cricri_72 (cricri_72) wrote,
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Nicht die Zeit für Spitzfindigkeiten

Rating: P 6
Genre: Freundschaft, etwas Humor, Thiels POV
Handlung: Boerne hat eine ganz klare Haltung zum Thema Corona-Restriktionen.
Länge: ca. 800 Wörter
A/N: Aus gegebenem Anlaß.


***


In der zweiten Welle hatten sie damit angefangen - schließlich lebten sie ohnehin schon Tür an Tür, und es war ja nicht so, als ob sie sonst viele Kontakte hatten. "Corona-Gemeinschaft", hatte Boerne das betitelt. Und daß sie ja quasi, zumindest in der aktuellen Situation, ein Haushalt waren. Bei "ein Haushalt" hatte er zwar die Stirn gerunzelt, aber alles in allem war er doch ganz froh, daß er zwischen all den maskierten Einkäufen, Videokonferenzen und Telefonaten mit Herbert wenigstens Boerne noch von Angesicht zu Angesicht sah. Weshalb es auch nichts neues war, daß Boerne ihm bei der wöchentlichen Dienstbesprechung mit der Klemm über die Schulter schaute. Im wahrsten Sinne des Wortes, weil die Webcam des Herrn Professors nämlich vor zwei Wochen den Geist aufgegeben hatte, und so was war derzeit ja weder für Geld noch gute Worte zu kriegen. Also jedenfalls nicht schnell. Wenigstens hatte Boerne eine Maske aufgesetzt, mußte ja nicht gleich jeder wissen, daß sie schon zusammen gefrühstückt hatten und die gemeinsame Videokonferenz dann auch nichts mehr schlimmer machen konnte.

Die Masken fand er übrigens gar nicht so blöd. Das hatte den Vorteil, daß Frau Klemm nicht sehen konnte, wenn er grinste. Wie gerade jetzt, als die Staasanwältin bei der Erläuterung der neuen "einfacheren und einheitlicheren" Corona Regelungen über die verschiedenen Inzidenzwerte und deren Auswirkungen stolperte. Er warf einen Blick zur Seite, aber Boerne verzog keine Miene. Soweit er das erkennen konnte. Und inzwischen wußte er ziemlich genau, was für ein Gesicht Boerne gerade zog, auch wenn er nur die Augen sah. Eigentlich hatte er ja mit einem dummen Kommentar gerechnet, denn während die Debatte über diese Bundesnotbremse lief, hatte der andere sich ausgiebig über die verschiedenen nicht gerade schlüssigen Maßnahmen mokiert. So richtig boernemäßig eben. War ja klar, daß er selbst das nicht nur alles viel besser wußte, sondern auch alles viel besser gemacht hätte.

Weshalb er es sich nicht verkneifen konnte nachzufragen, als sie sich einige Minuten später verabschiedeten und aus der Videokonferenz ausloggten. "Kein Koreferat heute?"

"Wie meinen?" Boerne hob die Augenbrauen ... und zog die Maske ab.

"Ich hab mich nur gewundert. Daß Sie nichts zu ergänzen hatten. Gestern Abend -"

"Hätte ich mir andere, strengere und zielgerichtete Maßnahmen gewünscht? Selbstverständlich." Boerne hing die Maske zurück an ihren Platz, an den Aufhänger mit der Aufschrift Freitag. "Habe ich große Zweifel, daß das ausreichen wird, um diese Welle zu brechen? Oh ja." Er drehte sich wieder um mit einem so herausfordernden Gesichtsausdruck, wie Thiel ihn noch nicht gesehen hatte. "Aber denken Sie etwa, ich kenne nicht den Unterschied zwischen dem, was ich abends bei einem Glas Wein auf dem Sofa sage und dem, was ich in der Öffentlichkeit von mir gebe? In so einer Situation?"

"Ich meinte doch nicht -"

"Jetzt ist wirklich nicht die Zeit für Spitzfindigkeiten."

Die Schärfe in Boernes Tonfall erinnerte ihn schlagartig daran, wie der andere vor einigen Monaten an einem Forschungsprojekt teilgenommen hatte. Drei Wochen lang hatte er Fälle obduziert, die "an oder mit" Corona gestorben waren, wie es so schön hieß. Sie hatten sich kaum gesehen in dieser Zeit, obwohl sie da schon die Coronagemeinschaft aufgemacht hatten. Und wenn sie sich gesehen hatten ... er hätte nicht gedacht, daß er Boerne jemals so erleben würde. Leichen waren schließlich sein täglich Brot, und viele der Toten, mit denen er sonst zu tun hatte, waren unter äußerst unschönen Umständen ums Leben gekommen. "Das ist was anderes", hatte Boerne nur gesagt, als er zaghaft nachgefragt hatte. Und das Ergebnis seiner Untersuchungen wie auch der seiner Kollegen war eindeutig gewesen. "Von wegen mit", hatte Boerne gesagt.

"Natürlich."

"Ich bin schließlich ein Vorbild. Und auch wenn das nicht die besten aller denkbaren Maßnahmen sind, so sind sie wenigstens ..."

"... was." Das hatte er ja auch schon gesagt, gestern Abend. Irgendwas mußte man doch versuchen und da war es dann auch egal, ob Treffen nur mit einer Person nicht wirklich mehr brachten als Treffen nur mit einem Haushalt oder welche Inzidenzzahl jetzt die richtige war, um welche Maßnahme auszulösen.

"Genau." Boerne sackte wieder ein wenig zusammen und seufzte. "Und jetzt muß ich los. Die Arbeit macht sich schließlich nicht von alleine."

Wie wahr. Daran hatte sich zumindest nichts geändert, nur daß er jetzt größtenteils von zu hause aus arbeitete, während die jüngeren Kollegen die unvermeidlichen persönlichen Kontakte bei Festnahmen und Vernehmungen übernahmen. Boerne hingegen konnte sich seine Arbeit natürlich nicht mit nach Hause nehmen. Thiel schüttelte sich bei dem Gedanken unwillkürlich.

"Wollen wir heute Abend -"

"Gerne."

Boernes Mundwinkel hoben sich leicht. "Dann bis später."

Thiel nickte. "Und passen Sie auf sich auf da draußen."

"Selbstverständlich."

"Immer schön Vorbild bleiben!"

Die Geste war jetzt aber alles andere als vorbildlich. Thiel grinste. Einen Moment sah er dem anderen noch hinterher, dann schloß er die Tür, drehte sich um und ging zurück an seinen Schreibtisch.

Ein neuer Tag im Homeoffice.

Sie taten eben alle, was sie konnten.


* Fin *
Tags: f: tatort münster, g: fanfic, p: thiel / boerne
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