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Klaustrophobie (Thiel / Boerne Slash) - Kapitel 2



***


Thiel dachte an gar nichts. Die Minuten verstrichen, bis er schließlich gedämpfte Stimmen hörte, was hoffentlich bedeutete, daß Hilfe unterwegs war. Sie waren wahrscheinlich fast auf der Höhe einer Etage steckengeblieben, sonst würde er nichts hören. Vielleicht fehlten nur ein paar Zentimeter, und deshalb öffnete sich die Tür nicht. Das war das einzige, was ihm durch den Kopf ging. Das ... Gespräch - es war nicht richtig, daß er das gehört hatte. Es wäre besser, wenn er es nie gehört hätte. Wenn er sich nur genug anstrengte, konnte er das auch wieder vergessen. Was außer ihm selbst niemand wußte ... das existierte auch nicht. So einfach. Thiel dachte an gar nichts. Er wünschte nur, er könnte auch nichts fühlen.

Es war viel schwerer, den warmen Körper in seinen Armen zu ignorieren als die Gedanken. Aber er traute sich nicht, Boerne loszulassen, weil er Angst hatte, daß er dabei wieder wach werden könnte. Bevor man sie hier rausholte. Und er hatte versprochen ... Der Fahrstuhl bewegte sich mit einem ächzenden Geräusch einige Zentimeter, und Thiel hielt vor Schreck den Atem an.

  "Alles in Ordnung da drin?" Die Stimme war immer noch sehr gedämpft, aber verständlich. Thiel nickte, bis ihm einfiel, daß das nichts brachte. Aber er wollte nicht rufen und Boerne zu früh wecken.

  "Wir hebeln die Tür jetzt auf!"

Er hörte ein Knarren und sah, wie die Fahrstuhltür sich einen Spalt öffnete. Das beendete wenigstens die Untätigkeit. Er berührte Boerne vorsichtig an der Schulter.

  "Boerne?"

...

  "Boerne!"

  "Hm ...?" Boerne blinzelte ihn verwirrt an und ihm wurde vor Erleichterung ganz schlecht. Ganz hinten in seinem Kopf war die ganze Zeit die irrationale Angst gewesen, daß das kein normaler Schlaf war und Boerne vielleicht nicht mehr wach werden würde.

  "Was machen Sie denn da?!" Boerne wand sich ungeduldig aus seinem Arm.

  "Ich ..." Thiel war einen Moment lang sprachlos. "Sie hatten einen Anfall von Platzangst, und -"

  "Klaustrophobie", verbesserte ihn Boerne unwirsch. "Platzangst ist das Gegenteil." Thiel hätte ihm am liebsten einen Tritt verpaßt, aber als er sah, daß Boernes Augen schon wieder hektisch von einer Ecke des Fahrstuhls in die andere huschten, war ein anderer Impuls stärker.

  "Die Tür wird gerade aufgehebelt. Sehen Sie da, den Spalt? Wir sind gleich hier raus."

Er griff wieder nach Boernes Hand, das hatte beim ersten Mal auch geholfen.

Boernes Blick kam auf der Tür, die sich Zentimeter um Zentimeter öffnete, zum Stillstand. Die Berührung schien er gar nicht wahrzunehmen.

  "Wieso bin ich denn eingeschlafen?" Boerne klang plötzlich verwirrt.

Thiel zog unwillkürlich den Kopf tiefer zwischen die Schultern. Er hatte gehofft, daß Boerne das vielleicht entgehen würde. Oder daß die Fragen wenigstens nicht so schnell kommen würden.

  "Sie haben sich ... also, sie haben sich einen anderen Ort vorgestellt, zur Beruhigung, und dann sind Sie ... irgendwie ... eingeschlafen."

  "Und Sie dachten, es hilft gegen die Klaustrophobie, wenn Sie mich noch mehr einengen oder was?!" entgegnete Boerne so giftig, daß Thiel überrascht seine Hand los ließ.

  "Ich -"

Aber in dem Moment öffnete sich die Tür endlich weiter, und Boerne war so schnell aus dem Fahrstuhl, daß er seinen Satz nicht mehr beenden konnte.


***


Thiel war wie vor den Kopf geschlagen. Erst hatte Boerne ... und jetzt ... Offensichtlich erinnerte er sich nicht. Vielleicht wußte er ja nicht einmal, was er träumte. Er hätte erleichtert sein sollen. Stattdessen fühlte er sich auf merkwürdige Art und Weise verletzt.

Aber er hatte nicht lange Zeit, darüber nachzudenken, weil ihn mehrere Leute gleichzeitig fragten, was passiert war und ob es ihm gut ging. Er entschuldigte sich für Boerne, der in seiner unnachahmlichen Art ohne ein Wort des Dankes ins Freie gestürzt war - "Platzangst, er mußte dringend raus." - erklärte, daß sie nichts Ungewöhnliches getan hatten, sondern daß der Fahrstuhl einfach von sich aus gestockt hatte - "Wir sind nicht auf und ab gehüpft, wenn Sie das meinen." - und daß ihm nichts fehlte - "Nein, ich brauche keinen Arzt."

Nachdem er sich noch einmal für die schnelle Hilfe bedankt hatte, ging er los, Boerne suchen.

Erst unterwegs fragte er sich, warum er das immer wieder machte. Boerne war ziemlich unfreundlich gewesen. Wenn es ihm dafür gut genug ging, brauchte er wohl kaum Hilfe. Andererseits brauchte er Boerne. Also, Boernes Auto.  

Thiel schüttelte ungeduldig den Kopf. Er hatte doch beschlossen, nicht weiter darüber nachzudenken. Er würde jetzt einfach Boerne einsammeln, damit der ihn beim Polizeipräsidium absetzte. Und Schluß.

Er mußt eine Weile suchen, bis er Boerne am Rand des Parkplatzes auf einer Mauer sitzend fand. Als er näher kam, sah er, daß der andere ziemlich blaß war, und sein Ärger legte sich wieder.

  "Alles in Ordnung mit Ihnen?"

  "Selbstverständlich."

Thiel seufzte. Aber andererseits - es war ja nun nicht so, als hätte er das Bedürfnis, Boernes Ängste zu analysieren. Wenn er sagte, daß es ihm gut ging, dann sollte ihm das reichen.

  "Können wir fahren?"

  "Ich ..." Boerne wirkte plötzlich verlegen. "Ich würde gerne noch einen Moment an der frischen Luft ..."

  "Mhm."

  "Was?"

  "Schon gut. Ich bin eh schon zu spät, da kommt es auf fünf Minuten mehr oder weniger auch nicht mehr an."

Er stemmte sich hoch, um sich neben Boerne zu setzen, und wäre fast von der Mauer gekippt, weil er zu viel Schwung genommen hatte. Boernes Arm stoppte ihn und war im nächsten Moment wieder weg, so schnell, daß er fast daran zweifelte, daß es die Berührung wirklich gegeben hatte. Thiel räusperte sich.

  "Niemand ist gerne in engen Räumen eingesperrt." Keine besonders geistreiche Bemerkung, aber bevor sie hier schweigend nebeneinander saßen.

  "Mhm." Boerne sah in die Ferne.

  "Erinnern ... erinnern Sie sich an etwas?"

  "Woran sollte ich mich denn erinnern?" Boerne sah ihn überrascht an.

  "Nur ... was Sie sich vorgestellt haben, damit Sie eingeschlafen sind." Thiels wurde es schlagartig heiß. Wieso fragte er überhaupt? Das wirkte doch erst recht verdächtig. "Weil das ziemlich unheimlich war ... irgendwie." Das stimmte auf jeden Fall.

Boerne runzelte die Stirn. "Ich kann mich nur an eine Wiese erinnern. Die Kraft der Autosuggestion ist schon etwas Faszinierendes."

Thiels Herzschlag beruhigte sich wieder. Gut. Oder?

  "Meinetwegen können wir dann fahren", sagte Boerne bestimmt, und er nickte.


*** tbc ***




>> Kapitel 3
Tags: f: tatort münster, g: fanfic, g: slash, p: thiel / boerne
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