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Büttenwarder

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Wege

Wege, die sich kreuzen - Kapitel 6

Und jetzt kippen wir in den zweiten Teil dieser Geschichte ... Ihr werdet merken, warum ich gejammert habe, daß ich nie einen zusammenhängenden Roman schreiben könnte ;)

Titel: Wege, die sich kreuzen - Kapitel 6
Beta: joslj - Danke!
Genre: Slash, Krimi, First Time, Drama, h/c und ein wenig Humor
Wortanzahl: 1.945
Zusammenfassung:
Im Laufe des Lebens begegnet man vielen Menschen. Manchen einmal. Manchen mehrmals. Und mit manchen geht man ein Stück des Weges gemeinsam.
Zwei Fälle (wie in einem guten Münsteraner Tatort üblich, hat mindestens einer der Fälle einen direkten Bezug zu einem der Hauptprotagonisten).
Eine Liebesgeschichte. Thiel ist neu in Münster und Boerne hat mehr Leichen im Keller, als man gemeinhin vermuten würde.
Warnungen: Eigentlich nicht. Eher weniger Gewalt als in einem durchschnittlichen Tatort.
Rating: ab 12

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~ KAPITEL 6 ~

Immer diese abstrusen Ideen - Boerne mochte ja meistens sein Geld wert sein, aber seine Theorien konnten einem manchmal den letzten Nerv kosten.

  "Wenn ich es Ihnen doch sage, Thiel! Einmal beherzt zugepackt und unter Wasser gezogen, und zack - noch ein paar Mal gezappelt, und das war's dann."

  "Sie haben zu viele Edgar-Wallace-Filme gesehen", brummte Thiel. "Der Frosch mit der Maske in Münster, oder was."

  "Das ist so simpel, daß es schon an Genialität grenzt", beharrte Boerne. "Bei der geringen Sichtweite im Aasee ist ein Taucher schon einen Meter unter der Wasseroberfläche absolut unsichtbar. Glauben Sie mir, da war jemand mit makabrer Phantasie am Werk!"

  "Und was haben Sie, um diese abenteuerliche Theorie zu untermauern? Eine Druckstelle am Knöchel. Mir gefällt Frau Hallers Theorie deutlich besser: Herzinfarkt und anschließendes Ertrinken. Der Mann war schließlich schon Ende siebzig."

   "Pff ... Sie würden auch einen Herzinfarkt bekommen, wenn Sie nichtsahnend im Aasee schwimmen und Sie plötzlich etwas am Knöchel packt und unter Wasser zerrt!"

  "Boerne! Ich werde in diesem Fall nicht ermitteln, das ist absurd! Es gibt kein Motiv, keine Zeugen, keine vernünftigen Indizien - nur Ihre ausufernde Phantasie!"

  "Sie werden noch sehen, was Sie davon haben, wenn Sie meine Expertise einfach ignorieren, Sie ... Sie ..."

  "Chef? Telefon! Professor Klingelschmidt wegen -"

  "Bin schon da."

Der Rechtsmediziner rauschte beleidigt ab, und Thiel seufzte entnervt. In Momenten wie diesen fragte er sich, warum er überhaupt soviel Zeit auf Gespräche mit Boerne verschwendete. Mörderische Froschmänner in Münster ... daß er nicht lachte.


***  


Nach dem zweiten geheimisvollen Ertrinkungsfall im Aasee lachte er nicht mehr. Boerne war ganz offensichtlich kurz davor, um den Obduktionstisch zu tanzen und "Ich hab's Ihnen ja gesagt" zu singen, als er ihm auch in diesem Fall ein nahezu kreisförmiges Hämatom am Knöchel präsentieren konnte.

Wie sich herausstellte, gab es in diesem Fall auch ein Motiv. Und einen Verdächtigen. Einen Verdächtigen, der seit Jahren seine Urlaube damit verbrachte, in südlichen Gefilden zu tauchen.

Wie sich weiterhin herausstellte, war der erste Tote ein Opfer der schlechten Sichtverhältnisse im Aasee geworden - und der Tatsache, daß er mit einer ähnlichen Badehose wie der Erbonkel des Mörders ins Wasser gegangen war.

  "Das hat man davon, wenn man in dem Alter noch knallgelbe, knappe Badehosen tragen muß", kommentierte Boerne trocken.


***


Nach dem Froschmann-Fall kehrte erst einmal beschauliche Ruhe ein in Münster. Eine gute Gelegenheit, Resturlaub abzubauen und die Aktenführung auf Vordermann zu bringen. Trotzdem hatte er sich fast gefreut, als nach Wochen endlich wieder ein potentiell unnatürlicher Todesfall auf seinem Schreibtisch gelandet war. Allerdings hatte er sich zu früh gefreut, wie sich schnell herausstellen sollte.

  "Wo ist denn Ihr Chef?" fragte er Frau Haller dann doch noch, nachdem sie ihm die Obduktionsergebnisse erläutert hatte. Ein natürlicher Tod, ganz eindeutig. Nur weil die Leiche auf einer Parkbank entdeckt und die Tote erst Anfang fünfzig gewesen war, war es überhaupt zu einer Untersuchung gekommen.

  "Der macht heute länger Mittagspause. Er ist verabredet", erklärte die Rechtsmedizinerin und hob eine Augenbraue, eine Geste, die ihm seltsam vertraut vorkam. Merkwürdig - er hatte Boerne in den letzten Wochen erstaunlich wenig gesehen. Beruflich hatten sie gerade wenig miteinander zu tun gehabt, aber auch zuhause war er ihm nicht über den Weg gelaufen. Kaum. Vorgestern hatten sie sich zufällig bei den Mülltonnen getroffen.

  "Mit wem denn?" fragte er, nur um im nächsten Moment zu denken, daß ihn das ja gar nichts anging. Und auch nicht interessierte. Aber Frau Haller schien sich nicht zu wundern, daß er gefragt hatte.

  "Das hat er nicht verraten." Sie lächelte spöttisch, oder liebevoll, bei den beiden war das nicht immer so ganz klar zu unterscheiden. "Blond und zweifelsohne jung, würde ich aber sagen."

  "Und woher ..." Er sah sie fragend an und versuchte, die leichte Unruhe zu verdrängen, die ihn plötzlich überfallen hatte.

  "Ich bin ja nicht erst seit gestern bei der Rechtsmedizin", erklärte Frau Haller. "Hellblonde, mittellange Haare auf seinem Jackett. Und seit einigen Wochen auffällig jugendliche Kleidung, das kommt ja wohl auch nicht von ungefähr."

Thiel mußte unwillkürlich lächeln. "An Ihnen ist anscheinend eine Kriminalbeamtin verloren gegangen." Frau Haller lächelte zurück, und ihm fiel nicht zum ersten Mal auf, daß er sie eigentlich richtig gerne mochte. Vielleicht sollte er sie bei Gelegenheit fragen, ob sie nicht Lust hatte, etwas mit ihm zu unternehmen. Zum Beispiel gemeinsam zu Mittag zu essen. Wenn Boerne dagewesen wäre, hätten sie die Mittagspause vermutlich zusammen verbracht, aber jetzt hatte er ja nichts vor. Die Frage lag ihm auf der Zunge, als Frau Haller ihm den Obduktionsbericht entgegenstreckte. "Wollen Sie den gleich mitnehmen? Oder soll ich ihn mit der Hauspost schicken?"

Er nahm den Bericht mit, weil er ja schon mal da war - damit war diese Sache dann auch abgeschlossen. Und dachte bei sich, daß man Berufliches und Privates lieber nicht zu sehr vermischen sollte. Es wäre doch mehr als peinlich, wenn sie gar kein Interesse hatte, und anschließend müßten sie weiter zusammenarbeiten.


***


Auf dem Weg zurück machte er Zwischenstation in der Kneipe, in der er vor ein paar Wochen mit Boerne gewesen war. Um ihm ein Bier auszugeben, weil er mit seiner Froschmann-Theorie richtig gelegen hatte. Boerne war ganz schön aufgekratzt gewesen - eigentlich reichlich makaber, wenn man bedachte, daß zwei Menschen eines gewaltsamen Todes gestorben waren. Aber inzwischen hatte er sich an die Begeisterungsfähigkeit seines Kollegen gewöhnt, die sich nicht nur, aber auch auf ungewöhnliche Mordmethoden erstreckte.

Obwohl Boerne ihm erst einen Vortrag über gesunde Ernährung gehalten hatte, nur um anschließend Pommes von seinem Teller zu klauen, war es alles in allem ein netter Abend gewesen.    

Thiel setzte sich an den gleichen Tisch, an dem sie damals gesessen hatten, und bestellte das Chili con Carne von der Mittagskarte. Ob andere Menschen das wohl auch so machten? Er konnte sich bei jedem Restaurant erinnern, wo er das erste Mal gesessen hatte, und wenn möglich, nahm er immer wieder den gleichen Platz. Fast schon zwanghaft, aber zum Glück fiel das nicht besonders auf. Der Tisch war jedenfalls ziemlich optimal, mit dem Rücken zu Wand und Blick in den gesamten Raum. Er nickte dem Kellner zu, der das Geschirr der vorherigen Gäste abräumte, und ließ den Blick durch die Kneipe schweifen.

Trotzdem hörte er Boerne, bevor er ihn sah. Das Lachen war unverkennbar, selbst wenn er Boerne noch gar nicht so oft hatte lachen hören. Er drehte den Kopf in die Richtung, aus der das Geräusch kam - neugierig war er ja doch - und stutzte, als er sah, mit wem Boerne unterwegs war.

Jung stimmte. Und blond auch. Aber Frau Haller hatte wohl kaum das Bild eines schlaksigen Knaben vor Augen gehabt, als sie ihre Schlußfolgerungen gezogen hatte. Der Junge zeigte Boerne etwas, und die beiden steckten die Köpfe über einem Stück Papier zusammen. Ein dunkler und ein heller Haarschopf.  Er konnte nicht verstehen, worüber die zwei redeten, dazu war er zu weit entfernt und das Lokal zu voll und zu laut. Aber als Boerne sich in seinem Stuhl wieder zurücklehnte, sah er einen Gesichtsausdruck, den er so noch nie gesehen hatte.

Thiel griff hastig nach der Karte und versteckte sich dahinter. Er kam sich vor wie in einem schlechten Agentenfilm, aber es wäre wirklich komisch gewesen, wenn Boerne ihn jetzt entdeckt hätte. Das sah ja aus, als ob er ihm nachspionieren würde.

Er sah unauffällig noch einmal zur Seite. Boernes Begleitung wirkte unglaublich jung, kaum älter als Lukas. Hoffentlich war der wenigstens schon über sechzehn. Boerne wirkte fröhlich. Der Junge - "Mann" zu denken, paßte wirklich nicht - auch. Vielleicht war er ja einfach nur spießig und mißgünstig, weil er selbst solo war, und Boerne offenbar jemanden gefunden hatte, der ihn glücklich machte. Er sollte sich lieber für ihn freuen, auch wenn so ein Altersunterschied sicher nicht gerade das Optimale war.

Boerne fuhr dem Jungen durchs Haar, und er verspürte einen leichten Stich. Thiel mußte an Susanne denken und die Zeit, in der sie noch zusammen ausgegangen waren; ein Gedanke, den er schnell wieder beiseiteschob.

Er war heilfroh, daß Boerne kurz darauf zahlte und die beiden das Lokal verließen, ohne ihn zu bemerken. Boerne hatte seine Augen offensichtlich woanders, sonst hätte er ihn sicher nicht übersehen. Das Chili, das ihm im gleichen Moment serviert wurde, ließ er fast unberührt stehen. Irgendwie war ihm jetzt nicht mehr nach essen.


***


In der nächsten Zeit ging er Boerne aus dem Weg. Es fiel ihm schwer so zu tun, als wisse er von nichts, und mit Boerne über diese Liebschaft reden wollte er schon gar nicht. Von wegen nur ausnahmsweise. Als Boerne ihn ein paar Tage später nach einer Pressekonferenz mit Frau Klemm zum Thema "Reorganisation der Zusammenarbeit von Forensik und Polizei" auf ein Glas Wein einlud - Das haben wir uns redlich verdient, Thiel - lehnte er so brüsk ab, daß der Rechtsmediziner ihn überrascht ansah, aber nichts weiter sagte.

  "Ich habe heute Abend schon was vor", schob er hinterher, weil ihm dunkel bewußt war, daß das nicht sehr fair war Boerne gegenüber. Zum Glück fragte der nicht nach, sondern nickte nur.

Thiel bemühte sich um professionelles Verhalten in den nächsten Tagen, aber es gab Momente, in denen schaffte er das einfach nicht.


***
 

  "Wen haben wir denn da?" sagte Boerne, als sie sich morgens bei Verlassen des Hauses zufällig trafen, und im ersten Moment dachte er, Boerne meinte ihn damit. Aber dann folgte er Boernes Blick und sah die Katze, die in dem kleinen Streifen Vorgarten saß und sie aufmerksam beobachtete. Rötlich, aber so hell, daß es fast schon ins Gelbe ging.

Boerne ging in die Knie und streckte die Hand aus, und die Katze machte sich gemessenen Schrittes auf, ging auf ihn zu und blieb genau so weit entfernt stehen, daß sie an der Hand schnuppern konnte.

  "Hübscher kleiner Kerl", sagte Boerne und strich über den Katzenkopf. "Wußten Sie, daß rote Katzen immer Kater sind? Das ist genetisch bedingt, aber Ihnen das erklären zu wollen, würde wohl zu weit führen."

Er antwortete nicht und sah nur zu, wie Boernes Finger durch den hellen, glänzenden Pelz der Katze strichen, die sich inzwischen mit einem zufriedenen kleinen Laut vor ihm auf den Boden hatte fallen lassen.

  "Denken Sie, das ist ein Streuner? Ich glaube ja nicht, er ist gut in Form. Und wirklich eine ausgefallene Farbe, das ist ja fast schon eher blond als rot."

  "Mit Blondschöpfen kennen Sie sich ja aus", sagte er bissig, bevor sein Gehirn registrierte, was er da sagte. Boerne sah ihn überrascht an und dann schnell wieder weg. Für einen Augenblick hatte er das Gefühl, so etwas wie Unbehagen im Gesicht des anderen zu sehen.  

Er räusperte sich verlegen. "Ich muß dann los." Boerne nickte nur, aber er hob den Blick nicht mehr von dem schnurrenden Tier zu seinen Füßen.

Verdammt. Während er auf dem Rad zum Polizeipräsidium strampelte, fragte er sich, ob damit die Katze sprichwörtlich aus dem Sack war.


***


Übers Wochenende machte er eine lange Angeltour mit seinem Vater. Er konnte etwas Abstand gebrauchen. Aber auch auf dem See, weit weg von allem, gingen ihm die Bilder nicht aus dem Kopf. Der Junge, der Boerne anlächelte. Boernes Finger, die durch die langen blonden Haare strichen, eine Geste, die so vertraut gewirkt hatte, daß er sich sicher war, daß das mit den beiden schon länger ging als nur ein paar Wochen.

Irgendwann fiel sogar Herbert auf, daß er mit den Gedanken woanders war, und sein Vater fragte entnervt, was mit ihm los sei. Aber das zu erklären überstieg seine Fähigkeiten. Er wußte nur, daß er ein kaltes, ungutes Gefühl in der Magengegend hatte. Aber ob das Wut war oder Neid oder sonst etwas, konnte er nicht wirklich sagen.

Am Sonntagnachmittag versuchte Boerne ihn anzurufen, aber er nahm nicht ab und stellte anschließend sein Handy aus.

tbc


>> zu Kapitel 7

Comments

:D

Die Froschmann-Idee war so ein spontaner Einfall, als ich nach einem Übergang von Fall eins zu Fall zwei gesucht habe. Und ich muß gestehen, ich bin ganz stolz darauf ...

würde ich es mir an seiner Stelle doch nochmal überlegen
Tja ... ich fürchte, da muß er durch ;)

Edited at 2012-12-19 10:24 pm (UTC)