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Büttenwarder

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Wege

Wege, die sich kreuzen - Kapitel 4

Titel: Wege, die sich kreuzen - Kapitel 4
Beta: joslj - Danke!
Genre: Slash, Krimi, First Time, Drama, h/c und ein wenig Humor
Wortanzahl: 1.240
Zusammenfassung:
Im Laufe des Lebens begegnet man vielen Menschen. Manchen einmal. Manchen mehrmals. Und mit manchen geht man ein Stück des Weges gemeinsam.
Zwei Fälle (wie in einem guten Münsteraner Tatort üblich, hat mindestens einer der Fälle einen direkten Bezug zu einem der Hauptprotagonisten).
Eine Liebesgeschichte. Thiel ist neu in Münster und Boerne hat mehr Leichen im Keller, als man gemeinhin vermuten würde.
Warnungen: Eigentlich nicht. Eher weniger Gewalt als in einem durchschnittlichen Tatort.
Rating: ab 12

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~ KAPITEL 4 ~

Thiel war gerade dabei sein Fahrrad, die Zange, den Mistkerl, der diese Gangschaltung gebaut hatte, und die Welt im allgemeinen zu verfluchen, als sein Kollege beschwingten Schritts aus der Haustür trat.

  "Ah, der Herr Nachbar! Üben Sie sich in der Kunst der Feinmechanik?"

Er war so kurz davor, die Zange nach Boerne zu werfen.

  "Das sieht aber nicht gut aus." Thiel schloß die Augen und fing an zu zählen. "Der Zug hier ist ja völlig durchgerostet, damit werden Sie wohl kaum -"

  "Boerne!"

  "Ich würde Ihnen ja zur Hand gehen, aber leider ..." Boerne deutete auf sein blütenweißes Hemd.

  "Können Sie mich mitnehmen?" fragte Thiel resigniert. Es war schon halb acht, und so wie es aussah, würde er es ohne Hilfe nicht mehr pünktlich schaffen.

  "Gerne." Boerne sah ihm zu, während er das Werkzeug zusammenpackte. "Ich glaube nicht, daß Sie das Rad wieder anschließen müssen. Nicht einmal in Münster würde jemand so ein Exemplar -"

    "Hier, räumen Sie das schon mal in den Keller, dann sind wir schneller." Er drückte dem verdutzten Rechtsmediziner seine Werkzeugkiste in die Hand und drehte sich schnell wieder zu seinem Fahrradschloß um, bevor er lachen mußte. Gewußt wie.

Zwei Minuten später saßen sie im Auto.


***


  "Woher kennen Sie eigentlich den Nuttenbunker?" sagte Boerne, nachdem er ihm von den neuesten Entwicklungen erzählt und die Adresse genannt hatte, zu der er mußte.

  "Was?"

  "So wird das Gebäude im Volksmund genannt, wußten Sie das nicht? Ich vermute aufgrund des hohen Anteils an verdeckter Prostitution, der -"

  "Jaja", er unterbrach Boerne hastig. "Ich kann's mir denken."

  "Aber Sie haben meine Frage nicht beantwortet ..."

  "Bei der Wohnungssuche in Münster hatte ich mir da auch was angesehen." Boerne warf ihm einen überraschten Blick zu. "Als Notquartier, falls ich nicht rechtzeitig was Richtiges finde."

  "Sie haben wirklich großen Grund, mir dankbar zu sein." Boerne grinste.

  "Dafür, daß ich Ihnen jeden Monat ein gutes Drittel meines Gehalts überweise?"

  "Das ist die ortsübliche Miete für ein Objekt in dieser Lage", erklärte Boerne trocken. "Und bedenken Sie die vielen Vorteile!"

  "Vorteile?"

  "Ich wohne nebenan."

Thiel prustete los, riß sich dann aber zusammen, als sein Kollege ihm einen empörten Seitenblick zuwarf.

  "Wie ich sehe, hat sich Ihre Laune schon deutlich gebessert", stellte Boerne fest.

Und damit hatte er überraschenderweise recht. Um das Rad würde er sich ein andermal kümmern, jetzt würden sie erst einmal Licht ins Dunkel dieses Falles bringen. Er spürte ein vertrautes Gefühl, das er von früher kannte und das ihm sagte, daß er kurz vor der Lösung eines Problems stand. Das hatte er lange nicht mehr gehabt.


***


Nadeshda hatte sie mit dem Schlüssel in der Hand begrüßt, und er hatte ihr den Vortritt auf dem Weg zu Kleinerts "Appartement" gelassen. Immerhin war es zu einem großen Teil ihr Verdienst, daß sie soweit gekommen waren. Sie standen schon vor der Zimmertür, als ihm bewußt wurde, daß Boerne mitgekommen war. Eigentlich war das ja nicht O.K., aber ... Nadeshda sah ihn an und er konnte sehen, daß sie genauso gespannt war wie er selbst.

  "Machen Sie auf."


***


Er wußte nicht, was er erwartet hatte - das jedenfalls nicht.

Nadeshda wirkte genauso verwirrt wie er selbst, nur Boerne tat zumindest so, als würde ihn der Anblick nicht überraschen.

Er hatte in erster Linie gedacht, daß Kleinert das Zimmer für eine Affäre benutzt hatte. Seinetwegen sogar mit Mellies, auch wenn ihm Boernes Theorie viel zu abenteuerlich vorkam. Oder um irgendetwas Illegales zu treiben. Etwas, was er vor seiner Frau und vielleicht auch vor dem Gesetz verbergen mußte.

Er hatte nicht damit gerechnet, daß das Zimmer eine Art ... Altar für Mellies sein würde. Obwohl Altar vielleicht das falsche Wort war, dachte Thiel, als er einen Karton mit säuberlich nummerierten und beschrifteten Briefen und Postkarten öffnete. Eher eine Art Museum.

  "Ein Archiv", sagte Boerne, der einen nüchternen grauen Pappkarton mit Fotos geöffnet hatte.
 
  "In Archiven bewahrt man nur schriftliches Material auf, keine Gegenstände", murmelte Nadeshda, die sich von ihrer Überraschung erholt hatte.

Boerne ignorierte den Einwurf und öffnete den nächsten Karton.

An den Wänden hingen vergrößerte Fotos, alle von Mellies, manchmal von Kleinert und Mellies. Das hatte ihn zuerst an einen Altar oder eine Art Schrein denken lassen. Aber das war nur Dekoration, alles andere in diesem Raum war systematisch verpackt, nummeriert und katalogisiert.

Er ging seinen Karton Stück für Stück durch und erkannte, daß die Briefe chronologisch sortiert waren. Und nicht nur Briefe - anscheinend hatte Kleinert alles gesammelt, was Mellies ihm jemals geschrieben hatte, bis hin zu Notizzetteln aus der Zeit, als die beiden im Studium in einer WG gewohnt hatte

Er nahm einen vergilbten Zettel heraus.

Silke hat angerufen, Du sollst zurückrufen. S.

Und auf der Rückseite, in Kleinerts penibler Schrift: "4. November 1989."

Der erste Zettel stammte laut Datierung vom 20. Februar 1986 und war aus einem karierten Collegeblock gerissen worden.

Referatsgruppe trifft sich heute um 4 in der UB, Stefan.

Thiel steckte die Zettel wieder zurück und sah zu Nadeshda, die auch eine Kiste geöffnet hatte.

  "Kleidungsstücke", murmelte sie. "Er hat kleine Zettel drangesteckt, auf denen steht, wann und wo Mellies sie getragen hat. Was ist das denn?"

Boerne hatte mit einem dumpfen Knall einen weiteren Karton vor ihnen abgestellt und geöffnet. Thiel starrte auf die kleinen Kassetten, die ihm dunkel bekannt vorkamen.

  "Das kennen Sie vermutlich gar nicht mehr, Fräulein Krusenstern. Vorsintflutliche Technik. Das sind Kassetten aus einem alten Anrufbeantworter."

  "Wozu ..." Nadeshda redete nicht weiter, und Thiel wurde mit einem Mal ganz flau bei der Vorstellung, daß hier auf ewig die Nachrichten konserviert waren, die der nichtsahnende Mellies Kleinert in den letzten fünfzehn Jahren auf den AB gesprochen hatte.

  "Ich glaube, wir können davon ausgehen, daß Kleinert den Unfall absichtlich verursacht hat."

  "Aber warum?" fragte Nadeshda.

  "Vereint im Tod, wenn schon nicht im Leben", murmelte Boerne und steckte vorsichtig eine der Kassetten wieder an ihren Platz zurück.

  "Aber warum ausgerechnet jetzt?" fragte Nadeshda, die immer noch so ratlos aussah, wie Thiel sich fühlte.

  "Ich bezweifle, daß wir darauf eine Antwort finden werden."


***


Nadeshda war nach unten gegangen, um den Jungs von der Spurensicherung den Weg zu zeigen, und hatte sie alleine gelassen in diesem Raum, der trotz allem nichts erklärte.

Thiels Blick fiel auf ein Foto an der Wand, das Kleinert und Mellies in dunklen Anzügen zeigte. Kleinert hatte ein Blume am Jackettaufschlag, und er erinnerte sich plötzlich, daß er das Bild auch in Kleinerts Wohnung gesehen hatte. Im Wohnzimmer hatten Fotos von seiner und ihrer Familie gestanden, und die eigenen Hochzeitsfotos. Dieses Bild war dabei gewesen, nur daß Frau Kleinert auf dem Abzug hier weggeschnitten worden war.

Er ging zum Fenster, um frische Luft zu schnappen.

  "Ich weiß nicht, ob wir das seiner Frau überhaupt sagen sollen." Thiel starrte aus dem Fenster. "Das ist doch furchtbar, so etwas über den eigenen Mann zu erfahren. Und helfen tut das jetzt auch niemandem mehr."

  "Ich würde das wissen wollen", platzte Boerne unvermittelt heraus. "Wenn mein Mann … ich meine, Sie wissen schon."

  "Sie wollen ja auch immer alles wissen", antwortete er humorlos. "Aber manchmal kann man auch zu viel wissen."

Boerne schüttelte den Kopf. "Was wollen Sie denn tun? Es den Verwandten und Freunden von Mellies auch verheimlichen?"

Thiel seufzte. Das hatte er ganz verdrängt.

  "Außerdem sollte sie es wissen." Boerne klang geistesabwesend. "Sie war acht Jahre mit ihm verheiratet, und jetzt weiß sie nicht, warum er tot ist. Es wird leichter, wenn sie einen Grund hat."

Er haßte es, wenn Boerne recht hatte.


tbc


>> zu Kapitel 5

Comments

*hihi* da wird der Boerne erstmal ruhig gestellt, indem er das Werkzeug in den Keller schaffen muss... schön.
Unsere liebe Nadeshda muss ich aber korrigieren. Wir bewahren in unseren Röntgenarchiv auch Röntgenbilder von Patienten auf. ( und halt die Befunde dazu) Und Röntgenbilder sind ja auch Gegenstände. Ich glaube der Begriff Archiv umfasst heute einiges mehr, als nur Dokumente.
Schön finde ich auch den Schluss wo Boerne Thiel rät es Mallies Frau zu sagen. An der Stelle zeigen die beiden sich sehr nachdenklich ( also so kam es mir beim lesen vor). Das hat mir sehr gefallen sie auch mal von der Seite zu erleben.

lg Claudi
da wird der Boerne erstmal ruhig gestellt
Korrekt erkannt *grin*
Ich glaube, Jo hatte beim Betalesen dazu kommentiert "Übt Thiel schon für später?" ;)

Den Schluß des Kapitels mag ich auch sehr gerne. Und ich glaube, daß die zwei sich durchaus auch mal ernstere Gedanken machen können - auch wenn das in der Vorlage unterm Klamauk manchmal ein bißchen untergeht.

Beim Archiv hast Du mich ertappt - ich hätte "Flachware" schreiben sollen. Eigentlich soll hier Nadeshda nämlich mal was besser wissen als Boerne - dreidimensionale Gegenstände findet man in Museumsdepots, in Archiven normalerweise nur zweidimensionales (aber auch Fotos etc., nicht nur Dokumente, da hast Du recht).
Da wird einem ja ganz anders, bei so einem Zimmer. Man stelle sich nur mal vor, man würde so einen Fanatiker kennen. Das geht ja schon mehr in Richtung Psychothriller! :)

"Ich würde das wissen wollen", platzte Boerne unvermittelt heraus. "Wenn mein Mann … ich meine, Sie wissen schon."

Genau, wir Leserinnen wissen auch schon ... ;)

Aber im Ernst, eigentlich würde ich hier Thiel zustimmen, obwohl das wahrscheinlich nicht praktikabel ist. Aber wer will schon wisen, dass man mit einem Irren verheiratet war?

Die Kriminalfälle in Münster sind ja häufig etwas speziell. Da reiht sich Deiner schön ein. :)
Genau, wir Leserinnen wissen auch schon ... ;)
*snicker*

Speziell ist der Fall schon, v.a. weil es nicht so eine richtige Auflösung gibt. Selbstmord ist eine recht billige Lösung, aus der Anfangssituation herauszukommen ... So genau weiß ich auch nicht mehr, warum und wie mir der Fall eingefallen ist. Ein bißchen spiegelt er natürlich Thiel & Boerne ... ich hoffe nicht zu auffällig. Die dunkle Doppelgänger-Beziehung, sozusagen. Da ich in bezug auf die Krimifälle aber schrecklich einfallslos bin, muß ich nehmen, was mir als Idee in den Kopf kommt ;)

Aber im Ernst, eigentlich würde ich hier Thiel zustimmen,
Geht mir ähnlich, ich kann seinen Impuls gut verstehen. Aber natürlich geht das nicht.
Also, deine 'etwas Humor'-Bezeichnung stimmt nicht.
Von
Thiel war gerade dabei sein Fahrrad, die Zange, den Mistkerl, der diese Gangschaltung gebaut hatte, und die Welt im allgemeinen zu verfluchen, als sein Kollege beschwingten Schritts aus der Haustür trat…
bis
Zwei Minuten später saßen sie im Auto.
will man sich einfach nur in die Ecke werfen. Davon könnten sich die Tatort-Schreiberlinge mal eine Scheibe abschneiden.

Und wenige Sätze später schon wieder so ein Knaller-Dialog:
"Sie haben wirklich großen Grund, mir dankbar zu sein." Boerne grinste.
"Dafür, daß ich Ihnen jeden Monat ein gutes Drittel meines Gehalts überweise?"
"Das ist die ortsübliche Miete für ein Objekt in dieser Lage", erklärte Boerne trocken. "Und bedenken Sie die vielen Vorteile!"
"Vorteile?"
"Ich wohne nebenan."

Ich wiederhole mich. Die beiden sind auf den Punkt genau getroffen.


"Ein Archiv", sagte Boerne, der einen nüchternen grauen Pappkarton mit Fotos geöffnet hatte.
"In Archiven bewahrt man nur schriftliches Material auf, keine Gegenstände", murmelte Nadeshda, die sich von ihrer Überraschung erholt hatte.

Und da wird Nadeshda zum Boerne... ich liebe die Szene in "Sag nichts", auch wenn Boerne sie da verbal arrogant abwatscht. Schön, dass er hier einfach die Klappe hält.




Dies Kapitel ist schon bedrückend, das Zimmer (genial beschrieben) befremdlich.
"Außerdem sollte sie es wissen." Boerne klang geistesabwesend. "Sie war acht Jahre mit ihm verheiratet, und jetzt weiß sie nicht, warum er tot ist. Es wird leichter, wenn sie einen Grund hat."
Er haßte es, wenn Boerne recht hatte.

An dieser Stelle möchte ich in Thiels Haut nicht stecken. Das sind so Situationen, da möchte man nicht tauschen... ähnlich ist es bei Ärzten, wenn sie Diagnosen mitteilen müssen. Ich wäre für sowas nicht gut geeignet, soviel steht fest.

Von ...
bis ...
will man sich einfach nur in die Ecke werfen. Davon könnten sich die Tatort-Schreiberlinge mal eine Scheibe abschneiden.

Danke :D
Naja, es war nicht so einfach, in dem Text Humor unterzubringen. Freut mich, daß es doch geklappt hat!

Und da wird Nadeshda zum Boerne
*snicker* ... färbt eben ab ;) Und ich mag's auch, wenn sie mal Oberwasser hat.

Das Ende finde ich selbst auch bedrückend. Der Job wäre nichts für mich. Ich leide schon, wenn ich Vorstellungsgespräche durchführen und den Leuten anschließend absagen muß :(