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Wege, die sich kreuzen - Kapitel 2

Titel: Wege, die sich kreuzen - Kapitel 2
Beta: joslj - Danke!
Genre: Slash, Krimi, First Time, Drama, h/c und ein wenig Humor
Wortanzahl: 2.782
Zusammenfassung:
Im Laufe des Lebens begegnet man vielen Menschen. Manchen einmal. Manchen mehrmals. Und mit manchen geht man ein Stück des Weges gemeinsam.
Zwei Fälle (wie in einem guten Münsteraner Tatort üblich, hat mindestens einer der Fälle einen direkten Bezug zu einem der Hauptprotagonisten). Eine Liebesgeschichte. Thiel ist neu in Münster und Boerne hat mehr Leichen im Keller, als man gemeinhin vermuten würde.
Warnungen: Eigentlich nicht. Eher weniger Gewalt als in einem durchschnittlichen Tatort.
Rating: ab 12

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~ KAPITEL 2 ~

Er war schlecht eingeschlafen und hatte die ganze Nacht das Gefühl gehabt, mehr wach als schlafend zu sein. Erst gegen Morgen war er tiefer abgetaucht. Und der Traum, der ihn davor doch zumindest einige Wochen in Frieden gelassen hatte, tauchte jetzt gleich das zweite Mal in Folge auf.
Er lag nicht alleine im Bett. Das war auch schon alles - ein Gefühl von Vertrautheit und Sicherheit und das Bewußtsein, nicht alleine zu sein. Beim Wachwerden war das Gefühl noch da, und er versuchte, sich sofort auf die Person zu konzentrieren, die neben ihm lag. Für einen Moment war da ein Gesicht, bis ihn die Sonne blendete und er endgültig wach war. Er drehte sich weg von dem hellen Fenster, schloß die Augen und versuchte, sich das Gesicht in Erinnerung zu rufen. Das war nicht Susanne gewesen. Aber auch nicht Boerne. Er sah ein trauriges Lächeln, das ihm irgendwie bekannt vorkam. Das Gesicht kam ihm bekannt vor. Wieso träumte er von jungen Männern? Er konnte sich nicht erinnern, jemals ... In dem Moment konnte er förmlich hören, wie es Klick machte. Er kannte den Jungen. Aber das war ewig lange her, fast zwanzig Jahre, und er war noch in Hamburg gewesen. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie das Ganze angefangen hatte. Sie waren zu einer Kneipenschlägerei gerufen worden, und er hatte noch gedacht, wie spannend, das war ja auch erst die dritte in dieser Woche ...

Als sie in die Kneipe kamen, war die Quelle des Notrufs unschwer zu erkennen. Ein junger Mann stand auf dem Tisch und wehrte mehrere aufgebrachte Gegner mit einem Stuhl ab. Der Stuhl schwang erstaunlich zielsicher von einer Seite zur anderen, aber an den Bewegungen war trotzdem zu erkennen, daß einiges an Alkohol im Spiel sein mußte. Ein kurzer Rundblick, und Thiel hatte die Lage eingeschätzt. Es gab nur einen Verletzten, und der kannte den Jungen auf dem Tisch wohl, nach den Verwünschungen zu schließen, die er von sich gab. Der Sachschaden hielt sich noch in Grenzen, und der Übeltäter wirkte alles in allem recht harmlos.

  "So, jetzt beruhigen wir uns alle mal wieder!"

Er zog einen der Männer zur Seite, der versuchte, den Stuhlschwinger zu fassen zu kriegen, und konnte selbst nur knapp einem Stuhlbein ausweichen.

  "Polizei! Wir werden jetzt die Personalien aufnehmen, und dann-"

Die Menge wurde schon schlagartig weniger, und die meisten der Männer versuchten den Eindruck zu vermitteln, als stünden sie nur zufällig neben dem Tisch herum und hätten mit der ganzen Sache nichts zu tun. Nur der Verletzte ignorierte ihn völlig und versuchte, den Stuhlschwinger am Knöchel zu packen und zu Fall zu bringen. Er wechselte einen Blick mit seiner Kollegin, die ihn sofort verstand und dem Kerl mit einem entschlossenen Griff den Arm auf den Rücken drehte.

  "Ah - die Staatsgewalt", erklärte der Junge auf dem Tisch. "Wurde aber auch Zeit, daß Sie - he!"

Thiel hatte die Ablenkung genutzt und sich dem Stuhlschwinger von der anderen Seite genähert. Bevor der Zeit hatte zu bemerken, was er vorhatte, hatte er ihn schon gepackt und vom Tisch gezerrt.

  "Was fällt Ihnen ein!?" Der Junge zappelte und war auch ein Stück größer als er, aber damit konnte er umgehen.

  "Stuhl fallen lassen!" Thiel mußte fast grinsen, als er seine eigenen Worte hörte. Michaela grinste jedenfalls und setzte ein halblautes "... oder ich schieße" hinterher. Er schüttelte den Knaben ein bißchen, und der ließ tatsächlich den Stuhl los.

  "Na also. Schon viel besser."

  "Lassen Sie mich los!"

  "Hände auf den Tisch und Beine auseinander."

  "Er hat mich geschlagen!" erklärte der Verletzte empört.

  "Er hat mich herausgefordert", murmelte der Stuhlschwinger, und jetzt, wo der Adrenalinschub offenbar nachließ, war noch deutlicher zu merken, daß der Bursche ziemlich betrunken war. Thiel tastete ihn nach Waffen ab und stockte irritiert, als der andere zu kichern anfing.

  "Können Sie sich ausweisen?"

  "Selbstverständlich ..." Der Junge drehte sich so schnell um, daß er ihn nicht rechtzeitig zu fassen bekam. "Wenn Sie mir in mein Hotelzimmer folgen würden, wo sich meine Papiere befinden ..."

  "Nix da ..." Er hatte die Faxen jetzt dicke und ließ die Handschellen zuschnappen. "Du kommst mit auf die Wache, Freundchen, bis du wieder nüchtern bist."

Der andere sah verdutzt auf seine Hände hinunter. "Was soll das denn?"  

  "Tätlichkeit, Sachbeschädigung, und Sie können sich nicht ausweisen - Sie sind festgenommen."

  "Aber ..." Der Junge sah ihn mit großen Augen an. "Er hat angefangen ..."

Der Angesprochene hatte sich inzwischen das Blut aus dem Gesicht gewischt und sah den Stuhlschwinger mit düsterem Blick an. "Wenn ich dich das nächste Mal erwische, dann kannst du dich auf was gefaßt machen, du aufgeblasener ..."

  "Nanana", Michaela hielt dem Verletzten ein weiteres Taschentuch hin. "Sie beruhigen sich jetzt auch mal langsam."

  "Nimmst du die Personalien auf? Ich bringe den hier zur Wache."

  "Für Sie immer noch-"

  "Na los, vorwärts!" Er gab dem Burschen einen kleinen Schubs in die richtige Richtung, was der mit einem wütenden "Das ist Polizeigewalt, jawohl", kommentierte. "Ich werde mich über Sie beschweren, Sie ... Sie ..."

  "Jaja ... Jetzt mach schon hin, ich hab heute noch was anderes zu tun."

  "Also bitte, ich wüßte nicht, wann ich Ihnen erlaubt hätte, mich zu duzen. Das ganze ist sowieso ein Mißverständnis, das sich schnell wieder klären wird. Lauterbach wird garantiert keine Anzeige erstatten, weil er ganz genau weiß, daß er sich unstatthaft verhalten hat, und -"

  "Wie bitte?" Er konnte kaum folgen, mußte der Bursche sich so geschwollen ausdrücken und so schnell reden?

  "Das ist eine Ehrensache, die die Polizei überhaupt nichts angeht", erklärte sein Häftling ungerührt.

  "Ich glaub' es piept." Er stopfte den Jungen auf den Beifahrersitz. Wenigstens wehrte er sich nicht mehr.

  "Davon verstehen Sie natürlich nichts, Sie ungebildeter Kretin. Sie haben doch gar keine Ahnung-"

  "Jetzt reicht's aber!" Er warf dem anderen einen bösen Blick zu, was ihn tatsächlich zum Verstummen brachte. "Wollen Sie, daß ich auch noch Beamtenbeleidigung auf die Liste setze?"

Das drang dann doch durch. Dachte er jedenfalls. Bis er ein halblautes "Dazu müßten Sie erst einmal verstehen, was ich sage" hörte.

Thiel schüttelte den Kopf. Wenn der Bursche sich immer so um Kopf und Kragen redete, war es kein Wunder, daß er in Schwierigkeiten geriet. Seltsamerweise ärgerte er sich kaum, irgendwie wirkte der andere trotz allem zu harmlos und erinnerte ihn gerade eher an ein schmollendes Kind. Ein betrunkenes schmollendes Kind. Naja. Jedenfalls lohnte es sich nicht, deswegen ein Faß aufzumachen.

  "Was ist denn passiert?"

  "Das ist eine Sache zwischen Lauterbach und mir und geht Sie gar nichts an."

Thiel seufzte. Sturer Mistkerl.

Wenigstens war jetzt Ruhe. Sein Häftling hatte den Kopf an die Scheibe gelegt und war eingeschlafen, als sie bei der Wache ankamen. Na toll. Besoffene waren doch immer wieder ein Quell der Freude. Das würde er am Streifendienst sicher nicht vermissen, wenn er im nächsten Jahr hoffentlich zur Kripo wechselte. Er schüttelte den anderen leicht, was ihm ein unwilliges Brummen einbrachte.

  "Jetzt kommen Sie schon. Ein paar Schritte, und dann können Sie Ihren Rausch erst einmal ausschlafen."

  "Ich bin überhaupt nicht betrunken."

  "Nein ... Sie sind völlig nüchtern, das merkt man." Er nickte dem Kollegen am Empfang zu. "Ein betrunkener Randalierer zum Ausnüchtern."

  "Zelle drei ist frei."

Thiel bugsierte seinen Schützling weiter in die Zelle. Anscheinend schlug der Alkohol jetzt erst so richtig zu, der Junge wurde jedenfalls immer unkoordinierter.

  "So, da wären wir." Er drückte den anderen auf die Pritsche. "Schnürsenkel, Krawatte und Gürtel."

  "Wie bitte?" Der verständnislose Blick sagte ihm zumindest, daß der Junge zum ersten Mal in Polizeigewahrsam gelandet war, was ihn bei der großen Klappe ein wenig wunderte.

  "Sie müssen mir Ihre Schnürsenkel, die Krawatte und den Gürtel geben, zur Sicherheit."

  "Denken Sie, ohne Schnürsenkel kann ich nicht fliehen?" Der Blick des Jungen glitt zur Tür und dann wieder zurück zu ihm.

  "Das sind nun mal die Regeln - jetzt machen Sie schon. Es geht nur darum, daß Sie sich hier über Nacht nicht aufhängen."

Die Augen des anderen wurden größer. "Wieso sollte ich das denn tun?"

Thiel seufzte. "Hören Sie doch endlich auf rumzudiskutieren ..." Er ging in die Knie und griff nach dem ersten Schuh.

  "Das ist absolut ... ungebührlich. Ich sehe überhaupt nicht ein ..."

  "Und jetzt noch die Krawatte ..." Thiel zog seinen Häftling von der Pritsche hoch, um einen besseren Zugriff zu haben. Er öffnete vorsichtig den Knoten, während der Junge ihn immer noch überrascht ansah, und griff dann nach der Gürtelschnalle. "Und den Gürtel, und dann -"

Als er mit einem dumpfen Knall an der Wand landete, verfluchte er seinen Leichtsinn. Der Junge hatte so harmlos gewirkt und auch viel zu betrunken, um noch eine Gefahr zu sein, aber er hätte doch nicht alleine mit ihm ... Im nächsten Moment spürte er Lippen auf seinen und versuchte, diesen abrupten Richtungswechsel einzuordnen. Was zum Teufel ... Er hätte heftiger reagiert, aber das war so unerwartet gekommen. Der Junge hielt ihn nicht mehr fest, sondern benutzte nur das Gewicht seines Körpers, um ihn gegen die Wand zu drücken. Finger nestelten an der Knopfleiste seines Uniformhemdes, und das riß ihn schließlich aus der Erstarrung. Er griff nach den fremden Händen und drehte seinen Kopf beiseite.

  "Was soll das denn?"

  "Weißt du eigentlich, daß du in dieser Uniform ganz schön heiß aussiehst ...", murmelte der Junge und küßte seinen Hals.

  "Aha." Er war ein wenig ratlos, griff dann aber einfach nach dem Kopf des anderen und drückte ihn gegen seine Schulter. Damit war wenigstens seine Möglichkeit eingeschränkt, ihn weiter zu küssen, und er hatte ihn wieder halbwegs unter Kontrolle. "Sie haben wirklich zu viel getrunken."

  "Eigentlich mag ich gar kein Bier ..."

  "Das merkt man."

Der Junge in seinem Arm reagierte nicht. Sarkasmus war in dem Zustand vermutlich nicht mehr zu erkennen.

  "Ich lasse Sie jetzt wieder los, Sie geben mir Ihren Gürtel und legen sich hin, in Ordnung?"

...

  "Hallo?"

Der Junge war eingeschlafen. Naja - so ging das natürlich auch. Er legte ihn vorsichtig hin und nahm den Gürtel an sich. Was für ein Spinner. Das würde ihm morgen bestimmt ganz schön peinlich sein, wenn er wieder nüchtern war. Er drehte ihn auf die Seite - sicher war sicher - und deckte ihn zu. Er sollte Schmidt darauf hinweisen, daß er die Zelle jede Stunde kontrollierte.



***


Thiel kam am nächsten Morgen später als sonst zum Dienst, weil er noch den Klempner in die Wohnung hatte lassen müssen, Susanne hatte sich nicht freinehmen können. Michaela erzählte ihm, daß das Opfer von gestern Nacht dann doch keine Anzeige hatte erstatten wollen, nachdem er sich erst einmal beruhigt hatte.

  "Hat was von Privatsache erzählt, und daß es das nicht wert sei und so weiter", Michaela schnaubte mißbilligend. "Wenn du mich fragst, hat der selbst irgendwelchen Dreck am Stecken und wollte lieber nicht, daß raus kommt, was er in dieser Kneipe getrieben hat. Vielleicht ging's um eine Frau."

  "Das glaube ich eher nicht", murmelte Thiel, als er sich an die Szene gestern Nacht erinnerte.

  "Wie?" Michaela sah ihn überrascht an.

  "Ach, nichts." Es war ja wirklich nichts Schlimmes passiert, außer einem Kuß und etwas mehr Körperkontakt, als ihm lieb war. "Was machen wir jetzt mit dem anderen?"

Sie schob ihm über den Schreibtisch einen Ausweis zu. "Heute früh war schon ein Freund da und hat seine Papiere vorbeigebracht. Nimm die Personalien auf, falls noch was kommt, und laß ihn laufen. Eine ernsthafte Bedrohung für die Gesellschaft scheint er ja nicht gerade zu sein."

Thiel seufzte. Na dann. Irgendwie hatte er keine so große Lust, dem Burschen noch einmal zu begegnen, aber ihm fiel kein überzeugender Grund ein, warum Michaela das jetzt lieber machen sollte. Also ging er los.


***


Sein Häftling war heute Morgen ziemlich mißgelaunt - verkatert, dachte Thiel bei sich - was ihn aber nicht davon abhielt, sich lautstark und ausgiebig über Thiels Verhalten und die Gesamtsituation zu beschweren.

  "Seien Sie lieber froh, daß der andere keine Anzeige erstattet hat, sonst kämen Sie da nicht so einfach wieder raus", sagte Thiel entnervt, nachdem er sich das eine Weile angehört hatte.

Der Junge lachte nur. "Das traut der sich nicht, dieser Feigling. Er weiß ganz genau, daß ich im Recht -"

  "Jaja." Er tippte die letzten Worte, fluchte, weil er sich schon wieder vertippt hatte und zog das Formular aus der Schreibmaschine.

  "Also im Interesse all der unschuldigen Bürger, die Sie hier festhalten, sollten Sie bei Ihrer Ausbildung wirklich mal einen Schreibmaschinenkurs -"

  "Wenn Sie mich nicht die ganze Zeit zuquatschen und ablenken würden, wären wir schon längst fertig!"

  "Sie sind ja ganz schön schlecht gelaunt heute Morgen." Sein Gegenüber klang völlig ungerührt. "Aber das wäre ich vermutlich auch, wenn ich den halben Tag in dieser grauenhaften Farbkombination herumlaufen müßte. Kriegen Sie eigentlich eine Zulage deswegen - so eine Art Schmerzensgeld? Ich finde, das -"

  "Gestern Nacht fanden Sie die Uniform noch ziemlich attraktiv." Nüchtern nervte der Bursche ihn gewaltig, und er konnte sich die anzügliche Bemerkung nicht verkneifen.

An dem erstaunten Blick war unschwer zu erkennen, daß der andere sich nicht mehr erinnerte. Und an der leichten Röte, daß er sich wohl vorstellen konnte, was passiert war. Wenigstens war er jetzt ruhig.

Die restlichen Formalitäten gingen ohne größere Unterbrechungen über die Bühne.

  "Das wär's dann", er sah wieder von den Unterlagen hoch. "Sie müssen hier noch quittieren, daß Sie alles wieder zurückbekommen haben, dann können Sie gehen."

Der Junge prüfte akribisch den Inhalt seiner Taschen und Thiel unterdrückte ein gereiztes Augenrollen. Man sollte doch meinen, der andere wäre froh, hier endlich weg zu kommen!

  "Scheint alles da zu sein." Er sah Thiel an. "Diese Uniform beleidigt im übrigen in Farbe und Schnitt das Auge des Betrachters-"

  "Jaja ... das sagten Sie schon." Er zog die Quittung zu sich.

  "Ich wollte sagen, ich habe mich da gestern vermutlich mißverständlich ausgedrückt."

Thiel verkniff sich ein Lächeln. Schnösel. Jetzt kamen die Ausreden. Eigentlich war es ganz lustig, ihm dabei zuzusehen, wie er sich wand.

  "Ich meinte sicherlich den Inhalt und nicht die Verpackung."

Er sah auf in ein Gesicht, das ihn jetzt überraschend konzentriert und ernst anblickte, und die Erwiderung blieb ihm im Hals stecken. Verdammte Scheiße, was sollte das denn jetzt werden? Der Blick des Jungen wanderte nach unten, zu seiner Hand, die nach der Quittung gegriffen hatte. Der Ring war nicht zu übersehen, dachte Thiel. Und damit sollte ja wohl alles-

  "Hätten Sie vielleicht Lust, mit mir nach Feierabend einen Kaffee zu trinken?"

Daß er es tatsächlich versuchte, obwohl doch ganz klar war, daß er keine Erfolgsaussichten hatte, war fast schon bewundernswert. Vor allem, weil er trotz der lässigen Formulierung seine Nervosität nicht vertuschen konnte. Oft hatte er das mit Sicherheit noch nicht gemacht.

  "Ich trinke nur mit meiner Frau Kaffee."

Der Junge nickte.

  "Schade."

Er griff nach seiner Jacke.

  "Auf Wiedersehen." Das Lächeln war ein bißchen traurig, und Thiel konnte sich gerade noch eine tröstliche Bemerkung verkneifen.

  "Tschüß."

Er sah dem anderen nach, der mit entschlossenen Schritten zum Ausgang ging. Bis die Tür ins Schloß fiel und sein Leben weiterging wie vorher.


Thiel versuchte, sich genauer an das Gesicht oder den Namen des Jungen zu erinnern, aber so sehr er sich anstrengte, die Erinnerung wollte nicht zurückkommen. Er war dunkelhaarig gewesen, und größer als er selbst - aber das waren die meisten Männer. Vom Alter her kam es auch ungefähr hin. Er war ihm damals sehr jung vorgekommen, viel jünger als er selbst, aber andererseits war Boerne jünger. Es war das Jahr gewesen, in dem Susanne und er geheiratet hatten, er war also 25 gewesen. Boerne demnach gerade Anfang zwanzig, und er wäre ihm damals natürlich sehr viel jünger vorgekommen als heute, wo der Altersunterschied nicht mehr so ins Gewicht fiel. Der Junge aus seiner Erinnerung war Student gewesen und nicht aus Hamburg, sondern nur zu Besuch. Das wußte er noch. Und das Verhalten paßte ganz gut, das hätte schon Boerne sein können. Abgesehen von ... den anderen Dingen, die vorgefallen waren. Und Boerne hatte nie angedeutet, daß sie sich schon einmal begegnet waren. Es war natürlich möglich, daß er das vergessen hatte, es war ja mittlerweile Jahre her.

Er wälzte sich auf die andere Seite. Er selbst hatte den Abend nie vergessen. Den Namen hatte er vergessen, aber nicht das Gefühl. Manchmal hatte er sich gefragt, ob er sich hätte einladen lassen, wenn er nicht mit Susanne zusammen gewesen wäre. Aber das war eine so theoretische Frage gewesen, daß er sie schnell wieder beiseitegeschoben hatte. Und in all den Jahren war so etwas nie wieder vorgekommen. Also hatte er das Erlebnis als einmaligen Ausrutscher abgetan. Thiel schloß die Augen. "Eigentlich mag ich gar kein Bier ..." Jetzt hörte er den Satz in Boernes Tonfall, aber wer konnte schon wissen, ob das eine Erinnerung oder eine nachträgliche Projektion war.

Er würde Boerne einfach fragen. Mit dem Gedanken schlief er wieder ein.


tbc


>> zu Kapitel 3
Tags: f: tatort münster, g: fanfic, g: slash, p: thiel / boerne
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