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Hellhörig

Prompt: Orte - zwischen Tür und Angel
Team: Enterprise
Fandom: Tatort Münster
Rating: P 6
Genre: Freundschaft, AU - Canon Divergence
Handlung: Boerne war garantiert nicht der Typ gewesen, der schnell Freunde fand.
Länge: ~ 900 Wörter
Zeit: ~ 60 Minuten
A/N: Ihr habt ja wohl nicht geglaubt, daß ich es mir nehmen lasse, Boerne in diesem AU zu schreiben ;)

Fortsetzung von Der erste Tag


***


Er war gerade wieder zurück auf dem Weg vom Briefkasten - die Post, er hatte nach der Post gesehen, nicht seinem Sohn hinterher, der alleine zur Schule radelte, wofür er schon lange alt genug war, auch wenn das jetzt hier eine neue Stadt war - und stand mit einem Stapel Papier (Pizzaservice, Asia-Imbiß, ein Brief von seiner Bank, eine Postkarte von Uwe, eine dieser nervigen Webezeitungen) in der Wohnungstür, als sich die Tür gegenüber öffnete. Sein Nachbar, Vermieter und, wie er seit kurzem wußte, Kollege. Im Bademantel. Naja, eher Morgenmantel. Fehlte nur noch das gestickte Monogramm, und bei dem Gedanken mußte er jetzt doch fast grinsen.

"Ah, der Herr Nachbar!"

"Moinsen." Daß Boerne aber auch immer so verflucht gut gelaunt sein mußte. Und laut. Vermutlich kriegte das sofort die ganze Nachbarschaft mit, war ganz schön hellhörig hier. An den ersten Abenden, seit sie hier eingezogen waren, war er mehr als einmal versucht gewesen, sich wegen der Musik zu beschweren. Nur daß das ziemlich unpraktisch war, wenn der laute Nachbar gleichzeitig der Vermieter war. Thiel seufzte. Innerlich. Zum Glück hatte Lukas einen festen Schlaf.

"Das war ja recht laut bei Ihnen gestern Abend. Ich dachte schon, der Putz fällt von der Wand, so wie Ihr Junior mit den Türen geknallt hat."

Na super. Genau auf das Thema hatte er Lust. In aller Herrgottsfrühe, mitten im Flur. "Wo wir gerade beim Thema sind - die Musik war letzte Woche auch recht laut. Und das deutlich nach zehn."

"Musik?" Boerne sah ihn verdutzt an. "Hat jemand von den Nachbarn gefeiert? Ich habe gar nichts gehört."

"Das wundert mich nicht, bei dem Krach aus Ihrer Wohnung."

"Aus meiner ..." Boerne stemmte die Fäuste in die Seiten. Das sah jetzt schon ein bißchen lächerlich aus, mit dem Bademantel und den Schlappen. "Ich bitte Sie, das war keine Musik, das war Wagner!"

"Musik würde ich das auch nicht nennen", grummelte Thiel.

"Wie bitte?"

"Nicht so wichtig." Schließlich wollte er hier wohnen bleiben. Vorerst. War schwer genug gewesen, in Münster was Bezahlbares zu finden, und zu Herbert wollte er wirklich nicht ziehen. "Er tut sich noch ein bißchen schwer mit dem Umzug."

"Wer ... ah, Ihr Sohn." Boerne nickte bedächtig. "Schwieriges Alter."

Das konnte man wohl sagen. "Haben Sie auch ...?"

"Gott bewahre", Boerne winkte hastig ab. "Den Fehler haben meine Frau und ich vor der Scheidung zum Glück nicht auch noch gemacht. Nicht daß ich meine, daß Sie ... äh. Sie verstehen schon, was ich meine."

Daß die Welt nicht noch mehr von Ihrer Sorte braucht? Thiel biß sich auf die Zunge. Zum Glück war ihm das jetzt nicht rausgerutscht. Und wieso redete er überhaupt schon wieder so lange mit Boerne?

"Aber man war ja schließlich selbst auch einmal Kind", redete Boerne unbeirrt weiter. "Wie alt ist Ihr Junior? Zwölf, dreizehn? Kein schönes Alter, so viel ist sicher."

"Zwölf", antwortete er, quasi auf Autopilot. Wieso redete er überhaupt schon wieder mit diesem ... diesem ...

"Das einzig Gute ist, so schnell es hochkocht, so schnell geht es auch wieder runter. In dem Alter, meine ich." Boerne lächelte ihm zu. "Er gewöhnt sich bestimmt schnell ein."

Es ist ja nicht nur das, dachte Thiel. Wenn es doch nur das wäre. "Es ist halt alles neu. Er kennt noch niemanden."

"Kinder finden schnell Freunde. Also ... die meisten." Boerne räusperte sich. "Ihr Sohn bestimmt."

Boerne war garantiert nicht der Typ gewesen, der schnell Freunde fand. Aber ja, er hatte recht, Lukas hatte in der Hinsicht nie große Probleme gehabt. Ganz anders als er selbst, wenn er ehrlich war. Da kam er mehr nach Susanne.

"Thiel? Hören Sie mir eigentlich noch zu?"

"Tschuldigung." Er machte eine vage Handbewegung. "Bin kein Morgenmensch."

"Das merkt man." Boerne ... strahlte ihn an. Wie konnte man um diese Uhrzeit bloß so gut gelaunt sein? "Ich habe gefragt, ob ich Sie nachher mitnehmen soll. Wir haben ja den gleichen Weg, und es ist schon recht spät, also, wenn Sie jetzt noch mit dem Rad loswollen, wird es ziemlich spät, und Sie wollen doch sicher nicht -"

"Ja." Er klemmte den Papierstapel unter den Arm und zog den Schlüssel wieder aus der Wohnungstür. "In 15 Minuten?"

Boerne nickte. "Ich schaue nur noch nach der Post und mache mich schnell fertig."

Garantiert hing Boernes Angebot vor allem damit zusammen, daß er ihn wegen ihres Falles ausquetschen wollte. Das hatte er schon gleich am ersten Tag gemerkt, daß der andere gerne mal über seinen Zuständigkeitsbereich hinaus ging. Thiel zog die Tür hinter sich zu. Aber irgendwie hatte er das Gefühl, daß noch mehr dahintersteckte. Boerne hatte sich nicht über den Lärm beschwert und versuchte ganz offensichtlich, nett zu sein. Wenn er es nicht besser wüßte, könnte er fast denken ... Vielleicht hatte Boerne ja immer noch Schwierigkeiten, Freunde zu finden. Thiel sah in den Spiegel, der im Flur hing, und mußte grinsen. Was für ein alberner Gedanke. Er war ganz bestimmt nicht der Typ Mensch, für den jemand wie Boerne sich ... was dachte er eigentlich gerade für einen Quatsch zusammen? Er suchte keinen Freund, er war erwachsen, er hatte einen Sohn, um den er sich kümmern mußte, und seit kurzem auch noch einen Vater, auch wenn der noch nicht so richtig eingesehen hatte, daß er Unterstützung brauchte.

Und jetzt mußte er zusehen, daß er loskam, nicht daß er am zweiten Tag gleich schon zu spät im Dienst erschien. Mal sehen, was "ich mache mich schnell fertig" bei jemandem wie Boerne hieß ...


* Fin *
Tags: !120 minuten, f: tatort münster, g: fanfic, p: thiel / boerne
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