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Wege, die sich kreuzen - Kapitel 3

Titel: Wege, die sich kreuzen - Kapitel 3
Beta: joslj - Danke!
Genre: Slash, Krimi, First Time, Drama, h/c und ein wenig Humor
Wortanzahl: 1.933
Zusammenfassung:
Im Laufe des Lebens begegnet man vielen Menschen. Manchen einmal. Manchen mehrmals. Und mit manchen geht man ein Stück des Weges gemeinsam.
Zwei Fälle (wie in einem guten Münsteraner Tatort üblich, hat mindestens einer der Fälle einen direkten Bezug zu einem der Hauptprotagonisten).
Eine Liebesgeschichte. Thiel ist neu in Münster und Boerne hat mehr Leichen im Keller, als man gemeinhin vermuten würde.
Warnungen: Eigentlich nicht. Eher weniger Gewalt als in einem durchschnittlichen Tatort.
Rating: ab 12

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~ KAPITEL 3 ~

Am nächsten Morgen hatte Thiel diesen Entschluß schon wieder vergessen. Vielleicht war 'vergessen' das falsche Wort - es gab im Moment einfach Wichtigeres. Und außerdem wußte er nicht, welche Antwort er hören wollte.

Jetzt stand er jedenfalls im Obduktionssaal und mußte sich mit sehr viel ernsteren Dingen beschäftigen. Mit vielversprechenden ernsten Dingen. Boerne hatte ihm nicht verraten, was er entdeckt hatte, als er ihn hergerufen hatte. Aber er war in dieser Stimmung gewesen, die Thiel bei sich 'Flummi-Stimmung' nannte, und die meistens darauf hindeutet, daß Boerne etwas Wichtiges gefunden hatte. Oder es zumindest für wichtig hielt.

  "Danke, ich glaub’s Ihnen auch so.“ Er sah zur Seite und hoffte, daß Boerne den Wink verstehen würde.

  "Jetzt seien Sie mal nicht so zimperlich, Herr Kommissar. Tot ist tot."

Natürlich nicht …"Bloß weil Sie sich immer in meine Arbeit einmischen, heißt das noch lange nicht, daß ich Interesse an Ihnen … an Ihrer Arbeit habe." Er spürte, wie seine Ohren rot wurden. Aber Boerne kommentierte den Versprecher zum Glück nicht. "Sich zerstückelte Körperteile anzusehen ist Ihr Job, nicht meiner. Also, was haben Sie gefunden?"

  "Es wäre viel spannender, wenn Sie sich das selbst ansehen würden", sagte Boerne, und es klang ein wenig quengelig. Thiel überlegte gerade, ob er ihn darauf hinweisen mußte, daß das hier ihre Arbeit war und daß zwei Menschen gestorben waren, als der Rechtsmediziner dann doch endlich in den halbwegs professionellen Modus wechselte.

  "Eine der Hände ist relativ gut erhalten - also noch an einem Stück. Und an dieser Hand zeigen sich sehr charakteristische Verletzungen, die darauf hindeuten, daß Mellies versucht hat, etwas zu öffnen - abgebrochene Fingernägel, eingerissene Nagelbetten und so weiter."

  "Kann das nicht von dem Zug kommen? Ich meine, die beiden sind ... wie durch den Fleischwolf gedreht. Wie wollen Sie da -"

  "Unmöglich", sagte Boerne bestimmt. "Das sind keine Verletzungen, die mit dem Zugunfall in Verbindung stehen."

  "Sie meinen also -"

  "Das könnten selbst Sie erkennen. Mellies muß in Todesangst versucht haben, die Wagentür zu öffnen. Die verschlossene Tür. Das ist wirklich interessant, Thiel, wollen Sie nicht doch -"

  "Nein! Will ich nicht!"

  "Bitte …" Er hörte, wie Boerne das Tuch über den Leichnam deckte und sah wieder zurück zum Obduktionstisch. Boerne wirkte verletzt, weil er seine Entdeckung nicht gebührend bewundert hatte. Thiel unterdrückte ein Seufzen. "Wirklich gute Arbeit."

  "Mhm."

  "Und bei Kleinert?"

  "Die übrigen drei Hände sind nicht in einem Zustand, daß man daran noch etwas erkennen könnte", sagte Boerne eingeschnappt. "Wenn Sie mir nicht glauben, können Sie sich gerne selbst -"

  "Nicht nötig", seufzte Thiel. "Wenn Sie das sagen. Und was heißt das jetzt?"

  "Das zu klären, ist ja wohl Ihre Aufgabe, Herr Hauptkommissar."


***


Boerne konnte echt anstrengend sein, dachte Thiel, während er seiner Assistentin von der Entdeckung des Rechtsmediziners berichtete. Nadeshda spitzte sofort die Ohren und erinnerte ihn an einen jungen Jagdhund, der Witterung aufgenommen hatte, ein Gedanke, bei dem er unwillkürlich lächeln mußte. Sie hätte das Bild vermutlich nicht so amüsant gefunden, weshalb er das Lächeln schnell mit einer Frage überspielte. "Was denken Sie?"

  "An dem Fahrzeug war laut Bericht der Spurensicherung nichts Ungewöhnliches festzustellen", antwortete Nadeshda prompt. "Aber andererseits war der Wagen so stark beschädigt, daß eine mögliche Manipulation kaum noch nachzuweisen gewesen wäre. Das hat mir Meier im Vertrauen erzählt."

  "Hat er."

  "Beim Kaffee", sagte Nadeshda und räusperte sich.

  "Horchen Sie etwa die Kollegen von der Spurensicherung aus?"

  "Ich kann doch nichts dafür, wenn Meier gerne einen Kaffee mit mir trinkt ... und mir Dinge erzählt ..."

  "Vielleicht wollte er sich nur wichtig machen. Soll ja vorkommen, bei jungen Männern."

Nadeshda grinste, wurde aber schnell wieder ernst. "Daß er nicht sicher ist, ob an dem Wagen nicht doch gedreht wurde, läßt ihn aber nicht gerade in einem besseren Licht erscheinen. Ich denke schon, daß das stimmt."

  "Also doch ein Mord?"

  "Oder ein Unfall ..."

  "Oder ein gemeinschaftlicher Selbstmord, bei dem Mellies kurz vorm Ende die Nerven verloren hat?"

  "Was ist das denn für eine Idee?"

  "Boerne."

Nadeshda hob die Augenbrauen, sagte aber nichts dazu, daß ihr Rechtsmediziner sich wieder einmal mit sehr unmedizinischen Themen befaßte. Daran hatte sie sich wie Thiel selbst notgedrungen gewöhnt.

Stattdessen sah sie zu den Bildern der beiden Toten, die immer noch an der Wand hingen. "Oder Mord und Selbstmord. Kleinert hat Mellies ermordet und sich selbst mit."

  "Aber warum?"

  "Wissen Sie, was mein Ausbilder immer gesagt hat?"

Er wartete, aber Nadeshda redete nicht weiter. "Nein ... weiß ich nicht."

  "Die wirklich schlimmen Sachen sind Beziehungstaten."

Thiel seufzte. "Also gut. Sie gehen den Papierkram nochmal durch. Achten Sie auf alles, was darauf hinweisen könnte, daß Mellies etwas mit Kleinerts Frau gehabt haben könnte." Er zögerte kurz. "Oder daß Kleinert und Mellies etwas miteinander gehabt haben könnten."

Nadeshda sah ihn überrascht an, weshalb er ein weiteres "Boerne" hinterherschob.

  "Und Sie?"

  "Ich rede noch einmal mit Frau Kleinert."


***


Das Zeugenverhör war keine einfache Sache gewesen. Vor allem, da er hatte andeuten müssen, in welche Richtung sein Verdacht ging. Frau Kleinert hatte zwar überhaupt nicht aggressiv reagiert - was sonst oft passierte, wenn es unangenehme Nachfragen bei den Angehörigen der Opfer gab. Aber das wäre ihm fast lieber gewesen. Die Frau war so apathisch gewesen, daß er sich richtig schlecht gefühlt hatte, sie zu bedrängen. Sie hatte ganz offensichtlich keine Energie übrig, um sich aufzuregen. Sie hatte seine Frage einfach nur verneint.

Als er zum Polizeipräsidium zurückfuhr, war er sich eigentlich sicher, daß an der Ehebruch-Theorie nichts war. Seine Menschenkenntnis müßte ihn sonst völlig verlassen haben. Außerdem - wenn das der Grund war, warum sollte Frau Kleinert ihm das verschweigen? Die Frau trauerte, und alles andere schien ihr im Moment völlig egal zu sein. Er konnte sich nicht vorstellen, daß sie ihn anlog.

Darum schüttelte er gleich den Kopf, als Nadeshda ihn beim Betreten des Büros fragend ansah.

  "Da war nichts." Thiel ließ sich auf seinen Schreibtischstuhl fallen. "Oder Frau Kleinert ist eine oscarreife Schauspielerin. Und bei Ihnen?"

  "Nichts", sagte Nadeshda, und Thiel seufzte.

  "Außer ..."

  "Was?"

  "Es ist nur eine Kleinigkeit ..."

  "Jetzt machen Sie's doch nicht so spannend!"

Nadeshda breitete mehrere Kontoauszüge vor ihm aus. "Kleinert hat jeden Monat einmal eine größere Summe Bargeld abgehoben." Sie zeigte auf mehrere markierte Stellen. "Immer 300 Euro."

  "Na und?" Er verstand nicht, worauf sie hinauswollte. "Vielleicht hat er lieber größere Summen und dafür seltener abgehoben."

  "Nein." Sie zeigte auf weitere Eintragungen. "Er hat sonst meistens mit EC-Karte gezahlt und bar eigentlich nie mehr als 50 Euro abgehoben. Abgesehen von den 300, immer um den Monatswechsel rum."

  "Immer?"

  "Ich habe hier die Kontoauszüge der letzten drei Jahre, es ist immer das gleiche Muster."

  "Erpressung?"

  "Das wäre aber eine ziemlich kleine Summe", gab Nadeshda zu bedenken.

  "Naja ... über die Jahre hinweg ..."

Sie sahen sich zweifelnd an. So richtig überzeugend war das nicht.

  "Es kann ja auch irgendetwas ganz harmloses sein, was er bar bezahlt hat. Monatlich. Oder er hat doch jemanden bezahlt, aber nicht weil er erpreßt wurde, sondern -"

Während Nadeshda redete, fiel Thiel plötzlich ein, was da die ganze Zeit in seinem Hinterkopf gewesen war.

  "In der Lindenstraße ist doch dieses Hochhaus mit den Ein-Zimmer-Appartements."

  "Ja?"

  "Kleinert hat dort vor drei Wochen ein Knöllchen bekommen. In der Lindenstraße."

Es war gar nicht so einfach gewesen, in Münster auf die Schnelle eine Wohnung zu finden, als sein Versetzungsantrag damals Hals über Kopf bewilligt worden war. Bevor die Zusage von Boerne eingetroffen war, war er schon fast soweit gewesen, für den Übergang bei diesem Miethai einzuziehen. 250 Euro für ein Wohnklo von 12 Quadratmetern! Eigentlich war das fast schon sittenwidrig, selbst bei den Münsteraner -

  "Chef?"

  "Vielleicht hat er dort ein Zimmer gemietet. Der Vermieter akzeptiert garantiert auch Barzahlung und fragt nicht nach den Gründen, solange nur das Geld fließt."

Nadeshda wirkte etwas skeptisch, aber er hatte plötzlich das Gefühl, auf der richtigen Spur zu sein. Ein Zimmer, von dem die Ehefrau nichts wußte - dahinter konnte sich ein ganzes Bündel möglicher Mordmotive verstecken.

  "Können Sie den Vermieter ausfindig machen und herausfinden, ob Kleinert dort was gemietet hat?"

  "Mache ich."

  "Denken Sie dran, daß er vielleicht einen falschen Namen angegeben hat!" rief er Nadeshda noch über die Schulter zu. "Ich muß zur Staatsanwältin, bin schon spät dran."


***


Zu behaupten, daß Frau Klemm zufrieden war, wäre eine klare Übertreibung gewesen. Aber immerhin konnte er überhaupt von Fortschritten in der Ermittlung berichten, was sie einigermaßen besänftigte. Er erzählte von den neuen Spuren und den Schlußfolgerungen, die sie gezogen hatten, bis sie ihn plötzlich unterbrach.

  "Jaja, Thiel, mir ist schon bewußt, daß Professor Boerne gute Arbeit leistet."

  "Was?" Er wußte überhaupt nicht, worauf sie hinauswollte. Aber statt zu erklären, was diese Bemerkung sollte, sah Frau Klemm ihn nur prüfend an und meinte dann, wesentlich sanftmütiger als noch am vorigen Tag: "Geben Sie mir Bescheid, wenn sich wegen Kleinerts Barabbuchungen etwas ergibt."

Thiel war immer noch verwirrt, als er aus dem Büro der Staatsanwältin kam. Hatte er irgendetwas Komisches gesagt? Frau Klemm war manchmal wirklich seltsam. Und auch nach fast einem Jahr fand er es schwierig, ihre Stimmungen einzuordnen.

Zurück im Büro stellte er fest, daß Nadeshda schon gegangen war. Halb sieben - Menschen, die neben der Arbeit noch ein Privatleben hatten, wollten natürlich auch irgendwann Feierabend machen. Er setzte sich unschlüssig wieder an seinen Schreibtisch und überlegte, ob er noch irgendetwas sinnvolles tun konnte, als sein Blick auf ein Post-It an seinem Bildschirm fiel.

Morgen 8 Uhr, Lindenstr. 44, Sie hatten recht, kru

Er hatte also richtig gelegen. Im ersten Moment freute er sich, aber dann dachte er an Frau Kleinert. Für sie würde das mit Sicherheit keine guten Nachrichten bedeuten.

Thiel seufzte.

Zumindest konnte er für heute wohl auch Feierabend machen. Und nach Hause gehen. Er sah aus dem Fenster. Es regnete zwar nicht, aber sein Rad war immer noch nicht wieder fit. Um Fahrradreparaturen hatte sich früher Susanne gekümmert, die im Gegensatz zu ihm ein Talent für handwerkliche Dinge hatte. Zum Laufen hatte er jetzt keine große Lust, selbst wenn es zur Abwechslung mal trocken war. Er dachte kurz an Boerne, der vermutlich auch noch arbeitete, rief dann aber doch seinen Vater an. Er konnte sich schließlich nicht ständig von seinem Kollegen mitnehmen lassen. Und um das Rad würde er sich morgen endlich kümmern.


***


  "Du weißt doch, daß ich dir nichts über laufende Ermittlungen erzählen darf ..."

  "Ich sag ja nur ..." Sein Vater warf ihm einen kritischen Seitenblick zu. "Kläuschen meint ja, daß die russische Mafia in Münster immer weiter -"

  "Vaddern!" Thiel fuhr sich verzweifelt mit beiden Händen durchs Gesicht. Vielleicht hätte er doch Boerne fragen sollen.

  "Wer nicht will, der hat schon", brummte sein Vater. "Ich wollte dir nur helfen."

  "Jaja, laß man."

...

  "Machst du immer so spät Schluß?" fragte Herbert, nachdem Thiel gerade einmal eine halbe Minute Ruhe genossen hatte. "Du mußt darauf achten, daß du nicht zu viel arbeitest. Irgendwann geht man in Rente, und dann?"

  "Mann, Papa, jetzt geh mir nicht auch noch damit auf die Nerven!" Mußten sie denn immer beim gleichen Thema landen?

  "Es ist nicht gesund, nur zu arbeiten", murrte sein Vater. "Du mußt was für dein Sozialleben tun. Das ist wichtig, um aus einem Trennungstief wieder rauszukommen. Weißt du, als ich mich damals von deiner Mutter hab' scheiden lassen -"

  "Wir sind da!" unterbrach er Herbert hastig. Die Geschichte hatte er auch schon x-mal gehört. "Hier, der Rest ist Trinkgeld."

  "Spendabel, der Herr Hauptkommissar."

  "Magst du noch mitkommen, auf ein Bier?"

Herbert sah auf die Uhr. "Ich bin mit Paul zum Schachspielen verabredet. Tut mir leid, Junge."

  "Macht ja nix."


***


Er hörte Musik aus Boernes Wohnung, als er die Treppe hinaufging. Was klassisches, aber wenigstens in erträglicher Lautstärke.

Als er die Tür hinter sich schloß, war es still.


tbc


>> zu Kapitel 4
Tags: f: tatort münster, g: fanfic, g: slash, p: thiel / boerne
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