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Wege, die sich kreuzen - Kapitel 9

Titel: Wege, die sich kreuzen - Kapitel 9
Beta: joslj - Danke!
Genre: Slash, Krimi, First Time, Drama, h/c und ein wenig Humor
Wortanzahl: 1.712
Zusammenfassung:
Im Laufe des Lebens begegnet man vielen Menschen. Manchen einmal. Manchen mehrmals. Und mit manchen geht man ein Stück des Weges gemeinsam.
Zwei Fälle (wie in einem guten Münsteraner Tatort üblich, hat mindestens einer der Fälle einen direkten Bezug zu einem der Hauptprotagonisten).
Eine Liebesgeschichte. Thiel ist neu in Münster und Boerne hat mehr Leichen im Keller, als man gemeinhin vermuten würde.
Warnungen: Eigentlich nicht. Eher weniger Gewalt als in einem durchschnittlichen Tatort.
Rating: ab 12

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~ Kapitel 9 ~

Thiel hatte schlecht geschlafen. Mordfälle waren schlimm genug, aber das ... ein Opfer, das noch lebte, dessen Zukunft aber ungewiß war ... das war auf gewisse Art und Weise belastender als seine anderen Fälle. Obwohl er in seiner Laufbahn bis jetzt noch keine Entführung bearbeitet hatte, kannte er aus Aus- und Fortbildungen natürlich einige Beispiele. Profis gingen selten das Risiko ein, ihr Opfer überleben zu lassen. Und Dilettanten ... er wollte lieber nicht an die Entführungsfälle denken, bei denen das Opfer qualvoll gestorben war, weil ein ausgetüfteltes Versteck nicht so funktionierte, wie es sollte.

Es war viel zu leicht, sich vorzustellen, wie es Jonas Eltern gehen mußte. Gefährlich leicht, denn Mitgefühl half ihnen nicht weiter, es war wichtiger, daß er einen klaren Kopf behielt. In solchen Momenten beneidete er die Staatsanwältin, die absolut sachlich bleiben konnte. Nach außen wenigstens, wer wußte schon, ob sie vielleicht auch nachts wach lag und an den Jungen dachte, der kaum mehr als ein Kind war.

Frau Klemm und Boerne waren sich normalerweise ziemlich ähnlich darin, in einem Fall nur das Rätsel zu sehen, das gelöst werden mußte. Und das Potential für Ruhm und Ehre, ergänzte eine boshafte Stimme in ihm. Aber dieser Fall war anders. Sein Magen krampfte sich zusammen, als das Bild von Boerne im Sektionssaal vor seinem inneren Auge auftauchte. Wenn er nicht Boernes wozu vom Abend zuvor im Ohr gehabt hätte, hätte er in der Nachbarwohnung vorbeigeschaut, um sicherzustellen, daß es dem anderen wieder besser ging. Obwohl er gleichzeitig Angst davor hatte, daß es ihm nicht besser ging. Es war nicht nur Mitleid, was es ihm schwer machte, Boerne so zu sehen. Es war das Gefühl, daß etwas elementar ... falsch war. Fremd. Außerdem hatte ihn Boerne gestern viel zu sehr an den Jungen erinnert, den er seinerzeit verhaftet hatte, und der auch merkwürdig schutzlos gewesen war. Verletzlich auf eine Art und Weise, wie Erwachsene das nicht mehr waren.

Und als wäre das alleine noch nicht schlimm genug, fehlte ihm auch heute morgen noch die Antwort auf Boernes wozu. Er hatte das überwältigende Bedürfnis gespürt, etwas zu tun. Und Boerne nicht alleine zu lassen. Aber was hätte er schon tun können? Und warum war es so wichtig, daß er etwas tat?

Thiel starrte an die Wand, deren Farbe sich im ersten Morgenlicht langsam von grau in ein fröhliches Gelb wandelte. Das war Nadeshdas Idee gewesen, die ihm vor einem halben Jahr beim Renovieren geholfen hatte. Seine Versetzung nach Münster war so plötzlich gekommen, daß er am Anfang dazu keine Zeit gefunden hatte. Er hatte es nicht übers Herz gebracht ihr zu erklären, daß Weiß für ihn eine völlig zufriedenstellende Wandfarbe war. Jetzt mußte er mit einem sonnenblumengelben Schlafzimmer leben. Und mit einer lindgrünen Küche, einem orangeroten Wohnzimmer und einem blauen Flur. Wenigstens hatte Nadeshda jeweils nur eine Wand farbig gepinselt, weil das ihrer Meinung nach der letzte Schrei in der Innenarchitektur war. Boerne war aus dem Lachen gar nicht mehr herausgekommen, als er das Ergebnis ihrer Streichaktion gesehen hatte. Zum Glück war Nadeshda da schon weg gewesen. Das war einer der wenigen Momente gewesen, in denen er Boerne wirklich hatte lachen sehen. Sie hatten anschließend eine Flasche Wein geleert auf seine neue Innenraumgestaltung à la Mondrian. Es war ein schöner Abend gewesen.

Die meisten schönen Abende in Münster hatte er mit Boerne verbracht.

Komisch, daß ihm das noch nie so aufgefallen war.


***


Am Vormittag des nächsten Tages machten sie endlich Fortschritte bei der Überprüfung der Personen im Umfeld des Entführungsopfers. Nadeshda hatte festgestellt, daß der ältere Halbbruder des Bassisten von Jonas Band während seines Studiums als Postzusteller gejobbt hatte. Inzwischen hatte er seine erste Stelle als junior manager bei einer örtlichen Bank angetreten und wirkte, zumindest auf den ersten Blick, ausgesprochen seriös. Meinte Nadeshda.

Aber Thiel hatte das Gefühl, daß an der Sache etwas dran sein könnte. Es dauerte eine Weile, bis ihm einfiel, wieso. Aber dann, während er gerade den Kaffeeautomaten auf dem Flur bearbeitete, um wenigstens sein Münzgeld wiederzubekommen, wenn schon keinen Kaffee, fiel im plötzlich die Aussage  von Jonas bester Freundin ein. So ein Typ im Anzug hat ihm zugewinkt. Sah nach BWLer aus. Aber dann ist mein Freund gekommen, und ich habe Jonas aus den Augen verloren. Wir haben uns ja nur zufällig getroffen und waren gar nicht verabredet. Deshalb hab' ich mir auch keine Gedanken gemacht, daß er plötzlich weg war. Ich dachte, er hat eben jemanden getroffen.

Die vorsichtigen Nachforschungen in Jonas engstem Freundeskreis waren ein Risiko gewesen, das Rödermark eigentlich nicht hatte eingehen wollen. Aber andernfalls wären ihnen völlig die Hände gebunden gewesen, deshalb hatten sie mit Hilfe von Jonas Eltern diejenigen herausgesucht, bei denen einen Beteiligung an der Tat wenn schon nicht völlig unmöglich, so doch äußerst unwahrscheinlich war.

Im Vorfeld hatte es ausgesprochen unschöne Diskussionen darüber gegeben, ob Jonas die Entführung vielleicht selbst vortäuschte - eine Theorie, die Rödermark eine Zeitlang verfolgt hatte, nachdem er erfahren hatte, daß Jonas erst in sieben Jahren selbst über sein Erbe verfügen konnte. Das war der hauptsächliche Grund für die Differenzen zwischen Boerne und Rödermark. Nachdem Jonas Finger bei seinen Eltern eingetroffen war, hatte jedoch selbst Rödermark einsehen müssen, daß ein solches Opfer für jemanden, der als Gitarrist berühmt werden wollte, eine Nummer zu groß war. Selbst für eine halbe Million.

Jedenfalls - der BWLer. Er ging zurück ins Büro, wo Nadeshda gerade ihren Bericht fertigstellte.

  "Haben wir ein Bild von dem Bankfuzzi?"

  "Ferdinand Fadenkrämer?"

  "Mit dem Namen würde ich auch zum Verbrecher", brummte Thiel.

  "Also bisher hat er nur sein Studium mit harter Arbeit selbst finanziert", erinnerte ihn Nadeshda.

  "Ja, aber Juliane Weber hat an dem Abend, an dem Jonas entführt wurde, einen Typen im Anzug, Typ BWLer gesehen, der ihm zugewinkt hat." Er suchte ihre Ausage heraus und zeigte sie Nadeshda. "Ich will ihr ein Foto zeigen und sehen, ob das dieser Fadenkrämer war."


***


Am Nachmittag hatte Juliane Weber Ferdinand Fadenkrämer als denjenigen identifiziert, der Jonas kurz vor seinem Verschwinden zugewinkt hatte.

Zeitgleich hatten Nadeshdas Nachforschungen zutage gefördert, daß Fadenkrämer sich vor einigen Monaten beträchtlich verschuldet hatte, als er seinen nagelneuen BMW gegen einen Betonpfeiler gesetzt hatte. Selbstverschulden, Teilkaskoversicherung und erst zwei Raten abbezahlt.

Zwei Stunden später hatte er bei Frau Klemm die Erlaubnis eingeholt, Fadenkrämers Telefonanschlüsse überwachen zu dürfen, und zwei seiner besten Männer -  Nadeshda und Meier II - für eine zurückhaltende Observierung abgestellt.

  "Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie wichtig es ist, daß Fadenkrämer nichts bemerkt. Das hat oberste Priorität. Lieber verlieren sie ihn, als daß er Verdacht schöpft."

Nadeshda hatte nur genickt. Sie war ein Naturtalent, wenn es darum ging, unbemerkt im Hintergrund zu bleiben. Sie hatte noch nie eine Observierung in den Sand gesetzt, und er hatte vollstes Vertrauen in sie.   


***


Am Abend hatte die Staatsanwältin ihn zu einer Besprechung einbestellt, zu der sie zu seiner Überraschung und Rödermarks Verärgerung auch Boerne eingeladen hatte.

Er berichtete kurz über den Stand in der Sache Ferdinand Fadenkrämer. Boerne wirkte zu seiner Erleichterung wieder relativ normal. Still und blaß, aber konzentriert und sachlich.

Rödermark erklärte, daß das Bargeld inzwischen aufgebracht sei. Was die Geldübergabe betraf, so hatten die Entführer genaue Vorgaben gemacht.

  "Und wer soll das Geld übergeben?" fragte Thiel.

  "Die Mutter", antwortete Rödermark. "Sie gehen wohl davon aus, daß sie kein Risiko eingehen wird, um das Leben ihres Sohnes nicht zu gefährden."

  "Schafft sie das, Boerne? Sie kennen die Frau doch gut", fragte die Staatsanwältin. "Ich will mir die Schlagzeilen gar nicht vorstellen, wenn da was schief geht. Polizei verpatzt Lösegeldübergabe. Mutter und Sohn tot."

Von daher wehte also der Wind. Und er hatte schon gedacht, die Staatsanwältin sei von plötzlicher Anteilnahme für Boernes Gefühle übermannt worden.

  "Ich habe sie gekannt. Das ist gute zehn Jahre her." Boerne warf Frau Klemm einen eisigen Blick zu.

  "Menschen verändern sich nicht wirklich", antwortete die Staatsanwältin gelassen. "Also, was denken Sie, Herr Professor?"

Es dauert eine Weile, bis sie eine Antwort bekam. "Miriam wird die Nerven nicht verlieren", sagte Boerne leise. "Ich kenne kaum jemanden, der in Krisensituationen so ruhig bleibt."


***


Er erwischte Boerne gerade noch, bevor er das Präsidium wieder verließ.

  "Boerne!" Er hastete die Treppe hinunter. "Warten Sie! Ich wollte noch ..."

Als er endlich vor dem anderen stand und der ihn ungeduldig ansah, vergaß er fast, was er hatte sagen wollen.

  "Was denn?" fragte Boerne.

  "Geht es Ihnen wieder besser?"

  "Das sehen Sie doch", antwortete Boerne abweisend. "Halten Sie mich nur deshalb auf?"

Er verstand nicht ganz, was plötzlich mit Boerne los war. Er hatte ihm doch nichts getan. Nur zugehört. Vielleicht war es ihm jetzt unangenehm, daß er ihn in dem Zustand gesehen hatte?

  "Ich habe mir nur Sorgen gemacht", schob er hinterher und kam sich langsam ein bißchen blöd vor. Man mußte sich keine Sorgen um Boerne machen. Was hatte er sich da bloß gedacht?

Aber Boerne sagte nur, "ich weiß", und statt der Feindseligkeit von eben sah Thiel in seinem Blick plötzlich etwas, was er bei dem anderen so offen noch nie gesehen hatte.

  "Morgen um diese Zeit haben wir den Jungen wieder frei." Er versuchte, so zuversichtlich wie möglich zu klingen. Boerne nickte nur stumm und starrte auf den Boden, und er hätte beinahe etwas unsäglich Dummes getan, wenn nicht in diesem Moment die Staatsanwältin die Treppe heruntergekommen wäre.

  "Ist noch was?" fragte Frau Klemm hinter ihm. Boerne hob den Kopf, und die Angst, die eben noch da gewesen war, war aus seinen Augen verschwunden. "Nein", hörte er sich selbst sagen. "Alles in Ordnung." Seine Stimme klang ganz normal. Boerne nickte kurz und warf Frau Klemm einen Blick zu. "Wir sehen uns morgen."

  "Denken Sie, es ist eine gute Idee, ihn bei der Lösegeldübergabe dabei zu haben, Thiel?" fragte ihn die Staatsanwältin, als Boerne aus der Tür war. Eine berechtigte Frage, sicherlich. Aber ihn beunruhigte gerade eine andere Frage viel mehr. Hätte er Boerne wirklich umarmt, wenn Frau Klemm nicht gerade noch rechtzeitig aufgetaucht wäre?

  "Ich glaube, Frau Harfenschläger ist ruhiger, wenn er dabei ist." Das war das erste, was ihm einfiel. Er konnte ja schlecht sagen, daß er es nicht übers Herz brachte, Boerne außen vor zu lassen. Nicht in diesem Fall. Wenn sie ihn gestern Abend gesehen hätte, würde sie das verstehen.

Die Staatsanwältin wirkte nicht gerade überzeugt. Aber schließlich sagte sie nur "Ich hoffe, Sie wissen, was Sie tun", und ging.


tbc


>> zu Kapitel 10
Tags: f: tatort münster, g: fanfic, g: slash, p: thiel / boerne
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