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BT_Wandern

September 2018

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Büttenwarder

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BT_Wandern

Undercover - Kapitel 5 (Thiel / Boerne Slash)

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Länge: ca. 3.500 Wörter
Beta: veradee
A/N: Das ganze verliert leider ein wenig an Fahrt und Spritzigkeit. Ich hoffe, Ihr habt trotzdem Spaß am Ende ...



***


Boerne war ungewöhnlich still, während sie ausstiegen und ihre Sachen zusammensuchten.

  "Na, doch langsam unruhig?"

  "Wieso?"

  "Weil du schon zum dritten Mal meine Krawatte gerade gerückt hast. Die kann nicht mehr schief sitzen." Er erinnerte sich an das erste Kennenlernen von Susannes Eltern. Daß er so eine unangenehme Situation noch einmal völlig grundlos und auch noch mehr oder weniger freiwillig durchmachte, kam ihm  reichlich absurd vor. Selbst wenn er sich sagte, daß das alles unecht war - allein das Gefühl, daß alle anderen denken würden, es sei echt ... er griff nach Boernes Hand, die dieses Mal an seinem Jackettaufschlag zupfte.

  "Ist jetzt langsam gut, oder muß ich mich noch mal ausziehen?"

  "Ich weiß nicht, wie du das schaffst, daß selbst ein Anzug innerhalb weniger Stunden an dir hängt wie Jeans und T-Shirt", murmelte Boerne zerstreut.

Er war ja unsensible Bemerkungen von seinem Kollegen gewohnt, aber aus irgendeinem Grund ärgerte ihn das jetzt wirklich.

  "Es war deine Idee, mich in diesen Anzug zu stecken. Also beschwer dich gefälligst nicht!"

  "Ich meinte doch nicht, daß-"

  "Karl-Friedrich! Frank! Ihr werdet euch doch nicht schon streiten, bevor die Feier angefangen hat."

  "Mama!" Boerne war wie er zusammengezuckt, hatte sich aber schneller als er wieder gefaßt. "Bring ihn doch nicht in Verlegenheit."

  "Ähm ..." Oh, super. Boerne hatte wirklich ein Talent dafür, die Dinge noch schlimmer zu machen. Jetzt war er wirklich verlegen. "Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag." Er streckte Erika die Blumen entgegen und wurde mit einem Lächeln belohnt.

  "Danke. Sonnenblumen - wie schön. Die bekomme ich sonst nie, dabei mag ich Sonnenblumen."

Thiel lächelte erleichtert. Selbst wenn sie nur höflich war - er freute sich. Boerne hatte sich inzwischen wohl auch an den Anlaß ihrer Fahrt erinnert und gratulierte seiner Mutter. Für einen Moment war alles in Ordnung. Thiel war froh, daß Boerne sich zur Abwechslung mal auf jemand anderen als auf ihn konzentrierte. Und obwohl er nicht so genau wußte warum, freute er sich, Erika zu sehen. Er freute sich sogar, daß sie ihn eingeladen hatte, trotz der Umstände. Und als Boerne seine Mutter umarmte, fiel ihm auf, was durch die Klagen des anderen auf der Fahrt fast verdeckt worden war - daß Boerne sich auch freute, seine Mutter zu sehen. Wenn sie da war, verwandelte sich der andere regelmäßig wenigstens zwanzig Jahre zurück, dachte Thiel und mußte schmunzeln. Das war ihm schon bei seiner ersten Begegnung mit Erika aufgefallen. Aber vielleicht war das normal, vielleicht ging das allen so mit ihren Eltern. Bei Herbert hatte er auch manchmal das Gefühl, in sein Verhalten als Zwölfjähriger zurück -

  "Ich dachte schon, ihr kommt zu spät."

  "Es ist zwanzig vor sechs, Mama!"

  "Die anderen sind schon alle da", redete Erika munter weiter und zupfte Boerne ein Blatt aus den Haaren. "Aber es ist ja noch einmal gut gegangen." Die Krawatte, die in Thiels Augen einwandfrei saß, wurde gerade gerückt, und er hätte fast laut losgelacht, als er an Boernes Wir haben doch überhaupt keine Ähnlichkeit von vorhin dachte.  

  "Was heißt hier noch einmal gut gegangen? Es ist zwanzig vor sechs, und -"

  "Ah, da kommt ja noch Cousine Edeltraud. Geht doch schon mal rein, ihr beiden, während ich die Nachzügler begrüße." Und weg war sie, während Boerne neben ihm mit den Zähnen knirschte.

  "Was habe ich dir gesagt?! Wir kommen zu spät."

Er verkniff es sich, Boerne darauf hinzuweisen, daß sie überhaupt nicht zu spät waren. "Ist ja schon gut. Lassen Sie uns rein gehen und die Sache hinter uns bringen."

  "Welche Sache?" Boerne sah ihn verdutzt an. "Ach so."

Als sie auf die Tür zugingen, sah Thiel, daß Boerne lächelte. "Was ist?"

  "Nichts."

  "Was ist so lustig?"

  "Das erinnert mich an Mamas vierzigsten Geburtstag."

Er mußte kurz nachrechnen, wie alt Boerne da gewesen war. Fünf? Nein, noch vier. Soweit zurück konnte er sich überhaupt nicht erinnern. "Ja und?"

  "Lassen Sie es mich so formulieren - bisher hat man in meiner Familie über diese Geburtstagsfeier geredet. Aber ich glaube, das wird sich heute ändern."

  "Was war denn mit dem vierzigsten -"

Statt einer Antwort öffnete Boerne die Tür und ließ ihm den Vortritt. "Nun denn - mögen die Spiele beginnen."


***


Thiel war ganz schwindelig vor Menschen und Namen, die er sich nicht alle merken konnte. Boerne hingegen schwamm neben ihm wie ein Fisch im Wasser.

  "Du lieber Himmel - bis zu welchem Verwandtschaftsgrad hat Ihre Mutter denn eingeladen?" flüsterte er Boerne in einem ruhigen Moment zu.

  "Wieso? Nur die Tanten, Onkel, Geschwister, Cousinen und Cousins und die jeweilige Nachkommenschaft. Sie wissen doch, wie das ist bei Familienfeiern. Lädt man einen Cousin ein, muß man alle einladen." Boerne drückte ihm ein Glas Wein in die Hand.

  "Weiß ich nicht." In seiner Familie hatte es keine großen Feiern gegeben. Sein Vater verstand sich so wenig mit seinen beiden älteren Brüdern, daß es da gar keinen Kontakt mehr gegeben hatte. Er wußte nicht einmal, ob und wie viele Cousins er hatte. Seine Großeltern - Herberts Eltern - hatte er nicht mehr kennen gelernt, weil sie zu früh gestorben waren. Und seine Mutter war ein Einzelkind gewesen, aber wenigstens hatte es auf der Seite noch Großeltern gegeben. Susanne hatte auch keine Geschwister. Selbst auf ihrer Hochzeit waren sie - mit Trauzeugen und Freunden - nur dreißig Personen gewesen.

Boerne war nicht mehr dazu gekommen, ihm zu antworten, weil er gleich wieder von einem offensichtlich schwerhörigen und altersschwachen Verwandten in Beschlag genommen worden war. Während sein ... Partner für diesen Abend dem winzigen alten Mann lautstark die Neuigkeiten der letzten Jahre ins Ohr brüllte, sah Thiel sich unauffällig weiter um und versuchte zu raten, wer auf Erikas Seite der Familie gehörte und wer die echten Boernes waren. Seine Trefferquote war vermutlich bescheiden, bei den meisten hatte er keine Idee, wohin sie gehören könnten. Zum Glück hatte Boerne wenigstens insoweit recht gehabt, als niemand großartig auf seine Anwesenheit reagiert hatte. Der ein oder andere irritierte Blick, wenn Boerne ihn vorstellte, aber niemand kommentierte die Tatsache, daß es ihn gab. Bislang hatte er tatsächlich nicht mehr tun müssen als Hände schütteln und freundlich nicken.

  "Geschieden!" brüllte Boerne neben ihm. "Seit fünf Jahren! Das weißt du doch, Onkel Theodor!"

Thiel machte sich ein wenig kleiner. Der freundliche alte Herr wirkte etwas verwirrt, und Thiel ahnte schon, was als nächstes kommen würde.

  "Nein! Keine Kinder! Wie soll ich denn zu Kindern kommen, wenn ich ..."

Verflucht. Boerne schien am Hinterkopf Augen zu haben. Er hatte ganz unauffällig versucht, einen Schritt zurückzuweichen, da hatte der andere schon nach seiner Hand gegriffen und zog ihn vor sich.

  "Das ist Frank! Du kannst Isabel vergessen, merk dir stattdessen Frank, Onkel Theodor!"

Thiel lächelte hilflos, als ihn der alte Herr verdutzt ansah.

  "Jetzt sag' nicht, Mama hat dir davon nichts erzählt!"

Onkel Theodor schien endlich ein Licht aufzugehen. Und Thiel mußte schon wieder eine Hand schütteln.

  "Sie müssen entschuldigen, junger Mann", erklärte sein Gegenüber freundlich. "Ich bin ein bißchen vergeßlich."

  "Sehr erfreut!" brüllte Thiel, dem nichts anderes einfiel.

  "Ich bin gleich wieder zurück", sagte Boerne und ließ ihn mit Onkel Theodor stehen. Verdammt. Und jetzt? Der alte Mann sah ihn fragend an.

  "Entschuldigung, ich habe nicht mitbekommen, wie genau Sie mit ... Karl-Friedrich verwandt sind?" schrie Thiel. Das war wenigstens eine unverfängliche Frage, und etwas Besseres kam ihm auf die Schnelle nicht in den Sinn.

  "Ich bin Erikas Onkel und damit jetzt wohl Ihr Schwieger-Großonkel, wenn ich das richtig verstanden habe", sagte Onkel Theodor. "Und Sie müssen nicht so schreien, junger Mann. Karl-Friedrich hat vergessen, daß ich inzwischen ein Hörgerät habe."

  "Oh." Thiel sah sich hilfesuchend um, aber Boerne blieb verschwunden.

  "Er ist ein guter Junge", ergänzte Onkel Theodor unvermittelt. "Wirklich. Nur manchmal ein bißchen schwierig."

  "Äh ... ja."

  "Nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich Sie beim nächsten Mal nicht wiedererkenne - mein Kurzzeitgedächtnis ist nicht mehr das, was es mal war."

  "Sicher", stammelte Thiel. Zum Glück war nicht zu befürchten, daß er Onkel Theodor noch einmal wieder traf. "Wenn man älter wird, ist das wohl ... normal."

Boerne tauchte wieder neben ihm auf und enthob ihn zu seiner Erleichterung der Notwendigkeit, noch mehr Smalltalk zu machen. "Soll ich dir etwas zu trinken holen, Onkel?" brüllte Boerne.

  "Das kann ich doch machen", warf Thiel sich dazwischen. "Rotwein?"

  "Gerne!" brüllte Onkel Theodor zurück, der sich wohl von Boerne hatte anstecken lassen.


***


Nachdem Onkel Theodor mit Wein versorgt war und sich höflich verabschiedet hatte, um zum Rest der älteren Verwandtschaft vorzustoßen - man weiß ja nie, wen man davon vielleicht gerade zum letzten Mal sieht - nutzte Thiel eine ruhige Minute, um Boerne den Kopf zu waschen, weil der ihn einfach hatte stehen lassen.

  "Ich habe dich ja schließlich nicht Tante Gerda überlassen - Onkel Theodor ist doch nett", meinte Boerne verständnislos. "Ich weiß gar nicht, was du hast, offensichtlich habt ihr euch gut unterhalten. Er hat mir gratuliert, während du weg warst."

  "Darum geht es doch gar nicht", protestierte Thiel, "sondern ums Prinzip! Und was war überhaupt so wichtig?"

  "Ich habe die letzte Unterschrift unter die Karte für meine Mutter eingesammelt", erklärte Boerne. "Wir können das Geschenk dann überreichen."
 

***


Das Geschenk hatte mehr Anklang gefunden, als Thiel gedacht hätte. Erika war ganz gerührt gewesen, was ihn erst gewundert hatte - bis sie erzählt hatte, daß sie vor 50 Jahren ihre Hochzeitsreise an den gleichen Ort gemacht hatte. Obwohl er wußte, daß Boerne seine Mutter mochte, auch wenn er sich über ihre Marotten beschwerte, hatte es ihn überrascht, daß er auf eine solche Geschenkidee gekommen war. Sie waren alle herzlich gedrückt worden, weil Erika die Worte fehlten - ein seltenes Ereignis, da war sich Thiel selbst nach so kurzer Bekanntschaft sicher. Und diese seltsame Mischung aus Verlegenheit und Freude, die Boerne ausstrahlte, hatte er auch noch nie gesehen. Einen Moment lang hatte er das Gefühl gehabt, dazu zu gehören, was ihn so sehr verwirrte, daß er nach Boernes Hand griff, als Erika sich pflichtschuldig den nächsten Gratulanten zuwandte.

  "Was ist?" fragte Boerne überrascht.

  "Ich ... nichts ...", stammelte Thiel. "Das war eine gute Idee."

Boerne schien sich bei so viel Lob noch unwohler zu fühlen, dabei hatte er das ganz ehrlich gemeint. "Ach, das war doch naheliegend. Sie wollten ihre Hochzeitsreise eigentlich immer noch einmal wiederholen, aber dann … naja."

  "Woher wußten Sie denn, daß sie die Reise auch alleine machen will?"

Boerne zuckte mit den Schultern. "Ich weiß es eben."

Er wollte eigentlich noch etwas sagen, als ein lautstarkes "Karl-Friedrich! Wo hast du dich denn den ganzen Abend versteckt?" hinter ihnen ertönte. Boerne ließ seine Hand los und drehte sich um.

  "Sabine!" An Boernes Ton war unschwer zu erkennen, daß er sich wirklich freute. Die kleine, mollige Frau sah irgendwie anders aus als der Rest der Verwandtschaft, ohne daß Thiel genau sagen konnte wieso.

  "Wir sind erst vor einer halben Stunde angekommen. Wo hast du denn Michael gelassen? Und die Brut?"

Thiel konnte ein Augenrollen nicht unterdrücken - sowas hörten Eltern gerne - aber die Frau lachte nur. "Michael hilft seinem Vater dabei, das Geschenk reinzutragen. Und die Nachkommenschaft hat dich, glaube ich, gerade entdeckt."


***


Thiel beobachtete fasziniert, wie Boerne unter einer quiekenden und überwiegend rosafarbenen Wolke verschwand. "Sind das alles Ihre?"

  "Drei Mädchen, zwei Jungs", erklärte die Frau gut gelaunt. "Und jetzt habe ich erstmal Ruhe."

Thiel lachte.

  "Ich bin Sabine. Aber das wissen Sie ja schon."

  "Frank Thiel", sagte Thiel und hoffte, daß die Frau schon von seiner angeblichen Beziehung mit Boerne wußte und er nichts weiter erklären mußte. "Und wie sind Sie -"

  "Mein Mann Michael und Karl-Friedrich sind Cousins. Der große dahinten." Sie deutete quer durch den Raum auf einen schlaksigen, dunkelhaarigen Mann, der Boerne recht ähnlich sah. "Mein Schwiegervater ist der jüngere Bruder von Karl-Friedrichs Vater."

  "Heinz-Friedrich", sagte Thiel und war froh, daß er sich wenigstens die Namen der nächsten Verwandten noch eingeprägt hatte und jetzt nicht völlig ahnungslos dastand.

  "Genau." Sabine lächelte. "In dieser Familie hat man eine große Leidenschaft für Doppelnamen. Und Sie lernen die Verwandtschaft heute zum ersten Mal kennen?"

  "Ja." Thiel fühlte sich mit einem mal wieder ziemlich unwohl. Die Frau machte einen netten Eindruck, und es machte ihm keinen Spaß, sie anzulügen. Wobei es andererseits natürlich stimmte, er lernte Boernes Verwandtschaft zum ersten Mal kennen.

  "Mein Beileid", sagte Sabine, die seinen Gesichtsausdruck wohl falsch interpretiert hatte.

  "Ich meinte nicht -"

Sabine lachte. "Sie müssen sich nicht entschuldigen. Ich kann mich noch sehr gut an mein erstes Familienfest hier erinnern."

Hinter ihnen war ein lautes Kreischen zu hören, und sie sahen beide zu Boerne, der gerade ein vielleicht fünfjähriges Mädchen kopfüber hielt. Thiel mußte lächeln, weil das Bild so ungewohnt war. Sabine lächelte auch.

  "Ich habe immer gedacht, daß er unbedingt Kinder haben sollte. Aber das hat sich ja jetzt wohl erledigt."

Er hätte fast gefragt, was sie damit meinte, als Sabine hastig weiter redete.

  "Oh Gott, wie unsensibel. Ich rede immer zu schnell, ohne nachzudenken … Man kann ja auch Kinder adoptieren … und ich habe Sie nicht einmal gefragt, ob Sie überhaupt Kinder möchten, das ist ja auch nicht zwangsläufig … Ich wollte wirklich nicht -"

  "Ist schon in Ordnung", warf er dazwischen, als er endlich hinterhergekommen war und verstanden hatte, wovon sie redete. "Wirklich."

  "Sie müssen mich für ein schreckliches Muttertier halten, als gäbe es nichts Wichtigeres als Kinder", fuhr sie fort. "Ich wollte wirklich nicht -"

  "Das weiß ich doch."

  "Kann ich irgendetwas tun, um das wieder gut zu machen?"

Sie sah ehrlich betrübt aus, und Thiel sagte das Erstbeste, was ihm in den Sinn kam. "Sie könnten mir sagen, wer hier wer ist, ich habe nämlich schon lange den Überblick verloren. Und wenn Sie mir vielleicht erklären könnten, was es mit Tante Gerda …"  

  "Gerne."

Einen Moment lang sahen sie sich unsicher an, aber dann lächelte Sabine verschwörerisch. "Sie sehen mir aus wie ein Mann, der ein Bier brauchen könnte. Wenn Sie mir unauffällig folgen, zeige ich Ihnen, wo man das hier findet."

Thiel lachte. "Und ich dachte, in der Familie kennt man nur Wein."

  "Ach", sie zwinkerte ihm zu, "für Angeheiratete steht hinter der Theke noch unauffällig ein Kasten Bier. Darüber spricht aber niemand."

Sie winkte ihrem Mann quer durch den Saal zu und vollführte ein paar Gesten, deren Bedeutung Thiel nicht klar wurde.

  "Und was war das jetzt?"

  "Das war heute fährst du, und denkt nicht mal im Traum dran, daß ich eine Feier mit deiner Verwandtschaft nüchtern überstehe ... Und wie sieht es bei Ihnen aus, haben Sie schon geklärt, wer fährt?"

  "Oh ja", sagte Thiel grimmig. "Boerne. Der schuldet mir noch was."


***


Eine halbe Flasche Bier später waren sie beim Du. Thiel hatte erklärt, warum er Boerne Boerne nannte, und Sabine hatte ihm erzählt, wer zu welcher Seite der Familie gehörte, mit wem man sich unkompliziert unterhalten konnte, wem man besser aus dem Weg ging, und wieso man Begegnungen mit Tante Gerda unter allen Umständen vermeiden sollte.

  "Ich muß zugeben, daß ich ein bißchen überrascht war", sagte Sabine. "Immerhin kenne ich Karl-Friedrich seit fünfzehn Jahren, und daß er auf Männer steht, war mir neu. Wie lange kennt ihr euch denn schon?"

  "Zweieinhalb Jahre", antwortete Thiel wahrheitsgemäß. "Aber das ... das mit uns ist noch nicht so lange." Er hätte lieber weiter Anekdoten über Boernes Verwandtschaft gehört, als über sein Verhältnis zu Boerne geredet. Sabine schien zu merken, daß ihm das Thema unangenehm war, und hakte glücklicherweise nicht nach.

  "Du machst einen soliden Eindruck."

  "Was?" Er mußte lachen. "Soll das jetzt ein Kompliment sein?"

Sie ging nicht auf seinen scherzhaften Ton ein. "Ja. Und ich glaube, etwas Solides tut ihm gut, nach der Geschichte mit Isabel."

  "Er redet nicht über seine Ex-Frau", sagte Thiel, und das war nichts als die Wahrheit.

  "Das wundert mich nicht. Weißt du -"

  "Redet ihr zwei über mich?"

Boerne hatte natürlich ausgerechnet diesen Moment ausgesucht, um mit den Kindern im Schlepptau wieder aufzutauchen.

  "Ja", antwortete Sabine, ohne mit der Wimper zu zucken. "Ich verrate Frank gerade alle deine Geheimnisse."

Thiel grinste in sein Bier. Allerdings hatte er nicht bedacht, daß Boerne Waffen zur Hand hatte.

  "Paßt mal auf ... Onkel Frank hier hat bestimmt ganz große Lust, mit euch Fußball zu spielen ..."

  "Oh nein ..." Er hob abwehrend die Hände, als die drei größeren auf ihn losstürzten. "Der Anzug, und -"

  "Das Abendessen beginnt erst in einer guten halben Stunde. Und etwas Bewegung kann dir nicht schaden."

  "Also bitte!"

  "Ich hole den Fußball", rief der kleinere der beiden Jungs begeistert und rannte los. Eins der Mädchen, das große Ähnlichkeit mit Sabine hatte, zerrte ihn derweil schon Richtung Ausgang. "Onkel Karl sagt, daß du gerne Fußball spielst."

  "Ich ..."

  "Vielleicht sieht er sich das aber auch nur im Fernsehen an und kann gar nicht mehr spielen", sagte Boerne. "Das wäre schon möglich. Weißt du, wenn man erst einmal so alt ist wie -"

  "Was heißt hier so alt?!" Thiel unterdrückte den Impuls, Boerne einen Tritt zu verpassen. Stattdessen ließ er sich von den Kindern aus der Tür ziehen, weil ihm eingefallen war, daß er auf die Art und Weise weitere Gespräche mit Erwachsenen vermeiden konnte. Außerdem hatte er schon ziemlich lange nicht mehr Fußball gespielt.


***


Sie spielten zwei gegen zwei, und Thiel fing gerade an, Spaß an der Sache zu bekommen, als Boerne draußen auftauchte, um sie zum Abendessen wieder reinzuholen.

  "Nein ..." Thiel hätte am liebsten in die mehrstimmigen Proteste der Kinder mit eingestimmt. "Noch fünf Minuten!"

Boerne wurde aufs Spielfeld gezerrt und trat halbherzig ein oder zweimal gegen den Ball, nur um nach wenigen Sekunden seinen kleinsten Neffen, der ihm den Ball gekonnt abgenommen hatte, zu schnappen und auf den Bauch zu pusten.

  "Foul!"

Diesmal stimmte er in das empörte Geschrei ein, auch wenn er grinsen mußte.

  "Ich kenne mich mit den Regeln hier nicht aus", erklärte Boerne ungerührt. "Und jetzt rein mit euch, sonst bekomme ich Ärger mit Sabine."

Die Kinder zogen murrend ab.

  "Das war auf jeden Fall ein Foul", sagte Thiel amüsiert.

  "Pfff ... Fußballregeln", sagte Boerne. "Wo ist dein Jackett? Und die Krawatte?"

  "Ach ja ..." Die war er gerade so glücklich losgeworden. "Ich wollte nicht, daß was dreckig wird."

  "Wieso hast du denn den Knoten schon wieder ganz aufgemacht?" Boerne schüttelte mißbilligend den Kopf, griff aber gleichzeitig nach der Krawatte.

  "Hab' ich vergessen", murmelte Thiel. Vielleicht war es sein innerer Widerstand gegen Krawatten, der ihn dieses Kleidungsstück immer wieder sabotieren ließ. Auf Boernes Stirn bildete sich gerade diese steile Falte, die immer dann erschien, wenn er sich extrem konzentrierte. "Soll ich mich umdrehen?"

  "Das ist kein Problem für mich ... man muß sich das schließlich nur spiegelverkehrt ..." Boerne seufzte, zog den Knoten wieder auf und fing von vorne an. "... vorstellen. So ... jetzt sitzt er."

Boerne sah von der Krawatte auf und lächelte.

  "Was ist?"

  "Hat dich Tante Gerda doch noch erwischt?"

  "Woher ...?"

  "Lippenstift", murmelte Boerne und fuhr mit dem Daumen über Thiels Lippen. "Und wirklich nicht deine Farbe."

Thiels Herz setzte einen Schlag aus, bis ihm wieder einfiel, in welcher Rolle sie hier gerade unterwegs waren. Obwohl Boerne so etwas auch sonst zuzutrauen war, nur daß er selbst normalerweise anders reagiert hätte. Jetzt ... jetzt wußte er nicht, was die richtige Reaktion war. Boerne war ihm immer noch sehr nah, und hatte immer noch dieses leichte Lächeln auf den Lippen, und schien gar nicht zu merken, daß das gerade .. daß das ...

  "Karl-Friedrich! Frank!" Sabines Stimme stoppte ihn, bevor er etwas sagen konnte. "Kommt rein, der erste Gang wird kalt!"

  "Meine Mutter wird es sich garantiert nicht nehmen lassen, darauf hinzuweisen, daß ich den Beginn des Abendessens verzögert habe", stellte Boerne nüchtern fest, während sie zum Eingang gingen.

Thiel sah besorgt zur Seite, aber Boerne lächelte.


*** tbc ***


Comments

Cliffhanger -! Du bist so gemein :)
Kann ich diese Story heiraten?
Ich habe den Kapitel-Umbruch extra noch so verschoben, damit der Cliffhanger schlimmer wird ;)

Aber keine Sorge, wenn ich es schaffe, sollte morgen Abend das sechste und letzte Kapitel erscheinen.
Deine An/N habe ich erst jetzt gesehen. Die Story ist genau richtig so -!! Ich liebe den brüllenden Onkel Theodor und Sabine und 'noch fünf Minuten' und überhaupt alles <3
Danke :)

Ich finde es schwierig, über die lange Distanz locker flockig zu bleiben. Aber schön, wenn es noch funktioniert!
Seliges Lächeln. Ich muss mir mal Zeit nehmen um einen wirklich würdigen Kommentar zu schreiben. *happy sigh*
Aber da kann man doch noch einige Kapitel rausholen. *puppy eyes*
Oder das Thema einfach in mehreren Geschichten behandeln. ;)
Boerne, Thiel & die Family - mehr davon. Als est.rel. am liebsten :)
Ja, genau! Unbedingt! <3
Hach, est. rel. fällt mir doch so schon so schwer ... aber vielleicht will ja jemand anderes?

Wobei ich mir mit Mama u.U. schon nochmal was vorstellen könnte.
Aber das ist doch schon fast est.rel. Wenn man nicht wüsste, dass alles nur Fake ist ;) ...

Hier noch eine meiner Lieblingsstellen:

>>Einen Moment lang hatte er das Gefühl gehabt, dazu zu gehören, was ihn so sehr verwirrte, daß er nach Boernes Hand griff, als Erika sich pflichtschuldig den nächsten Gratulanten zuwandte. << <3
Und noch mal danke! :)

Ich freue mich, daß ihr nicht enttäuscht seid. Mir kommt es nämlich schon ein wenig langatmiger vor. Aber ich lasse mich gerne belehren ;)

mehr Kapitel
*wind* ... dann wird es echt albern ;) Aber noch einen Epilog

Oder das Thema einfach in mehreren Geschichten behandeln. ;)
Das klingt vielversprechender ...
Von langatmig kann keine Rede sein. Du hast eine Fähigkeit, die mir z.B. völlig abgeht: auch die 'Füllszenen' so interessant und lebendig zu gestalten, dass ohne sie etwas fehlen würde. Es muss nicht immer witzig oder romantisch oder sonstwie bedeutsam sein - gerade die Nebenschauplätze machen die Geschichte so farbig.
Da verliert gar nichts an Fahrt, Spritzigkeit oder Humor. Einfach eine tolle Geschichte.
Wie peinlich! Ich hatte ganz vergessen, dass Tante Gerda ja für den Lippenstift-Moment verantwortlich ist, der mit Deinen Änderungen umso schöner geworden ist. Ich hoffe, Tante Gerda wird mir verzeihen, dass ich sie "killen" wollte. ;)

Den neuen Schnitt zwischen den Kapiteln finde ich gut. Das ist ja jetzt ein echter Cliffhanger. :)
Ich mag den Lippenstift-Moment auch :) Und eigentlich auch die Tatsache, daß über Tante Gerda nur geredet wird und man sie nicht sieht (wobei die Erwartungen aus den ersten Kapiteln wahrscheinlich trotzdem enttäuscht werden, küssende Tanten sind zwar fies, aber jetzt auch nicht so furchtbar oder außergewöhnlich ;) Daß der Schrecken bei Tante Gerda das Küssen ist, wußte ich schon von Anfang an, daß das zu dieser Szene zwischen Thiel und Boerne führen würde erst in dem Moment, als Boerne zum zweiten Mal Thiels Krawatte bindet ...

Wie dem auch sei, ich denke, sie wird Dir diesen Anschlag auf ihre fiktive Existenz verzeihen ;)

Mir ist mit Schreck kurz vor dem Posten noch aufgefallen, daß Tante Gerda gar keine Gelegenheit hatte, Thiel zu erwischen - bis mir eingefallen ist, daß sie ihn und die Kinder ja auch beim Fußballspielen überrascht haben kann ;)

Und der Cliffhanger - ist besser so, nicht wahr? ;)
Beim Fußballspielen wohl weniger. Ich dachte, eher auf dem Weg dahin, oder? :)