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Klaustrophobie (Thiel / Boerne Slash) - Teil 3



*** Kapitel 3 ***


Boerne erwähnte den Vorfall im Fahrstuhl nicht noch einmal. Vermutlich, weil es ihm unangenehm war, daß Thiel seine Panikattacke miterlebt hatte. Thiel war sich ziemlich sicher, daß Boerne keine Ahnung davon hatte, was er ihm erzählt hatte. Sonst wäre es bestimmt ... anders zwischen ihnen gewesen. Aber es war alles normal. So wie immer.

Ihn selbst aber verfolgten diese paar Minuten regelrecht. Wenn er mit Boerne zusammen war oder alleine, tagsüber und sogar nachts, in seinen eigenen Träumen. Jedesmal, wenn er sich an Boernes Tonfall erinnerte, mit dem er "realer als jetzt wird es nie" gesagt hatte, zog sich sein Magen schmerzhaft zusammen. Und das war oft der Fall. Genaugenommen war ihm die halbe Zeit schlecht. Er hatte schon mehrere Kilo abgenommen; heute hatte Nadeshda ihn sogar scherzhaft gefragt, ob er angefangen hatte Sport zu treiben. Das Gegenteil war der Fall - er verbrachte seine Freizeit mit Internetrecherchen zum Thema Träume und Unterbewußtsein. Bis ihm der Kopf rauchte. Von diesem Psychologiekram verstand er nur die Hälfte, und eigentlich half ihm das alles nicht im geringsten weiter. Vermutlich hätte ihm noch am ehesten Boerne erklären können, was es mit Träumen, unterbewußten Wünschen und der Realität auf sich hatte. Aber mit Boerne über Träume reden ... das ging gar nicht.

Nach einer Weile gab er das Literaturstudium auf und konzentrierte sich auf Boerne selbst. Aber das brachte ihn auch keinen Schritt weiter. Boerne war doch so, wie er immer war. Er wirkte nicht unglücklich. Vielleicht manchmal ein wenig einsam. Aber einsam waren sie schließlich alle mehr oder weniger. Von den Kollegen war jedenfalls kaum jemand glücklich verheiratet oder sonstwie gebunden. Außerdem konnte man auch zu zweit einsam sein, daran erinnerte er sich nur zu gut.

Es dauerte eine ganze Weile, bis ihm klar wurde, daß er alleine nicht weiterkam. Er brauchte externe Hilfe. Und er wußte auch, von wem.


***


  "Der Chef ist nicht da", sagte Frau Haller, bevor er selbst noch etwas sagen konnte.

  "Ich weiß."

Sie hob überrascht eine Augenbraue und Thiel mußte unwillkürlich grinsen, weil er genau diesen Ausdruck schon so oft auf Boernes Gesicht gesehen hatte. Von wem das wohl ursprünglich stammte?

  "Ich wollte zu Ihnen."

  "Worum geht es denn?" Frau Haller wendete sich wieder der Leiche zu, und Thiel sah schnell zur Seite. Er kämpfte mit sich, ob er sie bitten sollte, damit aufzuhören und sich mit ihm einen Moment woanders hinzusetzen, damit sie reden konnten. Aber das hätte doch sehr ... dramatisch geklungen. Und vielleicht war es so auch einfacher, wenn sie gleichzeitig noch mit etwas anderem beschäftigt war.

  "Es ist wegen ... also, wegen Boerne."

  "Hat er was angestellt?"

  "Nein ..." Komische Wortwahl. Obwohl, wenn man drüber nachdachte ... Thiel seufzte. Wenn es nur so einfach wäre. "Ich ... wollte Sie etwas fragen."

  "Ja?"

  "Ja." Er räusperte sich. "Ist Ihnen ... also, ist Boerne in letzter Zeit ... oder vielleicht auch schon länger ... ich weiß auch nicht ..."

  "Haben Sie sich gestritten?"

  "Was?" Er sah überrascht auf. "Nein. Nein, gar nicht. Alles in Ordnung."

  "Was denn sonst?" Sie sah ihn forschend an. "Geht er Ihnen auf die Nerven? Sie wissen doch, wie Boerne ist, das darf man nicht so ernst nehmen."

  "Nein." Er hatte das unangenehme Gefühl, rot zu werden, was ihm seit Jahren nicht mehr passiert war. "Das ist es auch nicht. Es ist eher ... ich frage mich, ob Boerne ... denken Sie, er ist glücklich?"

Sie sah ihn an, als sei er eben von einem anderen Planeten hier eingetroffen. "Glücklich?"

  "Ja, also ... zufrieden. Nicht unglücklich ... Sie wissen schon."

Sie runzelte die Stirn. "Glücklich ist relativ."

Thiel holte tief Luft. "Seit ich hier in Münster bin ... ist er da glücklicher, oder unglücklicher als vorher?"

  "Ah." Frau Haller schien plötzlich ein Licht aufzugehen. "Darum geht es."

  "Ich meine nur ..." Er sah verlegen zur Seite. "Also, was denn nun?"

  "Sowohl als auch."

Thiel sah die Rechtsmedizinerin überrascht an und konnte gerade noch den Rest eines Lächelns entdecken. "Was soll das denn heißen?"

  "Das heißt, er ist glücklicher, und er ist unglücklicher. Aber das ist hier nicht die Frage."

  "Ist es nicht?" So langsam war er sich nicht mehr sicher, worüber sie überhaupt redeten.

  "Nein." Sie sah ihn freundlich an. "Sie sollten sich lieber fragen, ob Sie glücklicher oder unglücklicher sind, seit Sie ... in Münster sind, Herr Thiel."


***


Das Gespräch mit Frau Haller hatte mehr Fragen aufgeworfen, als es beantwortet hatte. War er unglücklich? War er glücklich? War er glücklicher, seit er in Münster ... seit ... seit es Boerne gab? Er versuchte, sich an die Zeit davor zu erinnern. Als das Leben nur aus Arbeit bestanden hatte. Und dem ein oder anderen Fußballspiel. Oder einem Bier mit Freunden, als er noch in Hamburg gewohnt hatte. Freunde … Kumpel traf es wohl eher. Kochen mit Boerne fühlte sich ganz anders an als ein Kneipenabend mit … Freunden. Den Abend mit Boerne zu verbringen, fühlte sich aber auch anders an als Abende mit Susanne. Anstrengender. Auf jeden Fall anstrengender.

Das lag aber nur zum Teil an Boerne, der, wie man es drehte und wendete, einfach anstrengend war. Es lag vor allem an dem, was fehlte.

So allmählich verstand er, was Frau Haller mit glücklicher und unglücklicher gemeint hatte.

Und jetzt?


***


Lange untätig zu bleiben, hatte ihm noch nie gelegen, dachte Thiel, während er geduldig auf die Morgendämmerung wartete.



Es war schon so hell, daß er den anderen deutlich erkennen konnte, als der sich endlich im Schlaf umdrehte, wahrnahm, daß irgendetwas anders war als sonst und wach wurde.

  "Guten Morgen."

  "Was machen Sie denn hier?" Boerne war so überrascht, daß ihm nicht einmal in den Sinn kam zu fragen, wie Thiel in seine Wohnung gekommen war.

Thiel holte tief Luft. "Ich wollte da sein."

  "Was?"

  "Im Fahrstuhl ..." Er konnte sehen, wie Boerne unruhig wurde. Anscheinend hatte er doch nicht alles vergessen. "Sie haben gesagt, daß ich nie da bin, wenn Sie aufwachen."

Boerne schien sich just in diesem Moment entschlossen zu haben, daß Schweigen eine Tugend war, und sah ihn nur an.

  "Mir ist klar geworden, daß ich ... daß ich wohl doch glücklicher bin, seit ich ... seit wir ... " Mußte er denn hier alles alleine machen? Konnte Boerne nicht auch etwas sagen, er schaffte es doch sonst keine zehn Sekunden den Mund zu halten!?

  "Seit wir was?" fragte Boerne.

  "Seit wir ... seit wir ... nebeneinander wohnen." Verdammt.

  "Soll das vielleicht so etwas wie eine Liebeserklärung werden, Thiel?"

  "Ja", antwortete Thiel schwach. So mußte man es wohl nennen, es führte kein Weg dran vorbei.

  "Wie sind Sie eigentlich hier reingekommen?"

  "Ist das Ihr größtes Problem!?"

Boerne seufzte. "Ich meinte, haben Sie die Tür wieder richtig hinter sich zugemacht, Thiel."

  "Ja?"

  "Gut."


***


Schlafwarme Haut. Bartstoppeln unter seiner Zunge. Das beruhigende Gefühl zu spüren, daß sie das beide wollen.

  "Das ist kein Traum."

Dunkle Augen. Hände, die erstaunlich sicher sind und ihn festhalten.

  "Nein."



***


Er konnte nicht schlafen. Dazu war er viel zu aufgeregt. Außerdem konnte er sich nicht drehen und bequem hinlegen, weil Boerne in seinem Arm lag und schlief. Seine Klaustrophobie schien ihn im Moment ja nicht sehr zu beeinträchtigen - Thiel konnte sich nicht erinnern, wann ihn das letzte Mal jemand so fest gehalten hatte. Außerdem hatte er kaum Platz, da die zweite Person in diesem Bett dreiviertel der Liegefläche beanspruchte. Und die ganze Decke. Irgendwie nicht völlig unerwartet. Aber Boerne sah so zufrieden aus, daß er es nicht übers Herz brachte, ihn beiseite zu schieben und womöglich zu wecken. Thiel lächelte.


*** Fin ***


Tags: f: tatort münster, g: fanfic, g: slash, p: thiel / boerne
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