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Der erste Tag

Prompt: AU - Joker (Inspiration: Circles von theskew)
Team: Enterprise
Fandom: Tatort Münster
Rating: P 6
Genre: Gen, AU - Canon Divergence
Handlung: Thiel ist gerade neu nach Münster gezogen, aber er ist nicht alleine.
Länge: ~ 1000 Wörter
Zeit: ~ 70 Minuten
A/N: Die Geschichte von Skew war zu verlockend, um da nicht weiterzuschreiben :D


***


Er hatte extra früh Feierabend gemacht, um zuhause zu sein, wenn Lukas nachhause kam. Besser gemacht hatte das aber nichts, der Junge war mehr als einsilbig gewesen und gleich in sein Zimmer verschwunden. Thiel seufzte. Jetzt konnte er nur noch hoffen, daß Spaghetti Bolognese die Stimmung heben würden. Das Rezept hatte er mittlerweile gut im Griff und es war Lukas absolutes Lieblingsgericht.

"Essen ist fertig!"

"Was gibt's denn?" Lukas steckte die Nase aus seinem Zimmer und für einen Moment war da ein Anflug von besserer Stimmung zu spüren, als er hörte, was es gab. Das hielt aber nicht lange. Und Schuld daran war allein er selbst. Und, wie war's in der Schule? Wie hatte er solche Fragen als Kind gehaßt! Und in ihrer momentanen Situation war das besonders unglücklich, weil es Lukas erster Tag an der neuen Schule war, in einer Stadt, in die er nicht ziehen wollte, in einer Schule, in der er niemanden kannte.

Und das bekam er dann auch zu hören. Leider hatte Lukas in der Hinsicht sein Temperament geerbt, und zwölf war sowieso ein denkbar schlimmes Alter.

"Wieso sind wir nicht einfach in Hamburg geblieben!?"

"Du weiß doch, warum wir umgezogen sind. Es ist -"

"Alles nur, weil du das so willst! Was ich will, ist dir ganz egal!"

Das war so unfair, daß er selbst die Beherrschung verlor, obwohl er sich geschworen hatte, daß das nicht mehr passieren würde. "Du weißt ganz genau, daß das nicht stimmt!"

"Und warum sind wir dann hier? Ich will jedenfalls nicht hier sein!" Lukas schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Teller in die Höhe hüpften. Einen Moment lang starrten sie sich erschrocken an, dann sprang Lukas auf und rannte aus der Küche. Die Zimmertür fiel mit solcher Wucht ins Schloß, daß die Fensterscheiben klirrten.

Thiel seufzte.

So ein Benehmen war absolut inakzeptabel. Aber er hatte gewußt, daß es für Lukas schwer werden würde. Und irgendwie konnte er das auch verstehen. Die Wut. Das Gefühl, allem ausgeliefert zu sein. Die ganze Zeit mußte er irgendetwas tun, was er nicht wollte, was er nicht selbst bestimmen konnte. Wenn es nach Lukas gegangen wäre, würden sie immer noch glücklich alle drei in Hamburg leben. Und wenn er ehrlich war, war das gar nicht so weit entfernt von dem, was er sich wünschte, und er war sich sogar ziemlich sicher, daß sich Susanne das gleiche wünschte. Aber wünschen half nichts gegen die Realität, und die Realität war die, daß Susanne und er sich auseinandergelebt hatten. Sicher, sie hätten auch zusammenbleiben können, wegen Lukas. Aber glücklich wären sie nicht mehr gewesen, und Lukas am Ende auch nicht. Und dann, als sie sich gerade so halbwegs eingefunden hatten in den neuen Alltag mit Wochenenden bei ihm, hatte Susanne sich neu verliebt. Für Lukas war das von Anfang an schwer gewesen, aber sicher hätte er sich auch an diese neue Situation gewöhnt, aber dann war auch schon Neuseeland gekommen. Daß Lukas am Ende bei ihm geblieben war, war seine Entscheidung gewesen, ja. Aber der Preis war hoch gewesen.

Schwerfällig erhob er sich, griff nach Lukas Teller und kippte die Spaghetti zurück in den Topf. Die konnten sie später wärmen, wenn der Junge sich beruhigt hatte. Es hatte keinen Sinn, ihn jetzt zu bedrängen, das wußte er aus Erfahrung. (Und auch von sich selbst.) Vielleicht hätte er das doch nicht machen sollen - sich nach Münster versetzen lassen. Oder zumindest nicht so schnell. Aber zu dem Zeitpunkt hatte er das Gefühl gehabt, daß er das brauchte. Einen Neuanfang. Daß sie das brauchten, auch wenn Lukas das momentan nicht so sah. Alles in Hamburg erinnerte sie an das Leben, das sie gehabt hatten. Und in Münster gab es immerhin Herbert. Familie. Nicht unbedingt ein geeigneter Ersatz für eine Mutter, die am anderen Ende der Welt wohnte, aber ... immerhin.


***


Lukas tauchte nach einer guten Stunde wieder auf. So, als wäre nichts gewesen. Er konnte sehen, wie gerötet seine Augen waren, aber er sagte nichts (auch wenn ihm das Herz blutete). In Momenten wie diesen wünschte er sich die Zeit zurück, als alles noch einfacher war, als er den Jungen einfach in den Arm nehmen konnte, und alles war wieder gut.

"Gibt's noch Spaghetti?"

"Ich mach' dir welche warm."

Sie aßen schweigend. Lukas gleich drei Teller, also konnte das Essen so schlecht nicht sein.

"Wir sind nur achtzehn in der Klasse."

"Das klingt gut."

"Mhm." Lukas griff nach der Schöpfkelle und kippte sich noch mehr Soße über den Teller. "Vor allem Mädchen."

Thiel nickte. Mit Kommentaren hielt er sich lieber zurück, momentan stand das ziemlich auf der Kippe, ob Lukas Mädchen noch doof oder schon interessant fand. "Wie sind die Lehrer?"

"Geht so." Lukas zuckte mit den Schultern. "Und bei dir?"

Und bei ihm? Er hatte noch gar nicht wirklich darüber nachgedacht, wie sein erster Tag eigentlich gewesen war. "Auch ganz O.K. Im großen und ganzen."
Er drehte gedankenverloren Spaghetti auf die Gabel. Eine lustige Sache war aber doch passiert. "Du glaubst es nicht, wen ich auf der Arbeit getroffen habe."

Lukas sah ihn fragend an.

"Den Vermieter."

"Hat er was verbrochen?"

Thiel mußte schmunzeln. Das interessierte seinen Sohn jetzt offenbar doch. "Nee, er arbeitet da. Rechtsmedizin."

"Na dann viel Spaß." Lukas grinste. "Du hast doch gesagt, der quatscht zu viel und geht dir schon auf die Nerven, wenn du ihn nur im Flur triffst."

"Halb so schlimm. Ich seh' ihn ja nur, wenn wir einen Mordfall haben." Zum Glück war Münster ein recht friedliches Pflaster, kein Vergleich zu Hamburg. "Und jetzt laß mal lieber noch ein bißchen Platz für den Nachtisch."

Lukas Augen leuchteten auf. "Schokopudding?"

"Nein, ich dachte, ich mach uns mal was Gesundes. Obstsalat."

"Was -"

"Natürlich Schokopudding, was denkst du denn?"

Als sie danach vor Fernseher saßen, und einen Ballerfilm sahen, den Lukas sich ausgesucht hatte, war es schon fast wieder so wie früher.
Leicht war es nicht gewesen, aber er hatte sich den ersten Tag noch schwieriger vorgestellt. Jetzt hatten sie ihn hinter sich gebracht, und sie würden auch die nächsten Tage hinter sich bringen. Und irgendwann würde Lukas in Münster genauso daheim sein wie davor in Hamburg. Ab jetzt ging es aufwärts. Da war er sich ganz sicher.


* Fin *
Tags: !120 minuten, f: tatort münster, g: fanfic
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