? Oder lag das am Abendlicht?

„Schon O.K.“ Er wußte gerade nicht so wirklich, worüber sie eigentlich redeten. „Sie haben ja recht, schön ist das nicht.“

„Aber nein, so habe ich das nicht gemeint. Sie können … Sie können das tragen.“

Also, das bildete er sich nicht ein. Boerne war rot geworden. Und ihm sagte sein Bauchgefühl, daß jetzt der Zeitpunkt war, etwas zu riskieren. Instinkte, die er schon lange verloren geglaubt hatte, rührten sich plötzlich wieder. Er machte einen Schritt auf Boerne zu. „Finden Sie?“

Boerne nickte. Und schluckte. Ob Boernes Mund so trocken war wie sein eigener? Ob sein Herz auch so schlug, als wollte es gleich aus der Brust springen?

Er machte noch einen Schritt und stellte die Teller neben Boerne auf die Küchenzeile. Diesmal wich der andere nicht aus.

Er sah Boerne direkt in die Augen. Jetzt oder nie. „Ich mag, wenn Sie die Ärmel hochkrempeln. Und die Krawatte weglassen.“ Boerne blinzelte. Nervös? Aber er sah nicht mehr weg, hielt seinen Blick fest. „So wie gestern Abend.“

„Sind Sie deshalb so plötzlich aufgebrochen?“

„Unter anderem.“ Er stand jetzt so nahe bei Boerne, daß er förmlich spürte, wie der sich wieder anspannte. Er konnte den Atem des anderen hören, flach und schnell. „Aber nichts davon hatte etwas damit zu tun, daß Sie etwas falsch gemacht haben.“

Er war ganz eindeutig zu nah. Mußte schon fast den Kopf in den Nacken legen, um Boerne weiter ins Gesicht sehen zu können. Das konnte man nicht mehr falsch interpretieren. Oder? Nicht so lange, nicht so absichtlich. Und wenn er sich jetzt hier komplett zum Idioten machte, dann -

„Thiel …“ Es war kaum mehr als ein Flüstern, und Boernes Blick so ernst, so offen, so … wenn, dann machte er sich hier jedenfalls nicht alleine zum Idioten.

„Ja.“ Er hätte gerne etwas Sinnvolleres gesagt, irgendwas, aber er war in solchen Dingen noch nie besonders gut gewesen und jetzt auch noch gute dreißig Jahre außer Übung. „Also.“ Er merkte erst jetzt, daß seine Finger nervös mit etwas spielten. Boernes Jackettärmel. Er sah nach unten und schnell wieder hoch. „Ich –“

Boerne griff nach seiner Hand. Das fühlte sich gut an. Kein schlechter Anfang. Wenn er jetzt noch –

Ein Zischen und Brodeln unterbrach seine Gedanken. „Die Suppe!“ Boerne ließ ihn hastig los und sprintete Richtung Herd.

„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“

„Ich hab‘ den halben Nachmittag am Herd gestanden!“ Boerne drehte sich empört zu ihm um. „Etwas mehr Anerkennung, wenn ich bitten darf.“

„Duzen wir uns jetzt?“

„… ja?“

Sein Mundwinkel zuckte. „War auch Zeit.“

„Findest du?“ Boerne schob mit einer hastigen Bewegung die Brille hoch. Rückte den Krawattenknoten zurecht. Strich sich durch die Haare. Thiel lächelte. „Was?“

„Nichts.“ Er grinste noch mehr. „Du bist nervös.“

„Ich bin nicht nervös!“ Boerne räusperte sich. „Vielleicht ein bißchen. Es ist schon etwas länger her, daß ich …“ Eine Hand flatterte auf und ab. „Du weißt schon.“

„Vielleicht sollten wir erst mal essen.“ Und das sagte er jetzt nicht nur, weil sein Magen knurrte. Oder weil Boernes Suppe doch ziemlich verlockend roch. Und schon gar nicht, weil er das Gefühl hatte, daß sie es ein wenig langsamer angehen sollten. Nach siebzehn Jahren mußte man nun ja auch nichts überstürzen.

Boerne griff nach den Tellern und hielt sie ihm entgegen. „Deck schon mal den Tisch.“


* tbc *
Tags: !120 minuten, f: tatort münster, g: fanfic, g: slash, p: thiel / boerne
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