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Wege, die sich kreuzen - Kapitel 7

Titel: Wege, die sich kreuzen - Kapitel 7
Beta: joslj - Danke!
Genre: Slash, Krimi, First Time, Drama, h/c und ein wenig Humor
Wortanzahl: 2.023
Zusammenfassung:
Im Laufe des Lebens begegnet man vielen Menschen. Manchen einmal. Manchen mehrmals. Und mit manchen geht man ein Stück des Weges gemeinsam.
Zwei Fälle (wie in einem guten Münsteraner Tatort üblich, hat mindestens einer der Fälle einen direkten Bezug zu einem der Hauptprotagonisten).
Eine Liebesgeschichte. Thiel ist neu in Münster und Boerne hat mehr Leichen im Keller, als man gemeinhin vermuten würde.
Warnungen: Eigentlich nicht. Eher weniger Gewalt als in einem durchschnittlichen Tatort.
Rating: ab 12

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~ Kapitel 7 ~

Er sah Boerne erst am Montag Morgen wieder, als er kurz davor war, ins Präsidium aufzubrechen.

Ein kurzes, energisches Klopfen, und Boerne platzte in seine Wohnung, wie es seine Art war. Thiel wollte ihn gerade darauf hinweisen, daß man auch bei einer nicht abgeschlossenen Tür üblicherweise wartete, bis die andere Seite "Herein" gesagt hatte, als Boerne schon loslegte.

  "Ich brauche Ihre Hilfe, Thiel." Boerne deutete auf die beiden Personen, die inzwischen hinter ihm in den Flur getreten war. "Das ist Miriam Harfenschläger, eine alte ... Freundin von mir. Und ihr Mann, Harald Perkun."

Thiels Blick glitt über den Mann, der beunruhigt wirkte, und blieb an der Frau hängen. Nicht wirklich schön, dazu war ihr Gesicht zu kantig und ihre Gesichtszüge zu unregelmäßig. Aber die Augen fielen sofort auf. Ihre langen dunklen Haare waren zu einem Zopf geflochten, in dem sich die ersten silbernen Strähnen zeigten. "Unser Sohn wurde entführt", sagte die Frau ruhig, aber er konnte spüren, daß sich dahinter blanke Panik versteckte. "Und Karl meinte, Sie könnten uns helfen."

  "Ich ..." Für einem Moment wußte er nicht, was er sagen sollte. Die ganze Zeit hatte er damit gerechnet, daß Boerne ihn auf seine Bemerkung zum Thema Blondschöpfe ansprechen würde, und jetzt hatte sich die Lage mit einem Mal völlig geändert. Auch Boerne wirkte besorgt, und er konzentrierte sich auf das Problem, um das es hier ging. "Ich bin eigentlich bei der Mordkommission, und -"

  "Sie haben gedroht, Jonas umzubringen. Wollen Sie vielleicht so lange warten, bis der Fall besser in Ihr Aufgabengebiet paßt!?" unterbrach ihn Boerne heftig.

  "Karl." Die Frau legte eine Hand auf Boernes Arm und sah Thiel an. "Er macht sich Sorgen. Wir machen uns alle Sorgen. Jonas ist am Samstag nicht nach Hause gekommen, und Sonntag früh haben wir eine Lösegeldforderung im Briefkasten gefunden. Mit ...", sie schluckte trocken. "Mit der Drohung, Jonas umzubringen, wenn wir uns an die Polizei wenden. Deshalb habe ich Karl angerufen, und er hat vorgeschlagen, daß wir Sie hier treffen. Falls wir tatsächlich beobachtet werden sollten." Sie lächelte gezwungen. "Aber ich bin mir eigentlich sicher, daß das nur eine leere Drohung ist. Schließlich brauchen sie Jonas, wenn sie an das Geld wollen."  

  "Wir hatten in letzter Zeit öfter Streit", ergänzte ihr Mann. "Er kommt und geht, wie es ihm paßt. Deshalb haben wir uns keine großen Gedanken gemacht, als er Sonntag früh noch nicht wieder da war. Bis ...", er brach ab und sah Thiel mit einem hilflosen Blick an.

  "Gut." Spezialisten für Entführungen mußte er ohenhin erst beim LKA anfordern. Bis dahin konnte er auch selbst tätig werden. "Setzen Sie sich erst mal hin. Und erzählen Sie mir, was passiert ist."


***


  "Das ist das Schreiben", sagte Boerne und legte ein weißes Blatt im Beweismitteltütchen vor ihn. "Professionell gemacht: Standardpapier, 0815 Drucker, keine Fingerabdrücke, keine DNA-Spuren, nichts. Ich habe es gestern schon untersucht." Die Frustration in seiner Stimme war nicht zu überhören. Eine halbe Million Euro - nicht schlecht. Die Eltern sahen gar nicht so wohlhabend aus.

  "Und das ist Jonas", sagte Frau Harfenschläger und legte einen Schnappschuß neben das Erpresserschreiben auf den Tisch. Thiel starrte ungläubig auf das Bild eines schlaksigen Jungen mit langen blonden Locken. Er versuchte einen neutralen Gesichtsausdruck zu bewahren. Ob die Eltern wohl wußten, daß Boerne mit ihrem Sohn ... "Er trägt die Haare inzwischen nicht mehr ganz so lang, aber wir haben kein aktuelleres Foto", murmelte Perkun, und im selben Moment machte es bei Thiel Klick. Eine alte Freundin ... war das Boernes Kind? Das würde einiges erklären, und auch viel besser passen.  

  "Jonas hat von seinem leiblichen Vater vor kurzem eine größere Summe geerbt, und das müssen die Entführer wissen", fuhr Boerne ungeduldig dazwischen. "Das heißt, sie müssen vorher Informationen eingeholt haben, denn sie wissen ziemlich genau, was sie forden können. Also muß es irgendeine Art von Kontakt gegeben haben, und das ist ja wohl etwas, womit Sie etwas anfangen können sollten!"

Von seinem leiblichen Vater? Dann war Boerne das ja wohl doch nicht, und Perkun auch nicht, das bedeutete ... "Wie ist Jonas denn nun mit wem verwandt?"

  "Jonas leiblicher Vater war Hermann Knaup -" fing Miriam an, aber Boerne unterbrach sie. "Thiel ist nicht von hier, das sagt ihm nichts. Also, Knaup ist in Münster kein unbekannter Name, ihm gehörte -"

  "- eines der größten Fuhrunternehmen hier in der Stadt", ergänzte Thiel, ohne mit der Wimper zu zucken. "Man kriegt das ein oder andere mit in meinem Beruf."

Frau Harfenschläger lächelte schwach. "Jetzt halt mal die Klappe, Karl-Friedrich, und laß mich ausreden. Wenn Ihnen Hermann Knaup was sagt, dann wissen Sie auch, daß er ein gutes Stück älter war als ich und verheiratet. Wir waren nie wirklich ein Paar, Jonas ist das Ergebnis einer kurzen Affäre. Aber Hermann hat Jonas als Sohn anerkannt und ihn auch in seinem Testament bedacht." Sie sah zu ihrem Mann. "Harald ist Jonas Vater. Und mit Karl war ich ein paar Jahre zusammen, als Jonas noch klein war, falls Sie das auch noch wissen müssen."

Aus den Augenwinkeln sah Thiel, daß Boerne bei ihren Worten leicht zusammengezuckt war. Irgendwie hatte er den starken Verdacht, daß Boerne das anders ausgedrückt hätte. Das schien für seinen Kollegen auf jeden Fall etwas ganz anderes gewesen zu sein als die Beziehung zu seiner Ex-Frau, über deren Scheitern er freizügig und ohne große Anteilnahme berichtet hatte, als sie sich kaum drei Tage gekannt hatten. Von einer Miriam hatte er nie etwas erzählt.

  "Jonas hat 500.000 Euro geerbt, aber erst Zugriff auf das Geld, wenn er fünfundzwanzig ist." Perkun hatte wieder übernommen. "Bis dahin kommt er nur mit unserer Zustimmung an das Geld. Das ist jetzt natürlich eine andere Sache. Wobei ich nicht weiß, ob uns die Bank soviel Geld überhaupt in bar auszahlen wird ... also, sofort -"

  "Das wird das geringste Problem sein", warf Boerne dazwischen. "Wichtig ist, daß von der Erbschaft eigentlich nur Knaups Familie etwas weiß. Und Jonas Eltern."

  "Und jeder, dem Jonas davon erzählt hat", seufzte Frau Harfenschläger.

  "Aber du hast doch gesagt, ihr habt ihm gesagt, daß er das lieber nicht herumzählen soll?"

Jonas Mutter warf Boerne einen amüsierten Blick zu. "Hat er je gemacht, was man ihm gesagt hat?"

  "Nein."

  "Wußten Sie davon?" fragte Thiel Boerne.

  "Nein", antwortete Jonas Mutter. "Wir haben eigentlich keinen Kontakt mehr. Wir sind auch erst vor einem halben Jahr wieder nach Münster zurückgezogen. Aber weil ich wußte, daß er mit der Polizei zusammenarbeitet, dachte ich, er kann uns vielleicht weiterhelfen."

Nach keinem Kontakt hatte das aber nicht ausgesehen, dachte Thiel, doch er hielt vorsichtshalber den Mund. Das konnte er Boerne auch unter vier Augen fragen.

  "Ich habe natürlich mitbekommen, daß Knaup gestorben ist", ergänzte Boerne. "Und mir gedacht, daß er Jonas vielleicht etwas vererbt hat."
 
Und Boerne konnte lügen ohne rot zu werden. Wobei das jetzt wirklich zweitrangig war. Die Entführer hatten eine telefonische Kontaktaufnahme angekündigt, und als erstes mußte er den Festnetzanschluß und die Handys der Eltern überwachen lassen. Er ließ sich die Namen und Adressen von Jonas engsten Freunden geben, die vielleicht wissen würden, wo genau und mit wem er Samstag Nacht unterwegs gewesen war, und schickte Jonas Eltern dann nach Hause.

  "Mein Kollegin wird in zivil und alleine bei Ihnen vorbeikommen. Nadeshda Krusenstern. Ihr können Sie alles erzählen, was Ihnen sonst noch einfällt."

  "Und Sie?" fragte Boerne.

  "Ich kümmere mich um die Telefonüberwachung und fordere Unterstützung beim LKA an."

  "Aber sollten Sie nicht längstens unterwegs sein und alle befragen, die möglicherweise Zeugen dieser -"

  "Boerne." Eigentlich wollte er das vor den Eltern lieber gar nicht so deutlich sagen, aber Boerne schien seinen gesunden Menschenverstand heute zuhause gelassen haben. "Die Täter sollten besser nicht erfahren, daß Jonas Eltern die Polizei eingeschaltet haben. Da kann ich ja wohl kaum losstürmen und überall die Pferde scheu machen. Und Sie auch nicht!" ergänzte er, als er Boernes Blick sah.

Jonas Mutter, die bisher ziemlich gefaßt gewirkt hatte - vielleicht, weil endlich etwas passierte - schien jetzt doch langsam nervös zu werden. "Am Ende haben sie schon versucht anzurufen. Laß uns los, Harald." Ihr Mann nickte, und Thiel brachte die beiden zur Tür.

  "Wir tun, was wir können", sagte er im Flur. Das war zwar nur eine Floskel, aber er hatte das Bedürfnis, etwas Beruhigendes zu sagen. Jonas Mutter lächelte schwach und strich sich mit einer zittrigen Hand eine Haarsträhne hinters Ohr. "Karl sagt, Sie sind der Beste. Also, genaugenommen hat er gesagt, für einen Kriminalbeamten ist er erstaunlich intelligent, aber ich weiß, was das übersetzt heißt."

Thiel nickte nur stumm, weil ihm darauf nichts einfiel. "Frau Krusenstern ist in einer halben Stunde bei Ihnen."


***


Er hatte kurz Nadeshda Bescheid gegeben, einen Eilantrag auf Überwachung der Telekommunikation der Anschlüsse Harfenschläger und Perkun gestellt und war zwanzig Minuten später auf dem Weg ins Büro. Mit Boerne im Schlepptau, der so entschlossen wirkte, daß er keine Energie darauf verschwendete, ihn abzuschütteln.

  "Sie haben also keinen Kontakt mehr zu dem Jungen."

  "Nein", antwortete Boerne knapp.

Thiel schüttelte den Kopf und seufzte.

  "Was ist?" Sein Nachbar klang reichlich irritiert, aber keineswegs schuldbewußt.

  "Lügen Sie mir eigentlich regelmäßig direkt ins Gesicht?"

  "Wie bitte? Ich weiß gar nicht, worauf -"

  "Ich habe Sie vor ein paar Tagen mit dem Jungen im Klabautermann gesehen."

  "Oh."

  "Genau."

Boerne zuckte mit den Schultern. "Warum fragen Sie denn dann so dumm?"

  "Warum die Geheimniskrämerei?"

  "Wir hatten keinen Kontakt mehr. Das mit der Trennung ist schon fast zehn Jahre her." Boerne sah aus dem Fenster. "Jonas hat mich vor ein paar Wochen angerufen, nachdem sie wieder zurück nach Münster gezogen sind. Miriam und sein ... Stiefvater, die wissen davon nichts. Und ich hatte ihm versprochen, das nicht weiterzuerzählen."

  "Warum?"

 "Er streitet sich wohl gerade ziemlich viel mit seinen Eltern. Sie wissen ja, wie das ist in dem Alter."  

  "Mhm." Boerne war anders als sonst. Er suchte eine Weile nach dem richtigen Begriff. Verschlossen. Sonst sprudelte meistens alles nur so aus ihm heraus, aber heute mußte er ihm die Sätze einzeln aus der Nase ziehen. Es war mehr als deutlich, daß er nicht reden wollte. Nicht über Miriam, und nicht über Jonas. Trotzdem war es wichtig, daß er alles erfuhr, was für den Fall von Bedeutung sein konnte. "Was meinen Sie, wem er von dem Geld erzählt haben könnte?"

Boerne zuckte mit den Schultern.

  "Hat er Ihnen davon erzählt?"

  "Ja."

  "Warum?"

  "Er ... will Musiker werden." Boerne warf ihm ein unsicheres Lächeln zu. "Miriam ist natürlich der Meinung, daß er erst etwas Vernünftiges lernen soll. Er würde das Geld am liebsten jetzt schon benutzen, um professionelle Demos mit seiner Band zu machen, seine Eltern finden, er soll erst einmal sehen, ob das überhaupt Zukunft hat mit der Musik. Da haben sie natürlich völlig recht, aber mit achtzehn sieht man das eben alles ganz anders ..."

  "Hat er denn Talent?" fragte Thiel, und Boerne nickte. "Aber Talent heißt noch lange nicht, daß man davon auch leben kann."

  "Haben Sie jemandem davon erzählt, daß er eine Erbschaft gemacht hat?" Ihm war gerade eingefallen, daß Boerne selbst ja auch nicht gerade ein Muster an Verschwiegenheit war.

  "Wem sollte ich das denn erzählen, und warum?"

...

  "Wieso haben Sie eigentlich nicht hallo gesagt, wenn Sie mich im Klabautermann gesehen haben? Haben Sie mich etwa beschattet?"

Thiel erinnerte sich nur mit Unbehagen an die Szene und an das ungute Gefühl, daß er dabei gehabt hatte. "Quatsch. Ich war da in meiner Mittagspause, und ich wollte ... ich wollte Sie nicht ... also nicht stören."

  "Nicht stören?" Boerne sah ihn verständnislos an.

  "Ja ... ich dachte, Sie wollten vielleicht alleine ..." Verdammt. Er war gerade dabei, die Sache noch schlimmer zu machen. Als er vorsichtig zur Seite schielte, sah er, daß Boerne ihn immer noch fixierte. Und daß ihm langsam etwas zu dämmern schien.

  "Was um Himmels Willen haben Sie denn gedacht?"

  "Ich ... ähm ..." Seine Idee kam ihm jetzt unsagbar blöd vor.

  "Thiel ... das ist ja wohl nicht ihr Ernst. Jonas ist gerade mal achtzehn."

  "Na und ... sowas soll's ja schließlich geben", murmelte er verlegen. Boerne schüttelte den Kopf. So entgeistert hatte Thiel ihn noch nie gesehen. Er fühlte sich trotzdem ein klein wenig besser, weil dieser Schlagabtausch den anderen etwas aus seiner ernsthaften Stimmung herausgerissen hatte.

tbc


>> zu Kapitel 8
Tags: f: tatort münster, g: fanfic, g: slash, p: thiel / boerne
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