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Rec: Mehr als zwei Wege, einen Pullover auszuziehen (von CaraMelodi)

Im Urlaub bin ich endlich dazu gekommen - geschrieben für den Monat des deutschsprachigen Fandoms auf deutsch_fandom und für recdich

Titel der Geschichte: Mehr als zwei Wege, einen Pullover auszuziehen
Autorin: cara_melodi
Link: Mehr als zwei Wege ... auf lj
Fandom: Tatort Münster
Hauptpersonen: Thiel/Boerne
Länge: mittel (~ 8.300 Wörter)
Warnungen: Spoieler zu "Zwischen den Ohren"
Genre / Einstufungen: Slash
Zusammenfassung/Teaser:
Caras Geschichte spielt nach "Zwischen den Ohren" und knüpft an die Frage an, was das Ausziehen eines Pullovers über das Geschlecht der Person aussagt, die den Pullover auszieht. Die Geschichte ist tatsächlich eine Szenensammlung ohne vordergründig durchgehende Handlung. Aber natürlich gibt es doch eine Handlung, es gibt, wenn man genauer hinsieht, sogar mehrere Handlungsstränge, die immer wieder ineinandergreifen und die allesamt um das Thema (soziales) Geschlecht kreisen. Und das klingt jetzt furchtbar theoretisch und gar nicht unterhaltsam, aber das stimmt nicht. Die Geschichte ist extrem elegant aufgebaut und sehr unterhaltsam. Weil sie einem das Thema nämlich gerade nicht um die Ohren haut, sondern es im Hintergrund unaufdringlich mitschwingen läßt. Einer der Hauptunterschiede - in meiner Sicht - zwischen Literatur, die bedeutsam sein will, und Literatur, die bedeutsam ist.
Caras Beschreibungen sind unglaublich genau und anschaulich und vermitteln sehr viel Stimmung. Alleine schon der Einstieg mit Thiel vor dem Fernseher - diese leichte Trostlosigkeit, die sich auf die Leserin überträgt, während man ihm dabei zusieht, wie er einsam vor dem Fernseher Tortellini aus dem Kochtopf ißt. Dazwischen eine leicht absurde und humoristische Note mit der Tierdoku, die das Thema des Textes schon vorwegnimmt. Nichts ist in diesem Text überflüssig, alles hat seinen Platz. Und ein Happy End gibt es zum Glück auch noch.

Warum man die Geschichte lesen sollte?
Weil sie wirklich etwas besonderes ist. Es gibt viele Fanfiction-Autorinnen, die gut schreiben, so daß nicht nur der Inhalt, sondern auch die Form ein Genuß ist. Bei CaraMelodi würde ich noch weiter gehen, ihre Geschichten gefallen mir besser als so manches, was von Verlagen verlegt und als Literatur anerkannt ist. Ich bin mir ziemlich sicher, daß ich das auch so einschätzen würde, wenn es keine Thiel/Boerne-Geschichte wäre ;)
Es fällt mir schwer, das besondere dieser Geschichte zu greifen. Vielleicht ist es die Tatsache, daß sich so viele Ideen darin verstecken und sich so viele Anknüpfungspunkte ergeben. Nicht alles erschließt sich sofort in seiner Gänze beim ersten Lesen, und das finde ich besonders reizvoll. Ich habe die Geschichte in den letzten Jahren einige Male gelesen, und sie langweilt mich nie.

Leseprobe:

Die Treppenstufen vor dem anatomischen Institut waren warm. Sie hatten die Sonnenwärme des Morgens gespeichert, die nun langsam durch den Stoff von Thiels Jeanshose in seinen Körper sickerte. Während er wartete, beobachtete er ein paar Eidechsen, die es ihm gleichtaten: sie lagen auf den steinernen Stufen und freuten sich am schönen Wetter.

Dann veränderte sich etwas. Die Türen des Gebäudes schwangen auf, Menschen kamen heraus. Studenten, manche in kleinen Gruppen, manche alleine, in der Hand einen Stapel Bücher oder einen Becher mit Kaffee. Lautes Stimmengeschwirr lag in der Luft. Auf der Wiese gegenüber dem Gebäude wurden Decken ausgebreitet, einige der jungen Leute setzten sich auch einfach so ins Gras. Gelächter drang zu Thiel herüber. Die Eidechsen krochen zurück in die Mauerritzen.

Der Vormittag war kühl gewesen, aber jetzt strahlte die warme Mittagssonne am Himmel. Wer eine dünne Jacke über seinem Hemd trug, zog sie aus. Schlappen und unbequeme Sandalen landeten im Gras, auf der Wiese konnte man barfuß laufen. Vorne an der Mauer saß eine Gruppe junger Frauen, von denen eine sich sogar das T-Shirt über den Kopf zog - nein, es war ein Mann, er griff mit beiden Armen in den Nacken und zerrte das Shirt nach vorne über den Kopf, dann warf er es zu seiner Tasche, die noch auf der Mauer lag. Lachend schloss er sich einer Gruppe von Frisbeespielern an. Thiel beobachtete das bunte Treiben einen Moment. Er fühlte sich unwohl und fehl am Platz, wie ein Mehlsack zwischen quirligen Mäusen.

„Na, Thiel? Leben Sie Ihre voyeuristische, dunkle Seite jetzt bei der Beobachtung von Campusschönheiten aus?“

Thiel sah auf. „Sehr witzig, Boerne.“

„Sie wissen doch, jung sein ist schön, alt sein bequem. Wollen Sie nicht aufstehen? Und dann könnten Sie mir endlich verraten, wohin Sie mich entführen wollen. Sie sind in letzter Zeit auffallend anhänglich - haben die warmen Temperaturen etwa Frühlingsgefühle bei Ihnen ausgelöst?“

Thiel hörte ihm nicht zu. In eben diesem Moment war eine der Studentinnen dabei, den Pullover auszuziehen, die sie über ihrem langärmeligen Hemd trug. Auf die weibliche Art, die Arme in einem umständlichen Knoten vor der Brust gekreuzt. Es stimmte. Es stimmte wirklich.

„Thiel?“ Boerne beugte sich leicht zu ihm herab und beschattete die Augen mit der Hand, um seinem Blick zu folgen. „Wen starren Sie denn die ganze Zeit an?“

„Studentinnen“, murmelte Thiel.

„Also doch.“

„Und Studenten.“ Er stand auf. „Können wir?“

„Ich wusste ja nicht, dass Sie so … vielfältig interessiert sind.“ Boernes Blick wanderte von seinen frisbeespielenden Studenten zu Thiel und er sah ihn mit gerunzelter Stirn und einer Spur von Neugier an. Dann hob er die Schultern. „Aber gerne. Ganz wie Sie möchten, Thiel.“


Tags: f: tatort münster, g: recs
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