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BT_Wandern

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Büttenwarder

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Unausgesprochen

Sommer(challenge): Tabelle situative Tropes Stimmungen: Joker (Ungesagt vom 24.5.2013) - für mich
Rating: P 12
Genre: Pre-Slash / Slash
Bezug: Fortsetzung zu "Original und Fälschung"
Länge: ~ 1.000 Wörter
Zeit: Keine Ahnung, ich habe an dem Text so oft umgeschrieben, daß ich den Überblick verloren habe :(
A/N: Und wieder ist es nicht das geworden, was es werden sollte.


***


Er hatte nie daran gedacht, daß es Boerne vor ihm treffen könnte. Thiel wischte sich müde über die Augen.  Alles lag noch so da als wäre Boerne nur gerade nebenan, im Bad oder in der Küche. Am liebsten hätte er nichts verändert, aber er hatte versprochen zu helfen. Seufzend zog er die Nachttischschublade auf. Irgendwo mußte er ja anfangen.

Womit er nicht gerechnet hatte, war das Bild.

Einige Sekunden lang zweifelte er an seiner Wahrnehmung - das konnte nicht sein, er wußte doch ganz genau, wo dieses Bild war. Seit fünfzehn Jahren steckte es in dem gleichen Buch an der gleichen Ecke seines Bücherregals - wie sollte das plötzlich hierher gekommen sein, in Boernes Wohnung? Bis ihm einfiel, wie bescheuert dieser Gedanke war. Das war gar nicht sein Abzug. Das war Boernes Abzug. Er starrte immer noch fassungslos auf das vertraute Motiv. Sie beide, jünger als er sich erinnern konnte je gewesen zu sein. Sein Kopf an Boernes Schulter. Er fand immer noch, daß er im Schlaf ziemlich dämlich aussah. Und Boerne ... Thiel schluckte. Die ganzen Jahre hatte er es vermieden darüber nachzudenken, warum er das Bild aufgehoben hatte. Aber das hieß nicht, daß er es nicht wußte. Und Boerne hatte das gleiche getan, und sie hatten die Zeit einfach verstreichen lassen, ohne je -

Bis auf den Moment vor acht Jahren, bei seiner Abschiedsfeier in Münster, als Boerne Kommen Sie jederzeit vorbei gesagt hatte. Wenn Sie Heimweh nach Münster haben. Und den Moment vor drei Jahren, als er Boerne erzählt hatte, daß er sich wieder zurückversetzen lassen würde. Anscheinend hänge ich doch zu sehr an Münster. Sie waren keine Nachbarn mehr gewesen, und seit Boerne hauptamtlich an die Uni gewechselt war und nur noch gelegentlich als Experte zu schwierigen Fällen gezogen wurde, auch nur noch sehr selten Kollegen. Weniger gesehen hatten sie sich trotzdem nicht. Eher im Gegenteil. Noch am Abend, bevor ... bevor das passiert war, hatten sie zusammen gekocht. Bei ihm, obwohl Boerne immer über die Ausstattung seiner Küche zu murren hatte. Als Boerne gehen wollte, hatte er ihm seine Hand gereicht, um ihm vom Sofa hochzuhelfen, und Boerne hatte gewitzelt, daß er weder so alt noch so betrunken war, daß er dafür Hilfe brauchte. Aber er hatte sich trotzdem helfen lassen und für einen Moment hatten sie beide das Gleichgewicht verloren und sich aneinander festgehalten. Bei der Erinnerung an diesen Moment und an den nächsten Tag krampfte sich sein Magen schmerzhaft zusammen. Wieso war ihm das zu dem Zeitpunkt nicht klar geworden? Weil es kein ungewöhnlicher Moment war, flüsterte eine leise Stimme in ihm, die er viel zu lange ignoriert hatte. Weil es nur einer von unzähligen Momenten gewesen war. Momente, in denen sie zu nah gewesen waren. In denen eine Berührung einige Sekunden zu lang gedauert hatte.

Unausgesprochen war das immer da gewesen.

Und jetzt? Er legte das Bild zurück auf das Buch, das er aus Boernes Nachttisch gefischt hatte. Vielleicht sollte er sich erst einmal um die praktischen Dinge kümmern. Suchend sah er sich in dem Zimmer um. Schlafanzug, Kleidung zum Wechseln, das Buch, das er gerade las - ein kurzer Blick auf Bettys Liste - anscheinend hatte er alles, was Boerne die nächsten Tage brauchen würde. Thiel war froh, daß er wenigstens das tun konnte. Auf der Intensivstation hatte er ihn  nicht besuchen dürfen. Zum Glück hatte sich Betty um alles gekümmert. Stattdessen hatte er die Pflanzen in Boernes Wohnung gegossen, die Fische gefüttert, und gewartet. Sie wohnten zwar nicht mehr nebeneinander, aber als er wieder nach Münster gezogen war, hatte er aus alter Gewohnheit seinen Ersatzschlüssel bei Boerne deponiert und umgekehrt.

Angina Pectoris. Thiel schluckte. So hatte es bei seinem Vater auch angefangen.


***


Vor dem Zimmer zögerte er kurz und klopfte dann leise an, bevor er öffnete.

O.K.

Boerne mochte blaß und schmal aussehen in diesem Krankenbett. Aber er klang ganz genauso wie immer, als er sich über die Inkompetenz des ärztlichen Personals, die Qualität des Krankenhausessens, den ausgesprochen ungünstigen Zeitpunkt dieses Herzanfalls und die Auswahl der Kleidungsstücke beschwerte, die er ihm eingepackt hatte. Denken Sie wirklich, ich bleibe hier noch zwei Wochen? Thiel konzentrierte sich darauf, die Sachen in den spindartigen Schrank zu räumen, und atmete tief durch. Er wußte, daß Boerne Angst hatte. Wenigstens das hatte er in den letzten zwanzig Jahren gelernt - je mehr Boerne redete, desto schlechter ging es ihm. Oder er war betrunken. Aber die Möglichkeit konnte man momentan wohl ausschließen.

Haben Sie die Fähigkeit zu sprechen verloren? Sie - Er drehte sich so abrupt um, daß Boerne verstummte und ihn ein wenig erschrocken ansah. Aber vielleicht bildete er sich das auch nur ein. Und dann sah er hinunter, auf seine Hände, und legte das Buch, das er die letzten Sekunden festgehalten hatte, auf den Nachttisch des Krankenhausbettes. Und obenauf das Foto. Boernes Blick huschte zu dem Bild und direkt wieder zurück zu ihm. Ausgerechnet jetzt schienen ihm die Worte ausgegangen zu sein. Und er hatte schon die letzten zwanzig Jahre nicht gewußt, was er sagen sollte. Also setzte er sich einfach nur auf den Stuhl neben Boernes Bett und griff nach der Hand, die ihm am nächsten war. Und dann verschwamm ihm das Bild vor den Augen und Boerne faßte seine Hand fester und er tat das, was er schon hatte tun wollen, seit er das Zimmer betreten hatte.

Boerne roch nach Desinfektionsmittel und dem falschen Waschpulver und nur ganz schwach nach Boerne und auch wenn immer noch niemand etwas gesagt hatte, hatte das jetzt eindeutig die Grenze dessen überschritten, was sich ignorieren ließ.

Und dann sagte Boerne: "Sie haben also in meinem Nachttisch herumgewühlt. Also wirklich ... Kaum ist man mal drei Tage aus dem Haus." Aber weil er ihn gleichzeitig festhielt, beschloß Thiel, lieber auf das zu hören, was nicht gesagt wurde.


* Fin *


A/N: Ursprünglich wollte ich Boerne in diesem Text sterben lassen bzw. gestorben sein lassen. Aber dann habe ich es nicht übers Herz gebracht. Trotzdem beschleicht mich der Verdacht, daß der Text durch diese einschneidende Änderung nicht mehr funktioniert.

Noch was ganz anderes, für die, die's interessiert:
Ich habe Schlüsselreiz (ff.de und Ao3) - Tabelle Cocktails: Orgasmus, mein Schreibexperiment mit einem allwissenden Erzähler - nach josljs und readonlys Anmerkungen überarbeitet.

Comments

Ich finde, das funktioniert ganz ausgezeichnet, auch ohne dass Boerne tot ist. Wovon ich ausgegangen bin, weil ich in dem Fall eine Warnung gewollt hätte und weil du mal gesagt hast, du tust dich sogar schwer damit, einen Nebencharakter zu meucheln.
Bin am Handy ohne copy und paste (aber mit einer ÄTZENDEN Rechtschreibkorrektur, die buchstäblich macht, was sie will), deshalb ohne Lieblingssätze. Aber es ist bedrückend und aufwühlend und traurig und schön gleichzeitig; schön, besonders die Sache mit dem Bild. Traurig, dass sie ihr halbes Leben gebraucht haben, um es sich endlich einzugestehen.
Obwohl doch eigentlich alles gut ist, läuft es mir nach.
Also, für mich funktioniert die Geschichte ganz wunderbar. *seufz*

Ursprünglich wollte ich Boerne in diesem Text sterben lassen bzw. gestorben sein lassen. Aber dann habe ich es nicht übers Herz gebracht.
Das überlass mal besser mir, ich mach das schon. *händereib* ...ähm...*räusper* *schluck*


Edited at 2013-09-08 08:19 am (UTC)
Nee, ohne Warnung würde ich sowas schonmal gar nicht machen. Und irgendwie wäre es zwar einerseits ganz reizvoll gewesen, aber andererseits doch zu deprimierend ...

Obwohl doch eigentlich alles gut ist, läuft es mir nach.
Naja ... Ich habe sie ja auch fünfzehn Jahre verschwenden lassen *hust* Aber ich freue mich trotzdem, daß die Geschichte für Dich funktioniert :)

Manchmal frage ich mich, wieso ich mich trotz dieser düsteren Andeutungen auf Deine BigBang-Story freue ... Ich glaube, nach der Lektüre werde ich zum Ausgleich ganz viel Fluff schreiben müssen ;)
Manchmal frage ich mich, wieso ich mich trotz dieser düsteren Andeutungen auf Deine BigBang-Story freue ...
Ich will euch doch nur Angst machen. Kennst mich doch.

Ich glaube, nach der Lektüre werde ich zum Ausgleich ganz viel Fluff schreiben müssen ;)
Dagegen hat wohl niemand hier etwas einzuwenden... =)
Nicht funktionieren würde ich nicht sagen, aber ich gebe zu, dass ich es schwer finde, den allerersten Absatz als etwas anderes zu lesen, als dass Boerne tot ist. Wortwahl und Formulierungen passen für mich nicht zu jemandem, der zwar ernsthaft erkrankt ist, aber wohl doch wieder in seine Wohnung zurückehren wird.

Auch bei dem Link-Text hatte ich eher an Tod als an schwere Krankheit gedacht.

Abgesehen davon finde ich aber, dass es ein sehr eindringlicher Text ist. Melancholisch und bittersüß.

Weil es kein ungewöhnlicher Moment war, flüsterte eine leise Stimme in ihm, die er viel zu lange ignoriert hatte. Weil es nur einer von unzähligen Momenten gewesen war. Momente, in denen sie zu nah gewesen waren. In denen eine Berührung einige Sekunden zu lang gedauert hatte.

Unausgesprochen war das immer da gewesen.


Eigentlich macht dieser Abschnitt ja deutlich, dass sie trotz allem die Jahre über nicht unglücklich mit dem Status quo ihrer Beziehung waren, aber jetzt kommt einem als Leser natürlich unweigerlich der Gedanke, dass sie es vielleicht noch besser hätten haben können, wenn sie gehandelt hätten.

aber ich gebe zu, dass ich es schwer finde, den allerersten Absatz als etwas anderes zu lesen, als dass Boerne tot ist
Das war Absicht. Aber vermutlich keine so gute Idee - Ihr wißt sowieso, daß ich keinen von beiden umbringen würde, ohne eine entsprechende Warnung drüber zu schreiben. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, warum ich das getan habe, vielleicht steckte einfach noch zu viel von der ursprünglichen Idee in mir drin.

Melancholisch und bittersüß.
Das klingt gut :)

Eigentlich macht dieser Abschnitt ja deutlich, dass sie trotz allem die Jahre über nicht unglücklich mit dem Status quo ihrer Beziehung waren,
So war's gemeint. Aber Du hast natürlich recht, daß es bessere Alternativen gibt ... Aber worüber hätte ich denn dann schreiben sollen? ;)
Ach, ich weiß nicht, ob ich CD-Warnungen mag. Dann liest man eine Geschichte, wenn man sie denn überhaupt liest, gleich mit einem unguten Gefühl, weil man immer darauf lauert, wann es wohl passiert, was ja eigentlich auch nicht Sinn der Sache sein kann. Bei Romanen oder Filmen weiß ich ja auch nicht immer vorher, ob vielleicht jemand stirbt.
Hm, da sagst Du was. Aber vermutlich werde ich nie in die Verlegenheit kommen, weil ich es sowieso nicht über's Herz bringe ;)
Das sehe ich genauso und habe mir bisher immer offizielle CD-Warnungen erspart. Beim BigBang habe ich sie drüber schreiben müssen. Und es hat mir nicht gepasst.

Aber eine Warnung davor, dass die Story vielleicht nicht gerade massenkompatibel und düster ist, finde ich nicht verkehrt; so kann jeder selber entscheiden, ob er sich das "antun" will, oder eben nicht.
dass die Story vielleicht nicht gerade massenkompatibel und düster ist

Ich denke, das geht ja dann meist aus dem Genre hervor.
Hm, ich weiß nicht... Drama ist nicht gleich Drama. Meiner Meinung nach.
Aber Tragödie habe ich hier noch nie jemanden benutzen sehen; wobei das bei einem CD schon eher zutreffen würde, wie ich finde.
Das wäre mir deutlich zu hoch gegriffen, den Begriff Tragödie zu verwenden, weil jemand stirbt. Aber da kommt dann vielleicht die frühere Literaturwissenschaftsstudentin in mir durch. Wahrscheinlich würde ich mich auf h/c beschränken.
Ok, als Literaturwissenschaftsstudentin überfliegst du mich. Tut mir leid, bin ziemlich schlicht in diesen Dingen.
Ich habe keine Ahnung, wie man Tragödien definiert, aber wenn ein Familienmitglied oder ein enger Freund stirbt, ist das eine Tragödie für mich. Deshalb habe ich das so übertragen.
Bear with me, I have absolutely no idea.

Aber h/c passt meines Erachtens nach wirklich nicht? Dann doch eher Drama.

Edited at 2013-09-10 04:06 pm (UTC)