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Wege, die sich kreuzen - Kapitel 5

Titel: Wege, die sich kreuzen - Kapitel 5
Beta: joslj - Danke!
Genre: Slash, Krimi, First Time, Drama, h/c und ein wenig Humor
Wortanzahl: 1.649
Zusammenfassung:
Im Laufe des Lebens begegnet man vielen Menschen. Manchen einmal. Manchen mehrmals. Und mit manchen geht man ein Stück des Weges gemeinsam.
Zwei Fälle (wie in einem guten Münsteraner Tatort üblich, hat mindestens einer der Fälle einen direkten Bezug zu einem der Hauptprotagonisten).
Eine Liebesgeschichte. Thiel ist neu in Münster und Boerne hat mehr Leichen im Keller, als man gemeinhin vermuten würde.
Warnungen: Eigentlich nicht. Eher weniger Gewalt als in einem durchschnittlichen Tatort.
Rating: ab 12

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~ Kapitel 5 ~

Zurück im Büro schrieb Thiel als erstes den Abschlußbericht. Er würde die Ergebnisse der Spurensicherung noch abwarten, bevor er ihn an die Staatsanwaltschaft weitergab, aber er war sich sicher, daß das wenig ändern würde. Er hätte seine Pension darauf verwettet, daß niemand außer Kleinert je diesen Raum betreten hatte. Schon gar nicht konnte er sich vorstellen, daß Mellies in diesem Raum gewesen sein könnte - vermutlich hatte er nicht einmal geahnt, was in seinem Freund vor sich ging.

Der Rest war eine einfache Gleichung. Wenn Mellies davon gewußt hätte, wären die beiden nicht mehr befreundet gewesen. Oder ein Paar. In dem Fall hätte sich Kleinert einfach nur von seiner Frau trennen müssen; kein Grund für solche drastischen Maßnahmen. Es gab nur eine Erklärung, die zu den Spuren paßte. Ein erweiterter Selbstmord, bei dem Kleinert Mellies mit in den Tod genommen hatte.

Selbstmorde ließen ihn immer mit einem unbefriedigten Gefühl zurück. So als habe er nicht wirklich etwas gelöst. Motive, Erklärungen - meistens blieb das alles Spekulation, den Täter zu befragen war ja nicht mehr möglich.

Er stellte den dünnen Papierstapel auf die Kante und klopfte damit von allen Seiten auf den Schreibtisch, bis die Blätter akkurat und bündig übereinanderlagen. Als Nadeshda ihm vom Nachbartisch einen gereizten Blick zuwarf, wurde ihm bewußt, daß er das wohl schon deutlich zu lange machte.  

Thiel legte den Stapel vorsichtig hin und seufzte. Er wußte ja selbst, daß er gerade dabei war, Zeit zu schinden. Schweren Herzens griff er zum Telefon und rief Frau Kleinert an, um ihr zu sagen, daß er noch einmal mit ihr sprechen mußte.  


***


Er wußte selbst nicht so genau, warum er eigentlich bei Boerne klingelte. Er sagte sich, daß Boerne ja doch einiges zur Auflösung dieses Falles beigetragen hatte und daher auch wissen sollte, wie seine Gespräche mit den Hinterbliebenen gelaufen waren. Aber in Wirklichkeit wollte er an diesem Abend vermutlich nur nicht alleine sein.

Thiel hatte sich noch nicht entschlossen, was er sagen sollte, als sein Kollege schon die Tür öffnete. Und dann stellte sich heraus, daß er gar nichts sagen mußte, denn Boerne sah ihn nur an und fragte: "Wollen Sie ein Glas Wein?"


***


Boerne war ungewöhnlich schweigsam gewesen, mit dem Effekt, daß er mehr geredet hatte, als er ursprünglich vorgehabt hatte. Genaugenommen machte das auch nichts besser, aber er fühlte sich trotzdem erleichtert.

Anschließend hatte Boerne ihm dann doch noch einiges über zwanghafte Persönlichkeitsstörungen und Obsessionen erzählt, wovon er allerdings nicht allzuviel verstanden hatte. Das, was er verstanden hatte, verstärkte sein Unbehagen eher noch. Boerne hingegen schien froh zu sein, Erklärungen gefunden zu haben. Wobei er sich fragte, was das alles erklären sollte.

Bis Boerne, der mit der zweiten Flasche Wein aus der Küche zurückgekommen war, im Vorbeigehen flüchtig seine Schulter berührt und "Lassen Sie es gut sein, Thiel. Es hat keinen Sinn, sich weiter den Kopf darüber zu zerbrechen" gesagt hatte.

In diesem Moment war es gar nicht so schlimm gewesen, daß Boerne recht hatte.

Er hatte das nächste Glas Wein angenommen und gefragt, ob Boerne vielleicht eine Möglichkeit kannte, wo man in Münster sein Rad reparieren lassen konnte, ohne drei Wochen warten zu müssen.

Und Boerne hatte, oh Wunder, kein Wort über seine beschränkten technischen Fähigkeiten verloren, sondern ihm tatsächlich eine Werkstatt genannt, in die er zu Studienzeiten sein Rad gebracht hatte.

  "Erstklassiger Service", erklärte Boerne. "Wenn auch ein wenig teurer. Aber dafür haben Sie das Rad schnell wieder, und die Reparatur ist sauber ausgeführt."

Das hatte zu einem längeren Fachgespräch über die Vorzüge und Nachteile verschiedener Fahrradhersteller geführt, bis Thiel plötzlich eingefallen war, daß es da ja noch etwas gab, was er Boerne hatte fragen wollen.

  "Sagen Sie mal ...", Thiel zögerte. Aber eigentlich war das ja ganz arglos. Er mußte ja gar nicht erzählen, was genau passiert war, falls das doch nicht Boerne gewesen war. "Kann es sein, daß wir uns vor Jahren schon einmal in Hamburg begegnet sind?"

  "Sie meinen, als Sie mich damals verhaftet haben?" antwortete Boerne und griff nach der Weinflasche, um ihm nachzuschenken. Thiel brauchte zwei Sekunden, um den Mund wieder zu schließen.

  "Dann waren Sie das wirklich?" fragte er schließlich schwach. "Wieso ... wieso haben Sie das denn nie erwähnt?"

  "Sie haben es nicht erwähnt, deshalb dachte ich, es ist Ihnen vielleicht unangenehm", sagte Boerne und schob ihm sein Glas wieder vor die Nase. "Wenn ich mich recht erinnere, habe ich damals versucht, Sie ... zum Kaffee einzuladen."

Thiel verschluckte sich an dem Wein, nach dem er hastig gegriffen hatte, um etwas zu tun zu haben, und Boerne grinste. "Ich war mir nie ganz sicher, ob sie das überhaupt verstanden hatten. Sie wirkten nicht unbedingt so, als hätten Sie eine besonders schnelle Auffassungsgabe, mit Verlaub."

  "Also bitte!" Das klang jetzt schon eher wieder nach Boerne, und Thiel hatte das Gefühl, wieder Boden unter den Füßen zu haben. "Immerhin wollten Sie was von mir!"

Boerne zuckte mit den Achseln. "Ich war jung und übermütig. Und nicht gerade auf der Suche nach inneren Werten, wenn Sie verstehen, was ich meine."

Vielleicht war es besser, auf dem Thema nicht weiter herumzureiten. "Mir muß überhaupt nix peinlich sein, Sie waren schließlich besoffen und haben sich danebenbenommen. Ich habe bloß nichts gesagt, weil ich mich erst vor ein paar Tagen wieder erinnert habe."

  "Wieso?" fragte Boerne und sah ihn interessiert an.

  "Keine Ahnung", log Thiel. Zum Glück hatte er noch nicht so viel getrunken, daß ihm noch eine halbwegs logische Erklärung einfiel. "Ich hatte immer das Gefühl, daß wir uns von irgendwoher kennen, und dann ist mir das eben plötzlich wieder eingefallen. So was passiert."

  "Mhm", sagte Boerne.

Eine Weile tranken sie nur schweigend, und jeder hing seinen Gedanken nach. Bis Thiel es nicht mehr aushielt. Nachdem sie das Thema jetzt schon einmal angeschnitten hatten, wollte er die ganze Wahrheit wissen.

  "Woran erinnern Sie sich eigentlich noch?"

  "An Lauterbach", sagte Boerne und zog die Augenbrauen zusammen. "Unangenehmer Kerl. Und daß Sie mich verhaftet und zur Wache gefahren haben. Aber im Auto setzt die Erinnerung aus und erst wieder ein, als ich auf dieser - wenn ich mich recht erinnere nicht allzu sauberen - Pritsche in der Zelle wieder aufgewacht bin."

  "Das wissen Sie noch so genau?" Erstaunlich, immerhin war das jetzt schon bald zwanzig Jahre her.

  "War mein erster Filmriß", erklärte Boerne lapidar. "Sowas vergißt man nicht."

  "Und die Erinnerung ist nie wiedergekommen?" fragte Thiel, ohne weiter nachzudenken.  

  "Nein", sagte Boerne fröhlich. "Das sind acht Stunden meines Lebens, die einfach weg sind. Ist vermutlich auch besser so."

Was für ein merkwürdiger Gedanke. Boerne hatte ihn geküßt, und er war der einzige Mensch, der sich daran erinnerte. Ob Boerne öfter -

  "Wieso sehen Sie mich so seltsam an?"

Thiel räusperte sich. Wie sollte er das jetzt bloß ausdrücken? "Ich bin nur ein bißchen überrascht, daß Sie … daß Sie … Kaffee mit Männern trinken."

Boerne hob eine Augenbraue. "Elegant formuliert, Thiel. Äußerst elegant."

Er spürte, wie er rot wurde. "Ach, halten Sie doch die Klappe. Das interessiert mich auch überhaupt nicht."

  "MhmMhm." Boerne hob zur Abwechslung die andere Augenbraue. Vermutlich hatte er das heimlich vor dem Spiegel geübt. "Weil Sie das offensichtlich sehr beschäftigt, kann ich Ihnen zu Ihrer Beruhigung verraten, daß ich meinen Kaffee normalerweise mit Frauen trinke. Von gelegentlichen Ausnahmen abgesehen."

  "Pfff ..." Er griff wieder nach seinem Weinglas. "Das beschäftigt mich überhaupt nicht."

Boerne grinste einfach nur, ließ das Thema aber endlich auf sich beruhen.

  "Was war damals eigentlich der Grund für diese Schlägerei?" Das war zumindest eine Frage, die er ohne unangenehme Nebenwirkungen stellen konnte.

  "Ein Mädchen", sagte Boerne, und Thiel mußte sofort an Michaela denken. Seine alte Kollegin hatte doch immer ein ziemlich gutes Gespür dafür gehabt, wenn irgendwas faul war. "... ich kann mich gar nicht mehr an den Namen erinnern. Jedenfalls hat sie Lauterbach mehr als deutlich zu verstehen gegeben, daß sie kein Interesse an ihm hatte, aber er hat sich taub gestellt."

  "Ah, Sie haben also den Helden in schimmernder Rüstung gegeben?" kommentierte Thiel und grinste in sein Weinglas. Irgendwie paßte das ganz gut.

  "Was hätten Sie denn getan?" fragte Boerne empört. "Der Kerl war wirklich ein Schwein. Ein halbes Jahr später hat ihn eine andere Frau wegen sexueller Belästigung vor Gericht gebracht."

  "Woher kannten Sie den überhaupt?"

  "Aus der ... vom Studium", sagte Boerne knapp. "Wir hatten einen ... Austausch mit einer anderen ... Studentengruppe in Hamburg. Freiwillig hätte ich mit so jemandem keine Zeit verbracht."

Es war mehr als deutlich, daß Boerne ihm etwas verschwieg, aber er war zu müde, um dem noch weiter nachzugehen. Stattdessen schüttelte er den Kopf, als Boerne ihm nachschenken wollte.

  "Lassen Sie mal. Ich hab' schon zu viel." Er sah auf die Uhr. "Wird Zeit fürs Bett."

  "Gerne", antwortete Boerne, und ihm wurde schlagartig heiß. Erst als Boerne zu lachen anfing, wurde ihm klar, daß der andere ihn auf den Arm genommen hatte.

  "Sie werden wirklich schnell rot", kommentierte Boerne, nachdem er sich wieder beruhigt hatte.

  "Das ist nicht lustig!"

  "Jaja ... jetzt seien Sie mal nicht päpstlicher als der Papst." Boerne griff sich Flasche und Gläser und ging Richtung Küche. "Keine Angst, ich lasse Sie wieder zurück in Ihr eigenes Bett."

  "Boerne ..." Thiel seufzte und fuhr sich mit den Händen durchs Gesicht. Irgendwie hatte er ein wenig den Boden unter den Füßen verloren, und außerdem vielleicht doch zu viel getrunken. "Sie wissen doch, daß ich nicht ... also, daß ich nicht deswegen ... also, heute Abend, das war nur ..."

  "Jetzt überstrapazieren Sie Ihre Formulierungsfähigkeiten mal nicht", unterbrach ihn Boerne. "Mir ist schon klar, daß Sie sich ... am Kaffee höchstens die Finger wärmen wollen."

  "Finden Sie nicht, daß Sie diese Metapher jetzt langsam überstrapazieren?"

Boerne drehte sich um und sah ihn erstaunt an, ein mittlerweile ausgespültes Weinglas noch in der Hand.

  "Was ist?" fragte Thiel, der sich langsam unbehaglich zu fühlen begann.

  "Ich bin nur überrascht, daß Sie den Begriff 'Metapher' korrekt verwenden können."

  "Ich bin nicht blöd."

  "Dann wäre ja alles geklärt."

tbc


>> zu Kapitel 6
Tags: f: tatort münster, g: fanfic, g: slash, p: thiel / boerne
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