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Undercover - Kapitel 4 (Thiel / Boerne Slash)

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Länge: 1.500
Beta: veradee, die unermüdlich korrigiert, damit der Nachschub fließt :)




*** Kapitel 4 ***


Thiel hatte schlecht geschlafen und sich einmal mehr gefragt, wie er es eigentlich geschafft hatte, sich in eine solche Situation zu bringen. Aber inzwischen war es viel zu spät, um einen Rückzieher zu machen.

  "Thiel! Wo bleiben Sie denn? Wir müßten schon vor fünf Minuten -"

  "Jetzt schreien Sie hier nicht so rum, helfen Sie mir lieber!"  

  "Was ist denn?"

Er war so entnervt, daß er sich nicht einmal darüber beschwerte, daß Boerne sich schon wieder mit seinem Zweitschlüssel selbst hereingelassen hatte. "Können Sie die Krawatte nochmal binden?"

  "Warum haben Sie denn den Knoten ganz aufgemacht? Sie hätten doch bloß-"

  "Jetzt reden Sie nicht lange drumrum, binden sie das Ding einfach." Er drückte das überflüssige Stück Stoff Boerne in die Hand, der natürlich bereits wie aus dem Ei gepellt aussah.

Boerne seufzte und drehte ihn um. "Wir werden zu spät kommen."

  "Werden wir nicht." Er sah auf Boernes Hände hinab, die mit sicheren Bewegungen den Knoten knüpften, an dem er sich seit einer Viertelstunde vergeblich abgemüht hatte. "Sie haben so viele Reservezeiten eingebaut, daß wir immer noch viel zu früh kommen werden. Man könnte fast meinen, daß Sie es gar nicht erwarten können."

  "Jetzt werden Sie mal nicht albern." Boerne zog die Krawatte beherzt auf die richtige Länge. "Ich will bloß nicht zu spät kommen. Meine Mutter behauptet immer ... Sie haben sich da aber nicht richtig rasiert, Thiel."

Fingerspitzen strichen über seine Wange, und er stieß Boernes Hand reflexartig zur Seite. "Das ist völlig in Ordnung so."

  "Aber -"

  "Das merkt kein Mensch, Boerne! Außer Ihnen wird mich ja wohl hoffentlich niemand befummeln!"

Boerne brummte etwas in seinen Bart, ließ ihn aber los. "Sie könnten das doch noch eben schnell -"

  "Wir fahren jetzt. Eben konnte es Ihnen doch nicht schnell genug gehen."


***


  "Moment." Sie waren schon aus der Haustür, als Thiel etwas einfiel.

  "Was ist denn jetzt schon wieder?"

  "Ich hab' was vergessen."

Boerne verdrehte die Augen und rasselte ungeduldig mit dem Autoschlüssel, aber Thiel ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und machte noch einmal kehrt.


***


  "Was ist das denn?"

  "Blumen. Für Ihre Mutter. Sie hat doch Geburtstag."

  "Deine", verbesserte ihn Boerne geistesabwesend. "Du beteiligst dich übrigens an einer Reise nach Norditalien, das hätte ich vielleicht erwähnen sollen. Also zumindest nominell - ich habe für dich mitunterschrieben auf der Karte."

  "Wir schenken Ihrer ... deiner Mutter eine Reise? Gut, daß ich das auch mal erfahre."

  "Gemeinschaftsgeschenk mit meiner Schwester und den Cousinen und Cousins mütterlicherseits."

  "Wie viele Leute kommen da eigentlich heute Abend?" Er hatte mit einem Mal ein ungutes Gefühl. Über die Größe von Boernes Familie hatte er bislang noch gar nicht nachgedacht.

  "So achtzig bis neunzig Personen." Boerne hatte wohl seinen panischen Blick gesehen, denn er ließ ein "Keine Angst, du wirst in der Menge gar nicht auffallen" folgen.

Das war die Untertreibung des Jahrhunderts, dachte Thiel. Er würde zwischen Boernes Sippschaft hervorstechen wie … wie … egal wie, er würde auffallen. Spätestens, wenn ihm der erste Hummer oder so aus der Hand gerutscht war.


***


  "Was sind es denn für Blumen?"

Sie hatten Münster kaum hinter sich gelassen. War ja klar, daß Boerne es keine zehn Minuten aushielt, ohne zu reden.

  "Sonnenblumen."

  "Sonnenblumen?"

  "Meine Mutter mochte Sonnenblumen", sagte Thiel verlegen. Er hatte gar nicht überlegt, ob das wohl passende Blumen für einen Geburtstag und für eine Frau Professor Boerne waren. Für Erika waren sie ihm richtig vorgekommen.

Boerne warf ihm einen Seitenblick zu. Wie immer ein wenig zu lang, so daß er sie beide schon im Straßengraben landen sah. Aber als er das gerade kommentieren wollte, reagierte Boerne doch noch auf seine letzte Bemerkung. "Sie freut sich sicher. Ich glaube, meine Mutter mag Sie."

  "Wirklich?"

  "Jedenfalls mehr als meine Frau seinerzeit", brummte Boerne, und es klang nicht besonders glücklich.

  "Na ja, Mütter und Schwiegertöchter, das ist ja wohl oft ... Sie wissen schon." Er wußte jedenfalls nicht, woher plötzlich dieses Bedürfnis gekommen war, etwas Tröstliches zu sagen. Aus einem unerfindlichen Grund hatte er jedesmal ein schlechtes Gewissen, wenn Boerne unglücklich darüber wirkte, daß seine Mutter ihn offensichtlich gern hatte. Dabei konnte er dafür ja nun gar nichts.

  "Mhm." Boerne sagte nichts weiter, und nach einer Weile entspannte Thiel sich und schloß die Augen. So ein kleines Nickerchen, bevor der ganze Trubel -

  "Vermissen Sie Ihre Mutter?"

  "Wieso?" Er öffnete die Augen wieder und sah zu Boerne, der dieses Mal den Blick aber stur nach vorne gerichtet ließ.

  "Nur so."

  "Ich ... ja schon, manchmal."

  "War sie auch immer so ... ich meine, hat sie sich auch immer ungefragt in Ihr Leben eingemischt?"

Thiel lächelte. Daß Boerne sich über so etwas beschwerte, war schon ziemlich skurril. Offensichtlich kannte das Universum doch so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit. Aber dann wurde er wieder ernst und dachte über die Frage nach. "Hat sie, ja. Das hat mich damals ganz schön Nerven gekostet. Aber jetzt - jetzt würde ich das gerne wieder in Kauf nehmen. Sie sollten froh sein, so lange sie sich noch über Ihre Mutter beschweren können."

  "Sie haben keine Ahnung, wie anstrengend -" Boerne unterbrach sich selbst, als ihm offenbar auffiel, wie sich das anhörte. "Sie haben vermutlich recht."

Thiel sah aus dem Fenster, um sein Schmunzeln zu verbergen. Anstehende Familienfeiern machten Boerne ganz offensichtlich nervös. So nachgiebig war er jedenfalls sonst nicht.


***


  "Wieso haben Sie sich eigentlich damals von Ihrer Frau getrennt?"

  "Das habe ich Ihnen doch schon vor Jahren erzählt, Thiel. Sie ist mit ihrem Therapeuten auf und davon." Inzwischen kannte er Boerne besser als damals, so daß ihm der bemüht neutrale Tonfall sofort auffiel. Hinter der Geschichte steckte definitiv noch mehr.

  "Und wieso glaubt Ihre Mutter dann, Sie wären Schuld an der Trennung gewesen?" Das hatte der andere zwar nie so eindeutig gesagt, aber das verbissene Schweigen, das ihm entgegenschlug, bestätigte seine Vermutung.

  "Boerne?"

  "Das braucht Sie doch gar nicht zu interessieren."

  "Also hören Sie mal ... wenn mich heute Abend jemand in ein Gespräch verwickelt, sieht das ja wohl schlecht aus, wenn ich nicht weiß, was aus meiner Vorgängerin geworden ist."

Man konnte das Zähneknirschen fast hören. Er bohrte trotzdem unbarmherzig weiter. Wenn er es schon einmal geschafft hatte, Boerne in die Enge zu treiben …

  "Es ist doch wohl unwahrscheinlich, daß Sie mir das nie erzählt hätten, oder?"

  "Meine Mutter meint, ich hätte meiner Ex-Frau zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt und mir zu wenig Mühe gegeben", erklärte Borne schließlich widerwillig. "Da sie aber gleichzeitig der Meinung ist, wir hätten überhaupt nicht zusammengepaßt und am besten gar nicht erst geheiratet, finde ich ihre Kritik mehr als unlogisch. Aber über Logik können Sie mit meiner Mutter nicht streiten. Dann behauptet sie einfach, daß ich alles viel zu … zu … emotionslos sehe."

Thiel erinnerte sich plötzlich, wie Boerne ihn beim letzten Besuch seiner Mutter plötzlich gefragt hatte, ob er ihn auch für "unherzlich" hielt. Er sah zu Boerne hinüber. Alle Schutzschilde auf volle Kraft. Er hatte überhaupt noch nie erlebt, daß Boerne sich derart einigelte. An der Frau, deren Namen Boerne in den fast drei Jahren, die er ihn jetzt kannte, nicht einmal erwähnt hatte, konnte das kaum liegen. Daß Erika so schwierig sein sollte, konnte er sich aber auch nicht wirklich vorstellen – dazu wirkte sie viel zu nett. Eher konnte er sich vorstellen, daß sie Boernes Schwachpunkte kannte. Seine eigene Mutter hatte auch immer gewußt, womit sie ihn treffen konnte. Auch wohlmeinende Kritik konnte weh tun.

  "Vielleicht sind Sie sich zu ähnlich."

  "Ähnlich?" Boerne sah ihn überrascht an. "Wir haben doch überhaupt keine Ähnlichkeit."

  "Ich … meinte ja bloß." Pfff … vielleicht sollte er doch lieber die Finger von der Familientherapie lassen.

  "Jedenfalls wissen Sie jetzt, daß es meiner Mutter nicht schwer fallen wird zu glauben, daß es meine Schuld ist, wenn wir uns trennen. Dafür muß ich gar keine großartigen Geschichten erfinden."

Das fühlte sich jetzt irgendwie auch falsch an. Thiel seufzte. Bislang war ihm noch gar nicht aufgefallen, wie schlecht er es mit ansehen konnte, wenn Boerne etwas wirklich belastete.

  "Wir könnten uns ja auch einfach im Einvernehmen trennen."

  "Was?"

  "Naja ... " Die besten Lügen sind die, die am nächsten an der Wahrheit sind. "Wir stellen einfach fest, daß wir viel zu wenig gemeinsam haben. Wir sind zu gegensätzlich. Deshalb gehen wir im Guten auseinander, und alle sind glücklich."

Das ließ sich problemlos aufrechterhalten, dafür mußten sie fast überhaupt nicht lügen. Ja, das war praktisch die Wahrheit. Eigentlich war es erstaunlich, daß sie trotzdem so viel Zeit miteinander verbrachten. Obwohl sie doch ganz eindeutig nichts gemeinsam hatten.

Boerne schwieg und schien nachzudenken.

  "Dann ist niemand schuld", erklärte Thiel, als der andere nach einer Weile immer noch nichts gesagt hatte.

  "Oder beide", meinte Boerne trocken. "Unterschätzen Sie meine Mutter nicht."

  "Wir wollten doch eigentlich beim Du bleiben, zur Einstimmung." Daß sie sich schon wieder die ganze Zeit gesiezt hatten, fiel ihm erst jetzt auf. Kein guter Start für ihre Undercover-Mission.

  "Ach, das wird einfacher vor Publikum." Boerne machte eine wegwerfende Handbewegung, und Thiel schloß reflexartig die Augen, weil er dabei das Steuer wieder einmal sekundenlang losließ. Nicht daß ihm das im Falle eines Falles geholfen hätte.

  "Wenn du meinst."

  "Wir sind da."


*** tbc ***


Tags: f: tatort münster, g: fanfic, g: slash, p: thiel / boerne
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