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BT_Wandern

December 2018

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Büttenwarder

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Vorgeschichte zu Grenzen (Teil 1)

Hallo zusammen! Weil ich nix wegwerfen kann, habe ich die Vorgeschichte zu "Grenzen" - also die Zusammenfassung der Tatortepisode "Höllenfahrt" - hier doch noch eingestellt. Für Hardcore-Addicts. Der ein oder andere nette Satz ist sicher drin, aber der Text fügt der Folge kaum etwas neues hinzu. Daher habe ich mich von Nipfel überzeugen lassen, die ganze Geschichte nicht so aufzubauen ... ehrlich gesagt auch, weil sie dann wohl nie fertig gewordne wäre, denn mir fehlte ja noch einiges von der Tatort-Rahmenhandlung.

Wer also trotz dieser Vorbemerkungen reinsehen will: Viel Spaß!

Wer an der eigentlichen und originären Slashhandlung interessiert ist: Grenzen ist fertig, und wird seit heute auf fanfiktion.de veröffentlicht.


 

 

Mann, Mann, Mann ... warum hatte er sich nur zu dieser Fortbildungsveranstaltung überreden lassen. „Verhandeln in Streßsituationen“, von wegen. Gruppendynamische Spielchen ohne Sinn und Verstand, und das einzige was ihm das ganze bisher gebracht hatte, war ein Kunstblutfleck auf seinem Hemd, den er vermutlich nie wieder rauskriegen würde. Als sein Handy klingelte und er Boernes Nummer im Display sah, freute er sich fast über die Abwechslung. Obwohl ihm der Rest der Fortbildungsveranstaltung schon böse Blicke zuwarf, ging er ran. Aus dem Redeschwall seines Kollegen wurde er allerdings erst mal gar nicht schlau – was interessierte es ihn denn, ob Boernes Sieg bei seinem Golfturnier in Gefahr war? Erst nach einigen Sätzen wurde ihm klar, daß offenbar ein Mitgolfer ermordet worden war. Trotzdem konnte er doch hier nicht einfach weg, bloß weil der Pathologe dachte, er hätte nichts Besseres zu tun.

  „Boerne, ich kann jetzt nicht eben mal rüberkommen. ... Ja, auch wenn’s ein Katzensprung ist.  ... Boerne! Ich bin auf Fortbildung!“ Der Kursleiter forderte ihn zwischenzeitlich schon gereizt auf, das Handy auszumachen. „Ich muß Schluß machen!“ Pfff...noch mal gutgegangen. Der einzige Vorteil dieser Fortbildungsveranstaltung war doch, daß er Urlaub von Boerne hatte. Da sein Kollege gleichzeitig sein Nachbar war, gelang ihm das nur, wenn er im Urlaub tatsächlich verreiste. Oder eben ein Fortbildungsseminar besuchte. Wenigstens das wollte er genießen.

 

Zehn Minuten später überdachte er seine Entscheidung noch einmal. Vielleicht war der Pathologe am Ende doch das kleinere Übel ... Die Veranstaltung wurde dröger und dröger, und als ihn zu allem Überfluß der Fortbildungsleiter auch noch aufforderte, doch selbst einmal den Psychopathen zu geben, rief Boerne zum Glück das zweite Mal an. Nicht mit ihm – bevor er hier mit der Paintball-Pistole Amok lief, verbrachte er seine Zeit doch noch lieber mit Boerne. Mit einem fröhlichen „Ich habe einen Notfall“ flüchtete er aus der Veranstaltung.

 

 

***

 

 

Als er endlich in Boernes Golfclub oder vielmehr bei der angeschlossenen Kurklinik ankam, in die der Pathologe die Leiche hatte bringen lassen, sah seine Stimmung schon wieder schlechter aus. Er war fast eine Stunde über münsterländische Landstraßen unterwegs gewesen. Am Empfang hatten sie ihn in einen der alten Sezierräume im Keller geschickt, wo Boerne schon ganz in die Arbeit vertieft war und ihn gar nicht wahrnahm. Der Anblick seines Kollegen, der im reichlich albernen Golf-Outfit konzentriert an der Leiche herumschnipselte, heiterte ihn wieder etwas auf. Zweifarbige Schuhe ... also echt. Wobei ihm das dunkelblaue Poloshirt gut stand, dachte Thiel, und hätte sich anschließend fast selbst einen Schlag auf den Hinterkopf versetzt. Als ob es ihn interessierte, was Boerne trug.

 

Thiel räusperte sich um die Aufmerksamkeit seines Kollegen zu wecken. Langjährige und leidvolle Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß ein in die Arbeit vertiefter Boerne ansonsten durchaus in der Lage sein konnte, kein Wort von dem, was er sagte, mitzubekommen.

  „Nur ein Katzensprung! 78 Euro ...“

Boerne sah auf; Thiels Beschwerde interessierte ihn natürlich nicht.

  „Steckschuß im Herzbeutel. Brauchen Sie Hilfe?“ Thiel wußte erst gar nicht, wovon der Pathologe da redete. Dann fiel es ihm wieder ein: der Kunstblutfleck. Aber so leicht würde er sich nicht ablenken lassen.

  „Das Taxi zahlen Sie, wenn das hier nur heiße Luft ist!“

  „Na, ist der Herr Papa noch im Urlaub oder was?“ Boerne arbeitete ungerührt weiter und Thiel fragte sich, weswegen er sich überhaupt gefreut hatte seinen Kollegen zu sehen.

  „Pinzette.“

  „Was?“

  „Pinzette!“

War er jetzt hier die OP-Schwester oder was?! Er nahm die Pinzette, beschloß aber gleichzeitig etwas an Boernes Benehmen zu arbeiten.

  „Bitte!“ Boerne sah irritiert auf und rang sich widerwillig ein Bitte ab. Er reichte ihm die Pinzette, und setzte, da Boerne nicht selbst darauf kam, ein fröhliches „Danke!“ dazu. Auch das wurde widerwillig wiederholt, und Thiel gratulierte sich schon zu seinen erzieherischen Fähigkeiten. Der Erfolg war aber nicht von Dauer, denn schon das nächste Instrument – ein ominöser Cooper – wurde wieder im selben unhöflichen Befehlston angefordert. Sein „Was?“ verstand Boerne dann auch gleich falsch und beschwerte sich:

  „Bitte – Danke – Bitte – Danke ... da dauert ja jede Sektion Stunden!“

Das mit dem erzieherischen Erfolg konnte er wohl doch vergessen. Thiel versuchte es noch einmal anders: „Ich kenn nur Alice Cooper.“

  „Die Schere, die gebogene.“

Nun gut. Gebogene Schere ... er reichte sie hinüber, nur um gleich ein empörtes „Thiel, bitte, das ist ein Overholt!“ an den Kopf geworfen zu bekommen. Jetzt war wirklich gut. Er nahm einfach das ganze Besteck und stellte es in Boernes Reichweite auf die Leiche. Es war ja nicht so, als würde sich der Patient noch beschweren.

 

Da Boernes Arbeit gerade noch unappetitlicher zu werden drohte, durchsuchte Thiel erst einmal die Taschen des Toten. Man mußte sich ja nicht alles ansehen.

Nicht schlecht, der Herr Strothoff. „Vier Kondome! Entweder er angelt mit dem Zeug, oder er hatte an dem Abend noch mächtig was vor.“ Außerdem fand er eine Notiz, gezeichnet mit „A.K.“ Boerne spekulierte gleich „eine Dame, und ich wette keine von den billigen ...“ – nun, er kannte seine Mitgolfer vermutlich besser als Thiel. Hm, die Marke war ihm völlig unbekannt. Er öffnete eine der Verpackungen, nur um entsetzt zurückzuweichen:

  „Pfirsisch-Maracuja. Ist ja ekelhaft“

  „Der Köder muß dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.“, kam es trocken vom Seziertisch. Igitt. Das wollte Thiel sich nicht einmal vorstellen.

 

 

***

 

 

Ein Gutes hatte es, daß die Fahrt zur Kurklinik so lange gedauert hatte. Boerne war wenigstens schon fast fertig mit der Obduktion, und Thiel mußte nicht mehr lange zusehen. Vor der Klinik trafen sie dann auch gleich den örtlichen Polizeibeamten, der zu Thiels Verärgerung Boerne Bericht erstattete und ihn selbst nicht beachtete. Na, da hatte Boerne ja endlich mal einen Polizisten gefunden, der sich herumkommandieren ließ … Während Thiel sich die Fotos vom Tatort ansah, regte Boerne sich über den bevorstehenden Turnierabbruch auf und brach hektisch auf, um sich den Turnierleiter Bollinger vorzuknöpfen. Der Mann hatte Sorgen.

 

Wesentlich interessanter war da schon eine Information, die er fast nur nebenbei mitbekam, als Polizeiobermeister Seifert mit Dr. Winkler, einem der Ärzte vor Ort, über einen Patienten sprach, der vor kurzem aus der Klinik verschwunden war. Winkler war zwar der Meinung, daß dieser Verhoeven nicht gefährlich sei, aber Thiel ließ sich zur Sicherheit doch Informationen über den Verschwundenen aus seiner Krankenakte geben und sah sich mit Seifert Verhoevens Zimmer an. Nachdem Seifert nicht mehr von Boerne abgelenkt war, machte er doch einen ganz kompetenten Eindruck. War halt noch ein bißchen jung, der Kollege, und den Umgang mit selbstherrlichen Rechtsmedizinern nicht gewohnt.

 

Verhoevens Zimmer war ziemlich spartanisch eingerichtet und bot einen schönen Blick auf das benachbarte Golfhotel. Ob das der Genesung so dienlich war, wenn man sich nebenan diese reichen Säcke bei ihrem Freizeitvergnügen ansah – Thiel hatte da ja Zweifel.

Viel war an dem Zimmer nicht auffällig, er bemerkte nur, daß sich offenbar vor nicht allzulanger Zeit eine Frau hier aufgehalten hatte. Oder Verhoeven hatte ein sehr feminines Rasierwasser benutzt. Nach Seiferts Informationen hatte der Patient jedoch keinen Außenkontakt gehabt, das war seltsam. Er beschloß, die Sache auf jeden Fall im Auge zu behalten – ein Mord und ein fast zeitgleich verschwundener Psychiatriepatient, da konnte schließlich durchaus ein Zusammenhang bestehen.

 

 

***

 

 

Das Golfhotel, in dem der Verstorbene gewohnt hatte, servierte gerade ein üppiges Buffet als Thiel dort ankam. Das erinnerte ihn daran, daß er seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte … Als er sich unauffällig ein Schnittchen nehmen wollte – die Münsteraner High Society würde es schon nicht vermissen – wurde er vom Portier des Hotels angesprochen. Thiel besann sich auf seine Arbeit und knöpfte sich den Hotelangestellten gleich vor. Tatsächlich hatte er die Person gefunden, die die mit A.K. gezeichnete Telefonnotiz für Strothoff aufgenommen hatte. Es habe sich bei der Anruferin um eine Dame gehandelt, erklärte der Portier. Auch als er Strothoff zuletzt lebend gesehen habe, sei er in Begleitung einer Frau gewesen, und die beiden hätten sich gestritten. Das klang schon mal vielversprechend.

 

Vom Buffet bekam er dann doch nichts ab – nix als Meeresgetier, und selbst die harmlos aussehenden Frikadellen entpuppten sich als eklig schmeckende Thunfischkroketten. Während er sich noch über die kulinarischen Vorlieben von Golfspielern ärgerte, sah er seinen eigenen Golfspieler etwas abseits an einem Tisch sitzen. Wenigstens hatte er Boerne wiedergefunden.

 

Der war allerdings zurzeit keine große Hilfe, sondern immer noch mit seinem dämlichen Golfturnier beschäftigt. Nadeshda, auf die er sonst immer zählen konnte, hatte heute wohl auch einen miserablen Tag erwischt und versuchte ihn abzuwimmeln, als er ihr telefonisch Arbeitsaufträge durchgab. Offenbar war in Münster Land unter. Nicht einmal eine KTU konnte sie derzeit losschicken. Thiel hatte zwar ein bißchen Mitleid mit ihr, aber andererseits – eigentlich wäre er ja auf seiner Fortbildung gewesen, dann hätte sie sich um Boernes Fall auch noch alleine kümmern müssen. Etwas mehr Kooperation hatte er da schon erwartet.

 

Boerne wedelte derweil mit dem Kommentar zum BGB vor seinem Gesicht herum, und verkündete, daß Mord und Selbstmord keineswegs zulässige Gründe für einen Turnierabbruch seien.

  „Mensch Boerne, Sie sollten doch in ihrem Alter langsam gelernt haben zu verlieren ...“

Boernes Blick sagte eindeutig, daß er erstens mit Sicherheit nie verlieren und zweitens garantiert nie etwas dazulernen würde.

  „Gegen diesen Winkeladvokaten? Diesen Minigolfmutanten? Wo war der eigentlich heute Morgen zwischen drei und vier?“ Thiel rollte die Augen – er würde Bollinger sicher nicht als Verdächtigen ins Visier nehmen, bloß damit Boerne ungehindert sein Turnier gewinnen konnte!

 

Zum Glück mußten sie das Golfthema nicht weiter vertiefen, da Dr. Winkler mit den Laborergebnissen zu Strothoffs Blutprobe vorbeikam. Nicht schlecht: 2,81 Promille, Amphetamine und Antidepressiva. Trotzdem hatte Thiel den Eindruck, daß die Spuren in diesem Fall ein immer widersprüchlicheres Bild ergaben.

 

Als er gerade überlegte, ob jetzt nicht doch langsam Zeit für eine Essenspause war, brachte ihm der Portier des Hotels endlich die Informationen vorbei, die ihm Nadeshda schon gefaxt hatte. Interessant. Zu Strothoff gab es ja einiges. Aber noch ehe er sich in die Unterlagen vertiefen konnte, wurde er von dem aufgeregten Hinweis des Hotelmitarbeiters unterbrochen – die Frau, die er mit Strothoff kurz vor dessen Tod gesehen hatte, stieg gerade auf dem Parkplatz in ein Auto und fuhr los. Mist, und er hatte nicht mal ein Rad hier.

  „Boerne, geben Sie mir mal ihre Autoschlüssel!“

  „Auf gar keinen Fall!“ Och nee, das durfte doch nicht wahr sein.

  „Ja, dann kommen Sie. Dann fahren Sie!“

  „Warum sollte ich?!“ Noch ein weiterer Kommentar, und er würde sich vergessen … Boerne war doch sonst nicht so zickig, wenn es um die Verfolgung von Verdächtigen ging.

  „Weil ich sonst fahre!“ Das hatte endlich die gewünschte Wirkung. Der Pathologe machte zwar ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter, stand aber auf und lief Richtung Auto. Die Verdächtige war derweil natürlich schon losgefahren. Zu allem Unglück wurde ihr rasanter Start dann auch gleich wieder von Frau Haller gestoppt, die just in diesem Moment in ihrem Mini ankam und von Boerne fast beim Ausparken gerammt wurde. Nach einer kurzen verbalen Auseinandersetzung setzte sein Kollege endlich der Unbekannten nach, die schon nur noch in der Ferne zu sehen war.

 

Thiel war bald klar, daß sie zuviel Zeit verloren hatten. Die Verdächtige war schon zu weit entfernt und sie verloren sie schnell aus den Augen, obwohl Boerne mit lebensgefährlichem Tempo über die Landstraße hetzte. Nachdem sie nur knapp einem Traktor ausgewichen waren und der Pathologe fast eine Gruppe Radfahrer niedergemäht hatte, bremste ihn Thiel endlich. Die Frau in ihrem mickrigen Kleinwagen hatte Boernes Mercedes sowieso längst abgehängt, und er hatte mittlerweile in Nadeshdas Fax wichtige Informationen gefunden. Strothoff schien ja ganz schön Dreck am Stecken zu haben – gegen ihn lief eine groß angelegte Untersuchung wegen Steuerhinterziehung und Wirtschaftskriminalität. Und seine Frau hieß Ann-Kathrin. A.K. – das paßte doch. Ein Besuch bei Frau Strothoff würde sich sicher lohnen, mit etwas Glück entpuppte sie sich sogar als die Frau, die ihnen eben entwischt war.

 

 

***

 

 

Bei der Wohnung ihres Mordopfers angekommen mußten sie feststellen, daß die Kollegen von der Wirtschaftskriminalität schneller gewesen waren: Es war bereits eine Hausdurchsuchung im großen Stil im Gang. Und Frau Strothoff, die ihnen die Tür öffnete, war leider auch nicht mit der Frau identisch, die sie gerade verfolgt hatten. Das wäre ja auch zu einfach gewesen, dachte Thiel. Frau Strothoff war anscheinend nicht in der Verfassung für lange Diskussionen. Sie ließ sie ohne große Fragen ebenfalls ins Haus und führte sie zu den anderen, um dann selbst Richtung Garten weiterzugehen.

 

Vor dem Wohnzimmer zuckte Thiel in letzter Sekunde zurück. Verdammt, Frau Klemm war auch da. Wie sollte er da einen Moment in Ruhe mit der Frau des Mordopfers reden können. Er versuchte sein Glück bei Boerne und bat ihn, ihm die Staatsanwältin für ein paar Minuten vom Hals zu halten.

  „Pfff... bitte sehr, wenn die Klemm mich sieht, kann ich für nichts garantieren.“ Boerne war doch sonst so überzeugt von seinen Fähigkeiten … Er griff sich seinen Kollegen und schob ihn Richtung Staatsanwältin.

  „Bei Ihrem Charme – da kann sie doch bestimmt nicht widerstehen ...“

 „Jetzt hören Sie auf damit!“ Boerne wehrte sich und versuchte sich zu befreien, doch vergebens. Thiel gab ihm einen Schubs ins Blickfeld der Staatsanwältin und ging selbst in Deckung.

 

  „Sieh mal an, Professor Boerne. Was führt Sie hierher?“, hörte er die sonore Stimme seiner Vorgesetzten aus dem Wohnzimmer kommen. Als er vorsichtig um die Ecke schielte, hatte Boerne Frau Klemm schon in Beschlag genommen, von der Tür weggedreht und mit einem Redeschwall bedacht. Na also, ging doch. Thiel huschte an der Tür vorbei in den Garten zu Frau Strothoff.

 

Das Gespräch war kurz, aber ergiebig. Frau Strothoff erzählte ihm von merkwürdigen Anrufen in den letzten Tagen, die ihren Mann beunruhigt hatten. Und, was noch wichtiger war, sie gab ihm Strothoffs Handy, das dieser zum Zwecke der Erholung beim Golfen nicht dabei gehabt hatte. Viel weiter kam er nicht, weil ihn die Staatsanwältin unterbrach. Mist. Er hätte sich von Boerne ja mehr Durchhaltevermögen erhofft, der Pathologe konnte doch sonst jeden bequatschen. Wenigstens konnte er noch klären, daß Frau Strothoff den verschwundenen Psychiatriepatienten nicht kannte, bevor ihn die Staatsanwältin zur Seite nahm und aufforderte, ihrem Fall mit seiner Mordermittlung gefälligst nicht in die Quere zu kommen.

 

Wieder im Wagen überprüfte Thiel gleich Strothoffs Handy und fand mehrere verpaßte Anrufe vom Vorabend. Boerne folgte derweil seiner fixen Idee und versuchte herauszufinden, wo und wie ihm die Verdächtige von vorhin abhanden gekommen war. Ihre Fahrt kam zu einem abrupten Halt, als der letzte Feldweg, in den Boerne einbog, in einer Sackgasse endete. Thiel überlegte gerade, ob er einen Kommentar zum Orientierungssinn des Mediziners abgeben sollte, als ihm Boerne mit einem recht unpassenden „Wer hätte gedacht, daß ich mal mit Ihnen bis ans Ende der Welt fahre ...“ zuvor kam. Darauf fiel ihm nun nichts mehr ein.

 

Es gab aber ohnehin wichtigeres. Da sie gerade standen, konnte er ja auch gleich mal die verpaßten Anrufe auf Strothoffs Handy überprüfen. Er erreichte die Firma Solana Transfer, eine Frau Kleinschmidt, die ihm erzählte, Herr Solana höchstpersönlich habe gestern versucht, ihn – also Strothoff – zu erreichen. Jetzt könne sie ihn allerdings nicht mit Solana verbinden, weil der inzwischen in sein Wochenendhaus in Kalkhofen gefahren sei. Ganz in der Nähe des Golfhotels. Das war ja interessant. Er ließ sich die Adresse geben.

 

 

***

 

 

Mit der richtigen Motivation hatte er Boerne schnell so weit, daß sie aus der Sackgasse wieder raus kamen. Die Fahrt querfeldein durchs Maisfeld war zwar etwas abenteuerlich gewesen, aber letztendlich erreichten sie ohne größere Verluste die Landstraße. Thiel verkniff sich weitere Kommentare, da Boerne ohnehin schon ziemlich reizbar war – vermutlich dachte er an den Lackschaden, den sich sein Neuwagen gerade zugezogen hatte. Sein Kollege nahm leider nicht die gleiche Rücksicht auf ihn.

   „Wollen Sie wissen was ich denke?“

  „Nicht unbedingt,“ murmelte Thiel. Aber er wußte schon, daß das Boerne nicht abhalten würde.

  „Gut, dann sag ich’s Ihnen!“ Und weiter ging es mit abenteuerlichen Theorien über Wirtschaftsverbrechen, Auftragsmörder und die Russenmafia. Boerne las eindeutig zu viele Krimis, soviel war mal sicher.

 

 

An der nächsten Kreuzung blieben sie schon wieder stehen, und sein Fahrer sah unschlüssig erst in die eine, dann in die andere Richtung. Thiel seufzte innerlich. Hoffentlich hatte Boerne eine Straßenkarte dabei, sonst stand zu befürchten, daß sie noch ein zweites Mal im Nirwana landeten. Nach dem Weg fragen würde der Pathologe garantiert nicht.

  „Wo haben Sie denn Ihre Straßenkarten ...“

  „Ich brauch doch keine Straßenkarten! Ich weiß doch, wo Kalkhofen liegt!“

Das konnte ja lustig werden. „Nämlich?“

  „Nämlich rechts“

  „Dann fahren Sie doch rechts!“

  „Aber links ist eine Abkürzung!“

  „Dann fahren Sie links!“

  „Aber rechts ist die schönere Strecke!“

Thiel wußte nicht, ob er verzweifeln oder lachen sollte. Es war quasi unmöglich, Boerne so in die Enge zu treiben, daß er zugab etwas nicht zu wissen. Selbst wenn es um so etwas Bescheuertes ging wie die Frage, wo Kalkhofen lag – als würde das jemanden interessieren!

 

Während er fieberhaft im Handschuhfach kramte und dort zum Glück eine Karte fand, hörte er plötzlich Lärm und sah aus dem Augenwinkel Boerne aus dem Auto springen. Mit einem Blick erfaßte er die Lage – der Trupp Radfahrer von vorhin hatte sie überholt und sich gerächt. Na, verdenken konnte er es ihnen nicht. Er mußte grinsen, während er Boerne zusah, der entsetzt sein kaputtes Rücklicht betrachtete und den Radlern Verwünschungen hinterher rief. Dann rief er sich aber wieder zur Ordnung, schließlich waren sie dienstlich unterwegs.

Er winkte mit der Karte und holte Boerne zurück ins Auto. Der war durch seinen Ärger über die Radfahrer wenigstens von ihrer letzten Diskussion abgelenkt und ließ sich einigermaßen widerstandslos über die Straßen des Münsteraner Hinterlands lotsen. Boerne, der tat was man ihm sagte – das Leben konnte so schön sein ...

Comments

Ich finde es sehr schön, dass du diesen Teil der Geschichte doch noch veröffentlicht hast. Obwohl ich die Folge grade erst gesehen habe (weswegen ich ja auch auf der Suche na episodenbezogenen Fanfictions war), hatte ich viel Spaß beim Lesen. Du formulierst das alles so toll und es ist sehr interessant zu lesen, wie du die Mimik etc. interpretierst, besonders wenn ich das genauso getan habe wie du. Und mit den Gedanken von Thiel (die du natürlich ein bisschen slash-optimiert hast, aber trotzdem) hat das noch mal eine ganz andere Qualität.



Er nahm einfach das ganze Besteck und stellte es in Boernes Reichweite auf die Leiche. Es war ja nicht so, als würde sich der Patient noch beschweren.
Haha, das ist so ein richtiger Thiel-Gedanke. :D

...regte Boerne sich über den bevorstehenden Turnierabbruch auf und brach hektisch auf, um sich den Turnierleiter Bollinger vorzuknöpfen. Der Mann hatte Sorgen.
Das hat Thiel mit Sicherheit gedacht und genau das Gleiche schwirrte auch durch meinen Kopf.

„Mensch Boerne, Sie sollten doch in ihrem Alter langsam gelernt haben zu verlieren …“
Boernes Blick sagte eindeutig, daß er erstens mit Sicherheit nie verlieren und zweitens garantiert nie etwas dazulernen würde.

Haha, an der Stelle habe ich SO gelacht! :D Den Blick hatte ich durchaus ähnlich interpretiert, aber mir wäre dazu niemals ein so grandioser Satz eingefallen. Herrlich!

Boerne, geben Sie mir mal ihre Autoschlüssel!“
„Auf gar keinen Fall!“ Och nee, das durfte doch nicht wahr sein.
„Ja, dann kommen Sie. Dann fahren Sie!“
„Warum sollte ich?!“ Noch ein weiterer Kommentar, und er würde sich vergessen … Boerne war doch sonst nicht so zickig, wenn es um die Verfolgung von Verdächtigen ging.
„Weil ich sonst fahre!“

Mal ganz davon abgesehen dass du auch diesen Teil der Folge schön aufgeschrieben hast, muss ich dazu jetzt mal was sagen: Ich habe die Folge schon mehrmals gesehen und noch nie, also wirklich nie, verstanden, weshalb Thiels letzter Satz Boerne schließlich überzeugt. Ist doch eigentlich dämlich, wie soll Thiel denn fahren, wenn Boerne die Schlüssel hat..? Das muss irgendwie einen anderen Grund gehabt haben, oder nicht?

Thiel überlegte gerade, ob er einen Kommentar zum Orientierungssinn des Mediziners abgeben sollte...
Ich weiß noch GANZ genau, wie ich die Folge gesehen habe, die in dieser Sackgasse standen und ich dachte: "Jetzt kommt doch bestimmt ein Kommentar von Thiel über Bornes Orientierungsfähigkeiten." Kam aber dann doch nicht. Aber super, dass du das anscheinend genauso erwartet hast wie ich! :D


Ja, wie gesagt, vielen Dank für diesen Teil. :)
Huhu! Find' ich ja schön, daß Du mit den "Grenzen"-Outtakes was anfangen konntest :) Da hat es sich doch gelohnt, daß ich nix wegwerfen kann ...

Haha, an der Stelle habe ich SO gelacht! :D Den Blick hatte ich durchaus ähnlich interpretiert, aber mir wäre dazu niemals ein so grandioser Satz eingefallen. Herrlich!
Danke :) Ich hatte diese Teile und diesen Satz ehrlich gesagt komplett vergessen und muß zugeben, ich finde ihn auch nicht schlecht. Also den Satz mit dem "nie etwas dazulernen" ...

Ist doch eigentlich dämlich, wie soll Thiel denn fahren, wenn Boerne die Schlüssel hat..? Das muss irgendwie einen anderen Grund gehabt haben, oder nicht?
Wenn ich mich richtig erinnere, sagt Thiel den letzten Satz ziemlich drohend. Immerhin könnte er Boerne die Schlüssel auch abnehmen ... Aber vielleicht hat der Drehbuchautor auch einfach nicht so weit gedacht.

Ich weiß noch GANZ genau, wie ich die Folge gesehen habe, die in dieser Sackgasse standen und ich dachte: "Jetzt kommt doch bestimmt ein Kommentar von Thiel über Bornes Orientierungsfähigkeiten."
Die Szene ist so klasse!

Mit "Höllenfahrt" hat übrigens meine Thiel/Boerne Leidenschaft angefangen. Die Folge bietet da schon einiges. :)