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BT_Wandern

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Büttenwarder

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BT_Wandern

Drei Nächte - Kapitel 3

Kapitel 1
Kapitel 2



~*~ Die dritte Nacht ~*~

***


Meistens war Boerne ja irgendetwas zwischen nervig und unausstehlich, aber manchmal ... manchmal überraschte er ihn doch. Während sich die Kollegen um Hausner kümmerten und Nadeshda einen Arzt rief, hatte Boerne Marie mit ins Nachbarbüro genommen, weg von dem ganzen Trubel. Er sah durch die Glasscheibe nach nebenan. Marie weinte, und er erinnerte sich wieder daran, daß sie trotz allem noch ein Kind war. Ein Kind, das eben den Mörder seiner Mutter K.O. geschlagen hatte. Er war sehr froh, daß wenigstens Boerne die Geistesgegenwart gehabt hatte, sich um das Mädchen zu kümmern - er selbst schaffte das im Moment nicht. Sein Puls raste immer noch und er hörte Hausners "Schieß doch" immer wieder und immer lauter.

  "Chef?" Nadeshda trat in sein Blickfeld und versperrte ihm die Sicht auf Boerne und Marie. "Wollen wir gerade noch das Protokoll aufnehmen?"

  "Wie geht's Hausner?"

  "Soweit alles O.K., der Arzt meint, er hat eine leichte Gehirnerschütterung."

Sie legte eine Hand auf seinen Arm und er riß sich zusammen. Wenn Nadeshda meinte ihn trösten zu müssen, machte er wohl gerade keinen sehr souveränen Eindruck.

  "Dann lassen Sie uns den Papierkram gleich erledigen ..."

  "Gut." Sie sah ihn zögernd an. "Soll sich der Arzt Sie vielleicht auch noch ansehen?"

  "Mir ist nichts passiert." Er hörte auf, die Schulter zu reiben, mit der er gegen die Scheibe geknallt war. Sich jetzt auch noch betütteln zu lassen, das hatte ihm gerade noch gefehlt. Er warf einen letzten Blick auf Boerne, der Marie in den Arm genommen hatte und auf sie einredete. Aber dann fragte ihn Nadeshda etwas, und er konzentrierte sich wieder auf seine Arbeit.


***


Als er eine gute Stunde später alle Fragen beantwortet hatte und fürs erste nach Hause gehen konnte, wartete Boerne vor seinem Büro. Das hätte ihn wundern sollen, tat es aber nicht. Vielleicht fehlte ihm im Moment auch nur die Energie, sich zu wundern.

  "Soll ich Sie mit nach Hause nehmen?"

Eigentlich stand sein Rad im Hof. Aber er nickte trotzdem.

  "Wie geht es Marie?"

  "Ihr Vater war da und hat sie abgeholt."

  "Das ist gut."

Boerne nickte.

Sie fuhren schweigend nach Hause. Er fragte sich, ob Marie ihrem Vater wohl erzählen würde, daß er nicht ihr leiblicher Vater war. Ob er das vielleicht ohnehin schon wußte. Bei dem Prozeß gegen Hausner würde das Thema unvermeidlich sein. Vielleicht sollte er noch einmal mit den beiden reden. Später. Auf einen Tag mehr oder weniger kam es wohl kaum an.  


***


  "Denken Sie, alles wäre anders gekommen, wenn ich damals einfach so getan hätte, als würde ich Katja glauben? Dann würde sie vielleicht noch leben, Marie wäre jetzt meine Tochter, und-"

  "Nein." Merkwürdigerweise verstand er Boernes Gedankengang ganz genau. Aber er war sich auch sicher, was die Antwort anging. "Sie hätten es nie gut sein lassen können, wenn Sie gewußt hätten, daß Sie nicht der Vater sind."

  "Mhm. Vielleicht." Er konnte Boernes warmen Atem auf seiner Haut spüren, während der konzentriert einen kleinen Schnitt nach dem nächsten verarztete. Eigentlich war das gar nicht nötig, aber es schien Boerne zu beruhigen, etwas zu tun zu haben.

  "Bestimmt."

Vor seinem Auge tauchen wieder Bilder auf, die er zu verscheuchen versucht. Hausner, der die Pistole auf ihn richtet. Der Blick, der keinen Zweifel daran läßt, daß Hausner unberechenbar ist. Die Waffe an Boernes Kopf und die Angst, die es fast unmöglich macht, noch logisch zu denken. Boernes Augen, die-

  "So." Boerne klang zufrieden. "Alles erledigt. Das sind wirklich nur ein paar Kratzer. Erstaunlich, daß Sie sich nicht mehr getan haben bei dem Sprung. Da hatten Sie aber ganz schön Glück."

Thiel lachte kurz auf. Glück. Er. Boerne konnte von Glück reden, aber er, er hatte nur-

  "Wollen Sie heute vielleicht bei mir schlafen?"

  "Was?" Er sah Boerne verdutzt an.

  "Das ist nur verständlich, daß Sie das Ganze etwas mitgenommen hat. Immerhin ..."
 
  "Was soll mich denn mitgenommen haben!?"

Boerne sah ihn sehr merkwürdig an, und er hatte plötzlich ein Déjà-Vu. Nur mit vertauschten Rollen. Er räusperte sich.

  "Entschuldigung."

  "Sie können natürlich auch gehen. Aber wenn Sie wollen, können Sie auch hierbleiben."

Er warf einen Blick auf die Couch. Vor Jahren hatte er hier schon einmal übernachtet, und bequem war das nicht gewesen. Andererseits ...

  "O.K."

Boerne sah erleichtert aus, und er fragte sich, wer hier jetzt gerade wen brauchte. Aber vielleicht war das auch nicht so wichtig.


***


Als er aus dem Bad zurückkam, fiel ihm auf, daß er neben seiner Zahnbürste auch sein Kopfkissen hätte holen sollen. Auf Boernes Couch lag zwar immer noch die Wolldecke, aber mehr an Gästebettzeug schien er nicht zu haben. Er zögerte kurz und entschloß sich dann, einfach den Pulli als Kopfkissen zu verwenden. Irgendwie hatte er keine Lust, nochmal in seine Wohnung hinüberzugehen. Wenn er den Pulli so zusammenknüllte, dann-

  "Was machen Sie denn da?"

Boerne war plötzlich wieder aufgetaucht und sah ihn irritiert an.

  "Sie haben doch gesagt, ich soll ... kann hier schlafen ...?"

  "Doch nicht hier." Boerne griff nach seiner Hand. "Kommen Sie endlich ins Bett."

  "Was?!"

  "Thiel ... ich bin jetzt wirklich zu müde für diese Spielchen. Außerdem ist das Bett viel bequemer."

Sicherlich war Boernes Bett bequemer als die Couch, aber ... "...welche Spielchen?"    

Boerne warf ihm einen ungläubigen Blick zu.

  "Boerne! Ich meine es ernst! Was für-"

Sie waren im Schlafzimmer angekommen, und Boerne ließ ihn wieder los. "Wenn Ihnen das wirklich noch nicht klar geworden ist, erkläre ich es Ihnen morgen. Jetzt bin ich müde."

Boerne legte sich hin und hob die Bettdecke an. "Kommen Sie jetzt endlich?"


***


  "Seit wann duzen Sie diesen Hausner eigentlich?"

  "Eifersüchtig?"

Er hätte sich im gleichen Moment treten können. Wieso mußte ihm ausgerechnet so etwas herausrutschen, noch dazu in so einer Lage -

  "Dazu habe ich doch gar keinen Grund. Hausner sitzt in Untersuchungshaft, und Sie liegen in meinem Bett."

Boerne klang selbstgefällig ohne Ende, und Thiel lachte los. Er lachte so sehr, daß er Seitenstechen bekam und nach Luft japsen mußte. Als er sich wieder halbwegs unter Kontrolle hatte, sah er, daß Boerne auch lächelte. Der andere hatte sich auf die Seite gedreht und sah ihn an.

  "Thiel?"

  "Ja?"

  "Kann ich Sie auch duzen?"

  "Ob Sie können, müssen Sie selbst-"

  "Thiel ..."

  "Was ist denn los? Wir kennen uns mehr als zehn Jahre und Sie wollten mich noch nie duzen."

  "Jetzt hat sich aber etwas geändert." Boerne streckte eine Hand aus und strich eine Haarsträhne, die beim Lachen in sein Gesicht gefallen war, zurück hinters Ohr. "Jetzt würde ich Sie gerne küssen, und da finde ich das Sie doch ein wenig förmlich."

  "Sie würden mich gerne küssen", wiederholte Thiel perplex.

  "Ja." Boerne hielt seinen Blick fest. "Genauer gesagt würde ich dich gerne küssen."

  "Ich ..." Er fühlte sich überfordert, aber gleichzeitig hüpfte irgendetwas in seinem Magen auf und ab wie auf einem großen Trampolin. "Müssen wir darüber so lange reden?"

Boerne schüttelte den Kopf.


***
 

Boerne schlief friedlich. Und er - er lag in einer warmen und sicheren Umarmung und war hellwach. Nicht wegen Hausner, oder dem Fall, oder der Pistole, die auf ihn gerichtet worden war, oder weil er beinahe jemanden umgebracht hätte ... Sondern wegen dem Kuß. Wegen des Kusses. Verdammt. Boerne hatte auf ihn abgefärbt. Irgendwann mußte es ja soweit kommen. Aber daß es soweit kommen würde ... Er sah hilflos auf den Arm hinunter, der ihn festhielt. Da waren immer noch die Spuren des Seils zu sehen, mit dem Kock Boerne gefesselt hatte. Für einen Moment vergaß er, worüber er sich Sorgen machte, und umfaßte Boernes Handgelenk. So etwas würde er das nächste Mal verhindern.  Wenn es nach ihm ging, würde es kein nächstes Mal geben - er würde es nicht noch einmal zulassen, daß irgendjemand Boerne ... Oh.

Er war verliebt.


*** Fin ***


Comments

Danke :)

Von mir aus könnte es noch seitenweise weitergehen
Das ist ja ein schönes Kompliment! Und letztendlich geht es auch seitenweise so weiter, weil, ehrlich gesagt, die meisten meiner Texte doch recht ähnlich ... also sich irgendwie ein wenig wiederholen ... ähem. Also Fluff im Übermaß :)
"also sich irgendwie ein wenig wiederholen". Aber wahrscheinlich ist das das Beste so...wenn ich richtig drüber nachdenke. Bei x Kapiteln zu einem Thema würdne dir wahrscheinlich eher die Ideen ausgehen und als Leser würde man eher sagen, dass sich grad alles wiederholt und wenig neues passiert. So gibt es immer neue Geschichten zu verschiedenen Folgen und Situationen. Das Thema bleibt gleich, wird aber schön variiert. Vielen Dank auf jeden Fall für die vielen guten Einfälle und Ideen, die du hier in Geschichten umsetzt. Ich lese sie sehr gerne!
Gruß Mara
Nette Idee - und Du hast vermutlich recht, daß es nur so funktionieren kann. Mich erstaunt es selbst ehrlich gesagt, daß mir immer wieder etwas einfällt, bzw. ich immer wieder Lust habe, was zu schreiben. Aber so lange mir das Schreiben Spaß macht, und einer handvoll Leserinnen das Lesen, ist ja alles in Ordnung :)